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Aschaffenburg, Damm, Steingutfabrik (1827–1884) – Porzellanfiguren

Betrifft auch: Höchst, Porzellanmanufaktur (1746–1796) und Passau, Dressel, Kister und Cie sowie Nachfolgebetriebe (1853–1942)

Roland Blaettler, Andreas Heege 2019

Die Höchster Porzellanmanufaktur (Hessen) ist bekannt für die Vielfalt ihrer Figuren, die während der 50jährigen Produktionszeit von zahlreichen Modelleuren geschaffen wurden. Diese orientierten sich oft an Meissener Vorbildern, die sie nachahmten oder variierten. Nach grafischen Vorlagen wurden aber auch eigene Modelle entworfen (Stahl 1994, 185-314).  Sie konnten sowohl als Biscuit ausgeführt sein, als auch unbemalt bleiben oder farbig staffiert verkauft werden.

Nachdem die Porzellanmanufaktur in Höchst 1796 geschlossen worden war, wurde die Fabrik samt Inventar am 26. August 1798 versteigert. 1840 erwarb Daniel Ernst Müller die alten Figurenmodelle für die von ihm 1827 gegründete Steingutfabrik in Aschaffenburg, Damm (Bayern). Mit ihrer Hilfe wurden neue Arbeitsformen aus Gips geschaffen und gebrannte Tonmodelle zur Formensicherung hergestellt. Bis 1884 entstanden so zum Teil retuschierte Steingutfiguren, vereinzelt auch Porzellanausformungen der beliebten Höchster Figuren (Stenger 1949; Schad 1991; Zoike 1986; Stahl 1994, 297-302).

1886–1887 gelangten die Formen in den Besitz der 1755 gegründeten Steingutfabrik Franz  Anton Mehlem in Poppelsdor bei Bonn. Die alten Formen wurden restauriert und neue Steingutfiguren ausgeformt,  die  jedoch nicht in den Verkauf gelangten (Stahl 1994,  302). 1903 wurden etwa 350 Modelle von der Porzellanfabrik Dressel, Kister und Cie in Passau (1853-1919) erworben. Dort wurden sie erneut retuschiert und vermutlich bis 1919 als Porzellanfiguren ausgeformt. Sei es in Aschaffenburg, Damm oder in Passau, die neuen Ausformungen wurden fast systematisch mit der Höchster Radmarke versehen, manchmal in Zusammenhang mit dem Buchstaben «D» (HMO 8661), manchmal mit einem Bischofsstab (Passau, Reber 1988, 192–200; Werhahn 2002).

1919 wurde die Firma verkauft und firmierte bis zum Konkurs im Jahr 1936 unter „Aelteste Volkstedter Porzellanfabrik AG, Zweigniederlassung Passau“. 1927 bestellte die Stadt Höchst noch vor ihrer Eingemeindung nach Frankfurt dort einen kompletten, neu ausgeformten Satz von allen erhaltenen Höchster Modellen. Die rund 350 „Alt-Höchster Reproduktionen” sind bis heute in den festlich ausgestatteten Zimmern des Bolongaropalastes in Frankfurt-Höchst ausgestellt und werden vom Historischen Museum Frankfurt wissenschaftlich betreut.

Von 1937 bis 1942 wurde die Produktion als „Porzellanfabrik Passau“ fortgesetzt, bevor der Betrieb  am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört und geplündert wurde.  „Alt-Höchster Reproduktionen“ wurden mit den vorhandenen Modeln letztlich wohl bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Passauer Porzellanmanufaktur  hergestellt.

Ein Teil der Formen kam in das Oberhausmuseum in Passau und wurde bei dessen Auflösung an einen Privatmann verkauft, der sie an die Porzellanmanufaktur Frankenthal weiterverkaufte. Nach deren Stilllegung um 1950 verlieren sich die Spuren der Formen (Stahl 1994, 302).

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950). Sulgen 2014, 382.

Reber 1988
Horst Reber, Höchster Porzellan aus drei Jahrhunderten. Ausstellung zu Aspekten der Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Hohenberg an der Eger 1988.

Schad 1991
Brigitte Schad, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm 1840-1884. Aschaffenburg 1991.

Stahl 1994
Patricia Stahl, Höchster Porzellan 1746-1796. Katalog zur Ausstellung Höchster Porzellan 1994, Frankfurt 1994.

Stenger 1949
Erich Stenger, Die Steingutfabrik Damm bei Aschaffenburg 1827-1884. Aschaffenburg 1949.

Werhahn 2002
Maria Christiane Werhahn, Die Porzellanfiguren der Passauer Manufaktur aus den Höchster Originalformen. Ein Beitrag zur Geschichte des Porzellans im 19. und 20. Jahrhundert. Neuss 2002.

Zoike 1986
Birgit Zoike, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm nach Formen der kurmainzischen Porzellanmanufaktur in Höchst am Main (Höchster Geschichtshefte 44). Frankfurt 1986.

 

 

Höchst, Porzellanmanufaktur (1746–1796) – Porzellanfiguren

Betrifft auch: Aschaffenburg, Damm, Steingutfabrik (1827–1884), Passau, Dressel, Kister und Cie  sowie Nachfolgebetriebe (1853–1942)

Roland Blaettler, Andreas Heege 2019

Die Höchster Porzellanmanufaktur (Hessen) ist bekannt für die Vielfalt ihrer Figuren, die während der 50jährigen Produktionszeit von zahlreichen Modelleuren geschaffen wurden. Diese orientierten sich oft an Meissener Vorbildern, die sie nachahmten oder variierten. Nach grafischen Vorlagen wurden aber auch eigene Modelle entworfen (Stahl 1994, 185-314).  Sie konnten sowohl als Biscuit ausgeführt sein, als auch unbemalt bleiben oder farbig staffiert verkauft werden.

