St. Antönien GR, Hafnerei Lötscher (1804-1898)

Lötscher-Keramik in CERAMICA CH

Andreas Heege 2019

Von 1804 bis 1898 wurde in der auf 1300 m ü. M. gelegenen Walsersiedlung St. Antönien-Ascharina, im Norden des Kantons Graubünden, an der Grenze zum österreichischen Vorarlberg, Keramik hergestellt. Fünf Hafner der Familie Lötscher produzierten dort während vier Generationen Geschirrkeramik, Kachelöfen und Wasserleitungsröhren. Die Grundlage für den Betrieb bildete ein lokales Tonvorkommen. Obwohl die Lage der Töpferei, abgelegen in einem nur auf Saumpfaden erreichbaren Seitental des Prättigaus, nicht als optimal eingestuft werden kann, waren die Hafner Lötscher bis in die 1870er-Jahre wirtschaftlich erfolgreich. Ihre lokalen Produkte hatten wohl aufgrund der Transportkosten einen gewissen Vorteil gegenüber Importen aus der übrigen Deutschschweiz, Süddeutschland oder Italien. Erst mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinie Chur-Rheineck SG im Jahr 1858 und der Prättigauer Talstrasse um 1860 entstand die Möglichkeit für einen regelmässigeren Fracht- oder Postverkehr und einen besseren Warenverkehr, der die Konkurrenz zunehmend bevorteilte.

Die Familie Lötscher lässt sich in St. Antönien seit dem 17. Jahrhundert archivalisch nachweisen. Die beiden ersten Generationen lebten auf dem Hof «Mittlere Rhonegga». Lebensgrundlage war die Vieh- und Milchwirtschaft (Butter und halbfetter Käse) in dem von Lawinen immer wieder heimgesuchten Tal, dessen Wiesen jedoch als überaus starkwüchsig galten.

Peter Lötscher (1750–1818), aus der dritten nachweisbaren Generation, hatte sechs weitere Geschwister. Für ihn stand zu Beginn seines Lebens keineswegs fest, dass er der erste Hafner in St. Antönien werden würde. Zunächst ging er von etwa 1770 bis 1782 in niederländische Dienste. Mit dem «Regiment Zwitzers No. IV» unter Generalleutnant Johann Christian Friedrich Schmid von Malans, war er an verschiedenen Orten, u. a. in Maastricht und Ter Veere an der Nordsee, stationiert. Während der Winter war das Regiment jeweils auf Privatquartiere verteilt. Wir können nur vermuten, dass Peter seine handwerklichen Kenntnisse als Keramikmaler bzw. Hafner bei einer dieser Gelegenheiten erwarb. Eine Vielzahl von Rezepten für Glasuren und keramische Malfarben, die er in den Niederlanden kennengelernt haben dürfte, schrieb er später in sein Hausbuch. Peter erreichte den höchsten Unteroffiziersrang und kehrte als Wachtmeister gesund in seine Heimat zurück. Dort heiratete er mit Dorothea Luck eine Frau, die eine gute Erbschaft zu erwarten hatte. Die folgenden 20 Jahre widmete er der Übernahme des Hofs, der Erweiterung seines Landbesitzes sowie der Viehwirtschaft auf der «Mittleren Rhonegga».

