Langnau BE, Jakob Stucki (1920–1982) und Erika Gerber-Stucki (1919–2004)

Erika Gerber und Jakob Stucki, 1946

Jakob Stucki und Erika Grber-Stucki in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2022   IN BEARBEITUNG

Über Jakob Stucki ist schon viel geschrieben worden (siehe Bibliographie, vor allem Schneider 1979). Dem ist kaum etwas hinzuzufügen und gleichwohl scheint es sinnvoll, an dieser Stelle die Eckdaten seines künstlerischen und keramischen Wirkens und die Produkte seiner Werkstatt, soweit verfügbar, zusammenzustellen. Dabei darf nie übersehen werden, dass seine Frau  Erika Gerber-Stucki in den Jahrzehnten ihrer gemeinsamen Arbeit die zweite tragende Säule der Werkstatt war, auch wenn sie fast nie signierte.

Jakob Stucki (1920–1982) wurde am 7. August 1920 als Sohn eines Gastwirtes in Konolfingen geboren. Er sollte ursprünglich den elterlichen Betrieb übernehmen und machte daher nach der Schule eine Ausbildung in der Handelsschule in La Neuveville, besuchte die Hotelfachschule in Zürich und arbeitete in verschiedenen Grandhotels in Graubünden, England und Holland. In den Niederlanden entdeckte er sein Zeichentalent und besuchte Kurse.  Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde er zum Militär eingezogen und wurde zum Offizier ausgebildet. Nach Ableistung seines Aktivdienstes trat er ab 1941 in die gerade wieder neu eröffnete Keramikfachschule in Bern ein, da ihn die Aussicht auf eine Leben als Gastwirt oder Hotelier nicht befriedigte. Er erhielt eine grundlegende und prägende Ausbildung bei den Fachschullehrern Werner Burri (Schnyder 1985, 8-31) und  Benno Geiger (Schnyder 1985, 32-51) und bildete sich bei Fritz Haussmann in Uster weiter. 1944 schloss er seine Ausbildung zum Töpfer und zum Keramikmaler ab und arbeitete ab 1945 in der Töpferei von Adolf Gerber (1879-1951) in Langnau, Güterstrasse 3.

Die Töpferei-Liegenschaft, nach 1948.

Dort lernte er seine spätere Ehefrau, die Töpfertochter Erika Gerber (1919–2004), kennen. Das Paar heiratete 1946.  Erika Gerber hatte nie die Chance zu einer professionellen Keramikausbildung. Ihre Prägung und Ausbildung erfolgte in der väterlichen Werkstatt, was sie später befähigte, als Keramikmalerin zu arbeiten sowie die Werkstatt organisatorisch und wirtschaftlich zu führen.

Im Jahr der Hochzeit erschien ein lesenswerter Artikel „Junges Leben in der alten Langnauertöpferei“ in der Zeitschrift Heimatwerk – Blätter für Volkskunst und Handwerk (Laur 1946). In diesem Jahr schrieb Jakob Stucki selber «Mein Wille ist, eine gute Bauernkeramik zu malen. Da ich alles selber machen kann, drehen, malen, glasieren und brennen, ist für mich eine Liebe zu diesem schönen Handwerk erwacht, die ich immer beibehalten möchte» (Stucki-Gerber 1946) .

Für diesen Aufsatz, der die künftige, intensive Zusammenarbeit mit dem Heimatwerk einläutete, fertigte der Fotograf H. Heiniger aus Schüpfheim eine  grössere Fotoserie, die wichtige Aspekte der Werkstatt und der Produktion im Jahr 1946 zeigt.

Glasur- und Tonmühle sowie Filterpresse (Ton- und Glasuraufbereitung), 1946.

Jakob Stucki am Tonschneider (Homogenisieren und Entlüften des Tons), 1946.

Jakob Stucki beim Portionieren und Kneten des Tones (Vorbereitung fürs Drehen), 1946.

Jakob Stucki an der Drehscheibe, 1946.

