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Aedermannsdorf SO, Rössler AG (1960–2004)

Roland Blaettler, Rudolph Schnyder 2014

1927 kaufte der Basler Unternehmer Alfred von der Mühll die Aktiengesellschaft «Thonwarenfabrik Aedermannsdorf», die sich damals in einer Krise befand. Die Zahl der Arbeiter ging seit 1926 zurück. Mit dem neuen Besitzer verbesserte sich die Situation, bis auch die Manufaktur die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu spüren bekam. 1934 wurde eine Kunstabteilung eröffnet, dessen Leitung dem Berner Keramiker Benno Geiger anvertraut wurde. Als im Zweiten Weltkrieg der Geschirrimport aus den Nachbarländern vollständig wegfiel, erlebte die Fabrik einen Aufschwung, der zu einer Ausweitung der Produktion nebst dem traditionellen manganglasierten Braungeschirr führte. Nach 1947 hatte die Fabrik dann erneut mit der wachsenden Konkurrenz aus dem Ausland zu kämpfen.

1960 wurde die Fabrik vom Industriellen Emil Rössler von Ersigen im Emmental gekauft. Die Aktiengesellschaft Rössler spezialisierte sich nun auf die Produktion von Geschirr aus Steingut und seit 1963 aus Porzellan. 2004 schloss sie ihre Tore in Aedermannsdorf.

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 16–17.

Schwab 1927
Fernand Schwab, Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn und ihr Einfluss auf die Volkswirtschaft. Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des solothurnischen Handels- und Industrievereins. Solothurn 1927.

Vogt 2000
Albert Vogt, Die Geschichte der keramischen Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. In: Verein «Freunde der Matzendorfer Keramik» (Hsg.), 200 Jahre keramische Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. Matzendorf, 9-90.

 

 

Aedermannsdorf SO, Thonwarenfabrik (1883-1960)

Keramikobjekte in CERAMICA CH 

Roland Blaettler, Rudolph Schnyder 2014

1883 wurde am Ort der Vorgängermanufaktur Matzendorf  (die auf dem Grund und Boden der Gemeinde Aedermannsdorf lag) die Aktiengesellschaft «Thonwarenfabrik Aedermannsdorf» gegründet. Die meisten Aktionäre wohnten nun nicht mehr im Dünnerntal und gehörten der politischen und wirtschaftlichen Oberschicht des Kantons an. Das neue Unternehmen entwickelte sich gut. Der Aufstieg der Uhrenindustrie im Tal gab der Bauindustrie Auftrieb und in der Fabrik entwickelte sich die neue Abteilung der Ofen- und Tragofenherstellung zu einem hochprofitablen Geschäft. Seit Ende 1890 verzichtete die Manufaktur auf lokale Rohstoffe und importierte den Ton aus der Pfalz und aus der Tschechoslowakei. 1884 hatte sie 13 Mitarbeiter, 1885 waren es 38 und 1897 54.

Aus dem Jahr 1895 hat sich ein vollständiges Musterbuch der Firma erhalten („Preis-Verzeichniss über Braunes Kochgeschirr„) , das einen guten Eindruck vom Produktionsspektrum vermittelt.

Die Fabrik wurde durch zwei Feuersbrünste 1887 und 1913 zerstört, aber sofort wieder aufgebaut und modernisiert. So wurde die Produktion 1913 teilweise mechanisiert, und die Öfen wurden auf Kohle umgestellt. Man stellte nun zu gleichen Teilen einerseits Öfen und Ofenkacheln, anderseits Braungeschirr (manganglasiertes Geschirr) her, was auch Fernand Schwab 1924 bei einem Besuch der Fabrik feststellte.

1927 kaufte der Basler Unternehmer Alfred von der Mühll die Tonwarenfabrik, die sich damals in einer Krise befand. Die Zahl der Arbeiter ging seit 1926 zurück. Mit dem neuen Besitzer verbesserte sich die Situation, bis auch die Manufaktur die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu spüren bekam. 1934 wurde eine Kunstabteilung eröffnet, deren Leitung dem Schweize Keramiker Benno Geiger anvertraut wurde. Als im Zweiten Weltkrieg der Geschirrimport aus den Nachbarländern vollständig wegfiel, erlebte die Fabrik einen Aufschwung, der zu einer Ausweitung der Produktion nebst dem traditionellen manganglasierten Geschirr führte (vgl. Vogt et al. 2000, 80-81). Nach 1947 hatte die Fabrik dann erneut mit der wachsenden Konkurrenz aus dem Ausland zu kämpfen.

1960 wurde sie vom Industriellen Emil Rössler von Ersigen im Emmental gekauft. Die Aktiengesellschaft Rössler spezialisierte sich nun auf die Produktion von Geschirr aus Steingut und seit 1963 aus Porzellan. 2004 schloss die Firma ihre Tore in Aedermannsdorf.

Das Keramikmuseum Matzendorf ist der Geschichte der Keramik aus Matzendorf und Aedermannsdorf gewidmet und besitzt die grösste Sammlung von Keramiken dieser Herstellungsregion.

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 16–17.

Schwab 1927
Fernand Schwab, Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn und ihr Einfluss auf die Volkswirtschaft. Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des solothurnischen Handels- und Industrievereins. Solothurn 1927.

Vogt 2000
Albert Vogt Die Geschichte der keramischen Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. In: Verein «Freunde der Matzendorfer Keramik» (Hsg.), 200 Jahre keramische Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. Matzendorf, 9-90.

 

 

Albligen BE, Hafnerei Schläfli (um 1700-1842)

«Albliger Geschirr» in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2022

Im westlichen Kanton Bern gab es nur sehr wenige Hafnereien. Eine davon war die Hafnerei Schläfli in Albligen, im Schwarzenburger Land, unmittelbar an der Grenze zum Kanton Freiburg i. Ue.  Hier wurden vermutlich seit etwa 1700 während fünf Generationen (mit maximal sieben Hafnern) Kachelöfen und Gebrauchsgeschirr hergestellt (siehe Stammbaum). «Albliger Geschirr» wurde erstmals 1926 in der Literatur erwähnt und aufgrund von Aussagen der Verkäufer der Hafnerei Schläfli zugewiesen (Aegler 1926; Wegeli 1927; Wyss 1966, 42-44). Die Keramikgruppe wurde jedoch nie umfassend zusammengestellt oder eindeutig definiert. Auch konnte bisher kein gesicherter Zusammenhang zwischen der Hafnerei und der Keramikgruppe hergestellt werden.  Letztmalig hat sich Adriano Boschetti mit dem «Albliger Geschirr» beschäftigt (Boschetti-Maradi 2006 und 2007).