Nach einer chronikalischen Quelle begründete Peter Lötscher erst 1804 auf seinem Hof eine Hafnerei. Vorher hatte er seinen Sohn Andreas an unbekanntem Ort in die Hafnerlehre geschickt. Schon zu Lebzeiten teilte er 1806 seinen Besitz unter seine beiden Söhne Andreas (1787–1852) und Hans (1788–1870) auf. Hans blieb Landwirt auf der «Mittleren Rhonegga». Andreas verlegte die Töpferei bis 1810 an einen unterhalb gelegenen, günstigeren Ort am Talweg. Bis zu Peters Tod 1818 arbeiteten Vater und Sohn in einer Werkstattgemeinschaft, in der der Vater offenbar eher Keramikmaler denn -dreher war. Für die Zeit von 1806 (ältestes datiertes Objekt) bis 1818 lassen sich die Dekorhandschriften von Vater und Sohn kaum auseinanderhalten. Peters dekoratives Schaffen («Unterglasur-Pinseldekor») wird aufgrund eines signierten Kachelofens von 1811 besonders deutlich. Als Vorlage für die Ofenbilder verwendete er ein französisches Modejournal der vorrevolutionären Zeit und pinselte selbstgereimte Gedichte dazu. Einen vergleichbaren Fall gibt es in der ganzen Deutschschweiz kein weiteres Mal. Erstaunlich eigenständig und kreativ waren Vater und Sohn auch, wenn es um die Gefässformen der Becher, Tassen, Weinkannen, Kaffeekannen, Töpfe, Wandbrunnen, Handwaschbecken und Teller ging. Besonders fantasievoll fielen die verschiedenen hausförmigen Schreibgeschirre und Taschenuhrständer aus. Bei den Schüsseln orientierten sich Vater und Sohn dagegen am Randformenspektrum des Bregenzerwalds. Neben Pinseldekor, u. a. vom Typ «Egg» (nach einer Töpferei im vorarlbergischen Egg-Jöhle), begegnen zeittypische Lauf- und Borstenzugdekore. Die Anzahl noch nachweisbarer Kachelöfen ist nicht sehr gross. Immerhin gibt es noch einen Ofen von der «Mittleren Rhonegga» von 1809, Reste eines Ofens für das Wohnhaus des Direktors des Davoser Silberbergwerks in Klosters (um 1805) und einzelne Kacheln eines Ofens aus Klosters-Selfranga. Die letzgenannten Öfen belegen, dass das Absatzgebiet der Töpferei seit Beginn offenbar das gesamte Prättigau mit seinen damals 7000 Einwohnern umfasste. Peter Lötscher war nicht nur ein an den politischen und kriegerischen Ereignissen seiner Zeit interessierter Mensch, sondern auch ein guter Beobachter des Klimas und der Natur. In seinem erhaltenen Hausbuch verzeichnete er unter anderem die katastrophalen klimatischen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Jahres ohne Sommer 1816.

Zwischen 1818 und etwa 1843 führte Peters Sohn Andreas Lötscher die Hafnerei allein. In dieser Zeit entstanden weitere, charakteristisch mit dem Pinsel verzierte Kachelöfen. Die auf einem der Öfen gemalten Tiere belegen für das Prättigau erstmals die Existenz einer heute ausgestorbenen Gürtelschwein-Landrasse. Der älteste Ofen ist 1822 datiert und war bis vor Kurzem noch in Benutzung. Andreas setzte die Form- und Dekortraditionen seines Vaters quasi bruchlos fort. Als einzige keramiktechnische Neuerung ist auf die Übernahme dendritischer Dekore ab spätestens 1829 zu verweisen. Andreas bekam zusammen mit seiner Frau Barbara Hartmann vier Söhne und drei Töchter. Er wurde wie sein Vater Peter als «Geschworener» bezeichnet, war also offenbar auch Mitglied des lokalen Gerichts und zeitweise «Gemeindsvogt». Neben der Töpferei spielte die Viehwirtschaft immer eine bedeutende Rolle als wirtschaftliche Grundlage des Haushalts. Daneben betrieb Andreas auch die Herstellung von Kalk in seinem unterhalb des Hauses gelegenen Kalkbrennofen. In der wirtschaftlich schwierigen Zeit der Kartoffelpest 1845–1847 musste er erleben, dass sein ältester Sohn Peter nach Amerika auswanderte. Ein weiterer Sohn und eine grössere Anzahl seiner Enkel folgten mit ihren Familien 1867, 1871 und 1889.

Sein zweitältester Sohn Christian (1821–1880) wurde in Horgen am Zürichsee zum Hafner ausgebildet. Ab 1843 übernahm dieser zielstrebig die Leitung der Werkstatt und signierte sehr selbstbewusst erste Kachelöfen. Sein Vater Andreas arbeitete weiterhin in der Werkstatt mit. Letzte Objekte können ihm aus dem Jahr 1847 zugeschrieben werden. Christian, der hervorragend drehen konnte, führte eine Reihe von Neuerungen in der Werkstatt ein. Er dekorierte mit dem Malhorn statt dem Pinsel und verzierte den grössten Teil seiner Ofenkacheln mit charakteristischem, grünem Schablonendekor. Ausserdem beherrschte er die Fayencetechnologie, die er ebenfalls überwiegend bei Kachelöfen einsetzte. Seine Kachelofenaufsätze waren teilweise sehr originell. In mindestens zwei Fällen lässt sich eine grosse Kuh nachweisen. Eine Reihe von Gefässformen wurde von Christian ganz neu entwickelt. Hierzu gehören die grossen Rahmtöpfe mit zwei Knäufen. Eine spezielle Form von Doppelknauftöpfen mit Stülpdeckel verwendete man schliesslich im ganzen Prättigau für das Blaufärben von Textilfasern mithilfe von Urin und Indigo. Auch seine Tee- und Kaffeekannen sind sehr charakteristisch und teilweise ungewöhnlich gestaltet. Seine Keramiken verzierte er mit roter, schwarzer und weisser Grundengobe. Ab 1846 fertigte er, wohl aufgrund der massiven Konkurrenz aus Berneck SG, erstmals auch Schüsseln mit scharfkantigem Kragenrand, wie sie in der übrigen Deutschschweiz modern waren. Ab 1849 experimentierte er auch mit Dekoren mit Farbkörpern in der Grundengobe (einer Erfindung aus Langnau im Emmental BE), die er in der Spätzeit seiner Werkstatt auch für Kachelöfen verwendete.

