Thun, „Musée céramique“ (Keramikgrosshandel)

Andreas Heege, 2026

Die Geschichte des „Musée céramique“ kann nicht ohne die Vorgeschichte der Weltausstellung in Paris 1878 erzählt werden.

Auf diplomatischen Druck aus Paris beschloss der Schweizerische Bundesrat eine Teilnahme an der Weltausstellung 1878 in Paris.

Zur Vorbereitung bereiste 1877 Eduard Guyer-Freuler (1839-1905), der Schweizerische Generalkommissar für die Weltausstellung, das Berner Oberland. Sein Augenmerk galt dabei der Holzschnitzerei und der Heimberger Töpferei, die – Zitat -: «seit zwei Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen» habe  (Protokoll des Grossen Rates des Kantons Bern, Beratung 1877 über den Kredit für die Weltausstellung). Mit Hilfe des Thuner Ziegeleibesitzers Oberst Karl Schrämli (1831-1899, zur Person siehe Artikel im HLS) gelang es, die drei innovativen Hafner Bendicht Küenzi, Christian Eyer und Johann Schenk-Trachsel zur Teilnahme zu bewegen.

Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Paris 1878.

Die Ausstellung wurde für die Töpfer zu einem grossen Erfolg. Die drei Hafner fuhren nicht persönlich nach Paris, sondern liessen sich dort von dem von dem Kaufmann Johann Heinrich Schoch-Läderach (21.3.1839-1.6.1911, Heimatort Utzwil-Henau SG) als Kommissionär vertreten. Dessen besonderer Verdienst war es laut Karl Huber (1906, 279), dass er die richtigen Verbindungen mit nachhaltiger Wirkung anzuknüpfen vermochte (TAT,  4.9.1878, Bd. 2, No. 209). Von Schoch-Läderach, der später die bedeutende Thuner Handelsfirma «Musée céramique» führte, hören wir hier zum ersten Mal. In den Quellen und Archivalien bleibt seine Person merkwürdig «farblos» und unbestimmt. Johann Heinrich Schoch wurde im Dezember 1872 die Niederlassungsbewilligung in St. Gallen als Kaufmann erteilt (Neues Tagblatt aus der östlichen Schweiz, 11. Dezember 1872). Wann und warum er nach Thun kam und wie zum Kommissionär der Hafner wurde, ist unbekannt. Er heiratete am 10.2.1876 in St. Gallen Emilie Theresia Läderach (3.1.1855-1.11.1924, Heimatort Bolligen). Das Paar bekam zwei Töchter (Emilie Helene Leonora, 10.3.1878-25.4.1902, getauft in Münsingen, und  Sophie Amalie Helena, 31.3.1881-?, getauft in Thun).

Mit der Marke Schoch-Läderach (Vogel, P[oterie], SL) versehene Keramik. ab 1878 (SST-05185, SST-14631, SST-14178). Es ist nicht klar, wann diese Stücke genau gefertigt wurden und wie lange Schoch-Läderach diese Marke anbringen liess. Stücke die eindeutig 1878 in Paris gekauft wurden, besitzen heute nur das Victoria& Albert Museum in London (V&A Inv. 712-1878 bis 718-1878, 736-1878, 737-1878), das Nationalmuseum in Oslo (OK-00358 und OK-00359) und das Gewerbemuseum in Winterthur (Inv. 554, 576).

Im Ausstellungsraum des Kantons Bern im Schweizer Pavillon stellten die Hafner 333 Stücke aus, die sich bis zu 30fach verkauften ( TAT 4.9.1878, Bd. 2, No.  209: „Künzi hat ausgestellt 170 Stück, Schenk 88 und Eier 75“). Schoch-Läderach bewegte die Hafner dazu, die Keramik mit seiner Marke zu versehen. Der deutsche Kunstkritiker Friedrich Pecht urteilte: «So sind die emaillierten Fayencen der Fabrik in Heimberg bei Thun eine charmante Specialität, die das Princip der Ornamentation indischer Shawls mit viel Glück auf diese Thongefäβe übertragen, Blumenformen dicht gedrängt aus einem dunklen Grund herausschimmern lassen» (Neue Zürcher Zeitung, 15 August 1878). Laut dem Besucherbuch von 1878 (heute im Bundesarchiv in Bern) besuchten nach Auskunft des General-Kommissars etwa 24.000 Personen den Schweizer Pavillon.