Der Schwiegervater Adolf Gerber an der Drehscheibe. Mit einem Stichmass vornedran, lassen sich immer gleichgrosse Platten mit scharfkantigem Kragenrand („Röstiplatten“) drehen, 1946.

Mit Hilfe einer Gispsform (nicht sichtbar , auf der Töpferscheibe) und einem Kaliber lassen sich Schüsseln und Teller auf sehr einfache Art und Weise auch von Hilfskräften drehen, 1946.

  

Neben Erika Gerber-Stucki und Jakob Stucki waren 1946 weitere Malerinnen und Maler in der Werkstatt beschäftigt.

Der Blick in den elektrischen Brennofen und auf die Trockenbretter zeigt, dass kurz nach dem 2. Weltkrieg auch immer noch normales Haushalts- und Vorratsgeschirr gefragt war.

Keramik mit dem Dekor Alt-Langnau hatte eine grosse Bedeutung, zusammen mit Spruchtellern mit Motiven von Paul Wyss und quasi fotorealistischen Bauernhofansichten, die von einem deutschen Keramikmaler (Name leider unbekannt) als Einzelaufträge angefertigt wurden.

Vermutlich entstand in dieser Zeit (um 1946/1948) durch Jakob Stucki auch die Figurenserie zur Werkstatt Gerber, die sich heute im Regionalmuseum in Langnau befindet. Sie zeigt ebenfalls alle wichtigen von der Tonaufbereitung bis zum Verkauf.

Der Anfang in der Werkstatt war für Jakob Stucki offenbar nicht einfach, da sich Schwiegervater und Schwiegersohn nur schwer über den künftigen Kurs der Werkstatt einigen konnten (Schneider 1979, 17).

Geschirr aus der Frühzeit von Jakob Stucki, um 1948/1955.

Mit Malhorndekoration und Ritzdekorakzentuierung auf dunkler Grundengobe orientierte sich Stucki in seinem Frühwerk daher offenbar bewusst an Heimberger und nicht an Langnauer Traditionen.

Geschirr mit dem Dekor „Alt-Langnau“, signiert Jakob Stucki, nach 1948.

Erst mit der Werkstattübernahme ab 1948 (SHAB 66, 1948, 1542, 29. Mai 1948) kehrte auch das Interesse an einem erneuerten Musterkanon «Alt-Langnau» zurück, den die Werkstatt Stucki mit ihren Keramikmalerinnen souverän beherrschte. Die Produktion von «Alt-Langnauer» Geschirr war in den folgenden Jahrzehnten immer eines der wirtschaftlichen Standbeine der Werkstatt . Der regelmässige Keramikverkauf über das Heimatwerk in Zürich sicherte die wirtschaftliche Basis. Die langjährige Geschäftsbeziehung wurde 1971 sogar durch eine Jubiläumsausstellung in Zürich gewürdigt.

 

Ab 1953 entstanden erste plastische Arbeiten, Jakob Stuckis «Töpferplastiken». Mit diesen nahm er erfolgreich an zahlreichen auch internationalen Ausstellungen teil. Sie begründeten für die Keramikliebhaber der Moderne seinen ganz speziellen Ruf. Ab 1955 und vor allem zwischen 1965 und 1973 kamen nach und nach auch Grosswandbilder zum Werk dazu (u.a. Firma Brügger Bern, Primarschulhaus Signau, Primarschulhaus Langnau, Kirchgemeindehaus Langnau, Restaurant Gurnigel, Pflegeheim Bärau, weitere Privataufträge, u.a. London).

1955-1962 Lehrtätigkeit auf dem Ggebiet der keramischen Technologie an der Gewerbeschule Thun.

Seine Engobemalereien verloren allmählich den für die 50er-Jahre so typischen «romantisch-niedlichen Zug». Eine schwere Krankheit (Bleivergiftung) zwang ihn schliesslich ab der Mitte der 1960er-Jahre, die Werkstatt personell zu verkleinern und sich eine neue Glasurenpalette zu erarbeiten, die nicht mehr auf Blei basierte (Schneider 1979, 22-23).

