Langnau, Hafnerei Röthlisberger, Oberstrasse 66

In Vorbereitung

Keramik der Hafnerei Röthlisberger in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2020

Mit Unterstützung des Regionalmuseums Langnau und der Familien Wüthrich und Brechbühl in Langnau.

Die familiäre Vorgeschichte

Mit der Hafnerei «Im Kohlboden» (Bärau, Styggässli 6) begegnen wir zum ersten Mal einer weiteren Hafnerfamilie, die in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Langnau eine Rolle spielen sollte (Erstveröffentlichung: Heege/Kistler 2017, 188-193; hier mit wesentlichen Ergänzungen).

Mathys Röthlisberger, ein Maurer, hatte zusammen mit Anna Blaser aus Langnau acht Kinder (Burgerrodel Langnau [im Folgenden immer BRL] 7, 27). Von diesen wurden drei Hafner (siehe Stammbaum): Ulrich Röthlisberger (1837–1888; BRL 7, 27; BRL 14, 440, verheiratet mit Marianne Lüthi von Lauperswil, Kirchenrodel Langnau [KRL] 29, 20; 28.11.1862), Friedrich Röthlisberger (1846–1920; BRL 7, 27; BRL 17, 40, verheiratet mit Anna Maibach aus Dürrenroth, KRL 30, 1; 23.7.1870) und Simon Röthlisberger (1855–1894; BRL 7, 27; BRL 19, 11, verheiratet mit Maria Anna Gerber von Langnau, Ehedatum 8.4.1881).

 

Bärau, Styggässli 6, 2016.

Mathys Röthlisberger und sein Sohn Christen verkauften im Februar 1864 eine 1862 erworbene Liegenschaft in Bärau «im Kohlboden bei der Lehnschmitte» (heute Styggässli 6, Parzellen Nr. 1814) ihrem Sohn bzw. Bruder Ulrich. Zum Zeitpunkt des Kaufes wohnte (und arbeitete?) Ulrich in Signau . Dort wurde auch seine erste Tochter Lina geboren (18.1.1864, KRL 20, 401). Er baute am Haus in Bärau eine Hafnerwerkstätte an (Grundbuch Langnau [GBL] 29, 73–79). Diese nutzte er bis zum Herbst 1877. In dieser Zeit verzeichnen die Langnauer Stimmregister zwei Gesellen aus Busswil bei Melchnau bzw. Langnau in seiner Werkstatt. Und auch der Hafner Christian Herrmann (1848˗?) arbeitete möglicherweise bis 1876 bei ihm (Gemeindearchiv Langnau [GAL] 672. Ulrich verkaufte die Liegenschaft im August 1877 seinen beiden Brüdern Mathias und Gottlieb. Sein weiterer Verbleib ist unklar, jedoch erscheint er im Januar 1878 in den Langnauer Stimmregistern als bevogtet (GAL 672). Seine Brüder veräusserten die Werkstatt schon im November desselben Jahres an den Hafnermeister Christian Wüthrich von Trub. Zu diesem Zeitpunkt wird Wüthrich als «Hafnermeister in Zäziwil» bezeichnet (GBL 47, 501–509; GBL 48, 186–194). Keramiken von Ulrich Röthlisberger sind nicht bekannt. Bodenfunde vom Grundstück fehlen.

 

Langnau, Moos 225, 2016.