Nachdem die Porzellanmanufaktur in Höchst 1796 geschlossen worden war, wurde die Fabrik samt Inventar am 26. August 1798 versteigert. 1840 erwarb Daniel Ernst Müller die alten Figurenmodelle für die von ihm 1827 gegründete Steingutfabrik in Aschaffenburg, Damm (Bayern). Mit ihrer Hilfe wurden neue Arbeitsformen aus Gips geschaffen und gebrannte Tonmodelle zur Formensicherung hergestellt. Bis 1884 entstanden so zum Teil retuschierte Steingutfiguren, vereinzelt auch Porzellanausformungen der beliebten Höchster Figuren (Stenger 1949; Schad 1991; Zoike 1986; Stahl 1994, 297-302).

1886–1887 gelangten die Formen in den Besitz der 1755 gegründeten Steingutfabrik Franz  Anton Mehlem in Poppelsdor bei Bonn. Die alten Formen wurden restauriert und neue Steingutfiguren ausgeformt,  die  jedoch nicht in den Verkauf gelangten Stahl 1994,  302). 1903 wurden etwa 350 Modelle von der Porzellanfabrik Dressel, Kister und Cie in Passau (1853-1919) erworben. Dort wurden sie erneut retuschiert und vermutlich bis 1919 als Porzellanfiguren ausgeformt. Sei es in Aschaffenburg, Damm oder in Passau, die neuen Ausformungen wurden fast systematisch mit der Höchster Radmarke versehen, manchmal in Zusammenhang mit dem Buchstaben «D» (HMO 8661), manchmal mit einem Bischofsstab (Passau, Reber 1988, 192–200; Werhahn 2002). 1919 wurde die Firma verkauft und firmierte bis zum Konkurs im Jahr 1936 unter „Aelteste Volkstedter Porzellanfabrik AG, Zweigniederlassung Passau“. 1927 bestellte die Stadt Höchst noch vor ihrer Eingemeindung nach Frankfurt dort einen kompletten, neu ausgeformten Satz von allen erhaltenen Höchster Modellen. Die rund 350 „Alt-Höchster Reproduktionen” sind bis heute in den festlich ausgestatteten Zimmern des Bolongaropalastes in Frankfurt-Höchst ausgestellt und werden vom Historischen Museum Frankfurt wissenschaftlich betreut.

Von 1937 bis 1942 wurde die Produktion als „Porzellanfabrik Passau“ fortgesetzt, bevor der Betrieb  am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört und geplündert wurde.  „Alt-Höchster Reproduktionen“ wurden mit den vorhandenen Modeln letztlich wohl bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Passauer Porzellanmanufaktur  hergestellt.

Ein Teil der Formen kam in das Oberhausmuseum in Passau und wurde bei dessen Auflösung an einen Privatmann verkauft, der sie an die Porzellanmanufaktur Frankenthal weiterverkaufte. Nach deren Stilllegung um 1950 verlieren sich die Spuren der Formen (Stahl 1994, 302).

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950). Sulgen 2014, 382.

Reber 1988
Horst Reber, Höchster Porzellan aus drei Jahrhunderten. Ausstellung zu Aspekten der Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Hohenberg an der Eger 1988.

Schad 1991
Brigitte Schad, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm 1840-1884. Aschaffenburg 1991.

Stahl 1994
Patricia Stahl, Höchster Porzellan 1746-1796. Katalog zur Ausstellung Höchster Porzellan 1994, Frankfurt 1994.

Stenger 1949
Erich Stenger, Die Steingutfabrik Damm bei Aschaffenburg 1827-1884. Aschaffenburg 1949.

Werhahn 2002
Maria Christiane Werhahn, Die Porzellanfiguren der Passauer Manufaktur aus den Höchster Originalformen. Ein Beitrag zur Geschichte des Porzellans im 19. und 20. Jahrhundert. Neuss 2002.

Zoike 1986
Birgit Zoike, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm nach Formen der kurmainzischen Porzellanmanufaktur in Höchst am Main (Höchster Geschichtshefte 44). Frankfurt 1986.

 

 

Hornberg, Baden-Württemberg, Deutschland

Steingutfabrik der Gebrüder Horn in Hornberg, Baden-Württemberg, Lithographie von Charles Fassoli, Strassburg, 1864

Keramik in CERAMICA CH

Andreas Heege 2019

Wichtige Konkurrenten der schweizerischen Fayence- und Steingutproduktion waren verschiedene südwestdeutsche Manufakturen. Diese hatten angesichts der unzureichenden schweizerischen Produktionsverhältnisse, zumindest in der Deutschschweiz in den 1820er- bis 1840er-Jahren so etwas wie ein «Monopol», stand ihren Produkten doch wohl nur eine begrenzte lokale Herstellung gegenüber. Es handelt sich um die badischen Manufakturen Zell am Harmersbach (ab 1794, wechselnde Besitzer, bis heute in Produktion), Hornberg (1817–1912, heute Duravit Sanitärkeramik) sowie das württembergische Schramberg (1820–1882, ab 1829 unter Uechtritz & Faist firmierend, 1883–1911 Villeroy & Boch, ab 1912 Schramberger Majolika Fabrik) und zahlreiche weitere kleine Produktionsorte im süddeutschen Raum (Zu den genannten Produktionsorten: Kybalová 1990, 121–126; Simmermacher 2002; Kronberger-Frentzen 1964; Schüly 2000. Zu Zell am Harmersbach: Spindler 2005; Sandfuchs 1989. Zu Schramberg: Waller 1872, 109–111; Singer 1918, 45–47; Preger 1977; Heege 2013. Schramberg unter Villeroy und Boch: Thomas 1976, 42–43; Thomas 1977, 29).

Die wichtigsten Steingutmanufakturen nördlich der Schweiz (nach Brandl 1993, 22 verändert).

Die teilweise wohl überragende Konkurrenz spiegelt sich auch in den Berichten zu den bernischen Industriemessen von 1848 bzw. 1857 (Frei 1951; Frei 1952).

Zu Hornberg gibt es leider bis heute keine modernen Ansprüchen genügende Geschichte der Firma und ihrer Produkte (vgl. bisher: Kronberger-Frentzen 1964, 51-64; Bühler/Schmidt 1967; Hitzfeld 1970; Simmermacher 2002, 48-59; auch Stein Marks).

