
Die Anbetung der Hirten im Stall zu Betlehem (SST 00975).
Andreas Heege, 2026
In der Deutschschweiz war die ab mindestens 1643 aktive Bossierer-Werkstadt Stüdlin in Lohn bei Schaffhausen für ihre vielfältige und schöne Modelkollektion berühmt (Widmer/Stäheli 1999; Stäheli/Widmer 2020; auch: Grütter 2010; Grütter 2016-2017 ). Leider gibt es bis heute keinen umfassenden Motivkatalog.
Für die Verzierung von Speisen, vor allem aber von Gebäck, nutzte man in Mitteleuropa sowohl im privaten Haushalt wie im handwerklichen Rahmen (Lebküchner, Honigkuchenbäcker, Apotheker) spätestens seit dem 15. Jahrhundert Model aus unterschiedlichsten Materialien (Stein, Metall, Holz, Keramik) und in unterschiedlichsten Grössen und Formen. Die Model wurden von spezialisierten Modelschneidern, Bildschnitzern oder Bossierern hergestellt, wobei nahezu identische Motive sowohl negativ in Holz geschnitzt als auch als positive Keramikpatrizen zur Herstellung von Modeln gefertigt wurden. Mit solchen Holz- oder Keramikmodeln konnte man unterschiedliche Gebäcke wie Spekulatius, Lebkuchen, Biber, Tirggel, Springerle und Anisbrötchen verzieren, Mandel- oder Eierkäse backen, aber auch Marzipan und Tragant formen (Brunold-Bigler 1985; Klever 1979; Widmer/Stäheli 1999, 29, 32-37) und Quittenpaste/“Quittenzeltlein“, eine Art süssen Fruchtkonfekt (Latwerge), herstellen (Bernerisches Koch-Büchlein 1749, Rezept 303; Morel 2000, 101). Selbstverständlich war es möglich, mit den Modeln auch Wachsbilder auszuformen oder Kerzenoberflächen zu verzieren. Mit Ton ausgeformt, liessen sich die Motive auch als Reliefdekor in der Keramikherstellung einsetzen (Heege/Kistler 2017b, 244-248, Abb. 335 und 345, 590 Abb. 715; Widmer/Stäheli 1999, 37-38).

Der Heilige Nikolaus von Myra steigt auf eine Leiter, um bereitgestellte Körbe, Taschen und Strümpfe mit Süssigkeiten für Kinder zu füllen. Sein schon beladener Esel frisst inzwischen Heu aus einer Krippe (RMC XI.A414).
Der vermutlich älteste, bislang in CERAMICA CH dokumentierte Model dürfte aus dem 17. Jahrhundert stammen. Er zeigt den Heiligen Nikolaus von Myra, der auf eine Leiter steigt, um bereitgestellte Körbe, Taschen und Strümpfe mit Süssigkeiten für Kinder zu füllen. Einen vergleichbaren Holzmodel mit Allianzwappen Werdmüller-Zollikofer (um 1675), verwahrt das Schweizerische Nationalmuseum (SNM DEP-1150). Stilistische Erwägungen führen zu der Annahme, dass dieser Model aus der Bossierer-Werkstatt Stüdlin in Lohn bei Schaffhausen stammt (Widmer/Stäheli 2020.– Vgl. auch: Stäheli/Widmer, Kat. 99). In dieser Werkstatt dürften auch weitere unglasierte und glasierte Model verschiedener bislang inventarisierter Museen der Schweiz entstanden sein.
Sehr oft begegnen Liebes- und Treuemotive. Viele Stücke zeigen Kleidungs- und Trachtdetails, die ins 17. Jh. gehören. Die Produkte der Werkstatt, von der sowohl signierte Patrizen als auch Model zahlreich in schweizerischen Museen überliefert sind, werden gemeinhin als „Lohner-Model“ subsummiert, auch wenn bis heute die Zuschreibung ausschliesslich auf stilistischer Grundlage erfolgt ist, da z.B. Bodenfunde aus Lohn selbst fehlen. Die Masse der zugeordneten Model ist unglasiert und aus einem rötlich brennenden, feinen Ton hergestellt.