Nach dem Tod des Vaters Andreas (1852) begann Christian zunächst mit dem Umbau und der Ausschmückung des Hafnerhauses. 1857 erbaute er neben dem Haus eine neue Werkstatt mit wassergetriebener Glasurmühle und Tonaufbereitung und nahm dort, einem allgemeinen Zeittrend folgend, die Produktion gepresster Wasserleitungsröhren auf. Die gekaufte Röhrenpresse ermöglichte ihm schliesslich auch die Herstellung gepresster Ofenkacheln, womit er, wie kein anderer Hafner in der Deutschschweiz, technologisches Neuland betrat. Christian setzte Kachelöfen im ganzen Prättigau zwischen Davos und Landquart. Verschiedene Öfen haben sich bis heute in Funktion erhalten. Einzelne Öfen und Keramiken schmückte er mit Szenen aus dem Älplerleben, die in ihrer Darstellung denen aus dem Kanton Appenzell bzw. dem Toggenburg sehr nahestehen. Vermutlich gehören in diese Zeit auch ungewöhnliche Zuckerdosen in Entenform, Briefbeschwerer mit Löwen und Ziegenböcken und Kinderspielzeug (Tierfiguren, Flötpfeifchen).

Christian wird als streng, christlich, sparsam, unermüdlich, pünktlich, genau, gewissenhaft, mit segensvoller, aber immer bescheidener Tätigkeit in öffentlichen Ämtern und als zuverlässiger Ratgeber und dienstfertiger Freund beschrieben: «Er erkannte Wahrheit und bekannte sie offen, unverhohlen und rücksichtslos». Vermutlich war es nicht immer leicht, mit ihm auszukommen. Es verwundert daher nicht, wenn wir Christian in seiner Lebenszeit in fast allen denkbaren öffentlichen Ämtern, ausser dem des Gemeindepräsidenten, finden. Er war als Hafner finanziell erfolgreich. Zugleich war er aktiver Landwirt, Kirchenvogt, Waldvogt, Gemeinderat, Vermittler am Gericht und ab 1851 Posthalter der Schweizerischen Bundespost für die Postablage Ascharina. Ausserdem war er einer der wenigen Zeitungsleser im Tal. Sooft er konnte, erweiterte er seinen Grundbesitz um Mähwiesen und Weiderechte.

Christian war mit Magdalena Buol aus einer angesehenen und begüterten Familie in St. Antönien-Ascharina verheiratet. Ein erhaltenes Familienbild aus der Zeit um 1870 zeigt ihn als Patriarchen zusammen mit seiner Frau und seinen zu diesem Zeitpunkt lebenden sieben Kindern, u. a. den Söhnen Peter und Andreas. Im April 1867 beschloss Christian Lötscher, sich vom Hafnerhandwerk zurückzuziehen und die Hafnerei an seinen seit 1864 in der Werkstatt mitarbeitenden Sohn Peter d. J. zu übergeben. Er selbst eröffnete in St. Antönien-Platz zusammen mit seiner Frau die Pension Lötscher, das heutige Hotel Rhätia.

Peter d. J. (1845–1894) gab sich in der Folge redlich Mühe, seinem Vater als Hafner, Röhren- und Kachelofenproduzenten nachzueifern. Jedoch besass er, betrachtet man seine Endprodukte, offenbar weder die fachliche Neigung, noch die dreherischen oder dekorativen Fähigkeiten und wohl auch nicht die wirtschaftlichen Ambitionen seines Vaters. Vermutlich genügte er in keinster Weise den väterlichen Ansprüchen und man ahnt einen wohl schon länger schwelenden Vater-Sohn-Konflikt. Peter, mittlerweile ebenfalls verheiratet, wich diesem Konflikt 1871 durch die Auswanderung in die USA aus. Die im Familienkreis verlesenen Briefe der ausgewanderten Onkel, Vettern und Cousinen aus dem «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» dürften einen mächtigen Zauber auf ihn ausgeübt haben. Zusammen mit einem Vetter gleichen Namens schiffte er sich nach New Orleans ein und liess sich mit seiner Familie in Conway in Arkansas nieder, wo er als Farmer und Winzer seinen Lebensunterhalt zunächst erfolgreich verdiente. Vor allem mit Geld aus seinem väterlichen Erbe kaufte er zwischen 1880 und 1883 etwa 80 Hektar Land. Im Zuge von Auseinandersetzungen um die strikte Durchsetzung der Prohibition in Conway wurde er 1894 auf seinem Hof Opfer eines Totschlags.