Bekannt ist die frühe Keramikproduktion von Hornberg vor allem für ihr mit Umdruckdekoren verziertes Bildergeschirr. Zahlreiche Keramiken aus Hornberg, vor allem mit schweizerischen Motiven, verwahrt das Historische Museum in Basel.

Fabrikperioden

Steingut-Manufaktur Georg Friedrich Horn (1817 bis 1822)
Steingutfabrik Gebrüder Horn (1822 bis 10.12.1903)
Steingutfabrik Hornberg AG, vormals Gebrüder Horn (11.12.1903 bis 20.7.1906)
Schwarzwälder Steingutfabrik AG (21.7.1906 bis 4.5.1910)
Steingutfabrik Schwarzwald GmbH (31.12.1910 bis 1941)

Aufgabe der Geschirrproduktion 1912

Duravit GmbH (1960 bis 1988)
Duravit AG (1988 bis …., Sanitärkeramik)

Bibliographie:

Brandl 1993
Andrea Brandl, Aschacher Steingut. Die Steingutfabrik (1829-1861) des Schweinfurter Industriellen Wilhelm Sattler (Schweinfurter Museumsschriften 55), Schweinfurt 1993.

Bühler/Schmidt 1967
Carl Bühler/Eckhard Schmidt, Vom Steingut Geschirr zur Sanitär Keramik. 150 Jahre im Dienste der Keramik, Hornberg 1967.

Frei 1951
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil I, in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 20, 1951, 4-7.

Frei 1952
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil II., in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 21, 1952, 3-6.

Heege 2013
Andreas Heege, Ein unbekanntes Musterbuch der ersten königlich württembergischen Steingutmanufaktur Schramberg (Uechtritz&Faist) aus der Zeit nach 1855 in: Harald Siebenmorgen, Blick nach Westen. Keramik in Baden und im Elsass. 45. Internationales Symposium Keramikforschung Badisches Landesmuseum Karlsruhe 24.8.-28.9.2012, Karlsruhe 2013, 107-115.

Hitzfeld 1970
Karlleopold Hitzfeld, Hornberg an der Schwarzwaldbahn. Vergangenheit und Gegenwart der Stadt des Hornberger Schiessens, Hornberg 1970.

Kronberger-Frentzen 1964
Hanna Kronberger-Frentzen, Altes Bildergeschirr. Bilderdruck auf Steingut aus süddeutschen und saarländischcen Manufakturen, Tübingen 1964.

Kybalová 1990
Jana Kybalová, Steingut, Prag 1990.

Preger 1977
Max Preger, Schramberger Bildergeschirr, in: Schwäbische Heimat, 1977, Heft 4, 311-319.

Sandfuchs 1989
Bertram Sandfuchs, Zeller Keramik seit 1794: Ausstellung „Zeller Keramik“ zum 850jährigen Stadtjubiläum, 7. Mai – 17. Septemberg 1989, Zell 1989.

Schüly 2000
Maria Schüly, Antikisches Geschirr aus dem Schwarzwald. Die Steingutmanufaktur in Zell, Hornberg und Schramberg, in: Martin Flashar, Europa à la Grecque. Vasen machen Mode, München 2000, 124-129.

Simmermacher 2002
René Simmermacher, Gebrauchskeramik in Südbaden, Karlsruhe 2002.

Singer 1918
F. X. Singer, Schwarzwaldbuch. Ein Volksbuch für Heimatkunde und Heimatpflege (zunächst) in Stadt und Bezirk Oberndorf, Oberndorf 1918.

Spindler 2005
Konrad Spindler, Ein Grubeninhalt der Zeit kurz nach 1900 aus Riezlern, Gem. Mittelberg, im Kleinen Walsertal, Vorarlberg – Keramik, Glas und Metall, in: Jahrbuch Vorarlberger Landesmuseumsverein 149, 2005, 67-106.

Thomas 1976
Thérèse Thomas, Villeroy & Boch. Keramik vom Barock bis zur Neuen Sachlichkeit. Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Mettlach 1976.

Thomas 1977
Thérèse Thomas, Villeroy&Boch 1748-1930. Keramik aus der Produktion zweier Jahrhunderte, Amsterdam 1977.

Waller 1872
German Waller, Chronik der Stadt und ehemaligen Herrschaft Schramberg sowie Ortsbeschreibung von Schramberg, Wolfach 1872.

Meissen-Porzellanmanufaktur, Sachsen, «Brühl‘sches Allerlei»-Service, 1743–47

Roland Blaettler 2019

Graf Heinrich von Brühl (1700–1763) war eine der mächtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten des Fürstentums Sachsen und des Königreichs Polen unter der Herrschaft von August dem Starken und seinem Nachfolger Friedrich August II. Er hatte das volle Vertrauen des Königs. Dieses ging so weit, dass August II. Brühl mit öffentlichen Ämtern buchstäblich überschüttete. Nach dem 1733 erfolgten Tod von August dem Starken ver­mochte Brühl unter dessen eindeutig schwächerem Nachfolger seine Stellung noch auszubauen und wurde 1746 Premierminister. Zu den vielen Funktionen, die er während seiner Karriere ausübte, gehörte die Direktion der Porzellanmanufaktur Meissen.