Spätestens jetzt wurden seine Engobemalereien, denen am Emmental und seinen Menschen oder dem schweizerischen Brauchtum orientierte zeichnerische Entwürfe zugrunde lagen, sehr eigenständig. Sie streiften alles Niedliche ab. Es entwickelte sich der für seine Arbeiten so typische, fein abgestufte, oft an Pointilissmus erinnernde Malhornstil (vgl. Titelbild des Aufsatzes und Abb. 3,1–4), der je länger je mehr auf zusätzliche Ritzung verzichtete. Jakob Stucki wollte seine Keramiken nicht als «naive, moderne Volkskunst» verstanden wissen. Er betrachtete seine Arbeit vielmehr als eine kompositorische, bewusst stilisierte Übersetzung von bäuerlichen Bildmotiven und Brauchtumsszenen in das 20. Jahrhundert. Jakob Stucki war für das Emmental, den Kanton Bern und die schweizerische Keramikszene einer der wichtigsten Keramiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bis zu Jakob Stuckis Tod im Jahr 1982 wurde die Hafnerwerkstatt aktiv als Geschirr- und Kunsttöpferei genutzt. Nach seinem Tod führte die Witwe Erika Stucki Gerber die Werkstatt mit Hilfe von Drehern (Toni Gerber, N.N. Vanappel und Bernhard Stämpfli) und Keramikmalerinnen (u.a. Rosmarie Hausmann) bis zum Jahr 2000 weiter. Anschliessend vermietete sie die Hafnerei bis etwa 2004 an Bernhard Stämpfli, dem jedoch in der Nachfolge von Jakob Stucki kein durchschlagender Erfolg beschieden war. Nach dem Tod von Erika Stucki-Gerber wurde die Hafnerei aufgelöst und an einen anderen Handwerksbetrieb in Langnau verkauft.

Jakob Stucki – Erika Gerber – Ein persönlicher Blick von Wolfgang Bickel

Stammbaum Gerber-Kohler-Stucki-Aebi

Nachruf Bulletin KFS 1982

Bibliographie:

Aeschlimann 1928
Emil Aeschlimann, Alt-Langnau-Töpferei. Ein Beitrag zur Volkskunde. Beilage: Die rumänische Königin im Ilfis-Schulhaus, 8. Mai 1924, Bern 1928.

Bickel 2021
Wolfgang Bickel, Über den Glanz der Alten Engoben. Jakob Stucki (1920-1982) und die engobierte Irdenware des Emmentals. Neue Keramik, Januar/Februar 2021, 43-45.

Blum 1974
Robert Blum, «Ich bin ein Töpfer und ich bleibe ein Töpfer», Begegnung in Langnau. Der Töpfer und Plastiker Jakob Stucki, in: TV Radio Zeitung, März 1974.

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 370.

Friedli 1972
Peter Friedli, Jakob Stucki, der Töpfer von Langnau i.E., in: Heimatwerk, Blätter für Volkskunst und Handwerk, 1972, Heft 2, 43–60.

Gerber 1985
Heinz Gerber, Die Langnauer Töpfereien. Ein kleiner Überblick, Langnau 1985.

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.

Laur 1955
E. Laur, Neue Emmentaler Töpferwaren, in: Heimatwerk, Blätter für Volkskunst und Handwerk 20, 1955, 152–155.

Ryser 2004
Dorothée Ryser, Jakob Stucki, der Mensch, der Töpfer, der Künstler. Begleitbroschüre zur Ausstellung vom 26. August bis 5. September 2004 im Kirchgemeindehaus Langnau, Langnau 2004.

Schneider 1979
Alfred Schneider, Der Töpfer Jakob Stucki (Suchen und Sammeln 4), Bern 1979.

Schnyder 1985
Rudolf Schnyder, Vier Berner Keramiker. Werner Burri, Benno Geiger, Margrit Linck, Jakob Stucki, Bern 1985.

Stucki-Gerber 1946
Jakob Stucki-Gerber, Wie ich Töpfer wurde, in: Heimatwerk, Blätter für Volkskunst und Handwerk 11, 1946, Heft 4, 111–114.