Hauterive-Neuchâtel NE, Laténium, Archäologisches Museum und Park

Roland Blaettler und Andreas Heege, 2019

Ein Sonderfall: das Wrack von Hauterive

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts verfingen sich die Netze der Fischer im Neuenburgersee regelmässig an einem versunkenen, mysteriösen Gegenstand etwa 1,2 km vor dem Hafen Hauterive. In einem der Netze wurden in den Jahren zwischen 1910 und 1920 sogar einige Keramiken und Bronzeobjekte gefunden, die erst viel später, im Jahr 1970, auf den Kunstmarkt kamen (Laténium HR-E16-60499; Laténium HR-E16-60498; Laténium HR-E16-60804; Laténium HR-E16-60504; Laténium HR-E16-60503). 1961 durchstöberte ein Taucher heimlich diesen Ort und brachte ein Ensemble aus grünglasierter Keramik und Metallgegenständen an die Oberfläche. Diese Fundstücke wurden 1962 ebenfalls konfisziert und dem archäologischen Museum in Neuenburg anvertraut (Laténium HR-E16-60802; Laténium HR-E16-32; Laténium HR-E16-17; Laténium HR-E16-18; Laténium HR-E16-45; Laténium HR-E16-66; Laténium HR-E16-60501; Laténium HR-E16-60801; Laténium HR-E16-61; Laténium HR-E16-5; Laténium HR-E16-60810). Im gleichen Jahr ermöglichte ein erster Sondierungstauchgang der zuständigen Behörden die Identifikation des Wracks, oder vielmehr der Ladung eines Transportkahns, der im 16. Jahrhundert an dieser Stelle gesunken war. Erst 1980 war das kantonale Amt für Archäologie in der Lage, an diesem Standort eine systematische Unterwassergrabung durchzuführen. Die Taucher fanden keine Spuren vom Boot selber, aber eine Menge von Bruchstücken von Keramikbehältern und verschiedene Metallgegenstände, darunter eine Reihe von Eisenbarren (Arnold 1982; Egloff 1980). Abgesehen von diesen für die Metallindustrie bestimmten Barren transportierte der Kahn ein Sortiment aus glasierter Irdenware, von dem einige Formen in mehreren Exemplaren gefunden wurden und die für einen Kunden oder einen Wiederverkäufer bestimmt waren. Es gibt keine Hinweise auf die Herkunft oder das Ziel des Transports. Was die Töpferei angeht, die diese Gegenstände herstellte, kann man nur vermuten, dass sie sich irgendwo entlang des Wasserwegs zwischen Yverdon und Solothurn befand.

Der Fund besteht aus hunderten Bruchstücken, aber auch aus einigen Dutzend ganzen Gefässen, die rekonstruiert wurden oder intakt blieben. Im Allgemeinen ist diese Art von Gebrauchskeramik durch archäologische Funde aus Abfallgruben oder Aufschüttungen dokumentiert, die seinerzeit entsorgt wurden und meist sehr bruchstückhaft sind. Hier nun liegen Töpfe vor, die trotz der Verwitterung durch die lange Zeit unter Wasser praktisch neu sind: Gegenstände, die an einen Käufer oder Wiederverkäufer irgendwo zwischen Yverdon und Solothurn hätten ausgeliefert werden sollen.

Bis heute gibt es keine Hinweise auf das Atelier, das diese Produkte hergestellt hat. Einige Formen – namentlich die Dreibeinpfanne (Laténium HR-E16-18) – entsprechen einer in unserer Gegend weit verbreiteten Typenserie (siehe zum Beispiel Boschetti-Maradi 2006, 88, für ein in Biel ausgegrabenes Caquelon). Hingegen weisen einige der vor Hauterive gefundenen Keramiken sternförmige geschwenkte Engobedekore auf (siehe Heege 2016, 139 Abb. 142; Roth Heege/Thierrin-Michael 2016, 66; Laténium HR-E16-61; Laténium HR-E16-5; Laténium HR-E16-8). Der aktuelle Stand der Forschung gibt keine Hinweise darauf dass dieser in der Deutschschweiz weit verbreitete Dekor vor 1550 verwendet wurde. Allerdings enthielt die Ladung anscheinend keine mit einem Malhorn verzierte Keramik, was uns vermuten lässt, dass sich der Schiffbruch kurz nach 1550 ereignete. Das Formenrepertoire dieses Fundes stimmt mit Keramiken überein, die in Berner Ausgrabungen gefunden wurden und aus der gleichen Zeit stammen. Es sei besonders auf die Feldflasche, die grosse Kanne, den rechteckigen Fettfänger, das Sieb und die Handwaschschüssel hingewiesen.

Bibliographie:

Arnold 1982
Béat Arnold, Fouille d’une épave du XVIe siècle dans le lac de Neuchâtel, au large d’Hauterive, in: Musée neuchâtelois, 1982, 53-72.

Blaettler/Ducret/Schnyder 2013
Roland Blaettler/Peter Ducret/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH I: Neuchâtel (Inventaire national de la céramique dans les collections publiques suisses, 1500-1950), Sulgen 2013, 46.

Boschetti-Maradi 2006
Adriano Boschetti-Maradi, Gefässkeramik und Hafnerei in der Frühen Neuzeit im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 8), Bern 2006.

Egloff 1980
Michel Egloff, Des nécropoles burgondes à l’épave d’Hauterive, in: Helvetia archeologica 43/44, 1980, 196-205.

Heege 2016
Andreas Heege, Die Ausgrabungen auf dem Kirchhügel von Bendern, Gemeinde Gamprin, Fürstentum Liechtenstein. Bd. 2: Geschirrkeramik 12. bis 20. Jahrhundert, Vaduz 2016.

Roth Heege/Thierrin-Michael 2016
Eva Roth Heege/Gisela Thierrin-Michael, Oberaltstadt 3/4, eine Töpferei des 16. Jahrhunderts und die Geschichte der Häuser, in: Eva Roth Heege, Archäologie der Stadt Zug, Band 2 (Kunstgeschichte und Archäologie im Kanton Zug 8.2), Zug 2016, 10-154.