Graf von Brühl zeichnete sich auch als Kunstsammler aus. In seinem Palais in Dresden und in den Bauten des Brühl’schen Gartens richtete er eine Bibliothek und eine Gemäldegalerie ein. Brühl war ein typischer Vertreter des Absolutismus; er achtete darauf, seine Macht mittels eines überaus prunkvollen Lebensstils zur Schau zu stellen. Das Meissener Porzellan spielte bei der Prachtentfaltung in seinen verschiedenen Schlössern eine entscheidende Rolle. Unter den vielen Aufträgen, die er in Meissen ausführen liess, gibt es zwei grosse Services, die in der Geschichte des europäischen Porzellans Furore machten: zum einen das berühmte Schwanenservice von 1737–1742, zum anderen das «Brühl’sche Allerlei», so genannt nach seinem alle Teile schmückenden Reliefdekor. Dieses Service, das am Ende mehr als 2000 Stücke zählte, beschäftigte die Manufaktur von 1742 bis 1747 (Lessmann 2000). Die Formen sind hauptsächlich das Werk von Johann Friedrich Eberlein (1695–1749), dem zweiten Modelleur neben Johann Joachim Kändler. Mitarbeiter war Johann Gottlieb Ehder (1716/17–1750). Der gemalte Dekor kombiniert «deutsche Blumen», Früchte und Gemüse nach Kupferstichen, unter anderem aus den vier Bänden Phytanthoza Iconographia von Wilhelm Weinmann, welche zwischen 1737 und 1745 in Regensburg herauskamen. Die Weinmann’schen Vorlagen wurden vornehmlich für Früchte und Gemüse verwendet. Wie alle grossen Ensembles dieser Art bestand das Gedeck ursprünglich aus einem Speise- und Dessertservice. Die Stücke des Dessertservice trugen in der Regel die «Conditorey»-Marke «C» (siehe HMO 8766).

Von diesem Service findet man heute nur noch verhältnismässig wenige und meist nur vereinzelte Stücke in öffentlichen Sammlungen (Cassidy-Geiger 2008, 462–465, zwei Teller und eine Terrine). Das grösste Konvolut hütet die Ermitage in St. Petersburg mit 38 Objekten. Weitere Teile befinden sich in amerikanischem Privatbesitz oder wurden öffentlich versteigert, wie beispielsweise 1977 in London bei Sotheby’s und 2012 in New York bei Christie’s. Vier Teller befinden sich heute im Historischen Museum in Olten (HMO 8565, HMO 8566, HMO 8765 und HMO 8766). Sie gelangten dorthin im Jahr 1959 mit dem Legat Maria Christen-Faesch (Felchlin 1961, 12). Einen fünften Teller bewahrt das Château de Nyon (MHPN MH-PO-4382).

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 282.

Bodinek 2019
Claudia Bodinek, Ein Meissener Porzellanservice für den Grafen – Das Brühl’sche Allerlei. Keramos 235/236, 2017 (erschienen 2019), 4–134.

Cassidy-Geiger 2008
Maureen Cassidy-Geiger, The Arnold Collection of Meissen Porcelain 1710-1750. New York/London 2008.

Felchlin 1961
Maria Felchlin, Die Bedeutung der Porzellansammlung Maria Christen-Faesch im Historischen Museum Olten (Sonderdruck aus Heimat und Volk, Beilage zum Oltner Tagblatt). Olten 1961.

Lessmann 2000
Johanna Lessmann, Das „Brühlsche Allerlei“, ein Service für Heinrich Graf von Brühl. In: Ulrich Pietsch (Hg.), Schwanenservice. Meissener Porzellan für Heinrich Graf von Brüh. Ausstellungskatalog, Dresdener Schloss. Dresden 2000, 106–118.

Reinheckel 1990
Günther Reinheckel, Meissner Prunkservice. Stuttgart 1990.

Meissen-Porzellanmanufaktur, Sachsen, Notgeld 1921

 

 Roland Blaettler 2019

Infolge des Mangels an Klein-und Wechselgeld in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland vielerorts Notgeld aus Ersatzmaterialien in Umlauf gebracht, von Ländern, Kreisen, Städten und Gemeinden, ja sogar von Banken und Handelsgesellschaften. Auch das Meissener Biskuitporzellan, aber vor allem das weniger schmutzanfällige Böttgersteinzeug kamen in diesem Zusammenhang zum Einsatz (HMO 8854 bis HMO 8883). Dieser besondere Produktionszweig erlebte in der Manufaktur quantitative Höhepunkte in den Jahren 1921–1924.

Der Freistaat Sachsen brachte zu Beginn des Jahres 1921 als erstes Land Meissener Notgeld in Umlauf (HMO 8872; HMO 8861). Nicht alle in Meissen angefertigten Münzen hatten eine offizielle Gültigkeit. Für Sachsen wurden zum Beispiel 5, 10 und 20 Mark-Stücke herausgegeben, die laut Verordnung des Finanzministeriums «nur Sammlerwert» hatten (Scheuch 1995). Fast alle Meissener Münzen gehen auf Entwürfe von Paul Börner (1888–1970) zurück, der 1910 in der Manufaktur als Maler seine Anfänge machte. Zwei Jahre später war er als Modelleur tätig und von 1930 bis 1937 war er Direktor der künstlerischen Abteilung (Marusch-Krohn 1993, 40–44).

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 388.

 Marusch-Krohn 1993
Caren Marusch-Krohn, Meissener Porzellan 1918–1933. Die Pfeifferzeit. Leipzig 1993.

Scheuch 1995
Karl Scheuch, Münzen aus Porzellan und Ton der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen und anderer keramischer Fabriken des In- und Auslandes. Gütersloh 1995.

Passau, Dressel, Kister und Cie (1853–1942) – Porzellanfiguren

Betrifft auch: Höchst, Porzellanmanufaktur (1746–1796), Aschaffenburg, Damm, Steingutfabrik (1827–1884)

Roland Blaettler, Andreas Heege 2019

Die Höchster Porzellanmanufaktur (Hessen) ist bekannt für die Vielfalt ihrer Figuren, die während der 50jährigen Produktionszeit von zahlreichen Modelleuren geschaffen wurden. Diese orientierten sich oft an Meissener Vorbildern, die sie nachahmten oder variierten. Nach grafischen Vorlagen wurden aber auch eigene Modelle entworfen (Stahl 1994, 185-314).  Sie konnten sowohl als Biscuit ausgeführt sein, als auch unbemalt bleiben oder farbig staffiert verkauft werden.

