Heimberg-Steffisburg BE, Schweizer, Adolf, Kunsttöpferei (1925-1961)

Gebäude der ehemaligen Manufaktur Wanzenried zur Zeit von Loder & Schweizer (1919-1925).

Keramik von Adolf Schweizer in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler, Margret Loder 2021

Adolf Schweizer wurde am 4. November 1893 im Glockenthal bei Steffisburg geboren, er starb am 1. Dezember 1967. Sein Grossvater Johannes (1837-1879) war Zimmermann. Sein Vater Johannes (1864-1901) war Fabrikarbeiter (Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland, 2. 12.1893; Stammbaum). Nach der Schule machte Adolf eine Töpferlehre in der Manufaktur Wanzenried (vermutlich etwa 1908-1911). Dann besuchte er ab dem Sommersemester 1911 bis zum Sommersemester 1915 die Keramikfachschule in Bern.

Musterentwurf von Adolf Schweizer 1911 (aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Botanische Zeichenstudie von Adolf Schweizer zwischen 1911 und 1915 (aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Im Anschluss an die Ausbildung in Bern wurde Adolf Schweizer Geschäftsführer der neu gegründeten Genossenschaft DESA.

Adolf Schweizer und Elise Eyer in ihren späten Lebensjahren (Foto Privatbesitz, Familie Schweizer).

Adolf Schweizer heiratete 1917 die in der Manufaktur Wanzenried arbeitende Keramikmalerin Elise Eyer (1892–1970, Tochter des Hafners Gottfried Eyer, 1856–1892 und seiner Frau Elise Gfeller; Oberländer Tagblatt vom 9.11.1917). Das Paar bekam vier Söhne und eine Tochter (alle Informationen aus dem Nachruf im Thuner Tagblatt 91, 1967, Nummer 288). Von den Söhnen wurde der Sohn Hans (1919-1988) ebenfalls Töpfer.

Keramik- und Dekorentwürfe Elise Eyer, entweder für die Manufaktur Wanzenried oder für Loder & Schweizer, vor 1925 (aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Wir können nur vermuten, dass Elise Eyer an der Töpferschule in Steffisburg zur Keramikmalerin ausgebildet wurde, da nach 1906 keine Schülerlisten erhalten sind. Im Nachlass der Kunstkeramik Luzern haben sich diverse signierte Entwurfszeichnungen erhalten, die zeigen, welche zeichnerischen und grafischen Fähigkeiten Elise Eyer hatte.

Für den 11. Dezember 1918 erfahren wir, dass Adolf Schweizer und Emil Loder (1890–1971) gemeinsam die alte Manufakturliegenschaft von der Witwe Wanzenried zum Preis von Fr. 18.000 erwarben (wovon sie Fr. 15.000 als Schuldbrief hinterlegten) und sie mit Nutzen und Schaden auf den 2. April 1919 übernahmen (Grundbuch Thun, Beleg II, 775 vom 17.3.1919). Im Schweizerischen Handelsamtsblatt wurde die Gründung ihrer Kollektivgesellschaft mit dem 1. März 1919 bekannt gemacht (SHAB 37, No. 59, 8. März 1919). Emil Loder arbeitete seit Ende 1915 wohl als Geschäftsführer in der Manufaktur. Wir können nur annehmen, dass die beiden Geschäftsführer sich irgendwo in Steffisburg auf privater Ebene kennengelernt hatten oder schon vorher kannten.

Veröffentlichung der Kollektivgesellschaft im Schweizerischen Handelsamtsblatt 1919.

Sie machten aus der Manufaktur Wanzenried  (Werbeanzeige 1922):

(Hinweis: Das Gründungsdatum 1876 ist falsch! Die Manufaktur Wanzenried wurde im September 1878 gegründet).

Von ihrer gemeinsamen Produktion zeugt ein im Nachlass von Emil Loder erhaltenes Fotoalbum (heute im Staatsarchiv Luzern, PA 1421/PLA 202, Firmenarchiv Kunstkeramik Luzern). Loder & Schweizer setzten eingeführte und erfolgreiche Muster und Keramikwaren der Manufaktur Wanzenried, wie z.B. das Muster «Alt-Thun/Chrutmuster» und die Irdenwareproduktion mit Malhorndekoren und Ritzmustern fort.

Keramik Loder & Schweizer in Privatbesitz bzw. im Schlossmuseum Thun.

