Winterthur ZH, Töpfereien 1400-1900

Andreas Heege 2019

Keramik aus Winterthur in CERAMICA CH

Aus kaum einer Stadt der Schweiz liegen so viele Informationen zur Keramikproduktion und Keramiknutzung vor, wie für Winterthur im Kanton Zürich. Die archäologischen Untersuchungen der Kantonsarchäologie haben viele Fundinventare des 11./12. bis frühen 14. Jahrhunderts erbracht (Matter 2000; Matter/Tiziani 2009; Homberger/Zubler 2010). Jüngere, gut datierte Funde ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts sind jedoch deutlich seltener. Es gibt nur einen typologisch um 1400 datierten Töpfereiabfall vom Winterthurer Untertor (Lehmann 1992). Wichtiger Eckpfeiler der lokalen und regionalen Keramikchronologie ist die bauhistorisch vor 1501 datierte Verfüllung eines Schachtes aus Winterthur, Marktgasse 25 (Faccani 1994). Ein Fundensemble aus dem Winterthurer Stadtgraben gehört ins späte 15. und frühe 16. Jahrhundert (Frascoli 2000). Wichtig sind auch zwei Töpfereiabfälle der Zeit um 1600 bzw. des 17. Jahrhunderts, die die Verbindung zu museal erhaltenen Objekten aus Winterthurer Produktion herstellen (Frascoli 2004; Tiziani/Wild 1998). Zwei Winterthurer Kloakeninventare aus der Mitte und zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind besonders hervorzuheben (Frascoli 1997). Dagegen fehlen bislang hinreichende Informationen zu den lokalen Keramikformen des 18. und 19. Jahrhunderts. Leider ist der Produktionsabfall der Keramikfirma Hanhart (1879–1887) wenig umfangreich (Frascoli 2004, 149, Taf. 34–38. Einige der selten erhaltenen Produkte: Blaettler/Ducret/Schnyder 2013, S. 496–499; zur Fabrik auch Schnyder/Felber/Keller u.a. 1997, 38).

Von kunsthistorischer und historischer Seite standen in der Vergangenheit vor allem die Fayence-Kachelöfen und das Fayencegeschirr des späten 16. bis frühen 18. Jahrhunderts aus Winterthur im Fokus (Bellwald 1980; Früh 1981; Früh 2014; Wyss 1973; Schnyder 1989). Seit dem 15. Jahrhundert können Hafner in Winterthur auch archivalisch nachgewiesen werden. Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert lassen sich mehr als 80 Hafner, Ofenbauer und Kachelmaler belegen. Hervorzuheben sind hier vor allem die wirtschaftlich und künstlerisch über oft mehrere Generationen hinweg sehr erfolgreichen Hafner der Familien Huser, Mayer, Pfau, Erhart oder Graf. Sie stiegen in der städtischen Ämterhierarchie teilweise sogar bis zum Amt des Schultheissen auf (Wyss 1973, 50–52; Bellwald 1980, 332–353; Tiziani/Wild 1998, 239–242). Die Hafner von Winterthur waren zunftmässig organisiert und verfügten über eine Handwerksordnung aus dem Jahr 1637. Diese behielt bis 1798 Gültigkeit. Der Ruf der Winterthurer Hafner reichte weit über die Stadtgrenzen hinaus. Bestellungen von Kachelöfen für Privatbauten und für herausragende öffentliche Bauten wie Rathäuser, Zunftstuben oder Klöster kamen aus den benachbarten Städten Luzern, Zürich, Schaffhausen und St. Gallen sowie den Kantonen Graubünden, Glarus, Thurgau, Zug und Schwyz.

