Winterthur ZH, Tonwarenfabrik Pfau & Hanhart (1878-1887)

 

Andreas Heege 2019

Die uns vorliegenden Informationen zur Winterthurer Keramikfirma des (Eisenbahn-) Ingenieurs Heinrich Hanhart (15. 10.1844-29.6.1889), die von 1878 bis  etwa 1887 Bestand hatte, sind wenig umfangreich (Messerli-Bolliger 1991, 18;  Messerli 1995, 7-9). Zusammen mit seinem Cousin dem Architekten und späteren Technikumslehrer Jakob Pfau (1.11.1846-23.8.1923) gründete er 1878 an der Geiselweidstrasse (später Winterthur Mattenbach, Bäckerstrasse 1) eine Keramikfabrik, die 1879 ein erstes Mal erweitert wurde (Frascoli 2004, Taf. 7). Die beiden Cousins waren Söhne kunstinteressierter Winterthurer Familien. Matthäus Pfau, der Vater von Jakob, war auch Präsident des Kunstvereins Winterthur.

Offenbar war es schwierig, 1880 geeignetes Fachpersonal im Grossraum Winterthur-Zürich zu finden. Pfau & Hahnhart annoncierten daher im Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern, d.h. sie suchten einen Dreher in der Region Heimberg-Steffisburg.

1882 oder 1883 trennten sich die beiden Partner und Hanhart führte den Betrieb alleine weiter.  Jakob Pfau betrieb kurzfristig möglicherweise ein Fayence-Atelier in Winterthur und lieferte Entwürfe für Kachelöfen. Die Produkte der beiden waren 1883 getrennt auch auf der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich zu sehen (Katalog zur Landesausstellung 1883, 109 Nr. 1399; Messerli Bolliger 1991, 17 und 18). 1889 fungierte Jakob Pfau schliesslich als Liquidator für die Fabrik und versuchte mit unbekanntem Erfolg der Hafnerei Keiser in Zug  „Modelle“ der Keramikfabrik zu verkaufen (Schnyder/Felber/Keller u.a. 1997, 38 Anm. 57).

Welche Keramiker oder Keramikmalerinnen die beiden in der Keramik ungelernten Firmeninhaber beschäftigten, entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis. Belegen lässt sich allerdings, dass in Hanharts Betrieb auch ausgebildet wurde. So absolvierte Elisabeth Meier (1866-1938) dort nach der Sekundarschule ab 1879 ihre Lehre als Keramikmalerin und hatte das „Malen auf Ton nach Heimberger Manier“ erlernt. Ausserdem war sie  laut Zeugnis von Heinrich Hanhart „befähigt, brauchbar und im Zeichnen nach Vorbild geschickt“. 1885 wechselte sie zur Hafnerei Keiser in Zug, heiratete 1894 den Betriebsinhaber Josef Anton Keiser und führte den Betrieb allein als Witwe von 1923-1938. Sie war eine hochtalentierte Keramikmalerin (Schnyder/Felber/Keller u.a. 1997,  bes. 38).

Die Produkte der Keramikfabrik von Heinrich Hanhart  „Fabrikant von decorirten Fayencen und Majoliken“ wurden im Bericht zur Landesausstellung 1883 vom Architekten Alexander Koch im Jahr 1884 intensiv besprochen (vgl. auch Messerli Bolliger 1991, 18-20):

„Von der mit reiner Malerei verzierten Keramik nehmen die von Hanhart in Winterthur ausgestellten Gegenstände weitaus den ersten Rang ein. Dieselben zerfielen der Hauptsache nach in drei Gruppen:

  1. Malerei auf weissem Gefässgrund, denselben theilweise sichtbar lassend;
  2. ebensolche, denselben ganz bedeckend;
  3. Malerei mit Emailfarben in der A rt der Heimberger Technik, den Grund ganz bedeckend.

Die zwei ersten Gruppen zeigten Zeichnungen im italienischen Renaissancestil, während sich in der letzten Gruppe dieselben mehr der deutschen Renaissance näherten.

