Andreas Heege, 2026
Von einem weiteren wichtigen Musterbuch der Manufaktur Wanzenried haben sich nur Einzelblätter oder Fotokopien des Titelblatts und einzelner Seiten erhalten. Vermutlich bestand der Inhalt aus insgesamt 6 Tafeln. Von diesen entsprechen vier den Tafeln des Katalogs von nach 1884. Offenbar hatte man in der Manufaktur Wanzenried ein additives Katalogsystem, bei dem im Rahmen von Katalog-Neuauflagen einfach die älteren Drucklithos weiterbenutzt und neue Tafeln angehängt wurden.

Werbeblatt der Manufaktur von Johannes Wanzenried, um 1880-1883 (SST 05217).
Die erste farbige Tafel des Kataloges geht mindestens auf das Jahr 1883 zurück, den zu diesem Zeitpunkt stand sie gerahmt auf dem Stand der Manufaktur Wanzenried auf der Landesausstellung 1883 in Zürich bzw. wurde zu Werbezwecken auf Karton aufgezogen.
Möglicherweise wurden einzelne Tafeln auch separat auf abweichendem Papier/Karton gedruckt und an Messen und Ausstellungen an Interessenten als Werbung abgegeben. Das Schweizerische Nationalmuseum, Zürich besitzt jedenfalls die Tafel 6 des Kataloges auch als colorierte Lithographie (Inv. LM-23735).
Der vorliegende Katalog wird einerseits über die auf dem Titelblatt mitgeteilten Ausstellungserfolge datiert (nach 1885). 
Manufaktur Wanzenried: Teller, datiert 1885, nach Entwurf von Prof. Gmelin, München.
Andererseits zeigt Tafel 5 viermal das Datum 1885 und gibt als Entwerfer den deutschen Kunstprofessor Leopold Gmelin (1847-1916) aus München an (zur Person Messerli Bolliger 1991, 65-69, den Nachlass mit Entwürfen verwahrt das Architekturmuseum der TUM, München). Es steht zu vermuten, dass Gmelin den Auftrag für die Entwürfe im Vorfeld der Weltausstellung in Antwerpen und der „Exposition du Travail“ in Paris erhielt.

Manufaktur Wanzenried: „Vase à 6 coupes Gmelin“ (Tafel 4,Nr. 47), Privatbesitz Schweiz.
Andererseits muss die Zusammenarbeit mit Gmelin schon länger angedauert haben, denn auf Tafel 4 findet sich unter Nr. 47 eine Vase, die in der Preisliste von 1889 als „Vase à 6 coupes Gmelin“ bezeichnet wird und schon auf dem Stand der Landesausstellung 1883 in Zürich zu sehen war.
Die Tatsache, dass das Titelblatt des Kataloges ausschliesslich in französischer Sprache gehalten ist, zeigt, welch grosse Bedeutung die französischen Touristen als Käufer dieser Souvenirkeramik gehabt haben müssen. Einen Hinweis auf die auch englischsprachige Käuferschaft liefert die letzte Tafel 6. Die Dose Form 94 ist beschriftet „Wen [sic!] this you see Remember me“. Diese Tafel enthält auch noch einen Hinweis auf das Jahr der Firmengründung. Gefässform 98 trägt kurz über dem Boden die Datierung 1878.
Der vorliegende Katalog trägt auf jeder Tafel Buchstaben oder Formnummern (1 bis 102), nach denen bestellt oder in der separat gedruckten Preisliste die Formbezeichnung bzw. der Verkaufspreis nachgeschlagen werden konnte. Eine Preisliste hat sich allerdings erst aus der Zeit nach 1889 als Fotokopie erhalten. Zu diesem Zeitpunkt war der Katalog auf 12 Tafeln mit 205 Formnummern angewachsen. Es ist denkbar, dass der vorliegende Katalog unvollständig ist, denn es ist kaum vorstellbar, dass die Manufaktur Wanzenried nach 1885 keine Vedutenteller lieferte. Diese erscheinen in der Preisliste von nach 1889 allerdings erst auf der Tafel 8 unter Formnummer 113-121 und kosten je nach Grösse (18-62 cm Dm.) zwischen 4 und 60 Fr.

Bibliographie:
Messerli Bolliger 1991
Barbara E. Messerli Bolliger, Der dekorative Entwurf in der Schweizer Keramik im 19. Jahrhundert, zwei Beispiele: Das Töpfereigebiet Heimberg-Steffisburg-Thun und die Tonwarenfabrik Ziegler in Schaffhausen. Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt 106, 1991, 5-100.