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Zürich ZH, Tappolet, Berta (1897–1947), Keramikmalerin

Zürich, Uster, Atelier Alsiko (Fritz und Hélène Haussmann) bemalt von Berta Tappolet für den Laden Cornelius. Marke: T / CORNELIUS (bald nach 1937, vgl. Das Werk 24, 1937, Heft 12, XIV, 353-363).

Roland Blaettler und Andreas Heege, 2026

Berta Tappolet in CERAMICA CH

« Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entstand eine neue Ästhetik der dekorativen Künste – und mit ihr eine Erneuerung der Keramikgestaltung; in der Schweiz wurde diese Bewegung vor allem von Frauen geleitet und geprägt. Ihre Vorreiterinnen waren Berta Tappolet (1897–1947), Martha Amata Good (1896–1950) und Luise Meyer-Strasser (1894–1974). Von den 1920er bis in die 1940er Jahre schufen diese drei Frauen einzigartige Dekormotive für die Keramikmanufaktur Bodmer in Zürich und für das Unternehmen von Fritz Haussmann in Uster. » (Messerli 2009, 69).

Als Tochter eines Zürcher Pfarrers absolvierte Berta Tappolet (1897–1947) eine Lehre als Stickereizeichnerin im Atelier von Bertha Baer in Zürich, bevor sie von 1914 bis 1917 gemeinsam mit ihrer Freundin Luise Meyer-Strasser (1894–1974) ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in München fortsetzte.

Nach ihrer Rückkehr nach Zürich eröffneten die beiden Frauen ein gemeinsames Atelier – zunächst am Neumarkt, später am Jupitersteig – und schlossen sich, wie auch Amata Good, dem  SWB (Schweizerischer Werkbund) an. Den Werkbund verliessen sie 1942. Die Gründe für den Austritt sind unbekannt. Sie war ausserdem Mitglied des und zeitweise Präsidentin des Verbandes der Schweizerischen Malerinnen und Bildhauerinnen, sowie Mitglied der eidgenössischen Kommission für angewandte Kunst (Das Werk 34, 1947, 122) . Neben der Malerei und dem expressiven Zeichnen illustrierte Berta Tappolet Bücher und entwarf Muster für die Textilindustrie, die Innenarchitektur und die Keramik.

1918 wurde Keramik von Berta Tappolet in der Raumkunst – Ausstellung des Schweizerischen Werkbundes in Zürich gezeigt.

1924 zeigten Berta Tappolet und Luise Strasser Arbeiten im Kunstgewerbemuseum in Zürich.

Im Malatelier der Tonwarenfabrik Carl Bodmer & Cie in Zürich, um 1925/26. Links Berta Tappolet, in der Mitte möglicherweise Louise Meyer-Strasser. Da 1926 Martha Amata Good ebenfalls Entwürfe beisteuerte, könnte sie die dritte Malerin rechts sein.  (Original StAZH VII-174, Schachtel 75).

Zwischen 1925 und 1931: Berta Tappolet entwarf  eine Serie von Dekoren für Fayence für die Tonwarenfabrik Carl Bodmer & Cie in Zürich (Bodmer-Huber und Messerli-Bolliger 1986, 32-33, Taf. 32-37), die sie offenbar auch in der dortigen Werkstatt ausführte.

Die Entwürfe sind vor allem in den Preislisten der Firma erhalten. Originalkeramiken sind ausgesprochen selten (Originale StAZH VII-174, Schachtel 47).

Um 1925 entstand auch ein Porträt von ihr, das die Fabrik auch als Ansichtskarte verschenkte und verschickte (Original StAZH VII-174, Schachtel 45).

1927 Ausstellungskatalog Exposition de Céramique Suisse, Genf (Original  StAZH VII-174, Schachtel 38).

1927 wurden die Arbeiten für Carl Bodmer auch an der „Exposition de Céramique Suisse“ ausgestellt. Dort zeigten Berta Tappolet und Luise Meyer-Strasser aber auch eigene Kreationen ihres Ateliers.

1929 gab es eine Verkaufsausstellung der beiden Keramikerinnen im Kunstgewerbemuseum Zürich (Original: Museum für Gestaltung Zürich, Archivnummer GBA-1929-D08-001).

1930 gab es eine Verkaufsausstellung der beiden Keramikerinnen im Kunstgewerbemuseum Zürich (Original: Museum für Gestaltung Zürich, Archivnummer GAD-1930-N08).

1930 beteiligte sich Berta Tappolet an der Kunstgewerbe-Ausstellung der Gesellschaft Schweizerischer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen im Kunstgewerbemuseum in Zürich.