Schon im vorhergehenden Kapitel ist auf die Gefässe dieser dritten Gruppe hingewiesen worden, indem dieselben Denjenigen als Vorbild dienen können, welche in der Heimberger Technik wirklich künstlerische Leistungen nicht nur was den Gesammteindruck, sondern auch was das Detail anbelangt, hervorbringen wollen. Diese Technik ist hier mit grossem Verständniss angewandt und paart sich dieses Verdienst mit einer durchaus korrekten Zeichnung.

Auch die Gefässe der andern beiden Gruppen verdienen grosses Lob, wie sich denn überhaupt die Leistungen dieser Fabrik getrost neben diejenigen der ausländischen Konkurrenz stellen können. Nur etwas ist zu bedauern: die ganze Art ist, ohne Kopie zu sein, wenig original und jedenfalls keineswegs national. Diese Objekte sind alle ganz vorzüglich komponirt und ausgeführt, auch das Material ist in jeder Hinsicht tadellos, aber dieselben könnten so ziemlich überall gemacht worden sein, sie haben durchaus nichts spezifisch schweizerisches. Es ist diess zu bedauern, weil dadurch der Erfolg der Waare, die sich ganz unnöthiger Weise auf ein schon vielfach bebautes Feld stellt, trotz ihrer Vorzüglichkeit erschwert wird. Das Geschirr der dritten Gruppe zeigt in dieser Hinsicht noch am meisten Selbständigkeit, wesshalb es auch von der Jury speziell ausgezeichnet wurde.

Um Missverständnisse zu vermeiden, mag übrigens noch ausdrücklich hinzugefügt werden, dass unter „spezifisch schweizerisch“ nicht etwa die Darstellung von Sennen und Kühen etc. verstanden werden darf. Es ist auch nicht einmal gesagt, dass sich die Individualität der Art durch die Zeichnung auszudrücken habe, dieselbe kann überdiess noch im Material und in der Technik gefunden werden. Sind alle drei Faktoren original, so ist es um so besser. Bei der Winterthurer Fabrik, die das sämmtliche Rohmaterial vom Ausland zu beziehen genöthigt ist, wird allerdings der Schwerpunkt der Originalität in der Zeichnung liegen müssen.

Diese Fabrik kann sich überdiess dem Vorwurf nicht entziehen, dass ihre Muster seit ihrem Bestehen wenig variirt haben und wenig mannigfaltig sind, was um so mehr zu bedauern ist, als dieselben überdiess die nahe Verwandtschaft unter einander nicht verleugnen können. Es mag dieser Fehler in der sehr beschränkten Fabrikation liegen, und wäre zu wünschen, dass dieselbe, nachdem die Grundlagen für einen gesunden Fortschritt gefunden sind, baldigst zu einem grössern Betrieb übergehe, und alsdann auch nicht versäume, für den künstlerischen Theil sich angemessen zu vergrössern.

An den Winterthurer Fabrikaten hat man überdiess vorzügliche Gelegenheit, zweierlei Malweisen, die absolut verschieden sind, in mustergültiger Anwendung zu verfolgen. Die Gefässe der dritten Gruppe waren fast ausschliesslich mit opaker Farbe bemalt, während die der andern zwei Gruppen mit transparenten Farben dekorirt waren. Beide Farben haben selbstverständlich ihre Berechtigung, doch ist deren Verwendung an strikte Regeln gebunden. Während die transparenten Farben sich für das Mischen und Abtönen vorzüglich eignen und somit die Wiedergabe jedes beliebigen Farbeneffekts erlauben, bei welchem die Leuchtkraft und Transparenz der Farbe nicht störend wirkt, so ist die Verwendung der opaken Farbe durchaus auf den glatten eintönigen Auftrag beschränkt. Als Ausnahme ist höchstens eine äusserst diskrete Lasur von transparenter auf opaker Farbe gestattet. Opake und transparente Farbe lassen sich auch sehr wohl neben einander anwenden, wie diess die Heimberger Waare beweist, wo insbesondere das Blau bei den bessern Sachen stets transparent ist. Werden dagegen die opaken Farben unter einander oder mit transparenter Farbe vermischt, um Abschattirungen zu erhalten,. oder wird die opake Farbe unglatt aufgetragen, um in die Fläche Zeichnung zu bringen, so wird ein Effekt hervorgebracht, der durchaus unkeramisch ist. Das Resultat ähnelt einem schlechten Oelbilde. Einerseits wird durch dieses Vorgehen die Durchsichtigkeit und Zartheit, die wir an den transparenten keramischen Farben als Eigenthümlichkeit bewundern, zerstört, anderseits die Tiefe und Sattheit der Oelfarbe bei weitem nicht erreicht.“

