Hauterive-Neuchâtel NE, Laténium, Archäologisches Museum und Park

Schüssel mit geschwenktem Engobedekor aus dem Schiffswrack.

Roland Blaettler et Andreas Heege 2019 (letzte Revision: Jonathan Frey, Lara Tremblay, 2022)

Ein Sonderfall: das Wrack von Hauterive

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts verfingen sich die Netze der Fischer im Neuenburgersee regelmässig an einem versunkenen, mysteriösen Gegenstand etwa 1,2 km vor dem Hafen Hauterive. In einem der Netze wurden in den Jahren zwischen 1910 und 1920 sogar einige Keramiken und Bronzeobjekte gefunden, die erst viel später, im Jahr 1970, auf den Kunstmarkt kamen (Laténium HR-E16-60499; Laténium HR-E16-60498; Laténium HR-E16-60804; Laténium HR-E16-60504; Laténium HR-E16-60503). 1961 durchstöberte ein Taucher heimlich diesen Ort und brachte ein Ensemble aus grünglasierter Keramik und Metallgegenständen an die Oberfläche. Diese Fundstücke wurden 1962 ebenfalls konfisziert und dem archäologischen Museum in Neuenburg anvertraut (Laténium HR-E16-60802; Laténium HR-E16-32; Laténium HR-E16-17; Laténium HR-E16-18; Laténium HR-E16-45; Laténium HR-E16-66; Laténium HR-E16-60501; Laténium HR-E16-60801; Laténium HR-E16-61; Laténium HR-E16-5; Laténium HR-E16-60810). Im gleichen Jahr ermöglichte ein erster Sondierungstauchgang der zuständigen Behörden die Identifikation des Wracks, oder vielmehr der Ladung eines Transportkahns, der im 16. Jahrhundert an dieser Stelle gesunken war. Erst 1980 war das kantonale Amt für Archäologie in der Lage, an diesem Standort eine systematische Unterwassergrabung durchzuführen. Die Taucher fanden kaum Spuren vom Boot selber, aber eine Menge von Bruchstücken von Keramikbehältern und verschiedene Metallgegenstände, darunter eine Reihe von Eisenbarren (Arnold 1982; Egloff 1980).

Das vollkommene Fehlen von Gebrauchsspuren an den Haushaltskeramiken zeigt, dass die Gefässe direkt von einer unbekannten Töpferei auf den Kahn gelangten. Diese muss also am Ufer des Neuenburgersees oder dem ihm zugehörigen Flusssystem gelegen haben. Das Ziel des Transports ist dagegen unbekannt (auch zum Folgenden Arnold/Frey/Tremblay, in Vorbereitung) .

Der Fund besteht aus hunderten Bruchstücken, aber auch aus einigen Dutzend ganzen Gefässen, die rekonstruiert wurden oder intakt blieben. Insgesamt umfasst das Ensemble knapp 200 keramische Gefässindividuen. Im Allgemeinen ist diese Art von Gebrauchskeramik durch archäologische Funde aus Abfallgruben oder Aufschüttungen dokumentiert. Hier liegen nun Töpfe vor, die trotz der Verwitterung durch die lange Zeit unter Wasser praktisch neu sind: Gegenstände, die an einen Kunden oder vielleicht auch einen Wiederverkäufer irgendwo im Drei-Seen-Land hätten ausgeliefert werden sollen.
Der Fundkomplex umfasst Kochgefässe wie Dreibeinpfännchen und Henkeltöpfe samt den dazugehörigen Deckeln sowie Siebe mit Rohrgriff. Einzigartig ist der Fund eines grossen Fettfängers. Häufig anzutreffen sind multifunktionale Schüsselformen wie die Schüsseln mit giebelförmigem und verkröpftem Rand. Zum eigentlichen Essgeschirr gehören die Schüsseln mit aussen verstärktem Rand und Grifflappen und wenige Platten mit Standfuss, Fahne und Randlippe. Eine Henkelflasche, eine Feldflasche sowie ein Handwaschbecken runden das Fundspektrum ab.

Aufgrund eines Bretts, dessen letzter Jahrring ins Jahr 1547 datiert und der Tatsache, dass Schiffe aus trockenem Holz gebaut wurden, darf man annehmen, dass der Kahn in den 1560er Jahren erbaut wurde. Bei einer anzunehmenden Nutzungszeit von 30 Jahren dürfte das Unglück, das zum Verlust der Ladung führte, zwischen 1560 und 1590 erfolgt sein. Dieser Datierungsansatz passt gut zu den Formen der Gefässkeramik, weisen die Schüsseln mit verkröpftem Rand doch einen hohen Anteil am Gefässformenspektrum und zudem eine bereits recht hohe Randlippe auf. Das vollkommene Fehlen von Schüsseln mit ausladendem Rand und das gleichzeitige häufige Vorkommen von Schüsseln mit aussen verstärktem Rand und gegenständigen, an der Verstärkung ansetzenden Grifflappen zeigt, dass der Fundkomplex kulturell nicht im Bernisch-Freiburgischen Kulturraum und seinen Randzonen, sondern viel weiter westlich zu verorten ist. Demnach erstaunt es auch nicht, dass nur wenige Gefässe mit Malhorndekor und keine Gefässe mit Ritzdekor vorliegen, die man im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts in der Deutschschweiz erwarten würde. Stattdessen finden sich etliche Gefässe mit geschwenktem, sternförmigem Dekor und solche mit absichtlich fleckig-aufgetragener, marmorierend wirkender Grundengobe.
Die Ladung mit den Haushaltskeramiken dürfte somit im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts verloren gegangen sein.

Die erste Textfassung erschien in: Blaettler/Ducret/Schnyder 2013, 46 – Letzte Überarbeitung Jonathan Frey, Lara Tremblay: 6.10. 2022.

Bibliographie:

Arnold 1982
Béat Arnold, Fouille d’une épave du XVIe siècle dans le lac de Neuchâtel, au large d’Hauterive, in: Musée neuchâtelois, 1982, 53-72.

Blaettler/Ducret/Schnyder 2013
Roland Blaettler/Peter Ducret/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH I: Neuchâtel (Inventaire national de la céramique dans les collections publiques suisses, 1500-1950), Sulgen 2013, 46.

Egloff 1980
Michel Egloff, Des nécropoles burgondes à l’épave d’Hauterive, in: Helvetia archeologica 43/44, 1980, 196-205.