Gleichzeitig entwickelte aber wohl vor allem Emil Loder zahlreiche neue Formen und Dekore, die er jeweils mit Nummern versah. Stilistisch würde man seine Dekore einem späten Jugendstil bzw. Art Deco zuordnen.

Malerinnensaal bei Loder & Schweizer, um 1919-1925 (Foto aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

1919 arbeiteten in der Werkstatt Loder & Schweizer angeblich sechs Männer und eine Frau (Frank 2000, 580 basierend auf RSA Thun B 118).

Immer wieder finden sich auch keramische Entwürfe von Paul Wyss (identische Platte auch im SNM, LM-119721).

Gleichzeitig versuchte sich Emil Loder auch als Plastiker und produzierte in der Manufaktur auch verschiedene Tierfiguren (Foto aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

   

Keramik Loder & Schweizer in Privatbesitz bzw. im Schlossmuseum Thun.

Die Marke der Manufaktur war das ligierte “LS” (Loder & Schweizer), oft kombiniert mit dem Ortsnamen Steffisburg und der Form- bzw. Dekornummer. Nur beim Muster “Alt-Thun” erscheinen immer noch die beiden Sterne der Manufaktur Wanzenried und die Bezeichnung “Thoune”.

Der Absatz lief u.a.  über die 1917 gegründete Mustermesse Basel, die Loder&Schweizer von 1920 bis 1924 jährlich besuchten (Offizieller Katalog der MUBA 1920-1924). Hier die Einladung zur MUBA 1924 (Foto aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Anfang 1925 beendeten Emil Loder und Adolf Schweizer ihre Zusammenarbeit, wobei die Gründe in einem Zerwürfnis liegen, dessen Ursachen nicht genauer bekannt sind. Dies geht aus einem erhaltenen Briefwechsel von Emil Loder mit seiner späteren Frau Frieda Schenk hervor. Dieses Zerwürfnis hinderte die beiden ehemaligen Kompagnons aber nicht, später z.B. den Grossauftrag für das Eidgenössische Schützenfest 1939 in Luzern, gemeinsam abzuwickeln. Adolf Schweizer kaufte 1925 den Betrieb und Emil Loder zog nach Luzern und gründete die Luzerner Keramik.

Werbeblatt für die Firma Adolf  Schweizer (Fotokopie aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Adolf Schweizer führte den Betrieb zusammen mit seiner Frau bis 1962 alleine weiter, wobei in der Anfangszeit Keramik ganz im Stil von Loder & Schweizer produziert wurde und auch die Herstellung des Musters “Alt-Thun” weiterlief.

Bereits 1921 war Adolf Schweizer der Gründungspräsident des Schweizerischen Töpfermeisterverbandes (Illustrierte Schweizerische Handwerker Zeitung Nr. 25, 1921, 258).

Im November 1925 erhielten Schweizers für ihre Keramiken beim 6. Wettbewerb der Verkaufsgenossenschaft des Schweizer Heimatschutzes einen 2. Preis, nach der Keramikerin Hanni Nencki, die den ersten Preis erhielt (Der Bund, 76, Nummer 476, 8. November 1925). Die an der Weihnachtsausstellung des Schweizerischen Werkbundes 1925 im Gewerbemuseum Bern gezeigten “hübsch gezeichneten Keramiken”  wurden wohlwollend besprochen (Der Bund 76, Nummer 530, 12.12.1925). Adolf Schweizer war ab 1925 bis 1931 und  ab 1943 auch kontinuierlich mit einem Messestand auf der MUBA vertreten (Offizielle Kataloge der MUBA im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv in Basel).

1926 finden wir Adolf Schweizer auch auf der Weihnachtsausstellung des Schweizerischen Werkbundes, Ortsgruppe Bern, im Gewerbemuseum Bern (Das Werk 13, 1926, XXIII).

1927 beteiligt sich Adolf Schweizer an der “Schweizerwoche-Ausstellung des Gewerbemuseums Bern” “mit wohlgeformten und ausserordentlich schön gearbeiteten Vasen, Schalen und Krügen” (Neue Berner Zeitung 25.1.1927, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte).

1927 Im selben Jahr finden wir ihn auf einer Ausstellung schweizerischer Keramik in Genf (“Céramiques Suisses”). Der Ausstellungskatalog überliefert uns auch zwei Fotos der Produktion dieser Jahre, die wir sonst museal kaum kennen. In einer Anzeige bezeichnet Schweizer sich selbst als Spezialisten für die Kunstkeramik “Vieux Thoune et Mosaïque”.  Letzteres ist ein vom “Chrutmuster” bzw. Muster “Alt-Thun” abgeleiteter neuer Dekor, der auch in der jeweils aufgebrachten Ritzmarke die Bezeichnung  “Mosaïque” trägt.

