Bäriswil BE, Region («Bärisnau»)

Objekte in CERAMICA CH

Andreas Heege und Andreas Kistler 2019

Erst in Kenntnis des Bäriswiler Motiv- und Formenschatzes war eine Aussortierung und genauere Beurteilung einer kleinen, aber sehr charakteristischen Gefässgruppe «Bäriswil Region» möglich, die mit grosser Wahrscheinlichkeit im Kanton Bern, im Umfeld von Bäriswil entstanden sein dürfte, ohne dass wir bis heute den genauen Produzenten bzw. Produktionsort kennen. Im Prinzip handelt es sich um Gefässe, die Bäriswiler Gefässformen, typische Bäriswiler Motive und Dekorationselemente aufweisen, jedoch in Langnauer Ritz- und Malhorntechnik ausgeführt und durch Springfeder- und Borstenzugdekor und Langnauer Dekormotive ergänzt wurden. Vor allem Springfeder- und Borstenzugdekor finden sich ansonsten nicht bei der Keramik aus Bäriswil,  Borstenzugdekor aber auch nicht bei der Langnauer Keramik. Dagegen sind eine grössere Zahl der Motive so eng an den Bäriswiler Motivschatz angelehnt, dass eine genaue Kenntnis der dortigen Werkstatteigentümlichkeiten und eine selbstverständlich-alltägliche Ausführung der Dekore vorausgesetzt werden muss. Dies ist eigentlich nur vorstellbar, wenn die produzierende Werkstatt ebenfalls in Bäriswil oder in der Region von Bäriswil lag. Die nächstgelegenen Orte mit Hafnerei wären Hängelen, Jegenstorf, Urtenen und Münchenbuchsee. Vor allem die Beziehungen nach Hängelen zu den Hafnern Häberli scheinen etwas enger gewesen zu sein (Heege/Spycher/Kistler 2019), jedoch haben sich für diese Keramikgruppe bislang keinerlei eindeutige Hinweise auf die dortige Produktion erbringen lassen.

Das älteste Stück dieser Gruppe, die schweizweit heute noch 21 Stücke umfasst, ist eine 1778 datierte Schüssel, die im Spiegel den typischen Bäriswiler Vogel zeigt (MAG R166). Die besten Vergleiche zum Hauptmotiv datieren in Bäriswil in die Zeit zwischen 1770 und ca. 1782 (BHM 5478; MAHN AA1833; MAHN AA2025; GNM H.G.8311). In diesem Zeithorizont finden sich auch die übrigen Dekorelemente wie Gittermuster und erste Rocaillen. Einfarbige, rote Grundengobe auf der Aussenseite tritt bei dekoriertem Langnauer-Geschirr quasi nie auf, ist dagegen bei Heimberger Keramik ab den 1780er-Jahren durchaus geläufig.

Stilistisch lässt sich der Dragonerteller (MAG AR931) unmittelbar an die besprochene Schüssel von 1778 anschliessen. Borstenzug- und Springfederdekor sowie die rote Grundengobe der Aussenseite stimmen überein. Borstenzugdekor ist für die Langnauer und Heimberger Produktion dieses Zeithorizontes nicht belegt. Der Dragoner, der formal und in seiner Sitzhaltung sehr stark den Bäriswiler Dragonern ähnelt (BHM 32661), präsentiert seinen Säbel. Das Pferd steht ungewöhnlich steif da, hat jedoch das rechte Hinterbein in der Art der Bäriswiler Pferdedarstellungen angehoben, als wolle es gleich in Passgang oder Trab verfallen. Sofern die Datierung von Bäriswiler Motivdetails auf diese Geschirrvariante wirklich übertragen werden darf, müsste dieser Teller etwas jünger sein. Er trägt ein sog. «Blattwerk 1», das sich ansonsten vor allem um 1788 findet.

Stilistisch gut vergleichbar ist ein weiterer Dragonerteller dieser Gruppe aus dem Bernischen Historischen Museum (BHM 17579). Dort und im Musée cantonal d’archéologie et d’histoire Lausanne findet sich auch ein weiterer Typ des Dragonertellers, bei dem der Reiter mit gezogenem Säbel bzw. gezückter Pistole nach rechts davongaloppiert (BHM 2875; MCAHL PM-4327). Das Spektrum der Soldatendarstellungen dieser Keramikgruppe wird durch zwei Infanteristen ergänzt, die ihr Gewehr präsentieren (vgl. Heege/Kistler/Thut 2011, Abb. 175 und SNM LM-3203). Der grosse Anteil an Darstellungen aus dem militärischen Bereich verbindet die Gruppe ebenfalls eher mit Bäriswil als mit Langnau, denn im Emmental sind Militär- und Dragonerdarstellungen die grosse Ausnahme.

Angesichts der zahlreichen Übereinstimmungen zwischen dieser Gruppe und der Produktion aus Bäriswil erstaunt es nicht, dass es auch Stülpdeckeldosen gibt, die wie Miniaturformen der grösseren Stülpdeckelterrinen aussehen (MAG N231). Diese Gefässform lässt sich in Bäriswil ab 1758 bis ca. 1780/1782 nachweisen und kommt mit einem Stück sogar noch am Beginn der folgenden Produktionsphase, d. h. ca. 1788–1793, vor (vgl. Heege/Kistler/Thut 2011, Abb. 116 und 117; MKW 253). Danach werden Stülpdeckelterrinen durch solche mit Steckdeckel abgelöst. Während der Deckel des vorliegenden Stückes ganz Bäriswiler Dekorgepflogenheiten entspricht, trägt das Unterteil u. a. eine grosse Rosette. Dieses Motiv findet sich zwischen dem frühen 18. und dem frühen 19. Jahrhundert regelhaft bei Langnauer, nicht aber bei Bäriswiler Produkten (Heege/Kistler 2017b, 556-558, Abb. 676). Auch stilistisch ist klar, dass es sich bei dem seltenen Unterteil einer Stülpdeckeldose um ein Stück aus Langnauer Produktion handelt. Vermutlich wurde um 1780 der defekte Deckel einer Langnauer Dose durch einen neuen, passgenauen Deckel aus einer Töpferei im Umfeld Bäriswils ersetzt.

Bibliographie

Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011, 177-184.

Heege/Kistler 2017a
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 354-361.

Heege/Kistler 2017b
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.

Heege/Spycher/Kistler 2019
Andreas Heege/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Die Hafner von Hängelen und das Rätsel der Bäriswiler Kachelöfen, in: Krauchthaler Jahrbuch, 2019, ###-###.