Nachdem die Porzellanmanufaktur in Höchst 1796 geschlossen worden war, wurde die Fabrik samt Inventar am 26. August 1798 versteigert. 1840 erwarb Daniel Ernst Müller die alten Figurenmodelle für die von ihm 1827 gegründete Steingutfabrik in Aschaffenburg, Damm (Bayern). Mit ihrer Hilfe wurden neue Arbeitsformen aus Gips geschaffen und gebrannte Tonmodelle zur Formensicherung hergestellt. Bis 1884 entstanden so zum Teil retuschierte Steingutfiguren, vereinzelt auch Porzellanausformungen der beliebten Höchster Figuren (Stenger 1949; Schad 1991; Zoike 1986; Stahl 1994, 297-302).

1886–1887 gelangten die Formen in den Besitz der 1755 gegründeten Steingutfabrik Franz  Anton Mehlem in Poppelsdor bei Bonn. Die alten Formen wurden restauriert und neue Steingutfiguren ausgeformt,  die  jedoch nicht in den Verkauf gelangten (Stahl 1994,  302). 1903 wurden etwa 350 Modelle von der Porzellanfabrik Dressel, Kister und Cie in Passau (1853-1919) erworben. Dort wurden sie erneut retuschiert und vermutlich bis 1919 als Porzellanfiguren ausgeformt. Sei es in Aschaffenburg, Damm oder in Passau, die neuen Ausformungen wurden fast systematisch mit der Höchster Radmarke versehen, manchmal in Zusammenhang mit dem Buchstaben «D» (HMO 8661), manchmal mit einem Bischofsstab (Passau, Reber 1988, 192–200; Werhahn 2002). 1919 wurde die Firma verkauft und firmierte bis zum Konkurs im Jahr 1936 unter „Aelteste Volkstedter Porzellanfabrik AG, Zweigniederlassung Passau“. 1927 bestellte die Stadt Höchst noch vor ihrer Eingemeindung nach Frankfurt dort einen kompletten, neu ausgeformten Satz von allen erhaltenen Höchster Modellen. Die rund 350 „Alt-Höchster Reproduktionen” sind bis heute in den festlich ausgestatteten Zimmern des Bolongaropalastes in Frankfurt-Höchst ausgestellt und werden vom Historischen Museum Frankfurt wissenschaftlich betreut.

Von 1937 bis 1942 wurde die Produktion als „Porzellanfabrik Passau“ fortgesetzt, bevor der Betrieb  am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört und geplündert wurde.  „Alt-Höchster Reproduktionen“ wurden mit den vorhandenen Modeln letztlich wohl bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Passauer Porzellanmanufaktur  hergestellt.

Ein Teil der Formen kam in das Oberhausmuseum in Passau und wurde bei dessen Auflösung an einen Privatmann verkauft, der sie an die Porzellanmanufaktur Frankenthal weiterverkaufte. Nach deren Stilllegung um 1950 verlieren sich die Spuren der Formen (Stahl 1994, 302).

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950). Sulgen 2014, 382.

Reber 1988
Horst Reber, Höchster Porzellan aus drei Jahrhunderten. Ausstellung zu Aspekten der Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Hohenberg an der Eger 1988.

Schad 1991
Brigitte Schad, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm 1840-1884. Aschaffenburg 1991.

Stahl 1994
Patricia Stahl, Höchster Porzellan 1746-1796. Katalog zur Ausstellung Höchster Porzellan 1994, Frankfurt 1994.

Stenger 1949
Erich Stenger, Die Steingutfabrik Damm bei Aschaffenburg 1827-1884. Aschaffenburg 1949.

Werhahn 2002
Maria Christiane Werhahn, Die Porzellanfiguren der Passauer Manufaktur aus den Höchster Originalformen. Ein Beitrag zur Geschichte des Porzellans im 19. und 20. Jahrhundert. Neuss 2002.

Zoike 1986
Birgit Zoike, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm nach Formen der kurmainzischen Porzellanmanufaktur in Höchst am Main (Höchster Geschichtshefte 44). Frankfurt 1986.

 

 

Schramberg, Baden-Württemberg, Deutschland

Objekte in CERAMICA CH

Andreas Heege 2019

Wichtige Konkurrenten der schweizerischen Fayence- und Steingutproduktion waren verschiedene südwestdeutsche Manufakturen. Diese hatten angesichts der unzureichenden schweizerischen Produktionsverhältnisse, zumindest in der Deutschschweiz in den 1820er- bis 1840er-Jahren so etwas wie ein «Monopol», stand ihren Produkten doch wohl nur eine begrenzte lokale Herstellung gegenüber. Es handelt sich um die badischen Manufakturen Zell am Harmersbach (ab 1794, wechselnde Besitzer, bis heute in Produktion), Hornberg (1817–1912, heute Duravit Sanitärkeramik) sowie das württembergische Schramberg (1820–1882, ab 1829 unter Uechtritz & Faist firmierend) und zahlreiche weitere kleine Produktionsorte im süddeutschen Raum (Zu den genannten Produktionsorten: Kybalová 1990, 121–126; Simmermacher 2002; Kronberger-Frentzen 1964; Schüly 2000. Zu Hornberg vgl. auch: Hitzfeld 1970. Zu Zell am Harmersbach vgl. auch: Spindler 2005; Sandfuchs 1989). Die teilweise wohl überragende Konkurrenz spiegelt sich auch in den Berichten zu den bernischen Industriemessen von 1848 bzw. 1857 (Frei 1951; Frei 1952).

Die wichtigsten Steingutmanufakturen nördlich der Schweiz (nach Brandl 1993, 22 verändert).

Zu Schramberg (1820-1883) gibt es ganz aktuell eine monographische Aufarbeitung der Firmengeschichte, ihrer Produkte und ihrer Marken (Staffhorst 2020 – ISBN 978-3-9821496-0-8); vgl. bisher: Waller 1872, 109–111; Singer 1918, 45–47; Kronberger-Frenzen 1964, 65-76; Preger 1977; Heege 2013).

Zu Schramberg unter Villeroy und Boch: vgl. Thomas 1976, 42–43; Thomas 1977, 29, ausserdem: Brinkmann/Brinkmann 2016. Vgl. auch: www.porcelainmarksandmore.com).

Das 200jährige Firmenjubiläum, der heute nicht mehr produzierenden Schramberger Majolikafabrik würdigt  Buchholz 2020.