Friedrich Röthlisberger (1846–1920; BRL 17, 40; GAL 672), der jüngere Bruder von Ulrich Röthlisberger (1837–1888, Hafner in Bärau), heiratete am 23. Juli 1870 in Muri Anna Maibach (1848–1893) aus Dürrenroth. Bei der Geburt des ersten Sohnes Friedrich (1872–1952; BRL 17, 40), der in Rohrbach getauft wurde, wurde angegeben «Hafner in Leimiswil» (Kirchenrodel Langnau [KRL] 21, 380). 1873/74 errichtete er zusammen mit dem Maurermeister Christian Lehmann aus Langnau ein Wohngebäude mit Hafnerwerkstatt «auf dem Moos» (heute Langnau, Moos 225, Parzellen Nr. 864; GBL 40, 313–317; GBL 41, 458–462). Der zweite Sohn (Friedrich) Johannes (1876–1942) und der dritte Sohn Julius Maximilian (1879–1959) wurden bereits dort geboren (BRL 17, 40). Alle drei Söhne arbeiteten später zumindest zeitweise als Hafner in der neuen Hafnerei an der Oberstrasse 66 in Langnau (GAL 674, 675; BRL 23, 604; BRL 24, 178). Zwischen 1874 und 1890 bekam das Paar noch neun weitere Kinder, bevor Anna Maibach 1893 starb. Friedrich Röthlisberger (1846–1920) arbeitete zusammen mit seinem Bruder Simon (1855–1894) 20 Jahre lang bis 1894 in dieser Werkstatt. In dieser Zeit lassen sich für ihn immerhin sechs Gesellen nachweisen, u. a. ein Ernst Röthlisberger (1863–?; GAL 672, 673. Genealogische Beziehungen nicht weiter untersucht.). Dann verkaufte der Witwer seine Liegenschaftshälfte mit Werkstatt an die Witwe des Mitbesitzers. Nach ihrem Tod gelangten Liegenschaft und Werkstatt an ihren Sohn, einen Bahnbeamten (GBL 71, 283–289; GBL 71, 578–582; GBL 72, 567–573). Obwohl zu diesem Zeitpunkt die Hafnerwerkstatt noch erwähnt wurde, gibt es keine Hinweise, dass auf dem Grundstück nach 1894 noch getöpfert wurde. Friedrich Röthlisberger (1846–1920) siedelte nach Langnau in die Oberstrasse 66 um. Produkte aus dieser Werkstatt sind unbekannt. Bodenfunde vom Grundstück fehlen.

Langnau, Oberstrasse 66

Langnau, Oberstrasse 66. Vor dem Haus von Friedrich Röthlisberger (1846–1920) und seine drei Söhne Friedrich, Johannes und Julius Maximilian, Aufnahme um 1910?

Friedrich Röthlisberger (1846–1920) erwarb mit Nutz und Schaden auf den 12. Mai 1894 «am Gassenberg» in Langnau ein Grundstück mit Wohnhaus, Gemüsegarten und Brunnen (heute Parzellen Nr. 1425). Er durfte laut Vertrag jedoch schon vor diesem Termin mit dem Bau der Hafnerwerkstatt beginnen. Wir können wohl davon ausgehen, dass er die Werkstatt zusammen mit seinen drei Söhnen Friedrich (1872–1952, unverheiratet), Friedrich Johann (Rufname nur Johann, 1876–1942) und Julius Maximilian (1879–1959) führte. Ob die Frau und die sechs Kinder seines verstorbenen Bruders Simon ebenfalls dort wohnten, entzieht sich unserer Kenntnis, jedenfalls war die bei den Langnauer Volkszählung 1920 nicht der Fall (GAL 1065).

Johann Röthlisberger in der Werkstatt, undatiertes Gemälde, heute im Regionalmuseum in Langnau.

Der Sohn  Johann war mit Anna Brechbühl (1880–1961) aus Langnau verheiratet. Das Paar bekam keine Kinder.

Lehrbrief von Fritz Brechbühl, 1910-1913, ein selten erhaltenes Dokument.

Arbeitszeugnis für Fritz Brechbühl, 1916, unterzeichnet von Töpfermeister Johann Röthlisberger.

Anna Brechbühl hatte einen Bruder Fritz (1893–1954). Da die Mutter von Anna und Fritz früh verstarb, wurde Fritz Brechbühl in die Hafnerei Röthlisberger aufgenommen und zwischen 1910 und 1913 zum Hafner ausgebildet. 1914/1915 nahm er als Soldat im Ersten weltkrieg an der Grenzbesetzung teil. Aufgrund eines Arbeitszeugnisses wissen wir, dass er bis mindestens 1916 als Geselle in der Werkstatt blieb. In den 1920er-Jahren gab er den Hafnerberuf auf und wurde Briefträger, arbeitete gelegentlich aber weiterhin in der Werkstatt mit. Er heiratete 1926 Emma Jakob. Ihre Tochter Veronika wurde die Frau von Christian Wüthrich (1924-2020). Auf dem Weg über Frau Wüthrich gelangten wichtige Objekte aus der Hafnerei Röthlisberger und dem Privatbesitz von Fritz Brechbühl in den Besitz der Familie Wüthrich und blieben so erhalten.