Vitrine mit Keramik an der Saffa (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit), 1928 (Quelle und Signatur: Staatsarchiv des Kantons Bern, V Frauenzentrale 129). 

1928 An der “Saffa” war die Firma Adolf Schweizer, neben der DESA mit “Frauenarbeit in der Kunsttöpferei” ebenfalls vertreten (Oberländer Tagblatt 52, Nummer 225, 25.9.1928).

1928 erweiterte Adolf Schweizer die Werkstatt um einen 5,1 m langen und 6,6 m breiten Lagerraum in Fachwerkbauweise, der mit einem Blech-Flachdach gedeckt wurde. 1929 reaktivierte er die zur Liegenschaft gehörige Wasserkraft und baute ein Wasserrad mit einer Leistung von 5,5 PS ein (Frank 2000, 575).

Schon vor 1928 gehört Adolf Schweizer zur Aufsichtskommission für das Kantonale Gewerbemuseum in Bern (Der Bund 80, Nummer 387, 21.8.1929). Zugleich war er Präsident des am 5.3.1928 gegründeten Vereins für “Kunstgewerbliche Hand- und Heimarbeit im Berner Oberland” (SHAB 46, 1928, No. 108, S. 919).

An der Schweizerwoche 1929 beteiligte sich Adolf Schweizer mit einer Ausstellung im Thuner Freienhof (Oberländer Tagblatt 53, Nummer 252, 28.10. 1929). Als einziger Keramiker neben der Porzellanfabrik Langenthal beteiligte er sich 1930 am “Exportmusterlager des Kantons Bern”  (Der Bund 81, Nummer 278, 19.6.1930).

1930 Adolf Schweizer zeigt seine Produktion auf der Ausstellung “Oberländische Volkskunst” im Gewerbemuseum Bern (Berner Tagblatt 23.10.1930, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte). Mitaussteller ist die Firma “Gebrüder Lanz Keramik” aus Thun (Neue Berner Zeitung  3.11.1930, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte).

1931 wurde er Gründungspräsident der “Verkaufsgenossenschaft für Heimarbeitsartikel” (Oberländer Heimatwerk) am Bärenplatz in Bern, die den Absatz fördern sollte (Der Bund 82, Nummer 404, 1. 9. 1931;  siehe auch SHAB 49, 1931, No. 268, S. 2446).

Adolf Schweizer war ab dem 29.12.1933 für etliche Jahre auch Präsident des Bernischen Töpfermeister-Verbandes (SHAB 52, 1934, 60), dessen Mitbegründer er 1916 war (Der Bund 86, Nummer 503, 28. Oktober 1935, Bericht über den Chachelimärit im Gewerbemuseum, ausserdem Thuner Tagblatt 90, Nummer 196, 23.8.1966). Der Töpfermeister-Verband stellte mit zahlreichen Mitgliedern auf der MUBA 1921 aus (Offizieller Messekatalog der MUBA 1921).  Der Töpfermeisterverband erhielt bereits im März 1933 die Bewilligung am Werkstattgebäude von Adolf Schweizer einen Anbau für die Tonaufbereitungsanlage der bernischen Töpfermeister zu errichten. Es handelte sich um einen Steinbau mit Ziegeldach (Frank 2000, 575). Diese Unternehmung war nicht erfolgreich und die Anlage wurde 1938 an die Töpferei Kohler in Schüpbach verkauft. Adolf Schweizer baute später erneut eine eigene Trommelmühle ein, die bis 1965 existierte (Frank 2000, 773).

1934 Beteiligung am grossen “Chachelimärit” im Gewerbemuseum in Bern (Der BUND 1.11.1934, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte).

1936 hielt Adolf Schweizer zusammen mit den Keramikern Adolf Schmalz und Töpfermeister Jakob Reusser einen Vortrag über die Heimberger Keramik und ihre Entwicklung bei der Kunstgesellschaft Thun (Oberländer Tagblatt 60, Nummer 136, 13.6.1931). Natürlich konnte die Steffa 1936 – die Steffisburger Ausstellung für Gewerbe, Handel und Industrie nicht ohne Adolf Schweizer stattfinden. Er war Mitglied des Organisationskommitees. Zusätzlich war er mit einem Stand vertreten (Oberländer Tagblatt 60, Nummer 171, 24.7.1936).