Perioden der Firmengeschichte

Faist’sche Steingutfabrik (1820 bis 1829)
Steingut- und Majolikafabrik Uechtritz & Faist (1829 bis 1883)
Villeroy & Boch, Niederlassung Schramberg (1883 bis 1912)
Schramberger Majolikafabrik (1912 bis 1989, ab 1918 G.m.b.H.

Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, dass für Schramberg sowohl zwei Musterbücher als auch Preislisten aus den 1850er-Jahren existieren, die einen guten Eindruck von der Produktion vermitteln.  Schramberg ist wie Zell am Harmersbach und Hornberg bekannt für seine Umdruckdekore.

Musterbuch I Schramberg, Baden-Württemberg , Deutschland

Musterbuch Schramberg II – Tafeln und Texte

Musterbuch Schramberg II – Preislisten

Musterbuch Schramberg II – Publikation, Baden-Württemberg, Deutschland

Bibliographie

Brandl 1993
Andrea Brandl, Aschacher Steingut. Die Steingutfabrik (1829-1861) des Schweinfurter Industriellen Wilhelm Sattler (Schweinfurter Museumsschriften 55), Schweinfurt 1993.

Brinkmann/Brinkmann 2016
Karl-Eugen Brinkmann/Margitta Brinkmann, Schramberg 1857-1912. Eine Keramikfabrik an der Schwelle zur Hochindustrie, Dillingen 2016 (ohne ISBN).

Buchholz 2020
Günter Buchholz, Schramberger Majolikafabrik. Die Steingutfabrik – Grundstein der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Stadt, Messkirch 2020.

Bühler/Schmidt 1967
Carl Bühler/Eckhard Schmidt, Vom Steingut Geschirr zur Sanitär Keramik. 150 Jahre im Dienste der Keramik, Hornberg 1967.

Frei 1951
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil I, in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 20, 1951, 4-7.

Frei 1952
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil II., in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 21, 1952, 3-6.

Heege 2013
Andreas Heege, Ein unbekanntes Musterbuch der ersten königlich württembergischen Steingutmanufaktur Schramberg (Uechtritz&Faist) aus der Zeit nach 1855 in: Harald Siebenmorgen, Blick nach Westen. Keramik in Baden und im Elsass. 45. Internationales Symposium Keramikforschung Badisches Landesmuseum Karlsruhe 24.8.-28.9.2012, Karlsruhe 2013, 107-115.

Hitzfeld 1970
Karlleopold Hitzfeld, Hornberg an der Schwarzwaldbahn. Vergangenheit und Gegenwart der Stadt des Hornberger Schiessens, Hornberg 1970.

Kronberger-Frentzen 1964
Hanna Kronberger-Frentzen, Altes Bildergeschirr. Bilderdruck auf Steingut aus süddeutschen und saarländischcen Manufakturen, Tübingen 1964.

Kybalová 1990
Jana Kybalová, Steingut, Prag 1990.

Preger 1977
Max Preger, Schramberger Bildergeschirr, in: Schwäbische Heimat, 1977, Heft 4, 311-319.

Sandfuchs 1989
Bertram Sandfuchs, Zeller Keramik seit 1794: Ausstellung „Zeller Keramik“ zum 850jährigen Stadtjubiläum, 7. Mai – 17. Septemberg 1989, Zell 1989.

Schüly 2000
Maria Schüly, Antikisches Geschirr aus dem Schwarzwald. Die Steingutmanufaktur in Zell, Hornberg und Schramberg, in: Martin Flashar, Europa à la Grecque. Vasen machen Mode, München 2000, 124-129.

Simmermacher 2002
René Simmermacher, Gebrauchskeramik in Südbaden, Karlsruhe 2002.

Singer 1918
F. X. Singer, Schwarzwaldbuch. Ein Volksbuch für Heimatkunde und Heimatpflege (zunächst) in Stadt und Bezirk Oberndorf, Oberndorf 1918.

Spindler 2005
Konrad Spindler, Ein Grubeninhalt der Zeit kurz nach 1900 aus Riezlern, Gem. Mittelberg, im Kleinen Walsertal, Vorarlberg – Keramik, Glas und Metall, in: Jahrbuch Vorarlberger Landesmuseumsverein 149, 2005, 67-106.

Staffhorst 2020
Andreas Staffhorst, Schramberger Steingut 1820-1882 (Schriftenreihe des Stadtarchivs und Stadtmuseums Schramberg 30), Schramberg 2020.

Thomas 1976
Thérèse Thomas, Villeroy & Boch. Keramik vom Barock bis zur Neuen Sachlichkeit. Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Mettlach 1976.

Thomas 1977
Thérèse Thomas, Villeroy&Boch 1748-1930. Keramik aus der Produktion zweier Jahrhunderte, Amsterdam 1977.

Waller 1872
German Waller, Chronik der Stadt und ehemaligen Herrschaft Schramberg sowie Ortsbeschreibung von Schramberg, Wolfach 1872.

Wallerfangen, Saarland, Deutschland, Villeroy&Boch

Wallerfanger Steingut in CERAMICA CH

Andreas Heege 2019

Lage der wichtigen Produktionsstandorte Saargemünd (Sarreguemines), Wallerfangen und Mettlach (nach Brandl 1993, 22 verändert).