Nach der Literatur und den wenigen bekannten Museumsstücken handelt es sich um eine Keramikgruppe mit weisser Grundengobe, typischem Ritzdekor, der gelegentlich mit Springfederdekor kombiniert sein kann, kräftig gelber Glasur und sehr stark verlaufenem, dunkelbraunem Spritzdekor.

 

Einige Stücke weisen Datierungen zwischen 1760 (RML A130) und 1789 (BHM 7220) auf. Sie dürften also aus der Werkstatt der zweiten oder dritten Hafnergeneration Schläfli stammen, während die jüngere Produktion, die bis in die 1830er-Jahre gereicht haben soll, unbekannt ist.

Keramik aus Albligen? Bodenfunde aus Bern, Waisenhausplatz (ca. 1700-1740). Foto Badri Redha, Archäologischer Dienst des Kantons Bern.

Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass Keramik mit einem vergleichbaren Dekor nicht nur in Albligen, sondern auch an anderen Töpferorten der Kantone Bern bzw. Freiburg i. Ue. hergestellt worden sein dürfte (vgl. Heege/Kistler 2017/2, Abb. 317; 319; 323,3).

Als Ausnahmen begegnen auch Stücke mit blauem und grünem Spritzdekor aus dem Jahr 1754 (Fitzwilliam-Museum-Cambridge, FWMC C.1899-1928).

Das Hafnerhaus steht heute noch, jedoch haben sich im Inneren keine Betriebsstrukturen oder Töpfereieinrichtungen mehr erhalten. Aus dem Umfeld geborgene Keramikscherben weisen überwiegend dunkelbraunen Spritzdekor auf.

Stammbaum der Hafner Schläfli

Bibliographie

Aegler 1926
J. Aegler, Albliger Geschirr. Eine neue Gruppe Bauerngeschirr aus dem 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch des Bernischen Historischen Museums, 6. Jahrgang, 1926, 84-87.

Boschetti-Maradi 2006
Adriano Boschetti-Maradi, Gefässkeramik und Hafnerei in der Frühen Neuzeit im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 8), Bern 2006.

Boschetti-Maradi 2007
Adriano Boschetti-Maradi, Geschirr für Stadt und Land. Berner Töpferei seit dem 16. Jahrhundert (Glanzlichter aus dem Bernischen Historischen Museum 19), Bern 2007.

Wegeli 1927
Rudolf Wegeli, Albliger Geschirr, in: Jahrbuch des Bernischen Historischen Museums, 7. Jahrgang, 1927, 82.

Wyss 1966
Robert L. Wyss, Berner Bauernkeramik (Berner Heimatbücher 100-103), Bern 1966.

Aschaffenburg, Damm, Steingutfabrik (1827–1884) – Porzellanfiguren

Betrifft auch: Höchst, Porzellanmanufaktur (1746–1796) und Passau, Dressel, Kister und Cie sowie Nachfolgebetriebe (1853–1942)

Roland Blaettler, Andreas Heege 2019

Die Höchster Porzellanmanufaktur (Hessen) ist bekannt für die Vielfalt ihrer Figuren, die während der 50jährigen Produktionszeit von zahlreichen Modelleuren geschaffen wurden. Diese orientierten sich oft an Meissener Vorbildern, die sie nachahmten oder variierten. Nach grafischen Vorlagen wurden aber auch eigene Modelle entworfen (Stahl 1994, 185-314).  Sie konnten sowohl als Biscuit ausgeführt sein, als auch unbemalt bleiben oder farbig staffiert verkauft werden.

Nachdem die Porzellanmanufaktur in Höchst 1796 geschlossen worden war, wurde die Fabrik samt Inventar am 26. August 1798 versteigert. 1840 erwarb Daniel Ernst Müller die alten Figurenmodelle für die von ihm 1827 gegründete Steingutfabrik in Aschaffenburg, Damm (Bayern). Mit ihrer Hilfe wurden neue Arbeitsformen aus Gips geschaffen und gebrannte Tonmodelle zur Formensicherung hergestellt. Bis 1884 entstanden so zum Teil retuschierte Steingutfiguren, vereinzelt auch Porzellanausformungen der beliebten Höchster Figuren (Stenger 1949; Schad 1991; Zoike 1986; Stahl 1994, 297-302).

1886–1887 gelangten die Formen in den Besitz der 1755 gegründeten Steingutfabrik Franz  Anton Mehlem in Poppelsdor bei Bonn. Die alten Formen wurden restauriert und neue Steingutfiguren ausgeformt,  die  jedoch nicht in den Verkauf gelangten (Stahl 1994,  302). 1903 wurden etwa 350 Modelle von der Porzellanfabrik Dressel, Kister und Cie in Passau (1853-1919) erworben. Dort wurden sie erneut retuschiert und vermutlich bis 1919 als Porzellanfiguren ausgeformt. Sei es in Aschaffenburg, Damm oder in Passau, die neuen Ausformungen wurden fast systematisch mit der Höchster Radmarke versehen, manchmal in Zusammenhang mit dem Buchstaben «D» (HMO 8661), manchmal mit einem Bischofsstab (Passau, Reber 1988, 192–200; Werhahn 2002).

1919 wurde die Firma verkauft und firmierte bis zum Konkurs im Jahr 1936 unter „Aelteste Volkstedter Porzellanfabrik AG, Zweigniederlassung Passau“. 1927 bestellte die Stadt Höchst noch vor ihrer Eingemeindung nach Frankfurt dort einen kompletten, neu ausgeformten Satz von allen erhaltenen Höchster Modellen. Die rund 350 „Alt-Höchster Reproduktionen” sind bis heute in den festlich ausgestatteten Zimmern des Bolongaropalastes in Frankfurt-Höchst ausgestellt und werden vom Historischen Museum Frankfurt wissenschaftlich betreut.

Von 1937 bis 1942 wurde die Produktion als „Porzellanfabrik Passau“ fortgesetzt, bevor der Betrieb  am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört und geplündert wurde.  „Alt-Höchster Reproduktionen“ wurden mit den vorhandenen Modeln letztlich wohl bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Passauer Porzellanmanufaktur  hergestellt.