Keramik von Adolf Schweizer in Privatbesitz.

Luzerner Schützenfestteller 1939 (Dank an Angelo Steccanella für den Hinweis, identisches Stück im SNM LM-81440 und im HMLU 13865.560).

Einen  Überblick über die Produkte der Firma Adolf Schweizer von 1925 bis 1962 haben wir nicht. Möglicherweise würden hier die vermutlich existierenden Standbilder von der MUBA eine gute Informationsquelle sein. Zumindest für 1928 haben wir Zeitungsberichte über eine Messeteilnahme (Oberländer Tagblatt 52, Nummer 92 vom 30.4.1928). 1954 erfahren wir in einem Bericht über die MUBA, dass Adolf Schweizer seit mehr als 24 Jahren zu den regelmässigen Oberländer Ausstellern auf der MUBA gehörte (Oberländer Tagblatt 78, Nummer 108, 11.5.1954). Für das Jahr 1964 haben wir eine weitere Erwähnung (Thuner Tagblatt  88, Nummer 49, 28.2.1964).

 

Keramik von Adolf Schweizer in Privatbesitz.

Die Markierung seiner Produkte änderte Adolf Schweizer auf die ligierten Buchstaben “SA”, oft mit der Beischrift Steffisburg. Auch bei ihm trägt das Muster “Alt-Thun” seitlich zwei Sterne wie in der Manufaktur Wanzenried und die Beischrift “Thoune”.

In den 1930er-Jahren fertigte Adolf Schweizer in geringem Umfang offenbar auch Fayencen, ähnlich wie Emil Loder in Luzern.

Adolf Schweizer zog an die Bernstrasse 21 in Steffisburg und richtete sich dort erneut eine kleine Werkstatt ein, wo er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Hans bis mindestens 1967 Keramik herstellte (Thuner Tagblatt 87, Nummer 258, 4.11.1963 ). Der Sohn Hans führte das Kunstkeramikgeschäft bis 1988 unter derselben Adresse weiter (SHAB 87, 1969, No. 70, S. 657). Seine Signatur “HS” ist von der seines Vaters “AS” oft nicht eindeutig unterscheidbar.

Bei Adolf Schweizers Nachfahren hat sich wegen des Verkaufs der Töpferei (Nutzen und Schaden 1. Mai 1961) kein nennenswerter archivalischer Nachlass erhalten.

Beim Verkauf gelangte der Betrieb 1961 an Hans Schneider-Kraft, Töpfermeister von Seftigen (1923-2006) und seine Frau Susi Schneider-Kraft. Hans Schneider modernisierte und renovierte den Betrieb sehr intensiv (Thuner Tagblatt 86, Nummer 275, 23. November 1962; auch GB Thun, Belege 6, No. 7226, vom 16. Oktober 1961). 1965 entfernte er die alte Tonaufbereitungsanlage, die für seinen Betrieb viel zu gross und unwirtschaftlich war (Frank 2000, 575, 578).

Umbau 1991: Thuner Tagblatt, Band 115, Nummer 38, 15. Februar 1991

Thuner Tagblatt 115, Nummer 77, 4.4.1991

1989-1992 folgte eine weitere intensive Umbaumassnahme im früheren Gebäude der Majolika-Fabrik von Johannes Wanzenried (Thuner Tagblatt, Band 115, Nummer 38, 15. Februar 1991; Thuner Tagblatt 115, Nummer 77, 4.4.1991, vgl. auch Frank 2000, 575).

Hans Schneider produzierte noch 1996. Im April 1994 stellte er auf der Gewerbeausstellung Steffisburg seine Keramiken aus (Thuner Tagblatt, Band 120, Nummer 95, 24. April 1996). Wann er seinen Betrieb definitiv einstellte, ist unklar.

Keramik von Adolf Schweizer bei Antik und Rar

Keramik von Hans Schweizer bei Antik und Rar

Keramik in der Sammlung des SNM

Keramik in der Sammlung des MAG

Bibliographie:

Frank 2000
Georg Frank, “Dank dem Gewerbefleiss früherer Jahrhunderte”. Die Nutzung der Wasserkraft in der bernischen Gemeinde Steffisburg vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Thun 2000, bes. Kap. 4.16.