Arcun da tradiziun Vuorz (ATV)

Cadruvi 7
7158 Waltensburg/Vuorz
info@waltensburger-meister.ch
Tel.: 081 936 2200, 079 136 3532

Keramik aus der Arcun da tradiziun Vuorz in CERAMICA CH

In Waltensburg beherbergt  die Casa Cadruvi  (erbaut 1580) seit 2012/2013 sowohl eine Ausstellung zu den berühmten Fresken des Waltensburger Meisters aus der benachbarten Kirche, als auch eine heimatkundliche Sammlung (Arcun da tradiziun Vuorz) von Gebrauchsgegenständen aus der Region, vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert.

Die heimatkundliche Sammlung entstand in den 1960er Jahren auf Initiative des Dorfpfarrers Martin Cavegn. Er organisierte 1964 eine Ausstellung mit alten Gegenständen aus Waltensburg/Vuorz und konnte so die Einheimischen über den historischen Wert dieser Gegenstände aufklären. Diese Ausstellung führte zur Gründung des Dorfmuseums. Ziel war es unter anderem, dem Verkauf von Möbeln, Werkzeugen und Alltagsgegenständen an auswärtige Händler etwas entgegenzusetzen. Das Museum sollte eine Bereicherung für das Dorf bedeuten und Teil der dörflichen Geschichtsschreibung sein. Zunächst wurden im ehemaligen Gerichtsgebäude zwei Räume gemietet. 1985 erfolgte der Umzung an den heutigen Standort in die unterste Wohnung der Casa Cadruvi. Diese Räume stellte die Gemeinde dem Museum zur Verfügung. 2012 wurde die Ausstellungsfläche des Arcun da tradiziun wegen der Eröffnung des „Museums Waltensburger Meister“ verkleinert. Neu wechselt jetzt die Ausstellung regelmässig ihr Aussehen, indem mit Sonderausstellungen Schwerpunkte gesetzt werden. Bisher wurden Ausstellungen zu Lebensmitteln und deren Gewinnung im bäuerlichen Umfeld, zur Volksschule in Waltensburg/Vuorz und zur lebendigen Tradition der Bildergeschichten vom Waltensburger Meister bis heute gezeigt. Das Museum wird von der Gemeinde  Waltensburg/Vuorz getragen und von einer Museumskommission geleitet, deren Mitglieder vom Gemeindevorstand gewählt werden.

Als Ortsmuseum sammelt das Arcun da tradiziun schwerpunktmässig Gegenstände aus Waltensburg/Vuorz und seiner näheren Umgebung, d.h. Objekte, die im Dorf hergestellt oder genutzt wurden. Ausserdem werden Gegenstände aufgenommen, die im Besitz einer im Dorf ansässigen Person, Familie oder Institution gewesen sind oder Objekte von auswärts mit einer Beziehung zum Dorf, z. B. durch Personen, die abgewandert sind. Dabei muss die Beziehung zum Dorf dokumentiert werden können.

Aufgrund der Sammlungsschwerpunkte befinden sich natürlich auch keramische Gegenstände in der Sammlung, die sich gesamthaft sehr gut in die übliche Museumsüberlieferung Graubündens  einfügt und daher nur wenige Überraschungen bietet. Es handelt sich gesamthaft um 63 Objekte: 2 Fayencen,  25 Irdenwaren,  22 Steingut, 1 Steinzeug und 13 Porzellane.

Das älteste Stück der Sammlung, eine kleine Schüssel  mit flüchtig gemaltem, blauem IHS stammt wohl aus Norditalien und wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gefertigt. Sowohl die Tatsache, dass es sich um eine Schüssel handelt, als auch der IHS-Dekor, sind für italienische Fayencen in Graubünden sehr typisch.

Beim zweiten Fayenceobjekt handelt es sich um eine Leitform der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einen Teller mit Schuppenrand. Vermutlich ist er in Kilchberg-Schooren am Zürichsee entstanden, jedoch fertigten auch andere süddeutsche Fayencemanufakturen (z.B. Durlach in Baden) sehr ähnliche Teller und Dekore, weshalb die Zuordnung etwas unsicher bleiben muss.

Unter den Irdenwaren finden sich die üblichen in Graubünden weit verbreiteten Gruppen. Zum einen handelt es sich um Keramiken „Heimberger Art“ mit Malhorndekor, die wohl durchweg in der Region Berneck SG in der zweiten Hälfte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts gefertigt wurden.  Zumeist handelt es sich um Schüsseln und Platten mit scharfkantigem Kragenrand, Terrinen sowie Milchtöpfe, die auch mit Farbkörper in der Grundengobe vorkommen.

Hervorzuheben ist eine hübsche kleine Teekanne, die in ihrer Gestaltung auch direkt aus Heimberg-Steffisburg im Kanton Bern stammen könnte, jedoch gibt es derzeit für einen Keramikhandel über diese Distanzen keinen gesicherten Beleg.