Ein Teil der Formen kam in das Oberhausmuseum in Passau und wurde bei dessen Auflösung an einen Privatmann verkauft, der sie an die Porzellanmanufaktur Frankenthal weiterverkaufte. Nach deren Stilllegung um 1950 verlieren sich die Spuren der Formen (Stahl 1994, 302).

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950). Sulgen 2014, 382.

Reber 1988
Horst Reber, Höchster Porzellan aus drei Jahrhunderten. Ausstellung zu Aspekten der Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Hohenberg an der Eger 1988.

Schad 1991
Brigitte Schad, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm 1840-1884. Aschaffenburg 1991.

Stahl 1994
Patricia Stahl, Höchster Porzellan 1746-1796. Katalog zur Ausstellung Höchster Porzellan 1994, Frankfurt 1994.

Stenger 1949
Erich Stenger, Die Steingutfabrik Damm bei Aschaffenburg 1827-1884. Aschaffenburg 1949.

Werhahn 2002
Maria Christiane Werhahn, Die Porzellanfiguren der Passauer Manufaktur aus den Höchster Originalformen. Ein Beitrag zur Geschichte des Porzellans im 19. und 20. Jahrhundert. Neuss 2002.

Zoike 1986
Birgit Zoike, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm nach Formen der kurmainzischen Porzellanmanufaktur in Höchst am Main (Höchster Geschichtshefte 44). Frankfurt 1986.

 

 

Bäriswil BE, Hafner Kräuchi

Bäriswiler Keramik in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2017

Bäriswil liegt zwischen Burgdorf und Bern an der Nahtstelle zwischen Emmental und bernischem Mittelland. 1764 hatte das kleine Dorf 190 Einwohner; bis 1850 stieg die Zahl auf 462. Die Keramikproduktion in Bäriswil lag in den Händen verschiedener Hafnerfamilien. Für einzelne Hafner und ihre Familien liessen sich auf der Basis archivalischer Recherchen die Hafnergrundstücke nachweisen. Besonders hervorzuheben sind die Hafner mit dem Namen Kräuchi. Die drei nicht unmittelbar miteinander verwandten Familien stellten sowohl den ersten Hafner (gesichert ab 1758) als auch den letzten in den 1870er-Jahren. Mit grosser Wahrscheinlichkeit produzierten nur die Hafner Kräuchi das Geschirr, das wir heute aus typologischen Gründen als Bäriswiler Keramik bezeichnen. Jakob Kräuchi (1731–nach 1791, vor 1798, vgl. den Stammbaum), der erste Hafner, setzte auch Kachelöfen, jedoch hat sich keiner seiner Öfen erhalten. Die stilistische Analyse zeigt eine starke Bindung des frühen Bäriswiler Geschirrs (ca. 1758–1780) an die regionalen Keramiktraditionen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind hier vor allem die blau-weiss dekorierten Geschirre mit Unterglasur-Pinseldekor, aber auch Malhorn-, Springfeder- und Borstenzugdekore. Diese frühe, quasi noch barocke Produktion bleiglasierter Irdenware mit Unterglasur-Pinseldekor auf einer weissen Grundengobe («frühes Bäriswil») dürfte ausschliesslich Jakob Kräuchi, dem ersten Hafner, zuzuschreiben sein.

Der Zeitraum 1779/80 stellt für den ersten Bäriswiler Hafner Jakob Kräuchi möglicherweise eine wirtschaftlich schwierige Zeit dar, da sich sein Bruder bei Grundstücksgeschäften verspekuliert hatte und Jakob Bürge war. Am 20. Oktober 1779 verkaufte er seine Hafnerliegenschaft an den nicht verwandten Schneider und Schulmeister Ludwig Kräuchi (1743–1814, vgl. den Stammbaum). Jakob Kräuchi und  seine Söhne Jakob und Johannes zogen daher 1780/81 nach Biel-Mett um und arbeiteten weiter als Hafner. Was sie dort produzierten, ist nicht bekannt.

Zugleich konnte Ludwig Kräuchi, der Besitznachfolger in der Bäriswiler Hafnereiliegenschaft, die Hafnerei kaum allein weiter betreiben. Seine beiden Söhne Jakob (1768-1831) und Ludwig (1770-1851) waren mit nur 10 und 12 Jahren zu klein dazu und wurden erst ab 1785 durch den nach Bäriswil übersiedelten württembergischen Hafner Joseph Riedlinger, Landsasse in Heimberg-Steffisburg, zu Hafnern ausgebildet. Da die datierte Geschirrkeramik im Bäriswiler Stil jedoch keine Unterbrechungen in der stilistischen Entwicklung aufweist, muss man sich fragen, ob vielleicht vom Vorbesitzer Jakob Kräuchi in derselben Werkstatt weiterhin Keramik und Ofenkeramik hergestellt wurde, die der Schulmeister Ludwig Kräuchi dann kalligraphisch besonders schön beschriftete? Jakobs Sohn Johannes (1770-1814) kehrte um 1798 nach Bäriswil zurück und produzierte wohl in Hub, Gde. Krauchthal bzw. in Bäriswil.

Mit der Übernahme der Werkstatt durch den Schulmeister begann in Bäriswil eine zweite, in der Dekoration einem ländlichen Rokoko verpflichtete Produktionsperiode, «mittleres Bäriswil» genannt, die vor allem auf Basis der zahlreichen Geschirrbeschriftungen und Datierungen sowie der rasch aufeinanderfolgenden Entwicklungsschritte gut gegliedert werden kann. Die feinlinigen, mit der Gänsefeder geschriebenen Frakturbuchstaben in manganvioletter bis fast schwarzer Farbe sind eines der wichtigen Merkmale der Bäriswiler Keramik. Ihre kalligrafische Qualität steht mit dem ausgeübten Erst- oder Zweitberuf – Schulmeister – eines Teils der Familienmitglieder Kräuchi in unmittelbarem Zusammenhang. Zwischen etwa 1785 und 1800 beinhaltete die Bäriswiler Produktion immer auch einen kleinen Prozentsatz echter Fayencen mit einer Blei-Zinn-Glasur und Inglasurmalerei. Dabei handelt es sich offenbar nur um ausgesuchte Gefässtypen (Zuckerdosen, Teekannen, kleine Terrinen und eine Spardose). Ihre Herstellung steht vermutlich mit der zeitgleichen Produktion von Fayencekachelöfen in Verbindung, die sich zwischen etwa 1780 und 1795 nachweisen lässt (Heege/Spycher/Kistler 2020). Die Herstellung dieser Ware u. a. in Bäriswil belegt, dass Fayenceproduktion nicht nur an protoindustrielle Manufakturen gebunden war, sondern auch auf handwerklichem Niveau erfolgen konnte.