Der wirtschaftliche Erfolg basierte auf einer starken Spezialisierung und der überragenden Beherrschung der Keramik- und Fayencetechnologie. Allerdings waren die Winterthurer Hafner nicht die «Erfinder» dieser Technologie. Die Verwendung von Zinnglasur als Malfarbe kann in der Schweiz (Basel, Bern, Fribourg, Zürich) und in Süddeutschland (Konstanz) schon auf Bodenfliesen und spätgotischen Ofenkacheln der Mitte und zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nachgewiesen werden. Vollständige «weiße» und buntbemalte Kachelöfen lassen sich erstmals 1518 mit dem Ofen aus Schloss Holligen bei Bern belegen. Es folgen zeitlich Öfen aus Spiez und Worb (Roth 1999; Heege 2012, 79–83; Bourgarel 2013). Diese sind die fast schon perfekten Vorläufer der bekannten Winterthurer Ofenproduktion, die wohl in den 1540er Jahren begann und bis um 1700 führend blieb (Bellwald 1980, 16–20; Früh 2014, Ofen 1). Die Winterthurer Hafner waren jedoch in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nicht die einzigen, die die Produktion von Fayence-Kachelöfen beherrschten. Öfen vergleichbarer Qualität lieferten auch Hafner aus Luzern bzw. Zug (Brunner 1999; Früh 2014, Ofen 4).

Zumindest für Zug ist aufgrund von Ausgrabungen eindeutig belegt, dass wie in Winterthur neben den Kachelöfen auch Fayencegeschirr produziert wurde (Roth Heege/Thierrin-Michael 2016). Die älteste Winterthurer Geschirrkeramik ist ein 1584 datiertes Scherzgefäss, eine «Schnapsbibel/Handwärmer» von Ludwig Pfau I (vor 1550 bis 1597; SNM LM-24116; Frei 1951; Schnyder 1989, Kat. 18). Archäologische Bodenfunde und in Museumssammlungen erhaltene Keramiken belegen eindeutig, dass das Produktionsspektrum der Winterthurer Hafner sich allerdings nicht nur auf Fayencegeschirr beschränkte. Es war wesentlich umfangreicher. Dabei lassen sich abgesehen von dem Winterthurer Fayencegeschirr (vgl. die Sammlung des SNM) drei unterschiedliche Produktionsstränge nachweisen. Zum einen handelt es sich um einfache Haushaltskeramik mit dem ab 1550 verstärkt einsetzenden Malhorndekor (z.B. SNM HA-3001) und Ritzdekor unter einer grünen Bleiglasur (z. B. SNM LM- DEP-1297). Eine zweite Serie umfasst Keramik mit reicherem Auflagendekor unter einer grünen oder gelbbraunen Bleiglasur (z.B. SNM LM-9838) oder polychrom bemalt (z.B. SNM HA-3080). Wir können wohl davon ausgehen, dass die Patrizen und Arbeitsmodel für die Auflagen in Winterthur selbst hergestellt wurden. Dort gab es wie in Lohn im Kanton Schaffhausen, ebenfalls herausragende Tonbossierer (Patrizen- und Modelschneider, die in Ton arbeiteten) wie eine Patrize für ein Gebäckmodel in Krebsform aus dem Jahr 1682 belegt (Schaffhausen, Museum Allerheiligen Inv. 5848. Widmer/Stäheli 1999, Abb. 10).

Ausserdem findet sich Keramik mit einer weissen Grundengobe und rotem, blauem oder mehrfarbigem Pinseldekor unter einer farblosen Glasur. Letztere kann ab der Zeit um 1600 auch farbige Streifen, flächige Punktierungen (manganbrauner Tupfendekor) und Reliefauflagen aufweisen (z. B. SNM HA-3101; Bodenfunde: Tiziani/Wild 1998, Taf. 2–9; Frascoli 2004, Taf. 21–24; Lithberg 1932, Taf. 336; Heege 2010, 51–52. Museale Objekte: Wyss 1973; Schnyder 1989).