1936  Ausstellung „Schweizer Architektur und Werkkunst 1920-1936“ im Kunstgewerbemuseum in Zürich. In einer Sondergruppe „Bemalte Keramik“ waren als Arbeitsgruppe die SWB-Mitglieder Berta Tappolet, Luise Meyer-Strasser, Amata Good und Claire Guyer vertreten, die ihre Waren bei dem Werkbund-Mitglied Fritz Hausmann in Uster drehen und brennen liessen. Vertreten waren ausserdem Margrit Linck-Daepp, Gertrud Meister-Zingg, Margit Lutz aus Winterthur und Cornelia Fischer-Forster (Das Werk 23, 1936, XXIII). Besondere Erwähnung fanden „Einige Teller von Luise Meyer-Strasser und ein helles, mit mehrfarbigem Blumenschmuck dekoriertes Service von B. Tappolet“ (Thurgauer Zeitung, 18. September 1936).

Zu frühen Keramikdekoren von Tappolet und Strasser, insbesondere auf Porzellan, siehe Meyer 1924: L’Œuvre 11, 1924, 188–192; Die Frau in der Schweiz. Illustriertes Jahrbuch für Frauen-Bestrebungen, 1934, Heft 6, 58; L’Œuvre 7, 1920, Abb. S. 239. Weitere Beispiele für von Tappolet und/oder Strasser bemalte Keramiken finden sich in L’Œuvre 19, 1932, Abb. S. 11–15; L’Œuvre 22, 1935, Abb. S. 410–411; L’Œuvre 27, 1940, 315; L’Œuvre 29, 1942, 300.

Im Bereich der Keramik arbeitete Tappolet mit den Haussmanns in Uster zusammen (MHL AA.MI.1760; MHL AA.MI.1761), vor allem ab 1936 (L’Œuvre 23/10, 1936, S. XXIII). Diese Arbeiten sind mit den Initialen „T“ oder „BT“ sowie ab 1937 mit dem Schriftzug „CORNELIUS“ versehen.

Das Werk 24, 1937, XVI.

1937 eröffneten Berta Tappolet, Cornelia Forster (1906–1990), Luise Meyer-Strasser (1894–1974), Martha Amatha Good (1896–1950) sowie die Keramiker Fritz und Helene Haussmann das Geschäft «Cornelius» an der Oberdorfstrasse 3 in Zürich, das speziell dem Verkauf der von ihnen verzierten Keramiken gewidmet war, die im Atelier des Ehepaars Haussmann in Uster gedreht und gebrannt wurden (L’Œuvre 24, 1937, fig. p. XVI et pp. 357, 360-361, 363; vgl. auch Tages-Anzeiger, 10. März 1937; NZZ 11. März 1937).

1938 Zeigte das Kunstgewerbemuseum Zürich „Neues Zürcher Kunsthandwerk“. Vertreten waren Amata Good, Berta Tappolet und Luise Meyer-Strasser  (NZZ, 30. Juli 1938; Thurgauer Zeitung 19. August 1938 mit positiver Besprechung).

Teller der Firma Hausmann in Uster, dekoriert von Berta Tappolet (Malerinnenmarke „T“). Privatbesitz Schweiz.

1938, Dezember Ausstellung von Künstlerkeramik im Cornelius (NZZ. 15. Dezember 1938).

1939 Weihnachtsausstellung der Ortsgruppe Zürich des SWB im Kunstgewerbemuseum in Zürich. Die SWB-Mitglieder Berta Tappolet, Luise Meyer-Strasser, Amata Good und Cornelia Forster zeigten neben Gertrud Meister-Zingg, Margrit Linck-Daepp sowie Fritz und Helene Hausmann ihre Keramiken (NZZ 25. November 1939).

1939 dekorierte Berta Tappolet zusammen mit Luise Meyer-Strasser den Frauenpavillion an der Landesausstellung in Zürich.

1940/41 malte Amata Good zusammen mit Berta Tappolet, Luise Meyer-Strasser und Cornelia Forster die Wand- und Deckendekorationen des renovierten „Hauses zur Münz„(alkoholfreies Restaurant; vgl. auch Die Tat, 28. Juni 1941), Münzplatz 3, Zürich. Das Haus wurde in den 1960er-Jahren durch Brand zerstört und abgebrochen. An der Stelle des Gebäudes steht heute ein Verwaltungsgebäude der Bank Julius Bär.

1944 Ausstellung im Kunsthaus in Zürich, zusammen mit Berta Tappolet, Luise Meyer-Strasser, Cornelia Forster, Lea Fenner und Clara Vogelsang (Thurgauer Zeitung, Band 146, Nummer 187, 11. August 1944 Ausgabe 02).