1804 verkaufte der Schulmeister und Keramikmaler Ludwig Kräuchi die Werkstatt seinen beiden Söhnen, die sich 1806 zerstritten und schliesslich 1809 wegen Überschuldung in Konkurs gerieten. Die Bäriswiler Produktion lief jedoch bis 1821 ohne erkennbare Unterbrechungen weiter. Diese letzte Phase der Produktion, als «spätes Bäriswil» bezeichnet, ist durch eine zunehmende «Erstarrung» der Dekore geprägt. Nur wenige Zentralmotive (vor allem Tiere) werden neu in den Motivschatz aufgenommen, die Rocaillen- und Blumenmuster nicht mehr weiterentwickelt. Mit dem Jahr 1821 enden die Geschirrbeschriftungen auf der «klassischen» Bäriswiler Keramik mit weisser Grundengobe. Grund hierfür mag u. a. der zweite Konkurs des Hafners/Schulmeisters Ludwig Kräuchi (1770-1851) in den Jahren 1819/1821 gewesen sein. Dieser war eine Folge der klimabedingten Wirtschaftskrise, die auf das Jahr ohne Sommer, 1816, folgte. Ludwig Kräuchi hinterliess 6353 Franken unbezahlte Schulden. Mit ihm endete die Produktion des typischen Bäriswiler Geschirrs.

Aufgrund anhaftender Glasurreste an den Bäriswil zugeschriebenen Keramiken kann nachgewiesen werden, dass die «klassische» Bäriswiler Keramik nur ein Produktionssegment darstellte. Daneben wurden vor allem malhornverzierte Geschirre mit roter Grundengobe, aber auch Keramik mit grüner Glasur, schwarzer Manganglasur, mit gelber Glasur und braunem Spritzdekor sowie mit Farbkörpern in der Grundengobe gefertigt. Hierbei handelt es sich um zeittypisches bernisches bzw. deutschschweizerisches Geschirr. Zahlreiche andere Hafnerbetriebe der weiteren Region fertigten vergleichbare Ware. Sofern keine eindeutigen Dekoreigenheiten oder Bodenmarken vorliegen, kann daher dieses «Bäriswiler Alltagsgeschirr» nicht von dem der übrigen Hafnerbetriebe des Kantons Bern getrennt werden.

Soweit die auf den Geschirren namentlich genannten Personen über Archivalien sozialgeschichtlich eingeordnet werden können, haben wir es bei den mit Bäriswiler «Luxusgeschirr» Beschenkten offenbar immer mit der geschäftstüchtigen, bäuerlichen Oberschicht der Region zu tun. Zu dieser Oberschicht gehören selbstverständlich auch die Müller. Die nachweisbar ausgeübten Funktionen u. a. als Gerichtssässen, Amänner etc. lassen es als selbstverständlich erscheinen, dass die betreffenden Personen auch Schreib- und Lesefähigkeit besassen. Dies spiegelt sich auch in der Vielzahl der produzierten Tintengeschirre. Im Militär gehörten die Personengruppen aufgrund ihrer wirtschaftlichen «Potenz» bevorzugt den berittenen Dragonern an, einer kleinen «Spezialeinheit» der bernischen Miliz. Auch dies findet einen Nachhall in den gemalten Motiven der Bäriswiler Teller.

Das Absatzgebiet für Bäriswiler Keramik ist historisch nicht überliefert. Es gibt jedoch eine kleine Anzahl an Gefässen, deren Herkunftsort gesichert ist. Mehr als 100 Stücke tragen Namen der Beschenkten oder der Auftraggeber. Die vorkommenden Familiennamen lassen sich mit ihren um 1800 historisch belegten Heimatorten verbinden, und so vermittelt eine Kartierung der Familiennamen ein Bild der potenziellen Kundenherkunft. Das Absatzgebiet Bäriswils umfasste offenbar vor allem das bernische Mittelland bis zur Aare, das Emmental und den bernischen Oberaargau, hatte demnach also einen Radius von etwa 30 Kilometern. Dies dürfte einer Distanz von zwei bis drei Tagesmärschen eines Keramikhausierers entsprochen haben (Absatzgebiet der Bäriswiler Keramik).

Vom Bäriswiler Geschirr existieren heute noch knapp 380 Exemplare in Museen und Privatsammlungen, wobei die Schreibgeschirre die grösste Gruppe ausmachen. Die musealen Vorkommen konzentrieren sich auf die Museen BHM, SNM, MAHN, RSB, MKB, HMB, MKW und SMT. Einige Stücke befinden sich auch in ausländischen Sammlungen, wie dem Germanischen Nationalmuseum oder dem Fitzwilliam-Museum in Cambridge

Weitere Hafnerfamilien in Bäriswil

Erst nach etwa 1810 stiegen auch Mitglieder der Familie Witschi in die Bäriswiler Geschirrproduktion ein, gaben diese jedoch in den 1860er-Jahren zugunsten der Herstellung von «Röhren» auf. Die Röhrenproduktion lief bis ca. 1950. Erst ganz am Ende der Bäriswiler Hafnereigeschichte waren zwei Mitglieder der Familie Kläy ebenfalls in der Keramikproduktion tätig.

Nur die Hafnerwerkstatt aus dem Besitz der Familie Witschi, die spätere Röhrenhütte, wurde bislang umfangreicher archäologisch untersucht. Die Ausgrabungen erbrachten ein aussagekräftiges Spektrum an Schrüh- und Fehlbränden, das nach 1817 und wohl vor ca. 1860 entstanden sein dürfte. Es dokumentiert eindrucksvoll die Werkstattgebundenheit bestimmter typologischer Elemente, denn die vorliegenden Formen decken sich überhaupt nicht mit den Keramiktypen des «klassischen Bäriswil». Erstaunlicherweise versuchten sich auch die Hafner der Familie Witschi (erfolglos?) an einer Fayenceproduktion, die sich farblich an jener der überlegenen Manufakturen Matzendorf und Kilchberg/Schooren orientierte. Daneben produzierten sie aber vor allem manganglasiertes Alltagsgeschirr und Keramik mit weisser oder roter Grundengobe. Die zunehmende Bedeutung des Gemüseanbaus im Kanton Bern spiegelt sich in der Aufnahme der Produktion von keramischen Pflanzenschutztöpfen bzw. Spargelstülpen (Kaltenberger 2009, 719-724). Die Intensivierungs- und Kultivierungsmassnahmen im landwirtschaftlichen Bereich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts machten die Herstellung von Drainage- und Wasserrohren zu einem wirtschaftlich vielversprechenden Geschäft. Die Umstellung auf diesen Produktionszweig vollzogen die Hafner der Familie Witschi in den 1860er-Jahren, da die Geschirrhafnerei ansonsten das Überleben kaum noch zu sichern vermochte. Nicht von ungefähr wanderten 1854, 1855 und 1857 drei Bäriswiler Hafner und ihre Familien nach Nordamerika aus.