Museal haben sich in der Schweiz nur wenige Keramiken der Firma Pfau & Hanhart  bzw. Hanhart erhalten.  Den grössten, zugleich auch publizierten Bestand verwahrt das Musée d’art et d’histoire, Neuchâtel (Blaettler/Ducret/Schnyder 2013, 496–499: MAHN AA-1776, AA-1777, AA-1778, AA-2246 bis AA-2253, AA-3290, AA-3291). Zwei Objekte verzeichnet auch der Sammlungskatalog des Schweizerischen Nationalmuseums (SNM LM-75481; LM-95464). Fünf Objekte besitzt das Gewerbemuseum Winterthur (Messerli 1993, 161; Messerli 1995,  76-78,  Inv. 555, 556, 572, 575 und  1559).

Aus der Frühphase der Manufaktur gibt es bislang nur einen einzigen gemarkten Teller, der  2012 im Auktionshaus Zofingen (48. Auktion, Los 1685) versteigert wurde. Er trägt die Marke „PFAU & HANHART THONWAARENFABRIK WINTERTHUR“.

 

 

Die Stücke aus dem MAHN stammen möglicherweise überwiegend aus der Zeit nach 1882/83 und vor 1887, da sie „H H WINTERTHUR“ gestempelt oder  mit der Ritzung „H. Hanhart Winterthur“ signiert sind.

Die archäologischen Ausgrabungen, des heute durch moderne Bebauung  weitgehend zerstörten ehemaligen Fabrikareals, haben überwiegend aus einer Abfallgrube ein kleines, teilweise auch gemarktes Produktionsspektrum  aus Irdenware, Steingut und Ofenkeramik ergeben, das uns einen kleinen Einblick gewährt (Frascoli 2004, Taf. 34-38).  Unter der Irdenware befinden sich typische Horizontalstreifendekore der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie Keramik mit beidseitig roter Grundengobe  und Malhorndekor „Heimberger Art“,  Kannen mit Farbkörper in der Grundengobe, Spritzdekor und Springfederdekor. Ausserdem ist Keramik mit beidseitiger Manganglasur  überliefert.

Bibliographie

Blaettler/Ducret/Schnyder 2013
Roland Blaettler/Peter Ducret/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH I: Neuchâtel (Inventaire national de la céramique dans les collections publiques suisses, 1500-1950), Sulgen 2013.

Frascoli 2004
Lotti Frascoli, Keramikentwicklung im Gebiet der Stadt Winterthur vom 14. -20. Jahrhundert: Ein erster Überblick, in: Berichte der Kantonsarchäologie Zürich 18, 2004, 127-218.

Koch 1884
Alexander Koch, Schweizerische Landesausstellung, Zürich 1883 : Bericht über Gruppe 17: Keramik, Zürich 1884.

Messerli Bolliger 1991
Barbara E. Messerli Bolliger, Der dekorative Entwurf in der Schweizer Keramik im 19. Jahrhundert, zwei Beispiele: Das Töpfereigebiet Heimberg-Steffisburg-Thun und die Tonwarenfabrik Ziegler in Schaffhausen, in: Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt 106, 1991, 5-100.

Messerli Bolliger 1993
Barbara E. Messerli Bolliger, Keramik in der Schweiz. Von den Anfängen bis heute, Zürich 1993.

Messerli 1995
Barbara E. Messerli, Durch Feuer geprüft. Sammlungskatalog Keramik des Gewerbemuseums Winterthur: Gefässkeramik, Keramikplastik und Fliesen, Winterthur 1995.

Schnyder/Felber/Keller u.a. 1997
Rudolf Schnyder/Friederike Felber/Rolf Keller u.a., Die Entdeckung der Stile. Die Hafnerei Keiser in Zug 1856-1938. Ausstellung vom 10. November 1996 bis 1. Juni 1997, Museum in der Burg Zug, in: Keramik-Freunde der Schweiz Mitteilungsblatt 109/110, 1997, 7-57.