Keramik von Berta Tappolet:

Das Werk 1924

Das Werk 1932

Die Frau in der Schweiz 1934

Das Werk 1937

Die Schweiz 1939

Das Werk 1940

Das Werk 1942

Keramik von Berta Tappolet im Museum für Gestaltung Zürich
Archiv Zürcher Hochschule der Künste

Keramik von Luise Meyer-Strasser im Museum für Gestaltung Zürich
Archiv Zürcher Hochschule der Künst

Das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich verwahrt ebenfalls drei Objekte von Berta Tappolet:  SNM LM-65034, LM-73661, LM-149617).

Nachrufe:

Keramikfreunde der Schweiz

L’Œuvre 1947
Berta Tappolet [Nécrologie]. L’Œuvre 34, 1947, 122.

Tappolet 1947
Friedrich Tappolet: In memoriam Berta Tappolet : 1897 – 1947. Winterthur-Töss 1947.

Bibliographie:

Bodmer-Huber et Messerli-Bolliger 1986
Ernst Bodmer-Huber et Barbara E. Messerli-Bolliger, Die Tonwarenfabrik Bodmer in Zürich-Wiedikon. Geschichte, Produktion, Firmeninhaber, Entwerfer. Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt 101, 3-60.

Messerli 2009
Christoph Messerli, Von der Souvenir- zur Studiokeramik. Die Berner Keramik im 19. und 20. Jahrhundert. Lizentiatsarbeit, Institut für Kunstgeschichte des Universität Bern (Bern 2009).

Messerli 2017
Christoph Messerli, 100 Jahre Berner Keramik. Von der Tuner Majolika bis zum künstlerischen Werk von Margrit Linck-Daepp (1987-1983). Hochschulschrift (Datenträger CD-ROM), Bern 2017.

Meyer 1924
Peter Meyer, Bemaltes Porzellan von Bertha Tappolet und Louise Strasser. L’Œuvre 11, 188-193.

Zürich-Wiedikon ZH, Tonwarenfabrik Bodmer (bis 1964)

Verzierte Vase, ca. 1917-1933 (heute Heimatmuseum Davos)

Keramik der Tonwarenfabrik Bodmer in CERAMICA CH

Zur Tonwarenfabrik Bodmer in Zürich-Wiedikon ist im Mitteilungsblatt der Keramikfreunde der Schweiz 101, 1986 aus der Feder von Ernst Bodmer-Huber und Barbara E. Messerli-Bolliger eine umfangreiche, aktenbasierte Studie erschienen, die hier digital gelesen werden kann. Umfangreiche Archivalien befinden sich heute im Archiv der Stadt Zürich (Signatur VII.174).

Keramik der Tonwarenfabrik Bodmer in der Sammlung der Schule für Gestaltung in Bern.

Zahlreiche Keramiken der Tonwarenfabrik Bodmer verwahrt das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich

Bibliographie:

Bodmer-Huber/Messerli-Bolliger 1986
Ernst Bodmer-Huber/Barbara E. Messerli-Bolliger, Die Tonwarenfabrik Bodmer in Zürich-Wiedikon Geschichte, Produktion, Firmeninhaber, Entwerfer, in: Keramikfreunde der Schweiz, Mitteilungsblatt, 101. Jahrgang, 1986, 1-60.

Frei 1952
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil II., in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 21, 1952, 3-6.

Zürich, Hafnergenealogien des 18. Jahrhunderts

Zürich, Haus „Zum Ochsen“, Hafner: Johann Heinrich Bachofen (1717–1779), inschriftlich, Signatur: «HBachoffen. / fecit. 1757.» Maler: Johann Jakob Hofmann (1730–1772) Signatur: «Hoffman. [Strich über n] / pinxit. / 1757.»

Andreas Heege, Andreas Kistler, 2025

Zu den Hafnern in Zürich und dem Hafnerhandwerk vom Mittelalter bis in die Moderne  gibt es keine zusammenfassende Monographie. In den vergangenen Jahren haben sich vor allem Brigitte Meles und Rudolf Schnyder um Teilaspekte des Themas bemüht (siehe Bibliographie).

Zum schnellen Nachschlagen mag es hilfreich sein die Stammbäume und Genealogien der wichtigsten Zürcher Hafner an dieser Stelle ebenfalls verfügbar zu haben.