Stammbaum des Bäriswiler Hafners Jakob Kräuchi (1731-nach 1791 und vor 1798)

Stammbaum des Bäriswiler Schulmeisters und Hafners Ludwig Kräuchi (1743-1814)

Absatzgebiet der Bäriswiler Keramik

Bibliographie

Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011.

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 329-353.

Heege/Spycher/Kistler 2020
Andreas Heege/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Die Hafner von Hängelen und das Rätsel der Bäriswiler Kachelöfen, in: Krauchthaler Jahrbuch, 2020, 173-256.

Kaltenberger 2009
Alice Kaltenberger, Keramik des Mittelalters und der Neuzeit in Oberösterreich (Nearchos 17 = Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich, Folge 23), Innsbruck 2009.

 

 

Bäriswil BE, Region («Bärisnau»)

Dragonerteller im Musée Ariana, Genf (MAG AR931)

Objekte in CERAMICA CH

Andreas Heege und Andreas Kistler 2019

Erst in Kenntnis des Bäriswiler Motiv- und Formenschatzes war eine Aussortierung und genauere Beurteilung einer kleinen, aber sehr charakteristischen Gefässgruppe «Bäriswil Region» möglich, die mit grosser Wahrscheinlichkeit im Kanton Bern, im Umfeld von Bäriswil entstanden sein dürfte, ohne dass wir bis heute den genauen Produzenten bzw. Produktionsort kennen.

Bei einem kleineren Teil dieser Gruppe handelt es sich um Gefässe, die Bäriswiler Gefässformen, typische Bäriswiler Motive und Dekorationselemente aufweisen, jedoch in Langnauer Ritz- und Malhorntechnik ausgeführt und durch Springfeder- und Borstenzugdekor und Langnauer Dekormotive ergänzt wurden (Heege/Kistler/Thut 2011, 177-184 „Bärisnau“).

Vor allem Springfeder- und Borstenzugdekor finden sich ansonsten nicht bei der Keramik aus Bäriswil,  Borstenzugdekor aber auch nicht bei der Langnauer Keramik. Dagegen sind eine grössere Zahl der Motive so eng an den Bäriswiler Motivschatz angelehnt, dass eine genaue Kenntnis der dortigen Werkstatteigentümlichkeiten und eine selbstverständlich-alltägliche Ausführung der Dekore vorausgesetzt werden muss. Dies ist eigentlich nur vorstellbar, wenn die produzierende Werkstatt ebenfalls in Bäriswil oder in der Region von Bäriswil lag. Die nächstgelegenen Orte mit Hafnerei wären Hängelen, Jegenstorf, Urtenen und Münchenbuchsee. Vor allem die Beziehungen nach Hängelen zu den Hafnern Häberli scheinen etwas enger gewesen zu sein (Heege/Spycher/Kistler 2019), jedoch haben sich für diese Keramikgruppe bislang keinerlei eindeutige Hinweise auf die dortige Produktion erbringen lassen.

Das älteste Stück dieser Gruppe, die schweizweit heute noch 22 Stücke umfasst, ist eine 1778 datierte Schüssel, die im Spiegel den typischen Bäriswiler Vogel zeigt (MAG R166). Die besten Vergleiche zum Hauptmotiv datieren in Bäriswil in die Zeit zwischen 1770 und ca. 1782 (BHM 5478; MAHN AA1833; MAHN AA2025; GNM H.G.8311). In diesem Zeithorizont finden sich auch die übrigen Dekorelemente wie Gittermuster und erste Rocaillen. Einfarbige, rote Grundengobe auf der Aussenseite tritt bei dekoriertem Langnauer-Geschirr quasi nie auf, ist dagegen bei Heimberger Keramik ab den 1780er-Jahren durchaus geläufig.

Stilistisch lässt sich der Dragonerteller (MAG AR931) unmittelbar an die besprochene Schüssel von 1778 anschliessen. Borstenzug- und Springfederdekor sowie die rote Grundengobe der Aussenseite stimmen überein. Borstenzugdekor ist für die Langnauer und Heimberger Produktion dieses Zeithorizontes nicht belegt. Der Dragoner, der formal und in seiner Sitzhaltung sehr stark den Bäriswiler Dragonern ähnelt (BHM 32661), präsentiert seinen Säbel. Das Pferd steht ungewöhnlich steif da, hat jedoch das rechte Hinterbein in der Art der Bäriswiler Pferdedarstellungen angehoben, als wolle es gleich in Passgang oder Trab verfallen. Sofern die Datierung von Bäriswiler Motivdetails auf diese Geschirrvariante wirklich übertragen werden darf, müsste dieser Teller etwas jünger sein. Er trägt ein sog. «Blattwerk 1», das sich ansonsten vor allem um 1788 findet.

 

Stilistisch gut vergleichbar ist ein weiterer Dragonerteller dieser Gruppe aus dem Bernischen Historischen Museum (BHM 17579). Dort und im Musée cantonal d’archéologie et d’histoire Lausanne findet sich auch ein weiterer Typ des Dragonertellers, bei dem der Reiter mit gezogenem Säbel bzw. gezückter Pistole nach rechts davongaloppiert (BHM 2875; MCAHL PM-4327). Das Spektrum der Soldatendarstellungen dieser Keramikgruppe wird durch zwei Infanteristen ergänzt, die ihr Gewehr präsentieren (vgl. Heege/Kistler/Thut 2011, Abb. 175 und SNM LM-3203). Der grosse Anteil an Darstellungen aus dem militärischen Bereich verbindet die Gruppe ebenfalls eher mit Bäriswil als mit Langnau, denn im Emmental sind Militär- und Dragonerdarstellungen die grosse Ausnahme.