Nach dem Tod des Vaters Friedrich Röthlisberger (12. September 1920) erbten die beiden Hafnersöhne Friedrich (1872–1952) und Johannes (1876–1942) gemeinsam die Liegenschaft (GBS Bel. I, 3581–3583). Der Bruder Julius Maximilian war zu diesem Zeitpunkt bereits Weichenwärter bei der SBB. Die Produktion lief noch über den Tod von Johannes (29. Januar 1942) und Friedrich (10. Mai 1952) hinaus weiter, da Fritz Brechbühl stellvertretend Ware drehte. Nach Auskunft der Familie erfolgte der letzte Brand 1953. Die Hälfte der Liegenschaft, die Johannes gehörte, war schon 1942 auf die Witwe Anna Brechbühl übertragen worden (GBS Bel. II, 5128–5129). Der Erbweg der zweiten Liegenschaftshälfte des unverheirateten Friedrich Röthlisberger (1872–1952) ist unklar. Nach dem Tod von Anna Brechbühl (28. Februar 1961) wurde die Liegenschaft verkauft, abgebrochen, neu parzelliert und anschliessend überbaut (GBS Bel. II, 5128–5129).

Hafnerei-Arbeitsplatz im Regionalmuseum Langnau, eingerichtet mit Objekten aus der Hafnerei Röthlisberger.

Langnau, Hafnerei Johann Röthlisberger (1876–1942). Tonbank und Holzhammer zum Zerkleinern von Tonbrocken im Rahmen der Tonaufbereitung.

Langnau, Hafnerei Johann Röthlisberger (1876–1942). Tonwalze zur Tonaufbereitung, heute Regionalmuseum Langnau.

Langnau, Hafnerei Johann Röthlisberger (1876–1942). Malhörnchen aus der Hafnerei.

Nach der Aufgabe der Töpferei (letzter Brand 1953) und noch vor dem Verkauf der Liegenschaft (1961) gelangten via Fritz Brechbühl diverse Töpfereigegenstände, u. a. eine Töpferscheibe, eine Tonwalze, die Tonbank, diverse Gipsmodel für Geschirr und Tierfiguren und Malhörnchen in den Besitz des Regionalmuseums Langnau, das damit im Obergeschoss eine Töpferei inszenierte.

Langnau, Hafnerei Johann Röthlisberger (1876–1942). Eine hölzerne Henkelpresse mit Schablonen für Henkel und Brennhilfen ist besonders hervorzuheben. Original heute im Regionalmuseum Langnau, Schablonen in Privatbesitz.

Langnau, Hafnerei Johann Röthlisberger (1876–1942). Verschiedene Werkzeuge und Gerätschaften, ein Stichmass (Kerbholz), Abdrehschlinge, Abdreheisen, Malhörnchen, Kellen aus Holz und Keramik zum Engobieren oder Glasieren, Drehschienen aus Holz und Metall, Abschneidedraht, Pinsel, Kritzer und Holzstock mit kugeligem Ende für die Ausformung rundlicher Keramikwandungen.

Langnau, Hafnerei Johann Röthlisberger (1876–1942). Gedrechselter Glasurbeutel für das Aufpudern fein gemahlener Glasur oder Bleiglätte (sog. trockenes Glasieren. Arbeitsbild: Töpferei Hänni, Heimberg 1946 (StAB FN_Hesse_249).

Langnau, Hafnerei Johann Röthlisberger (1876–1942). Holzstöckli als Untersatz für das Drehen von kleinen Objekten. Arbeitsbild: Töpferei Jakob Reusser (1853-1944), Schulgässli 2 (Stauder 1917).

Christian Wüthrich konnte darüber hinaus vor dem Abbruch der Töpferei im Jahr 1963 weitere Objekte  sicherstellen, u. a. Gerätschaften, zahlreiche Keramik der Hafnerei Röthlisberger sowie schriftliche Unterlagen und Keramikentwürfe des bernischen Kunstgewerbelehrers Paul Wyss (1875–1952).

Dank:

Wir danken Christian Wüthrich (1924-2020) und seinen Söhnen und deren Familien sehr herzlich für die langjährige freundliche Aufnahme in Ihrem Haus in Langnau und die zahlreichen Gespräche, Informationen und Archivalien zur Hafnerei Röthlisberger. Ohne diese Grundlagen hätte der vorliegende Beitrag nicht geschrieben werden können. Danken möchten wir auch Hans Brechbühl, Langnau, der seine ererbte Keramiksammlung ebenfalls freundlicherweise für die Dokumentation zur Verfügung stellte.

Bibliographie:

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.

Stauder 1917
Hermann Stauder, Die Töpferei im Heimberg (Nachdruck des Kunst- und Kulturverein Heimberg, 1985, Original Schweizerische Landesbibliothek Bern), Bern 1917.