Ammann Zürich_Stb    Ammann Zürich_orig1

Bachofen Zürich_Stb     Bachofen Zürich_orig1

Däniker Zürich_Stb    Däniker Zürich_orig1

Michel Zürich_Stb    Michel Zürich_orig1

Reinacher Zürich_Stb     Reinacher Zürich_orig1

Stadler Zürich_Stb     Stadler Zürich_orig1

Weber Zürich_Stb      Weber Zürich_orig1

Wyss Zürich_Stb     Wyss Zürich_orig1

Zimmermann Zürich_orig1     Zimmermann Zürich_Stb

Bibliograhie:

Meles/Heege 2023
Brigitte Meles/Andreas Heege, Zürcher Kachelöfen. Das Hafnerhandwerk in der Stadt Zürich und seine Produkte, Schaffhausen 2023.

Schnyder 2011
Rudolf Schnyder, Mittelalterliche Ofenkeramik aus Zürich. Die Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums, Bd. 1 und 2, Zürich 2011.

Zehmisch 1977
Brigitte Zehmisch, Das Zürcher Hafnerhandwerk im 18. Jahrhundert, in: Keramikfreunde der Schweiz, Mitteilungsblatt 90, 1977.

 

 

Zürich, Limmatquai 24, Wächter, Arnold, Spezialhaus für Kunstkeramik

Vase, gemarkt Arnold Wächter, Zürich, 1922-1936 (Foto Antik&Rar, Angelo Steccanella).

Andreas Heege, 2021

Ausgangspunkt dieses kurzen Beitrages ist eine einzelne Vase. Sie trägt die Blindmarke Arnold Wächter, Zürich und ähnelt sehr stark der Marke «SCHWEIZER-TÖPFEREI WR HEIMBERG-ZÜRICH» der Töpferei Wächter-Reusser, die zunächst in Zürich Heimberger Ware verkaufte und dann die Produktion in Feldmeilen aufnahm.

Ein Blick ins Schweizerische Handelsamtsblatt offenbart nur sehr wenige, aber aufschlussreiche Fakten. Die Firma Arnold Wächter-Fluck wurde 1922 als „Spezialhaus für Kunsttöpfereien“ im Handelsblatt gemeldet. Die damalige Adresse war der Rathausquai 24 (SHAB 40, 1922, 230), der heutige Limmatquai. Ob bei der Umbenennung in Limmatquai im Jahr 1933 auch die Hausnummern geändert wurden, wissen wir nicht. 1928 meldete das Spezialhaus ein „Aufbewahrungsgefäss für Butter“ unter der Nr. 42737 zum Modellschutz an (SHAB 46, 1928, 1376). 1934 wird im Handelsamtsblatt noch einmal präzisiert, dass es sich um ein „Spezialhaus für Kunst-Keramik“ handelt (SHAB 52, 1934, 1470). 1936 wir die Auflösung der Firma mitgeteilt (SHAB 54, 1936, 2318). Zu keinem zeitpunkt wird auf eine eigenständige Keramikherstellung hingewiesen. Sowohl bei der Anmeldung, als auch bei der Abmeldung wird Arnold Wächter mit seinem Heimatort Remigen im Aargau genannt. Dies muss im Verhältnis zur Töpferei Wächter-Reusser auffallen, denn auch Johann Albert Wächter (7.10.1873-3.9.1938) stammte aus Remigen. War Arnold Wächter also ein Bruder oder Vetter? Wir wissen es im Augenblick nicht. Die sehr ähnliche Marke könnte darauf hindeuten, dass Arnold Wächter auch in Feldmeilen fertigen lies.

Zürich/Feldmeilen, Wächter-Reusser, Albert, Kunsttöpferei (vor 1906–1938)

Plakat, Wächter`s Kunsttöpferei in Landesorginialitäten, Herstellung: Druckerei H. Wächter Imp. du Progrès, Lausanne, um 1917. 28,5 x 44,1 cm. Farbdruck (Foto SNM, Inv. LM 61709).

Andreas Heege, 2020

Johann Albert Wächter (7.10.1873-3.9.1938) dürfte nur wenigen Forschern zur Schweizer Keramik bekannt sein, da die Informationen zu seiner Person und seiner Werkstatt eher versteckt publiziert sind (alle folgenden Informationen, soweit nicht anders angegeben nach Welti 1976, Ergänzung durch Zivilstandsamt Brugg und Informationen aus dem Schweizerischen Handelsamtsblatt). Familie Wächter hatte ihren Heimatort in Remigen im Aargau. Wo Albert Wächter aufwuchs, ist unbekannt. Er war gelernter Buchdrucker und betrieb mit seinem Bruder Hans in Lausanne eine Druckerei, bis er zu einem unbekannten Zeitpunkt vor 1906 die Heimberger Hafnertochter Rosalia Reusser (22.9.1878-8.8.1947) kennnenlernte und schliesslich am 21.7.1906 heiratete. Rosalia oder Rosa Reusser war die Tochter des Hafners Jakob Reusser (1853-1944, Heimatort Aeschlen BE), der am Schulgässli 2 in Heimberg ab 1911 seine eigene Werkstatt hatte. Vorher war er möglicherweise in einer zweiten Werkstatt im Haus seines Schwiegervaters Christian Michel (?-1904) am selben Ort eingemietet (Buchs 1988, 109, ausserdem Grundbuch Steffisburg und Heimberg). Rosalias Bruder Adolf (1880 -?) führte die Werkstatt vermutlich bis 1939 weiter.