Angesichts der zahlreichen Übereinstimmungen zwischen dieser Gruppe und der Produktion aus Bäriswil erstaunt es nicht, dass es auch Stülpdeckeldosen gibt, die wie Miniaturformen der grösseren Stülpdeckelterrinen aussehen (MAG N231). Diese Gefässform lässt sich in Bäriswil ab 1758 bis ca. 1780/1782 nachweisen und kommt mit einem Stück sogar noch am Beginn der folgenden Produktionsphase, d. h. ca. 1788–1793, vor (vgl. Heege/Kistler/Thut 2011, Abb. 116 und 117; MKW 253). Danach werden Stülpdeckelterrinen durch solche mit Steckdeckel abgelöst. Während der Deckel des vorliegenden Stückes ganz Bäriswiler Dekorgepflogenheiten entspricht, trägt das Unterteil u. a. eine grosse Rosette. Dieses Motiv findet sich zwischen dem frühen 18. und dem frühen 19. Jahrhundert regelhaft bei Langnauer, nicht aber bei Bäriswiler Produkten (Heege/Kistler 2017b, 556-558, Abb. 676). Auch stilistisch ist klar, dass es sich bei dem seltenen Unterteil einer Stülpdeckeldose um ein Stück aus Langnauer Produktion handelt. Vermutlich wurde um 1780 der defekte Deckel einer Langnauer Dose durch einen neuen, passgenauen Deckel aus einer Töpferei im Umfeld Bäriswils ersetzt.

Bibliographie:

Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011, 177-184.

Heege/Kistler 2017a
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Heege/Kistler 2017b
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.

Heege/Spycher/Kistler 2020
Andreas Heege/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Die Hafner von Hängelen und das Rätsel der Bäriswiler Kachelöfen, in: Gemeindebuch Krauchthal, 2020, 173-256.

Berneck SG

Andreas Heege, Andreas Kistler 2019

Forschungsgeschichte

Der älteste Literaturhinweis auf die Töpferei in Berneck stammt aus dem Jahr 1921. Damals beschäftigte sich Fernand Schwab intensiv mit der Entstehung und Entwicklung der Töpferei in Heimberg und ihrer Ausstrahlung, u. a. nach Berneck (Schwab 1921, 60). 1924 schrieb Daniel Baud-Bovy (1870–1958), Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission (1916–1938) in seinem Buch «Peasant Art in Switzerland» auch über die Keramikproduktion in der Schweiz. In diesem Zusammenhang konnte er auf ein bereits damals im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen musealisiertes Aushängeschild eines Bernecker Töpfers hinweisen (Baud-Bovy 1924, 61 mit Abb. 369. Deutsche Übersetzung: Baud-Bovy 1926, 77 mit Abb. 311; HVMSG 9528).

Aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Es zeigt einen Töpfer an der Spindelscheibe. Produkte der Bernecker Werkstätten wurden jedoch nicht erwähnt. Ein weiterer Hinweis aus dem Jahr 1947 stammt aus der Feder von Karl Frei, dem damals profundesten Kenner der schweizerischen Irdenwaren und zugleich stellvertretendem Direktor des Schweizerischen Landesmuseums (Frei 1947, 31). Anlässlich der Ausstellung «Schweizerische Keramik von der Urzeit bis heute», die im Kunstgewerbemuseum Zürich gezeigt wurde, verwies er auf die Produktion von «schwarzgrundigem Geschirr nach Heimberger Art», das durch «Hausierer im Appenzellerland und Vorarlberg, in Graubünden und bis nach Bayern hinein» verhandelt wurde (Vermutlich darauf basierend Creux 1970, 125 ohne Zitat). Woher diese Informationen stammen, wird nicht belegt, auch wird keine Keramik abgebildet, vermutlich weil das Schweizerische Nationalmuseum selbst keine umfangreicheren Geschirrbestände, sondern fast nur Gipsmodel und Malhörnchen der aufgelösten Bernecker Werkstatt von G. Federer besitzt (SNM LM-68232 bis LM-68240, Malhörnchen; LM-68241 bis LM-68245, Gerätschaften; LM-68246 bis LM-68315, Gipsmodel und Ausformungen). Das wichtigste in Zürich vorhandene Objekt aus Berneck ist ein Streichholzhalter in Form eines Bären, der zudem ein Wappenschild des Kantons Appenzell Innerrhoden hält. Er ist mit «I. O. K.» signiert und kann daher der Bernecker Werkstatt von Josef Othmar Kurer zugewiesen werden (Schnyder 1998, 113 Kat. 178; SNM LM-13187). Der Streichholzhalter belegt zugleich, dass in Berneck auch Keramik mit Farbkörper in der Grundengobe gefertigt wurde.

Streichholzhalter in Form eines Bären aus dem Schweizerischen Nationalmuseum

Erst mit einer Arbeit von Robert Gschwend (Gschwend 1948 und zwei Arbeiten von Leo Broder aus den Jahren 1955 und 1975 (Broder 1955; Broder 1975) liegen erstmals grössere, leider nicht hinreichend mit Archivalien unterlegte Studien zu Berneck vor. Basierend auf diesen und ersten zusätzlichen Sichtungen der Quellen im Gemeindearchiv durch Altgemeindepräsidenten Jakob Schegg wurde 2006 im Ortsmuseum Berneck (OMB) eine Keramikausstellung organisiert, in deren Folge 2007 eine reichhaltiger bebilderte Zusammenstellung zur Bernecker Hafnereigeschichte von Margrit Wellinger-Moser erschien (Wellinger-Moser 2007).

Die Geschichte der Hafnerei reicht in Berneck sicher in das späte 17. bzw. in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück, da im «Salis-Haus» in Maienfeld ein signierter, aber undatierter Barock-Kachelofen des Hafners «Johan Ulerich in der Mur, Haffner In Berneg» steht (Broder 1955, Abb. S. 45. Zum Ofen: Poeschel 1937, 30, Abb. 28).