Urkunde zur Silbermedaille für die Bendicht Künzi (1822–9.3.1878), Oppligen bei der Rotachenbrücke. Diese konnte nur noch durch seine Witwe entgegengenommen werden, da Künzi schon vor Eröffnung der Ausstellung verstarb.

Bericht über die Ausstellungsmedaillen Paris 1878, NZZ 27.10.1878.

Die Heimberger Keramiker erhielten an der Weltausstellung eine Silber- und zwei Bronzemedaillen.

Schoch-Läderach nutzte die Gunst der Stunde und eröffnete in Paris ein Ladengeschäft, wo er die Heimberger Ware auch nach Ende der Ausstellung unter seinem Namen weiterhin verkaufte. Vom 15.6. bis 2.11. fanden sich Anzeigen für einen Salesroum in der Avenue de l’Opéra 17 im „The American register for Paris and the continent_Bd_XI“.

Am 8. Dezember 1878 konnte man in Paris im Journal «L’Europe Artiste» nachlesen, dass Schoch-Läderach «…aujourd’hui son dépôt de l’Avenue de la Bourdonnaye, 43, en face la porte Rapp…» hatte. Das Blatt führte weiter aus: «Wir glauben die Ansicht aller Künstler und Kenner auszusprechen, wenn wir den bemerkenswerthen, in Paris vertretenen schweizerischen Töpferei-Produkten eine dauerhafte Beliebtheit versprechen, wozu ihr Werth und ihre künstlerischen Vorzüge sie in jeder Beziehung berechtigen.»

Der «Annuaire-almanach du commerce, de l’industrie, de la magistrature et de l’administration» aus den Jahren 1880 und 1881 verzeichnete Schoch Läderach schliesslich in Paris in der Rue des Petites-Ecuries, 45 und gibt zusätzlich an: «médaille ARGENT Paris 1878; Manufacture à Thoune, Majoliques Suisses et Faïences d’art, Dépôt à Paris». Schoch-Läderach war also offenbar umgezogen. Spätere Standorte eines Ladens lassen sich für Paris nicht mehr nachweisen. Eine von Schoch-Läderach in seiner Werbeanzeige zur Landesausstellung 1883 und in seiner Standdekoration behauptete «Goldmedaille» für die Weltausstellung von 1878, ist erfunden.

Eine weitere Silbermedaille will Schoch-Läderach laut seiner Anzeige von 1883 auch in Brüssel erhalten haben, ohne dass für die Ausstellung ein Jahr angegeben wird. Möglicherweise handelt es sich um die «Exposition nationale de 1880 Bruxelles» oder eine damit verbundene Industrie-Ausstellung, mit der der belgische Staat seinen 50. Geburtstag feierte (Bericht im Zuger Volksblatt 20, No. 3, 10. Januar 1880). Eine Medaillenmeldung fand in der schweizerischen Presse offenbar nicht statt. Ein Eintrag im offiziellen Ausstellerkatalog fand sich nicht.

Schoch-Läderach stellte auch auf der Allgemeinen Deutschen Patent- und Musterschutz- und der Local-Gewerbe-Ausstellung zu Frankfurt a.M. aus, die am 10. Mai 1881 eröffnet wurde und bis zum September dauerte. Dort erhielt er tatsächlich eine Silbermedaille, wie Der BUND am 28.9.1881 berichtete.

Am 23. Dezember 1880 (Intelligenzblatt der Stadt Bern) annoncierte Schoch-Läderach einmalig: «Schöne Festgeschenke! Schweizer-Majolika! von Schoch-Läderach in Thun. Dépôt: Bern Amthausgasse 70, 1. Stock». Auch diese Anzeige fand keine spätere Fortsetzung, sodass wir nicht wissen, ob Schoch-Läderach in Bern tatsächlich längerfristig ein Ladenlokal unterhielt oder seine Ware später vornehmlich über bernische Geschirrhändler absetzte.

Aufgrund einer familiären Tragödie erfahren wir, dass er spätestens im März 1882 in Thun im Haus neben der Plätzliterrasse wohnte. Seine vierjährige Tochter Emilie Helene Leonora fiel vom Balkon und erlitt einen Schädelbruch (Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern, Bd. 29, No. 25, 29.3.1882), den sie überlebte. Es dürfte sich um das heutige Gebäude Freienhofgasse 1 handeln.