Nach Aussage von Ernst Hänni, einem ehemaligen Heimberger Hafner, handelt es sich um diese Hafnerei, Schulgässli 2 in Heimberg, die 1917 vom Bernischen Fotografen Hermann Stauder fotografiert wurde.

Die Keramikherstellung faszinierte Albert Wächter offenbar so stark, dass er beschloss, das Hafnerhandwerk bzw. die Keramikproduktion zu seinem Beruf zu machen. Ob er selbst noch eine keramische Ausbildung (Lehre?) machte oder lediglich sein Zeichentalent oder das seiner Frau für keramische Entwürfe einsetzte, entzieht sich unserer Kenntnis. 1906 zog das junge Paar nach Zürich, da sich Albert hier einen guten Absatzmarkt versprach.

Die Produktion verblieb dagegen in Heimberg, wahrscheinlich in der Hafnerei des Schwiegervaters, was zu einer späteren Zeit zu der zunächst seltsam anmutenden Firmenmarke «SCHWEIZER-TÖPFEREI WR HEIMBERG-ZÜRICH» führte.

Offenbar verkauften Albert Wächter und Rosa Reusser „Unter den Bögen am Zürcher Rathausquai“ (Welti 1976, 100) zunächst nur Keramik, die in Heimberg produziert wurde. Sie hatten nur einen Verkaufsstand im Freien. Später wurde der Keramikverkauf in die Budenhallen im Bereich des heutigen Hechtplatz-Theaters  und dann an die Adresse Schifflände 3 verlegt. Mit dieser Adresse erscheint Albert Wächter am 24. März 1911 erstmals im Schweizerischen Handelsamtsblatt mit dem Hinweis, dass er der Inhaber der Firma «A. Wächter-Reusser in Zürich I» sei. Als Grundlage des Geschäfts wird «Töpferei» angegeben (SHAB 29, No. 77, 509).

Am 6. Mai 1913 meldete das Handelsamtsblatt, dass Albert Wächter den Namen seines Geschäftes nun geändert habe und sich künftig «A. Wächter-Reusser, Schweizertöpferei» nennen würde (SHAB 31, No. 116, 831). Dies passt zu einem gedruckten, auffällig bunten Werbeplakat, das sich im Schweizerischen Nationalmuseum befindet (SNM LM-61708). Es zeigt im Mittelfeld die kunstvoll ausgeführte Beschriftung «SCHWEIZER TÖPFEREI A. WÄCHTER ZÜRICH SCHIFFLÄNDE 3». Umgeben ist das ganze von einer regalartigen Anordnung mit gelb, grün, rot und blau engobierten und zurückhaltend ornamentierten Gefässen, wie wir das zu diesem Zeitpunkt in der Deutschschweiz erwarten können. Gedruckt wurde das Werbeblatt in der «Imprimerie du Progrès» (Buchdruckerei, Rue Enning 6) von Hans Waechter-Gutzwiller in Lausanne. Hierbei dürfte es sich um Alberts Bruder handeln, der sich zwischen 1900 und 1917 in Lausanne nachweisen lässt (SHAB 18, No. 318, 1276; SHAB 30, No. 148, 1066; SHAB 31, No. 223, 1586; SHAB 35, No. 165, 1161 – Konkurs). Ein zweites, noch eindrucksvolleres Werbeplakat des Zürcher Grafikers Otto Bickel ist nur in einer Schwarz-Weiss-Abbildung erhalten geblieben (Welti 1976, 104). Vermutlich wirkt in diesen schönen Werbemitteln die Freude Albert Wächters an der Druckerei nach.