Unklar ist, ob auch die oft weniger aufwendig gestalteten, innen glasierten Model, die wohl vor allem für die Herstellung von Fruchtgelees oder Quittenpaste verwendet wurden, ebenfalls in Lohn (Widmer/Stäheli 1999, 34) oder nicht doch auch in weiteren schweizerischen oder süddeutschen Hafnerwerkstätten hergestellt wurden.

Das „Urteil des Salomo“ (Bibel; 1 Kön 3,16-28): Zwei Frauen streiten vor Salomo um ein Kind. Die Lösung des Falles ging als „salomonisches Urteil“ in die Weltliteratur ein. Als Tugendpersonifikation steht Salomo für Weisheit und Gerechtigkeit (ME-STM 1646).

„Durch die Finger sehen“ (SST 00979).
Manchmal sind die Darstellungen auch deftig bis satirisch: Der Model zeigt einen Mann in Narrengewand (die Narrenkappe als als oberen Abschluss einen Hahnenkamm, der Kragen ist mit Schellen behängt) mit einem Narrenstab in der einen Hand und seiner Brille in der anderen, er hält eine Hand vors Gesicht und schaut durch die Finger, seitlich steht eine Art zylindrischer Waffelbecher auf einem Tisch, im Arm hält er ein spitzes, in der Mitte gespaltenes „Brot“. An einer umgehängten Schnur baumeln zwei „Würstchen“. Die Szene wird mit der Beschriftung «GUK GUK» erläutert. Kommentar: «Durch die Finger sehen» charakterisiert den Narren als schwachen Mann, der die Untreue seiner Frau kennt und nicht sehen will (er hat die Brille abgenommen) und durchgehen lässt (Sebastian Brandt, Das Narrenschiff, 33. Bild). Die Beischrift «GUK GUK» kann auch als der Ruf des Kuckucks gelesen werden. Jemanden «zum Kuckuck» machen bedeutete ab dem Mittelalter auch „jemanden zum Hahnrei machen“ (siehe den Hahnenkamm auf der Narrenkappe), betrügen. So wurde der Betrogene, der das durchgehen liess, auch selbst als Kuckuck bezeichnet (Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11, Bd. V (1873), Stichwort «Kuckuk»). Ähnlicher Holzmodel mit etwas abweichender Interpretation.
Auch in Bezug auf die grossformatigeren, runden Model mit Lorbeerkranzeinfassung ist zu fragen, ob sie nicht oft älter sind als der erste archivalische Nachweis der Hafner Stüdlin aus den 1650er-Jahren, da es ältere datierte Holz- und Metallmodel mit gleicher Gestaltung z.B. im Museum Allerheiligen in Schaffhausen schon aus der Mitte des 16. Jahrhunderts gibt.
Bibliographie:
Bernerisches Koch-Büchlein 1749
Bernerisches Koch-Büchlein (Nachdruck 1970), Bern 1749.
Brunold-Bigler 1985
Ursula Brunold-Bigler, „Trukhs in die Mödel“: Bemerkungen zur Gebäckmodelsammlung des Rätischen Museums, in: Jahrbuch der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden 115, 1985, 43-66.
Grütter 2010
Daniel Grütter, Schaffhauser Gebäckmodel aus Holz und Ton, in: Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (Hrsg.), Meisterwerke und Kleinode. Sammlung der Peyerschen Tobias Stimmer-Stiftung, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen. Gesamtkatalog (Zürich 2010) 84-87, 136-137.
Grütter 2017-2018
Daniel Grütter, Gebäckmodelsammlung Messikommer. Jahrbuch der Sturzenegger-Stiftung, 2017-2018, 204-225.
Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.
Klever 1979
Ulrich Klever, Alte Küchengeräte, München 1979.
Morel 2000
Andreas Morel, Basler Kost. So kochte Jacob Burckhardts Grossmutter (178. Neujahrsblatt, herausgegeben von der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige), Basel 2000.
Widmer/Stäheli 1999
Hans Peter Widmer/Cornelia Stäheli, Schaffhauser Tonmodel. Kleinkunst aus der Bossierer-Werkstatt Stüdlin in Lohn, Schaffhausen 1999.
Stäheli/Widmer 2020
Cornelia Stäheli/Hans Peter Widmer, Honig den Armen, Marzipan den Reichen. Schweizer und Zürcher Gebäckmodel des 16. und 17. Jahrhunderts (Zürich 2020).