Die Keramik aus der Genfersee-Region ist mit einem typischen Henkeltopf vertreten, der mit einer einfachen Tulpe bemalt ist.

Aus dem süddeutschen Raum, vermutlich dem Grossraum Augsburg, stammen typische hellscherbige Irdenwaren, die wohl dem 19. Jahrhundert zugeordnet werden können. Sie tragen entweder eine gelbliche oder manganschwarze Glasur und manchmal grünen Spritzdekor. Vorhanden sind die typischen Formen: Kaffeekanne und Kochtopf mit oberrandständigen Henkeln.

Gut vertreten ist auch manganglasiertes Geschirr des 19. Jahrhunderts in unterschiedlichen Qualitäten, die belegen, dass offenbar neben den Produktionsbetrieben in Kilchberg-Schooren weitere Hersteller den Markt bedienten. Vorhanden sind bauchige Kannen, birnbäuchige Kaffeekannen, Teller mit reliefiertem Rand, ovale Platten und Terrinen.

Ab dem späten 19. Jahrhundert findet auch Braungeschirr mit seiner charakteristischen, angeblich bleifreien Lehmglasur, einen Markt in der Schweiz. Die Hersteller sind unbekannt, dürften jedoch im ehemaligen Deutschland,  vor allem in Schlesien, zu suchen sein. Vorhanden sind zwei der typischen, flachbodigen Henkeltöpfe (Milchtöpfe).

Eine jüngere Keramikgruppe, die stilistisch den 1930er- bis 1950er-Jahren zuzuordnen sein dürfte, bilden eine Tasse und ein Henkeltopf mit typischer rosabeiger Grundengobe und mit der Spritzpistole aufgetragenem Schablonendekor. Diese Gruppe ist in Graubünden in zahlreichen Museen vertreten. In keinem Fall sind Marken belegt, sodass die exakte Herkunft (Produktion in der Schweiz oder in Deutschland?) zur Zeit noch unklar ist.

Steinzeug ist nur durch einen kleinen Doppelhenkeltopf „Westerwälder Art“ vertreten. Dies ist im 19. und 20. Jahrhundert die üblichste Steinzeugform in der Schweiz. Sie hatte Aufgaben in der Vorratshaltung zu erfüllen (Vorratstöpfe, Schmalztöpfe, Marmeladen- und Sauerkrauttöpfe.

Steingut ist mit unterschiedlichen Funktionsformen aus dem Bereich des Kaffeegeschirrs und der Hygienekeramik vertreten. Zahlreiche Stücke mit blauem oder schwarzem Umdruckdekor lassen sich aufgrund der Motive eindeutig der Manufaktur von Johannes Scheller in Kilchberg-Schooren am Zürichsee zuweisen.

Daneben sind ein Teller aus dem baden-württembergischen Hornberg und eine Kaffeetasse/Untertasse aus  der Firma Utzschneider & Co in Saargemünd vorhanden. Von dieser Firma stammt auch ein umfangreicheres Service mit dem roten Umdruckmuster „EPINE“. Auch ein Waschgeschirr und ein Nachttopf stammen aus derselben grossen Fabrik. Aus Mettlach stammt nur eine Schüssel von Villeroy&Boch.

Etwas aus dem Rahmen fallen ein eingeflochtener Teller und ein Milchkännchen. Es ist mit bunt bemalten Reliefauflagen und einem Kupferlüster verziert und dürfte zwischen 1840 und 1850 in Staffordshire gefertigt worden sein.

Das Porzellan bildet eine sehr variable Gruppe. Es handelt sich um eine Kaminvase aus Böhmen oder Sachsen (Manufaktur Christian Fischer, Zwickau oder Pirkenhammer), einen ungemarkten Becher „Zum Andenken“, ein Patengeschenk und weitere Andenken- bzw. Geburtstagskeramik (Serie von fünf Tassen und Untertassen mit Aufglasur-Druckdekor von Carl Tielsch, Waldenburg-Altwasser, heute Stary Zdrój, Deutschland/Polen, Schlesien, heute Woiwodschaft Niederschlesien).

Eine kleine Vase mit der Ansicht der Waltensburger Kirche gehört zum touristischen Nippes. Aus dem Rahmen dieser Kollektion fällt eine japanische Teetasse/Untertasse aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Kranichmotiven.

Zwei Zündholzsteine aus massivem Porzellan, von denen einer noch 1952 in Langenthal, Kanton Bern hergestellt wurde, beschliessen die Sammlung.

Dank

Die CERAMICA-Stiftung dankt  Guido Dietrich, Museumskommission Waltensburg, sehr herzlich für die aktive Unterstützung der Inventarisationsarbeiten und die Informationen zur Museumsgeschichte und den Objekten.

Bibliographie:

Jenny 1987
Georg Jenny, Dorfmuseum „Arcun da Tradiziun“ in Waltensburg/Vuorz, in: Terra Grischuna, 1987, Heft 3, 59-61.