1914 finden wir Albert Wächter auch auf der Landesausstellung in Bern. Jacob Hermanns, der Lehrer der bernischen Keramikfachschule, schreibt in einem Beitrag für «Die Schweiz –Schweizerische Illustrierte Zeitung» (Bd. 18, 1914, 377): «…Unter den Ausstellern der Heimberg-Steffisburger Töpferei-Industrie finden wir die bestbekannten Firmen: Karl Loder-Eyer, Emil Lengacher vorm. Wanzenried, A. Wächter-Reusser Zürich-Heimberg u.a.m. …». Auf der Landesausstellung 1914 finden wir «Wächter-Reusser, Zürich» auch unter den Lieferanten für den «Bazar im Dörfli» (vgl. auch Conradin 1914). Hier erscheint er neben «Clara Eymann, Langenthal; A. Gerber, Langnau; Kaiser & Co. Bern; Emil Lengacher, Steffisburg; Loder-Eyer, Steffisburg; Gebrüder Loder, Heimberg; Albert Schmid, Thun, Neufeld 44b und Ziegler, Tonwarenfabrik, Schaffhausen» (Heimatschutz Heft 9, 1914, 99). Er selbst gibt auf dem obigen Werbeplakat an, er habe am «Wettbewerb für Reiseandenken der Schweizerischen Landesausstellung, Bern eine Silberne Medaille, Höchste Auszeichnung erhalten». Dieser Wettbewerb der «Gruppe No. 49 Heimatschutz» war 1913 ausgeschrieben worden, mit dem Ziel für den Bazar im Dörfli gute Reise- und Ausstellungsandenken zu erhalten (Heimatschutz Bd. 8, 1913, 75–76, 95). Das Preisgericht erteilte ihm am 27. Oktober 1913 aber tatsächlich einen III. Preis Fr. 25.- für «Nr. 117, Motto „23018“, A. Wächter-Reusser, Schifflände, Zürich, 61 Stück Keramik» (Heimatschutz 8, 1913, 172).

Im selben Jahr war «Wächter-Reusser, Töpferei, Zürich» auf Einladung des Schweizerischen Werkbundes an der Ausstellung «Der gedeckte Tisch» im Kunstgewerbemuseum Zürich beteiligt (Das Werk, Februarheft 1914, XIV und 26-30). 1915 eröffnete Wächter eine Verkaufsfiliale in Lausanne, Rue de la Paix 1 (SHAB 35, No. 94, 672), die von einer Emma Wächter (Burgerort Remigen AG, wohl eine Schwester) geführt wurde und dort bis zum Dezember 1922 bestand (SHAB 40, No. 281, 2268). Am 22. Juni 1916 lies «A. Wächter, Schweizer-Töpferei»unter der Adresse Torgasse 4, Zürich das Muster einer «elektrischen Lampe» im Handelsregister eintragen (SHAB 34, No. 144, 992). Das Geschäftslokal war also offenbar verlegt worden. Und am 27. August 1917 änderte Albert Wächter den Firmennamen erneut, diesmal zu «Schweizerische Kunsttöpferei» (SHAB 35, No. 202, S1393). Vermutlich lies er in diesem Zusammenhang einen Bestand alter Werbeplakate mit weitergehenden Informationen und der neuen Anschrift überdrucken (Plakat, s.o., SNM Inv. LM-61709). «Wächter’s Kunsttöpferei in Landesoriginalitäten» wirbt mit «Über 500 versch. Formen und Dekore in echt charakteristischen Landeserzeugnissen. Sämtliche Kunstkeramiken sind eigene Entwürfe von A. Wächter. Wie die Illustration zeigt, ist es uns möglich, sämtliche keramische Produkte anzufertigen, nach gegebenen Entwürfen in einfacher, moderner und künstlerischer Ausführung, ohne Preiserhöhung.» Als Spezialität wird angepriesen: «Kunst-Keramik nach Genre antik und modern. Unterglasur bemalte Dekorations- und Gebrauchsgegenstände, Vasen, Dosen, Schalen, Cachepots, Krüge, Wandplatten, originelle keramische Beleuchtungskörper… Stets eingehende Neuheiten in Landesoriginalitäten.» Wir erfahren aber auch, dass es im Laden «Porzellan und Fayence Tafelservice, Toilettengarnituren, Kristallglas etc.» gibt, d.h. zu diesem Zeitpunkt führten Wächters bereits eine Art Haushaltswarengeschäft mit eigener keramischer Abteilung. Aufgrund jüngerer Überlieferung wissen wir, dass von Rosa Wächter-Reusser u.a. Steingut aus Sarreguemines und Zell am Harmersbach verkauft wurde (Welti 1976, 103).

Albert Wächter und Familie sowie Angestellte und weitere Personen 1918 vor dem «Grünen Hof» (Foto Kantonale Denkmalpflege Zürich, Dübendorf).