Keramiken mit Unterglasur-Pinseldekor, wie sie in Winterthur produziert wurden, können als preiswerteres Produktionssegment, als «Fayencekopie» angesehen werden und werden in der Literatur dementspechend oft falsch als Fayence beschrieben. Man sparte sich das teure Zinn für die sonst übliche Fayenceglasur. Hiermit stimmt zumindest für das 17. Jahrhundert die oft auffällig unsorgfältige Beschriftung überein (MAG 1407; z.B. auch SNM LM-4300; Schnyder 1989, 79). Diese wurde wohl kaum von den Spitzenhandwerkern selbst, sondern eher von Lehrlingen oder Geschirrmalerinnen aufgemalt. Andererseits belegt der auch bei den Gefässen aus dem Musée Ariana vorkommende, gekonnt schwungvoll aufgetragene Spiralrankendekor (MAG R227, MAG R231; MAG AR 2015-368) eine enge Verbindung zu den Kachelmalern, da er sich auch auf Ofenkacheln findet.

Beim einfachen grün glasierten Alltagsgeschirr aus Irdenware, das museal kaum erhalten ist, dominieren im 17. Jahrhundert Schüsseln, Teller und Bügelkannen. Das Schenkgeschirr (Kannen, Krüge und Humpen) ist beim aufwendiger bemalten Geschirr mit Unterglasur-Pinseldekor oder mit Fayencebemalung häufiger. Daneben gibt es jedoch auch Schreibgeschirre als Einzelanfertigungen und Salbentöpfchen als Massenprodukte. Die Fayenceproduktion besteht im Gegensatz dazu überwiegend aus Breitrandtellern mit Wappen, biblischen Szenen und Allegorien, Gefässen mit Reliefdekor oder Wandungsdurchbrüchen sowie hochqualitätvollen Einzel- und Spezialanfertigungen (Schreibgeschirre oder Wandbrunnen). Nach ca. 1710 kennen wir erstaunlicherweise keine datierten Gefässkeramiken in einem der genannten Winterthurer Produktionssegmente mehr.

Eine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung steht für die Geschirrkeramik aus Winterthur aus!

Winterthurer Keramik im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich

Winterthurer Keramik im Victoria&Albert-Museum in London

Winterthurer Keramik im Fitzwilliam-Museum in Cambridge (momentan nicht erreichbar)

Winterthurer Keramik im Metropolitan Museum New York

Winterthurer Keramik im Musée Ariana Genf

 

Bibliographie

Bellwald 1980
Ueli Bellwald, Winterthurer Kachelöfen. Von den Anfängen des Handwerks bis zum Niedergang im 18. Jahrhundert, Bern 1980.

Blaettler/Ducret/Schnyder 2013
Roland Blaettler/Peter Ducret/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH I: Neuchâtel (Inventaire national de la céramique dans les collections publiques suisses, 1500-1950), Sulgen 2013.

Bourgarel 2013
Gilles Bourgarel, Les premiers témoignages de productions stannifères en Suisse et dans le canton de Fribourg (XVe-XVIIe siècles), in: Marino Maggetti/Denis Morin/Georges Rech, Deuxième table ronde franco-suisse. Faïences et Faïenceries de l’arc jurassien et ses marges, procédés techniques et décors. L’Apport des sources et de l’archéologie, Fribourg 2013, 59-90.

Brunner 1999
Thomas Brunner, Die Renaissance in der Stube, Innerschweizer Hafner und Ofenkeramik im ausgehenden 16. Jahrhundert, in: Kunst und Architektur in der Schweiz 50, 1999, 33-41.

Faccani 1994

Guido Faccani, Ein Fundkomplex mit Terminus ante quem von 1501 vom Waaghaus (Marktgasse 25), in: Berichte der Zürcher Denkmalpflege 12/1, 1994, 228-250.

Frascoli 1997
Lotti Frascoli, Handwerker- und Kaufmannshaushalte im frühneuzeitlichen Winterthur. Untersuchungen zu vier Liegenschaften in der Altstadt (Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 29), Zürich/Egg 1997.

Frascoli 2000
Lotti Frascoli, Töpferei-, Glaserei- und Schmiedeabfall der Jahrzehnte um 1500 aus dem Stadtgraben von Winterthur, in: Berichte der Kantonsarchäologie Zürich 15, 2000, 247-284.