Eckdaten der Wallerfanger Firmengeschichte:

1785 Gründung einer Fayencemanufaktur in Frauenberg. Dort eventuell Herstellung von bemaltem und unbemaltem Steingut? Erhaltene Objekte: Fayence
1791 Übersiedlung der Steingutmanufaktur von Frauenberg bei Saargemünd nach Wallerfangen
1815 Erster Aufglasur-Kupferstichdruck in Schwarz, Umdruckdekor
1825er-Jahre Aufnahme der Umdruckdekore in die laufende Produktion
1825 kurzfristige Produktion marmorierter Masse „Agate Ware“
1828/1829 Lüsterglasur versuchsweise
1836 Fusion mit Boch-Buschmann in Mettlach
1839 Schwarze Masse „Basalt“ produziert
1830er-Jahre: gelb getönte Masse „Caneware“ mit braunem und schwarzem Druckdekor
1836 gedruckte einfarbige Dekore mit Aufglasurmalerei (charakteristisch für 2.  Hälfte 19. Jh. )
1843 Einführung des Feldspatsteinguts „Porcelaine opaque“
1852 Produktionsbeginn von Knochenporzellan „Bone China“
1876 Einführung der typischen Merkurmarke (Stempelmarke).
1919-1931 Zusatz in der Firmenmarke „Saar-Basin“, nachdem 1919 französische Truppen einmarschiert und 1920 das Saarland vom Völkerbund unter französische Verwaltung gestellt worden war
1931 Stilllegung und Abbruch der Firmengebäude

Bibliographie

Adler 1991
Beatrix Adler, 200 Jahre Keramiktradition Vaudrevange/Wallerfangen 1791-1991, Mettlach 1991.

Adler 1995
Beatrix Adler, Wallerfanger Steingut. Geschichte und Erzeugnisse der Manufaktur Villeroy Vaudrevange (1791-1836) bzw. der Steingutfabrik Villeroy & Boch Wallerfangen (1836-1931), Saarbrücken 1995.

Brandl 1993
Andrea Brandl, Aschacher Steingut. Die Steingutfabrik (1829-1861) des Schweinfurter Industriellen Wilhelm Sattler (Schweinfurter Museumsschriften 55), Schweinfurt 1993.

Desens 1998
Rainer Desens, Villeroy & Boch. Ein Vierteljahrtausend europäische Industriegeschichte 1748-1998, Mettlach 1998.

Zell am Harmersbach, Baden-Württemberg, Deutschland

Objekte in CERAMICA CH

Andreas Heege 2019

Wichtige Konkurrenten der schweizerischen Fayence- und Steingutproduktion waren verschiedene südwestdeutsche Manufakturen. Diese hatten angesichts der unzureichenden schweizerischen Produktionsverhältnisse, zumindest in der Deutschschweiz in den 1820er- bis 1840er-Jahren so etwas wie ein «Monopol», stand ihren Produkten doch wohl nur eine begrenzte lokale Herstellung gegenüber. Es handelt sich um die badischen Manufakturen Zell am Harmersbach (ab 1794, wechselnde Besitzer, bis heute in Produktion), Hornberg (1817–1912, heute Duravit Sanitärkeramik) sowie das württembergische Schramberg (1820–1882, ab 1829 unter Uechtritz & Faist firmierend, 1883–1911 Villeroy & Boch, ab 1912 Schramberger Majolika Fabrik) und zahlreiche weitere kleine Produktionsorte im süddeutschen Raum (Zu den genannten Produktionsorten: Kybalová 1990, 121–126; Simmermacher 2002; Kronberger-Frentzen 1964; Schüly 2000. Zu Hornberg vgl. auch: Hitzfeld 1970. Zu Schramberg: Waller 1872, 109–111; Singer 1918, 45–47; Preger 1977; Heege 2013. Schramberg unter Villeroy und Boch: Thomas 1976, 42–43; Thomas 1977, 29. Vgl. auch: www.porcelainmarksandmore.com). Die teilweise wohl überragende Konkurrenz spiegelt sich auch in den Berichten zu den bernischen Industriemessen von 1848 bzw. 1857 (Frei 1951; Frei 1952).

Die wichtigsten Steingutmanufakturen nördlich der Schweiz (nach Brandl  1993, 22 verändert).

Zu Zell am Harmersbach gibt es leider bis heute keine modernen Ansprüchen genügende Geschichte der Firmen und ihrer Produkte (vgl. bisher: Kronberger-Frentzen  1964, 31-50; Spindler 2005; Baumgärtner 1989; Heisch 1999; Simmermacher 2002, 62-81).

Die inhaltlichen und chronologischen Informationen in

www.porcelainmarksandmore.com und 

www.porcelainmarksandmore.com

bedürften einer archivalischen Überprüfung und Präzisierung.

Fabrikperioden,  1. Zeller Steingutfabrik (Daten nach Baumgärtner 1989)

Zeller Fayencefabrik Joseph Anton Burger (ab 1794), Kompagnons Jakob Ferdinand Lenz ab 1802-1828 (ab 1819 Alleininhaber); Georg Schnitzler und David Knoderer, 1805-1809.
Zeller Steingut- und Porzellanfabrik Jakob Ferdinand Lenz (ab 1829) unter den Neffen Gottfried Ferdinand Lenz (ab 1860 Alleininhaber) und Wilhelm Schnitzler
Zeller Steingut- und Porzellanfabrik Jakob Ferdinand Lenz, Nachfolger (Besitzer Bruno Prössel, 1869-1874, dann Zwangsversteigerung)
Zeller Steingut- und Porzellanfabrik C. Schaaff (1874 bis 1907)
1907 Integration in Steingut- und Porzellanfabrik Georg Schmider

Fabrikperioden 2. Zeller Steingutfabrik

Zweite Zeller Steingut- und Porzellanfabrik (1859 bis 1897)
Steingut- und Porzellanfabrik Georg Schmider (1897 bis 1898)
Vereinigte Zeller Fabriken Georg Schmider (1898 bis 1990) – Inkorporation von Schaible & Co. (gegründet 1859) und Haager, Hoerth & Co. (gegründet 1873, als Keramikfabrik ab 1864 in Betrieb)
Zeller Keramik G.m.b.H. (1990 bis 1997)
Zeller Keramik Geschwister Hillebrand G.m.b.H. (1997 bis  2006)
Zeller Keramik Betriebs-GmbH (2006  bis …)

Bibliographie:

Baumgärtner 1989
Iris Baumgärtner, Zeller Keramik seit 1794: Ausstellung „Zeller Keramik“ zum 850jährigen Stadtjubiläum, 7. Mai – 17. September 1989, Zell 1989.