Das Geschäft muss insgesamt glänzend verlaufen sein, denn Albert Wächter konnte 1918 den «Grünen Hof» an der Seestrasse in Feldmeilen erwerben (SHAB 37, No. 144, 1062 vom 16.6.1919), heute eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Gemeinde Meilen (Renfer 1976; General-Wille-Strasse 256, 8706 Meilen). Im zugehörigen Trottengebäude liess er einen grossen, holzbefeuerten Brennofen und eine Werkstatt einbauen und verlegte die Produktion jetzt von Heimberg nach Zürich. Wer als Personal zusätzlich in der Werkstatt arbeitete ist nicht überliefert, jedoch ist die Werkstattgründung ohne weiteres Fachpersonal, möglicherweise aus dem familiären Umfeld seiner Frau in Heimberg, kaum denkbar.

Auf die bernisch-heimbergischen Wurzeln verweist z.B. die Verwendung von Farbkörpern in der Grundengobe zu Dekorationszwecken.

Anderseits muss Albert Wächter 1918 bereits über grössere keramische Erfahrungen verfügt haben, denn zwischen 1919 und März 1920 finden wir als Praktikanten bei ihm den späteren Keramiker Heinrich Meister und seinen Kompagnon, den Ungarn Josef Kövessi. Diese führten ab 1920 schliesslich als keramische Autodidakten einen eigenen Betrieb in Dübendorf-Stettbach.

1927 beteiligte sich Wächter an der grossen Keramikausstellung „Céramique Suisse“ in Genf.

Den Laden in Zürich, der zu einem unbekannten Zeitpunkt nach 1933 an die Zürcher Waldmannstrasse verlegt wurde, führte Rosa Wächter auch nach dem Umzug nach Feldmeilen. Dabei wurde sie später von ihrer Tochter Anni unterstützt bzw. abgelöst. Selbstverständlich beteiligte man sich 1932 und 1933 mit entsprechender Schaufensterdekoration an den Ausstellungen zur sog. «Schweizer Woche», während der vor allem für schweizerische Produkte geworben wurde (NZZ 27.10.1932). Am 26. Oktober 1933 lesen wir in der NZZ: «Bei A. Wächter (Torgasse) sieht man einfarbiges Gebrauchsgeschirr und gemustertes Geschirr verschiedener Herkunft, sowie mancherlei Erzeugnisse der Werkstätte zum „Grünen Hof“ in Feldmeilen, die mit bunten Laufglasuren dekoriert sind. Auch einige grosse Gartenvasen stehen im Schaufenster.» Diese Information deckt sich mit Berichten, wonach Albert Wächter im Lauf der Jahre zunehmend mit unterschiedlichen Tonmischungen und Glasuren experimentierte und zudem keramische Spezialformen entwickelte, wie z.B. buntbemalte keramische Verkleidungen für Elektroöfen mit integriertem Wasserverdunstungsgefäss (Welti 1976, 101).

Die erhaltenen Objekte von Albert Wächter im Schweizerischen Nationalmuseum und im Antiquitätenhandel belegen zusammen mit den Werbeplakaten, dass Albert Wächter in Heimberg zeittypische Formen und Dekore herstellen lies (z. B. SNM LM 61707 – zum Eidg. Schützenfest Zürich 1907), wie wir sie ähnlich auch aus der Spätphase der Produktion Wanzenried unter E. Lengacher oder aus den Töpfereien von Karl Loder-Eyer, Bendicht Loder-Walder oder Emil Loder und Adolf Schweizer kennen, und wie sie zeitgleich wohl auch in anderen Töpfereien der Region Heimberg-Steffisburg gefertigt wurden (z.B. ab 1916 der Desa). Dies sind die Vorbilder, die u.a. Heinrich Meister und Josef Kövessi bei ihrer kurzen keramischen Ausbildung kennen lernten. Was vollständig fehlt, sind alle Anklänge an die ältere, aber vor 1914 noch überall auf dem Markt vertretene Thuner Majolika. Dafür finden sich stark stilisierte Ornamente wie sie der bernische Kunstgewerbelehrer Paul Wyss auch in seinen Unterrichtsmaterialien und Zeichenkursen verbreitete und propagierte.

Eine gesicherte Chronologie der bisher bekannten Firmenmarken existiert nicht. Man kann lediglich vermuten, dass die Blindmarke «SCHWEIZER-TÖPFEREI WR HEIMBERG-ZÜRICH» (s.o.) in den Zeitraum nach der Namensgebung 1913 und vor der Produktionsverlagerung nach Feldmeilen 1918 gehört (auch SNM LM-61700; LM-61701; LM-61702; SNM LM-61703; LM-169974), während man sich geritze oder mit dem Malhorn aufgemalte Marken „A.W.Z.“ oder „AW“ (auch SNM LM-61698; LM-61699; LM-61704; SNM LM-61706; LM-173411; LM-173412) oder den Schriftzug „A. Wächter Feldmeilen“ gerne nach 1918 vorstellen würde.

