Springfederdekor

Langnau im Emmental, Kanton Bern, Teller mit Springfederdekor, Ritzdekor und Malhorndekor, datiert 1827. Die Verwendung nur einer einfachen weissen Grundengobe lässt die Dekormotive und die runden Punkte des Springfedermotivs rötlich schimmern.

Zu den Techniken, bei denen beim Dekorieren Ton aus der Oberfläche des Scherbens entfernt oder verdrängt wird, gehört auch der in der Deutschschweiz und im gesamten nordwestdeutschen bzw. skandinavischen Raum bekannte Springfederdekor. Diese Technik findet sich aber auch schon in der Antike bei Griechen und Römern und heute in Indien und Japan («tobikanna»). Er kann aufgrund seiner Herstellungstechnik auch als «gehackter Dekor» oder wegen der Herstellungsgeräusches als «Ratterdekor» oder «Ratterblechverzierung» bezeichnet werden kann. Im Zusammenhang mit der schweizerischen Keramik Heimberger Art ist  vom «Hämmerband» die Rede (Heege 2019a; Heege 2019b mit relevanter Literatur zum Thema).

Herstellung von Springfederdekor in Røros in Südnorwegen  (links) bzw. in der Werkstatt von Ulrich Kohler in Schüpbach BE (rechts). In beiden Fällen befinde sich unter der weissbrennenden Engobe eine dunkle Engobe, die die eingehackten Löcher des Musters nach dem Glasieren dunkel hervortreten lässt.

Der Dekor kann bei nichtengobierten und engobierten Gefässen angebracht werden und findet sich meist in Kombination mit anderen Dekortechniken. Für die Herstellung dieses Dekors gibt es mindestens zwei technische Lösungen. Zum einen handelt es sich um die Herstellung mit Hilfe einer federnden Metall-Lamelle mit unterschiedlich breitem oder spitzem, abgewinkeltem, scharfkantigem Ende. Der Töpfer drückt diese leicht gegen den sich auf der Töpfer- oder Rändelscheibe drehenden Keramikgegenstand, der aufgrund der Drehenergie die Lamelle in einer repetitiv-federnd-wippenden Bewegung reflektiert. Dabei werden je nach Trocknungszustand des Gefässes kleinere oder grössere, rundliche bis längliche Mulden in die Grundengobe oder Gefässoberfläche geschlagen, die unter der Glasur tendenziell «dunkel» wirken. So lassen sich Kreise oder Spiralen bilden.

Moderne Springfedern in der Potteriet Røros in Südnorwegen, 2019 (Foto mit freundlicher Genehmigung von Potteriet Røros).

Rollrädchen «Rouleau» aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Hilfe stellt die Werkstatt Kohler in Schüpbach BE «Springfederdekor» her.

Dasselbe Muster kann jedoch auch mit einem Metallrädchen oder «Rouleau» erzeugt werden. Gegenüber Originalscherben mit Springfederdekor lässt sich nach dem Glasieren mit dem blossen Auge kein Unterschied erkennen. Technologisch korrekt müsste diese zweite Herstellungsvariante eigentlich den Rollstempeldekoren zugeordnet werden.

 

Schleswig-Holsteinischer Fischteller (Ehlers 1967, 82), Foto Frauke Witte, Haderslev (SOC)

Springfederdekor ist in der Neuzeit eine mecklenburgische oder schwedische Erfindung der Zeit um 1600. Die älteste, absolut datierte Keramik mit Springfederdekor befand sich an Bord der 1628 untergegangenen «Vasa». Im Verlaufe des 17. und frühen 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Dekortechnik in ganz Skandinavien, Polen, Tschechien, Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz. Es verwundert nicht, dass sie mit ausgewanderten deutschen oder schweizerischen Töpfern auch in die USA gelangte und z.B. in Pennsylvania gefertigt wurde.

Heute wird Springfederdekor in Europa nur noch in sehr wenigen Werkstätten traditionell gefertigt. Eine dieser Werkstätten befindet sich in Røros in Südnorwegen. In Skandinavien wird Springfederdekor mit  «Hemring» oder «Hammerkrok» bezeichnet.

Film zum Springfederdekor

Film zum Springfederdekor

Frz.: décor guilloché, guilloché à la roulette dentelée

Engl.: chattered decoration, chattering

Bibliographie:

Barber 1903
Edwin Atlee Barber, Tulip ware of the Pennsylvania-German Potters. An historical Sketch of the Art of Slip-Decoration in the United States (Neuauflage 1970), New York 1903.

Blondel 2001
Nicole Blondel, Céramique, vocabulaire technique, Paris 2014, 204.

Ehlers 1967
Louis Ehlers, Dansk Lertøj, København 1967.

Heege 2019
Andreas Heege, Springfederdekor – Chattering – Décor guilloché – Hemrad dekor. The history and development of a decorative technique found on 17th- to 19th century earthenware ceramics from Scandinavia, Poland, Germany, Switzerland, Austria and Liechtenstein, in: Europa postmedievalis 1, 2019, 1-12.

Heege 2019
Andreas Heege, Springfederdekor – Zur Entstehung einer speziellen Dekortechnik im deutschen Sprachraum, in: Hans-Georg Stephan, Keramik in Norddeutschland. Beiträge des 48. Internationalen Symposiums für Keramikforschung (Hallesche Beiträge zur Archäologie des Mittelalters 3), Langenweissbach 2019, 84-99.