Brandl 1993
Andrea Brandl, Aschacher Steingut. Die Steingutfabrik (1829-1861) des Schweinfurter Industriellen Wilhelm Sattler (Schweinfurter Museumsschriften 55), Schweinfurt 1993.

Bühler/Schmidt 1967
Carl Bühler/Eckhard Schmidt, Vom Steingut Geschirr zur Sanitär Keramik. 150 Jahre im Dienste der Keramik, Hornberg 1967.

Frei 1951
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil I, in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 20, 1951, 4-7.

Frei 1952
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil II., in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 21, 1952, 3-6.

Heege 2013
Andreas Heege, Ein unbekanntes Musterbuch der ersten königlich württembergischen Steingutmanufaktur Schramberg (Uechtritz&Faist) aus der Zeit nach 1855 in: Harald Siebenmorgen, Blick nach Westen. Keramik in Baden und im Elsass. 45. Internationales Symposium Keramikforschung Badisches Landesmuseum Karlsruhe 24.8.-28.9.2012, Karlsruhe 2013, 107-115.

Heisch 1999
Josef Heisch, Chronik der Keramikfabrik Georg Schmider, Zell a.H. 1999.

Hitzfeld 1970
Karlleopold Hitzfeld, Hornberg an der Schwarzwaldbahn. Vergangenheit und Gegenwart der Stadt des Hornberger Schiessens, Hornberg 1970.

Kronberger-Frentzen 1964
Hanna Kronberger-Frentzen, Altes Bildergeschirr. Bilderdruck auf Steingut aus süddeutschen und saarländischcen Manufakturen, Tübingen 1964.

Kybalová 1990
Jana Kybalová, Steingut, Prag 1990.

Preger 1977
Max Preger, Schramberger Bildergeschirr, in: Schwäbische Heimat, 1977, Heft 4, 311-319.

Schüly 2000
Maria Schüly, Antikisches Geschirr aus dem Schwarzwald. Die Steingutmanufaktur in Zell, Hornberg und Schramberg, in: Martin Flashar, Europa à la Grecque. Vasen machen Mode, München 2000, 124-129.

Simmermacher 2002
René Simmermacher, Gebrauchskeramik in Südbaden, Karlsruhe 2002.

Singer 1918
F. X. Singer, Schwarzwaldbuch. Ein Volksbuch für Heimatkunde und Heimatpflege (zunächst) in Stadt und Bezirk Oberndorf, Oberndorf 1918.

Spindler 2005
Konrad Spindler, Ein Grubeninhalt der Zeit kurz nach 1900 aus Riezlern, Gem. Mittelberg, im Kleinen Walsertal, Vorarlberg – Keramik, Glas und Metall, in: Jahrbuch Vorarlberger Landesmuseumsverein 149, 2005, 67-106.

Thomas 1976
Thérèse Thomas, Villeroy & Boch. Keramik vom Barock bis zur Neuen Sachlichkeit. Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Mettlach 1976.

Thomas 1977
Thérèse Thomas, Villeroy&Boch 1748-1930. Keramik aus der Produktion zweier Jahrhunderte, Amsterdam 1977.

Waller 1872
German Waller, Chronik der Stadt und ehemaligen Herrschaft Schramberg sowie Ortsbeschreibung von Schramberg, Wolfach 1872.

 

Zizenhausen, Baden-Württemberg, Deutschland, Werkstatt Anton Sohn (1820–1840)

Zizenhausener Figuren in CERAMICA CH

Roland Blaettler, Andreas Heege 2019

Der gelernte Kirchenmaler Anton Sohn (1769–1841) liess sich 1799 in Zizenhausen (heute ein Ortsteil der Stadt Stockach) nieder. Hier verlegte er sich mehr und mehr auf die Produktion von kleinen, bemalten Relieffiguren aus Terrakotta, für die ihn Johann Rudolf Brenner, der in Basel von 1815 bis 1834 eine Kunsthandlung führte, mit Vorlagen versorgte. In einer 1822 in den «Wöchentlichen Nachrichten aus dem Berichthaus zu Basel» erschienenen Notiz bot er unter anderen Figuren «Nationaltrachten der Schweiz» an (HMO 8679; HMO 7191; RMC H1992.2), möglicherweise nach grafischen Vorlagen von J. Reinhard (1749–1829).

Besonders bedeutend ist sein Basler Totentanz «in einer Reihe plastischer Bilder dargestellt» (HMO 8678; HMO 8677). Die Figuren des Totentanzes gab Brenner im Andenken an das berühmte, um 1440 gemalte Wandbild des Totentanzes von der 1805 abgerissenen Friedhofmauer der Basler Predigerkirche bei Anton Sohn in Auftrag und liess diesem dafür die von Matthäus Merian dem Älteren 1621 in Kupfer gestochenen Reproduktionen als Vorlage zukommen. Die Figuren, die Anton Sohn weiter schuf, brachten die verschiedensten Themenbereiche bis hin zur gesellschaftlichen Satire und zur politischen Karikatur zur Darstellung. Sie wurden in Zizenhausen mindestens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts produziert und waren vor allem in Süddeutschland und in der Schweiz ein beträchtlicher Verkaufserfolg.

Die Stadt Stockach konnte im Jahr 2003 den Nachlass der Familie Sohn übernehmen und verfügt daher heute, neben dem Historischen Museum in Basel bzw. dem Museum im Kornhaus in Bad Waldsee über die vollständigste und umfangreichste Sammlung an Figuren (540 Exemplare) und zugehörigen Modeln (ca. 1000).

Zizenhausener Figuren digital:

Historisches Museum Basel

Stadtmuseum Stockach

Fasnachtsmuseum Schloss Langenstein

Museum im Kornhaus Bad Waldsee

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 254.

Fraenger 1922
Wilhelm Fraenger, Der Bildermann von Zizenhausen. Erlenbach 1922.

Istas 2004
Yvonne  Istas, Terrakotten, Model und noch mehr. Das Erbe der Familie Sohn aus Zizenhausen. Stockach 2004.

Seipel 1984
Wilfried Seipel, Das Weltbild der Zizenhausener Figuren. Konstanz 1984.