Mit der Auswanderung von Peter d. J. blieb Christian Lötscher ab 1871 zunächst nichts anderes übrig, als die Werkstatt erneut selbst zu übernehmen. Der jüngste Sohn Andreas (1857–1933) war zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt. Christian produzierte zwischen 1872 und 1879 weiterhin erfolgreich Öfen und Röhren, während das Spektrum an Gebrauchsgeschirr stärker eingeschränkt war, als in seiner ersten Produktionsperiode. Erhalten haben sich vor allem Schüsseln, Tintengeschirre, Rahm- und Farbtöpfe sowie Zwiebeltöpfe. Daneben arrondierte er seinen Grundbesitz in St. Antönien durch zahlreiche weitere Liegenschaftskäufe.

Mit Christians Tod übernahm Andreas Lötscher d. J. als fünfter Hafner in St. Antönien die Werkstatt und produzierte nach eigener Aussage überwiegend Röhren. Von seiner Hand sind keine Kachelöfen bekannt und die wenige Geschirrkeramik ist ausschliesslich in das Jahr 1891 datiert. Sie verrät die Hand des ungeübten Drehers und Keramikdekorateurs. Der Bau der Rhätischen Eisenbahn 1889/90 reduzierte schliesslich die Transportkosten für ausserkantonale und ausländische Keramikgrossproduzenten in einem solchen Masse, dass Andreas Lötscher d. J. die Keramikproduktion nicht mehr wirtschaftlich aufrechterhalten konnte. Er stellte den Betrieb 1898 endgültig ein. Da er ebenfalls zahlreiche öffentliche Ämter bekleidete und mit Verena Luck eine wirtschaftlich gut gestellte Ehefrau gefunden hatte, konnte er seine Lebensgrundlagen in den folgenden Jahren erfolgreich auf die Viehwirtschaft umstellen. 1910 zerstörte ein Hochwasser Teile der Werkstattgebäude und der Maschinen. Andreas Lötscher verkaufte das Hafnerhaus in St Antönien-Ascharina 1920 und starb 1933 auf dem knapp oberhalb liegenden Heimwesen «Bärtsch», das seine Frau geerbt hatte.

Dass es 120 Jahre nach der Schliessung der Werkstatt in St. Antönien-Ascharina möglich war, eine so umfassende Familien- und Hafnereigeschichte zu schreiben, hat verschiedene Gründe. Zum einen sind es die glücklich erhaltenen schriftlichen Quellen, einerseits aus dem Hafnerhaus selbst und andererseits in Form des Hausbuchs von der «Mittleren Rhonegga». Ergänzt werden diese durch lokale Archivalien, die Grundbucheintragungen und akribische, genealogische Forschungen. Zum anderen ist es die doch erstaunlich grosse Zahl erhaltener Keramikobjekte, Röhren und Kachelöfen, die sich zumindest teilweise einzelnen Hafnern stilistisch zuweisen lassen. Besonders bedeutsam für die Überlieferung der keramischen Quellen war das frühe Interesse zweier Museumsdirektoren, nur wenige Jahre nach der Schliessung der Hafnerei. Ohne das besondere Engagement des ersten Kurators des Rätischen Museums Chur, Fritz Jecklin, und des Direktors des damaligen Schweizerischen Landesmuseums in Zürich, Hans Lehmann, gäbe es die beiden grossen und für die vorliegende Studie unverzichtbaren Grundlagensammlungen nicht. Unterstützt vom letzten Hafner Andreas Lötscher, dem Lehrer Valentin Flütsch-Egli und dem Churer Antiquitätenhändler Johann Jakob Hablützel, sicherten sie den wichtigsten Teil der materiellen Geschichte dieser für Graubünden so aussergewöhnlichen Hafnerei des 19. Jahrhunderts. Verschiedene Sammlerinnen und Sammler sowie Lokalmuseen (Klosters, Davos, Grüsch und St. Antönien) und das Museum der Kulturen in Basel schlossen sich diesen Bemühungen schliesslich im 20. Jahrhundert ebenfalls erfolgreich an.

Bibliographie

Heege 2019
Andreas Heege, Keramik aus St. Antönien. Die Geschichte der Hafnerei Lötscher und ihrer Produkte (1804-1898) (Archäologie Graubünden – Sonderheft 7), Glarus/Chur 2019.