Musée céramique in Thun, undatierte Aufnahme (Schweizerisches Nationalmuseum, SNM LM-75640-19).Schoch-Läderachs eigentliches Verkaufsgeschäft lag jedoch auf der anderen Strassenseite der heutigen Oberen Hauptgasse und trug laut dem Fremdenführer von A. de Baroncelli, «Jura&Suisse, l’Oberland bernois» (Paris, undatiert, S. 126) die Bezeichnung «Musée céramique de majoliques de Thoune».

 Musée céramique, Hofstettenstrasse 4 (Quelle: Thunensis.com)

Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde das Musée céramique in das heutige Gebäude Hofstettenstrasse 4 verlegt.

Schweizerisches Handelsamtsblatt SHAB 1, No64, 511, 30.3.1883.

Ausstellungszeitung zur Schweizerischen Landesausstellung 1883,  No. 1&2, Seite 6, vom  November 1882.

Wann Schoch-Läderach das Geschäft bezog und vor dem Jahr 1883 so taufte, ist unbekannt, denn bei der Geschäftsanmeldung im Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB) vom 30. März 1883 wurde die Firma nur mit seinem Namen bezeichnet. Gleichzeitig wurde angegeben, dass er sein Geschäftslokal in Thun am Plätzli habe. Als Geschäftszweck wurde eingetragen: «Poterie artistique majolique».

Schoch-Läderach liess seine Fabrikmarke («Vogel über einem P [oterie] und daneben die ligierten Buchstaben SL») 1883 nicht im Schweizerischen Handelsregister eintragen. Sie findet sich, als einzige Quelle, in Schochs Werbeanzeige  in der Offiziellen Ausstellungszeitung zur Schweizerischen Landesausstellung 1883,  No. 1&2, Seite 6, vom  November 1882. Dort zeigt er auch die ihm angeblich verliehene Goldmedaille der Weltausstellung Paris 1878 und verweist auf die Silbermedaillen von Brüssel (?) und Frankfurt 1881.

 

Die Landesausstellung 1883 wurde von 1.698.756 Personen (Offizielle Ausstellungszeitung No. 38, 10.10.1883, S. 356) besucht und war ein grosser Erfolg.

Schoch-Läderach verkaufte sein Geschäft im Februar 1890, vermutlich auf dem Höhepunkt seines wirtschaftlichen Erfolges, an Samuel Mack (Heimatort Vevey) in Thun (SHAB 8, 1890, No. 18, 3. Februar 1890). Prokura vor Ort erhielt Rudolf Mack, Sohn. Das Geschäftslokal befand sich in Hofstetten und als Geschäftszweck wurde angegeben «Poterie artistique majolique». Bereits im Januar 1898 kaufte Ludwig Hahn (Heimatort Elgg ZH), das «Musée céramique», dessen Zweck mit «Fabrikation und Handlung en gros und en detail in Kunsttöpferei» angegeben wurde (SHAB 16, No. 20, 19. Jan. 1898; Thuner Wochenblatt 61, No. 9, 29. Januar 1898).

 

Bereits sieben Jahre später wurde das «Musée céramique» erneut verkauft. Diesmal an Gottfried Beutter (Heimatort Luzern), wohnhaft in Kehrsatz. Als Geschäftsadresse erscheint jetzt, bei gleichgebliebenem Geschäftszweck, die Hofstettenstrasse Nr. 13 in Thun (SHAB 23, No. 467, 25.11.1905; TAT 29, No. 286, 2. Dezember 1905). Über Gottfried Beutter wurde am 12. November 1907 der Konkurs eröffnet und die Firma am 28. Oktober 1907 aus dem Handelsregister gestrichen (SHAB 25, No. 270, S. 1873; Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern 54, No. 83, 16. November 1907). Doch scheint es ein Nachleben des Geschäftsnamens zu geben, denn unter dem 30. September 1911 wird im Handelsregister eingetragen: «Inhaber der Firma Musée céramique de Thoune, E. Leopold-Born in Thun ist Emil Leopold, allieé Born, von und in Thun, Kunsttöpferei Lauitor (SHAB 29, No. 245, S. 1650, 30. September 1911). Am 7. Februar ging die Firma an die beiden Söhne Fritz Leopold und Max Leopold über (SHAB 32, No. 33, S. 222) und wurde am 11. Oktober 1920 wegen dem Tod von Emil Leopold-Born aus dem Handelsregister gelöscht (SHAB 38, No. 261, S. 1962).

Bibliographie:

Huber 1906
Karl Huber, Thuner Majolika. Illustriertes Fremdenblatt von Thun und Umgebung, 1906, 258-259, 278-279, 294-296.