Kachelofen in Maienfeld

Er ist mit polychromem Unterglasur-Pinseldekor bemalt und zeigt am Turm Allegorien der Tugenden in Verbindung mit entsprechenden Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament. Der Unterbau trägt im Gegensatz dazu die Untugenden oder Laster. Stilistisch steht der Ofen den Produkten von Steckborn nahe. Der im Haus auf dem Dachboden gelagerte Ofen wurde 1933 durch die Zuger Hafnerei Keiser neu aufgesetzt und um den seitlichen Ofensitz erweitert. Ein Vorfahre «Ulrich Indermauer, Hafner» erscheint erstmals 1685 in einem Gerichtsprotokoll des Hofes Bernang (Artikel ohne Autor: Einiges über Töpferei, Unser Rheintal 5, 1948, 81–82). Weitere Informationen liegen erst wieder aus dem 19. Jahrhundert vor. Demnach hätten 1828 in Berneck vier Werkstätten bestanden, während zwischen 1830 und 1850 im benachbarten Au, Balgach und Lüchingen bei Altstätten je drei sowie in Altstätten zwei Töpfereien und in Rebstein und Marbach je eine Töpferei existiert hätten. Für das Jahr 1836 sind Streitigkeiten über die Ausfuhr von Ton nach Österreich belegt, die auf eine entsprechende Konkurrenzsituation (mit den Hafnern in Vorarlberg?) hinweisen. Die Hafner Indermauer und Lang setzten damals ihre restriktive Haltung beim Gemeinderat durch (Boesch 1968). Nach Aussage des 1931 schon verstorbenen Töpfermeisters Ritz sen. bestanden um 1870 in Berneck 21 und in Lustenau auf der gegenüberliegenden Rheinseite in Vorarlberg 19 Hafnereien. 1872 werden für Berneck 18 Hafnermeister genannt (Boesch 1968, 180). 1878 gab es mindestens 17 Hafner aus folgenden Familien:

Federer, Grüninger, Hasler, Hongler, Jüstrich, Kurer, Lang, Mätzler, Ritz, Schädeli, Schuppli, Seiz, Thurnherr und Zangger.

Es handelt sich um Namen aus der Subskribentenliste der 1879 erschienenen «Geschichte der Gemeinde Bernang» des katholischen Pfarrers in Berneck Franz Xaver Kern (Kern 1879). Die Zahl der Hafner bzw. Betriebe reduzierte sich bis 1899 auf zwölf, 1905 auf neun, 1913 auf sieben, 1920 auf sechs, 1931/1937 auf drei Hafnereien und 1948/1955 noch auf eine, die 1902 von Töpfermeister Hans Ehrat erbaut wurde. In der Folgezeit wurde daraus die Töpferei Hanselmann, dann Hans Plattner, heute Fred Braun (Gschwend 1948; Broder 1955; Boesch 1968, 209; Wellinger-Moser 2007, 251–255).

2016 wurde die Forschungsgeschichte von Berneck erstmals grundlegender aus archäologisch-kulturhistorischer Perspektive betrachtet (Heege 2016, 28-36). 2017 wurden erste Forschungsergebnisse von Andreas Kistler integriert (Heege/Kistler 2017, 369-373) und 2019 wurde die  typologische Trennung von Bernecker Keramik und Geschirr der Hafnerei Lötscher aus St. Antönien grundlegend dokumentiert (Heege 2019) und gleichzeitig der Keramikgesamtbestand des Rätischen Museums (RMC) vergleichend analysiert. Auf diesen Arbeiten beruhen die im Folgenden mitgeteilten Ergebnisse.

Berneck SG und Heimberg BE – Das Problem der „Keramik Heimberger Art“

Der typologische Zusammenhang zwischen Berneck und Heimberg wurde 1921, 1955 und 1975 auf dem Weg über eingeheiratete «Heimbergerinnen» erklärt, jedoch genealogisch weder von Fernand Schwab und Leo Broder noch von Hermann Buchs aus Thun belegt (Hermann Buchs, Auskunft in Gresky 1969, 41). Fernand Schwab schrieb: «Noch vor 20 Jahren konnte man eine ganz ähnliche Erscheinung in den Beziehungen zwischen Heimberg und Bernegg beobachten: Viele junge Bernegger Töpfer, die in Heimberg das Handwerk erlernt oder dort ihre Gesellenzeit verbracht hatten, führten Heimberger Töpferstöchter heim, um sich zu Hause als Meister niederlassen zu können» (Schwab 1921, 60). Da bereits für das Jahr 1836 belegt werden kann, dass in Heimberg klassischerweise die Frauen als Keramikmalerinnen arbeiteten (Reise von Alexandre Brongniart, Direktor der wichtigsten französischen Porzellanmanufaktur in Sèvres, durch die Schweiz mit Besuch in Heimberg: Brongniart 1854, Bd. 2, 14–15), würde sich auf diesem Wege möglicherweise tatsächlich die grosse, seit etwa 1800/1820 bestehende Nähe im Dekor zwischen Heimberg und Berneck erklären lassen. Leider ist das Argument nicht stichhaltig.

Eine Kontrolle der Herkunft der Ehepartner der bekannten Bernecker Hafner des 19. Jahrhunderts anhand der Kirchenbücher durch Jakob Schegg (Ich danke Jakob Schegg, Alt-Gemeindepräsident, für die ausführliche und sehr informative Diskussion seiner noch unveröffentlichten Forschungsergebnisse), hat vor allem für das wichtige frühe 19. Jahrhundert, aber auch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts keine Einheiraten belegen können (so erstmals Wellinger-Moser 2007, 254). Nur für einen ursprünglich katholischen Bernecker Hafner – Leondus Federer, Sohn von Joseph Federer – lässt sich anhand der Kirchenregister von Steffisburg ergänzend zeigen, dass er sich vor 1819 in Heimberg niederliess, später jedoch nach Berneck zurückwanderte (Kirchenrodel Steffisburg 17, 163 Nr. 23. Fünf seiner Kinder starben 1822, 1825 und 1828 und sind im Kirchenrodel Steffisburg verzeichnet: 22,99; 22,111; 23,9 und 10). Er vermählte sich am 26. November 1819 in Münsingen mit der aus Dachsen im Kanton Zürich stammenden Witwe Elisabeth Rubli, die 1816 Caspar Joder aus Steffisburg (kein Hafner!) geheiratet hatte. Letzterer war bereits am 18. März 1818 verstorben (Kirchenrodel Steffisburg 17, 141 und 22, 84 Nr. 27). Bei der Taufe des 1824 geborenen Sohnes in Steffisburg war der Hafner Franz Joseph Kurer von Berneck Pate (Kirchenrodel Steffisburg 10, 214).