Frascoli 2004
Lotti Frascoli, Keramikentwicklung im Gebiet der Stadt Winterthur vom 14. -20. Jahrhundert: Ein erster Überblick, in: Berichte der Kantonsarchäologie Zürich 18, 2004, 127-218.

Frei 1951
Karl Frei, Ein Scherztrinkgefäss des Winterthurer Hafners Ludwig I Pfau und andere Arbeiten seiner Werkstatt, in: Jahresbericht des Schweizerischen Landesmuseums 60, 1951, 65-73.

Früh 1981
Margrit Früh, Winterthurer Kachelöfen für Rathäuser, in: Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt Nr. 95, 1981, 3-147.

Früh 2014
Margrit Früh, Biblische Bilder an schweizerischen Kachelöfen. Eine keramische Bilderbibel, in: Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt Nr. 128, 2014, 1-159.

Heege 2010
Andreas Heege, Hohenklingen ob Stein am Rhein, Bd. 2: Burg, Hochwacht, Kuranstalt. Forschungen zur materiellen Kultur vom 12. bis zum 20. Jahrhundert (Schaffhauser Archäologie 9), Schaffhausen 2010.

Heege 2012
Andreas Heege, Dekortechniken auf Ofenkeramik, in: Eva Roth Heege, Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum (CH, D, A, FL) mit einem Glossar in siebzehn Sprachen (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 39), Basel 2012, 68-99.

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 80-99.

Homberger/Zubler 2010
Valentin Homberger/Kurt Zubler, Mittelalterliche und neuzeitliche Keramik der Region Schaffhausen. Typologie, Seriation und Materialvorlage (Beiträge zur Schaffhauser Archäologie 3), Schaffhausen 2010.

Lehmann 1992
Peter Lehmann, Zwei Töpferöfen in der Winterthurer Altstadt (Berichte der Zürcher Denkmalpflege. Archäologische Monographien 12), Egg 1992.

Lithberg 1932
Nils Lithberg, Schloss Hallwil Bd. 3. Die Funde, Stockholm 1932.

Matter 2000
Annamaria Matter, Keramikentwicklung in Winterthur vom 12. Jh. bis um 1400. Sechs Kellerverfüllungen aus der Altstadt, in: Archäologie im Kanton Zürich 1997-1998 (Berichte der Kantonsarchäologie Zürich 15), Zürich/Egg 2000, 183-245.

Matter/Tiziani 2009
Annamaria Matter/Andrea Tiziani, Siedlungsentwicklung an der Marktgasse in Winterthur vom Hochmittelalter bis zur Neuzeit (Zürcher Archäologie 27), Zürich/Egg 2009.

Roth 1999
Eva Roth, Ein bernischer Fayence-Kachelofen aus dem Jahr 1518, in: Kunst und Architektur 50, 1999, 22-32.

Roth Heege/Thierrin-Michael 2016
Eva Roth Heege/Gisela Thierrin-Michael, Oberaltstadt 3/4, eine Töpferei des 16. Jahrhunderts und die Geschichte der Häuser, in: Eva Roth Heege, Archäologie der Stadt Zug, Band 2 (Kunstgeschichte und Archäologie im Kanton Zug 8.2), Zug 2016, 10-154.

Schnyder 1989
Rudolf Schnyder, Winterthurer Keramik, Winterthur 1989.

Tiziani/Wild 1998
Andrea  Tiziani/Werner  Wild, Die frühneuzeitliche Hafnerei der Familie Pfau an der Marktgasse 60 in Winterthur, in: Archäologie im Kanton Zürich 1995-1996. Berichte der Kantonsarchäologie Zürich 14, 1998, 225-264.

Widmer/Stäheli 1999
Hans Peter Widmer/Cornelia Stäheli, Schaffhauser Tonmodel. Kleinkunst aus der Bossierer-Werkstatt Stüdlin in Lohn, Schaffhausen 1999.

Wyss 1973
Robert L. Wyss, Winterthurer Keramik. Hafnerware aus dem 17. Jahrhundert (Schweizer Heimatbücher 169-172), Bern 1973.