Alle Objektfotos Antikes&Rares.

Die jüngeren Produkte der Werkstatt im „Grünen Hof“, d.h. aus der Zeit nach 1920, sind dagegen ausgesprochen selten überliefert (SNM LM-61705; Welti 1976, 100). Teller mit Trachtengruppen nach dem Maler Josef Reinhard und der Signatur «Wächter Zürich» wird man vermutlich am ehesten der antimodernistischen Reaktion der 1930er-Jahre zuweisen wollen (SNM LM-93845; LM-93846).

1938 starb Albert Wächter unerwartet. Die Firma wurde von den beiden Kindern Anna und Hans Wächter als «Schweizerische Kunsttöpferei Alb. Wächter’s Erben in Zürich» weitergeführt, mit dem Hinweis, dass sich der Firmensitz in der Waldmannstrasse 4 befände und die Werkstatt «Zum Grünen Hof» in Feldmeilen (SHAB 57, No. 16, 141, 18.1.1939). Hans Wächter war in Heimberg ausgebildeter Keramiker und hatte sich in einer deutschen Manufaktur weitergebildet. Die jüngste Tochter Vreni Wächter (Emma Verena, * 20.3.1918 Zürich, † 21.12.2005 Uetikon am See), die eine Verkäuferinnenlehre gemacht hatte, trat jetzt auch in die Firma ein und bildete sich kunsthandwerklich weiter. 1945 erhielt die Werkstatt einen neuen elektrischen Brennofen. Anfang 1946 gab Hans Wächter den Beruf des Töpfers auf und trat aus der Firma aus. An seiner Stelle rückte die 28jährige Vreni Wächter nach (SHAB 64, No. 39, 511, 13.2.1946), die nun die allein die Last der Produktion zu tragen hatte, zeitweise unterstützt von einem Heimberger Vetter. Im April 1948 wurde das Ladengeschäft in Zürich aufgegeben, der Firmensitz nach Feldmeilen verlegt (SHAB 66, No. 89, 1080, 14-4-1948) und im Haus ein kleiner Geschirrladen eröffnet, den die Schwester Anni führte. 1957 liquidierten die beiden Besitzerinnen die Kollektivgesellschaft «Kunsttöpferei Alb. Wächter’s Erben» und Verena Wächter führte ihre Töpferei allein verantwortlich weiter. Bis in das Jahr 2000 lassen sich zahlreiche Ausstellungen der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Keramik (ASK) und Gesellschaft Schweizer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen (GSMBK) nachweisen, an denen sie mit ihren Werken vertreten war (u.a. Bern, Lausanne, Luzern, La Sarraz, Solothurn, Winterthur und Zürich, ferner an der Saffa in Zürich, Genf (Musée Ariana), Parktheater Meilen, Faenza und Frankfurt – Schweizer Pavillion 1956, Thun , Schloss Schadau 1972, «Feu sacré – Biennale der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Keramiker, Luzern 2000; Keramikfreunde der Schweiz, Bulletin 55, 2000, 12). 1980 übernahm das Musée d’art et d’histoire in Genf eines ihrer Objekte aus einer Ausstellung des Heimatwerks Zürich in seine Sammlung (Genava 29, 1981, 228). Vreni Wächter starb 2005. 2006 wurde aus Anlass Ihres Todes in Zürich eine Auswahl ihrer Arbeiten in der Galerie Feuer 111 gezeigt (Keramikfreunde der Schweiz, Bulletin 67, 2006, 17).

Ich danke Angelo Steccanella (Antikes&Rares), Andreas Kistler (Bäriswil), Christian Hörack (Schweizerisches Nationalmuseum), Roland Böhmer (Kantonale Denkmalpflege Zürich), Hans Isler (Vereinigung Heimatbuch Meilen) und Sandra Knus (Zivilstandsamt Brugg) herzlich für die Unterstützung bei diesem Thema.

Bibliographie:

Conradin 1914
Christian Conradin, Der Bazar im Dörfli, in: Heimatschutz. Zeitschrift der Schweizer. Vereinigung für Heimatschutz 9, 1914, Heft 6, 89-98.

Renfer 1976
Renfer, Christian, Der Grüne Hof in Feldmeilen. Heimatbuch Meilen 1976, 5–34.

Thun 1972
7. Ausstellung Schweizer Keramik der Arbeitsgemeinschaft schweizerischer Keramiker. Katalog zur Ausstellung. Thun 1972.

Welti 1976
Hilde Welti, Die Töpferei Wächter in Feldmeilen. Heimatbuch Meilen 1976, 99–110.