Sind also nicht eingeheiratete Keramikmalerinnen für die Stilübertragung nach Berneck verantwortlich, so bleiben eigentlich nur Gesellenwanderungen als Begründung für den typologischen und stilistischen Wissenstransfer übrig.  Heute wissen wir aufgrund der Arbeiten von Andreas Kistler, dass zwischen dem ersten in der Region Heimberg nachweisbaren Gesellen Johann Michael Kurer im Jahr 1823 und dem letzten dokumentierten Gesellen Joseph Anton Ritz aus dem Jahr 1905 weitere 6 Gesellen aus Altstätten, 5 Gesellen aus Au, 5 Gesellen aus Balgach, 11 Gesellen aus Berneck und  ein Geselle aus Marbach in die Listen der bernischen Fremdenkontrolle eingetragen  wurden. Verschiedene Gesellen aus Berneck arbeiteten ein bis zwei Jahre in der Region Heimberg-Steffisburg.  Der zeitnahe Transfer von Wissen und Dekormotiven findet auf diesem Wege eine plausible Erklärung. Zugleich wird deutlich: Keramik aus der Region Berneck dürfte teilweise kaum von der Keramik aus der Region Heimberg-Steffisburg zu unterscheiden sein. Aus diesem Grund wird in den Datenbankbeschreibungen immer der Terminus Keramik „Heimberger Art“ verwendet.  Für Objekte, die aus dem Antiquitätenhandel angekauft wurden, muss die Frage nach dem Herstellungsort letztlich ungeklärt bleiben, auch wenn z.B für die Masse des einfachen Gebrauchsgeschirrs aus Graubünden wohl von einer Herkunft aus der Region Berneck ausgegangen werden kann. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass wir keinerlei Vorstellung davon haben, was im unmittelbar benachbarten, vorarlbergischen Lustenau für Keramik gefertigt wurde.

Keramik aus Berneck

Das älteste Auftreten dunkler Grundengobe wird von Leo Broder für Berneck zu einem Zeitpunkt angenommen, da sie in Heimberg noch gar nicht verwendet wurde. Dies ist nicht vorstellbar, da Berneck sicher nicht das Primärzentrum dieser Entwicklung ist. Broders Annahme stützt sich auf einen 1772 datierten Teller, dessen Draperie-Dekor kaum vor den 1830er-Jahren denkbar ist (Broder 1955, Abb. auf S. 51. Broder 1975, Abb. auf S. 3). Jedoch trägt der Teller den Ortsnamen «Bernang» und ist damit möglicherweise tatsächlich ein wichtiger Zeuge für die Produkte dieses Ortes im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts (Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen, HVMSG 8347).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Fast noch wichtiger ist eine kleine Feldflasche, die der hessische Töpfergeselle Konrad Pistor von seiner Wanderschaft, auf der er wie sein Grossvater Heimberg besuchte, aus Berneck, seinem letzten Arbeitsort (November 1848 bis Mai 1849), mit nach Hause brachte. Sie trägt auf der Vorderseite seinen Namen und die Datierung 1849, dazu auf der Vorder- und Rückseite einen eingeritzten umlaufenden, für Heimberg in Ritztechnik und Inhalt untypischen Spruch und im Wappenschild, das mit textilen Behängen versehen ist, einen nach links schreitenden Bären, was dem Berner Wappen sehr nahe kommt (Gresky 1969, 39 Abb. 8. Broder 1975, 7, Bild links unten). Der Bär trägt jedoch, wie auf Bärendarstellungen in Bäriswil, ein Halsband und meint damit offensichtlich nicht das Berner Kantonswappen, sondern steht wohl als sprechendes Wappen für Berneck genauso wie für Bäriswil. Ganz ähnlich ist ein 1840 datiertes Rasierbecken mit schwarzer Grundengobe des Bernecker Maurermeisters Johannes Kurer verziert (HVMSG 7278a).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Eine sehr flache Kragenrandschüssel mit roter Grundengobe und weissem Malhorndekor sowie einem entsprechenden Zierstreifen mit geritztem Blumendekor trägt das Motto: «Es leben die Hafner in Bernneg» (HVMSG 9764), sodass am Produktionsort Berneck wohl kein Zweifel bestehen kann. Eine Schüssel mit identisch verzierter Randzone und dem Spruch «Liebe den Nächsten wie dich selbsten» verwahrt das SMT (Inv. 568).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Betrachtet man die Keramik «Heimberger Art» in den Museen in Berneck, Heiden, St. Gallen, Frauenfeld und Triesenberg, so finden sich zahlreiche Stücke deren Dekormotive tendenziell nicht heimbergisch sind. Hierzu gehören zwei flache Schüsseln SR 17 mit vier Figuren (Taufzug?) wohl nicht Berner Tracht (Museum Heiden, ohne Inv.) bzw. einem Haus eher nicht Berner Bauart (RMC H1970.185), ein Henkeltopf HTR 12 von 1849 (HVMSG 2010-01), eine Kaffeekanne untypischer Form von 1827 (Walsermuseum Triesenberg, ohne Inv.) und eine flache Schüssel SR 17 von 1852 (HVMSG 9129), der zahlreiche weitere Beispiele angeschlossen werden können (HVMSG 8656 und 8657, Museum Heiden ohne Inv., RMC H1971.914, OMB 2010.1494).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Diese Stücke zeigen teilweise auch Übereinstimmungen mit einem in Berneck erhaltenen Musterbuch einer Keramikmalerin (Ortsmuseum Berneck, OMB ohne Inv.; z. B. OMB 2010.1567, 2009.1123).

Musterbuch aus dem Ortsmuseum Berneck

Die grosse Variabilität der gemalten Dekore wird auch bei einem Vergleich z. B. von Terrinen aus dem Rätischen Museum Chur bzw. dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen deutlich.

Keramik aus dem Rätischen Museum in Chur

Alle diese Stücke werden im Churer Museumsinventar der Produktion von St. Antönien zugeschrieben, vermutlich aufgrund der Tatsache, dass das erste der Stücke (RMC H1970.238.) 1907 aus dem Besitz von Andreas Lötscher d. J., dem letzten Hafner von St. Antönien, erworben wurde. Der grösste Teil  (RMC H1973.831, H1973.836, H1973.841, H1973.956, H1973.841, H1973.956, H1973.958) stammt jedoch aus der Sammlung von Margrith Schreiber von Albertini in Thusis und wurde vor 1973 als «St. Antönier-Geschirr» aus dem Antiquitätenhandel angekauft. Die Bearbeitung der Keramik der Hafnerei Lötscher von St. Antönien (Heege 2019) hat mittlerweile zweifelsfrei ergeben, dass alle diese Terrinen nicht der dortigen Produktion entstammen. Ein weiteres Stück dieser Terrinengruppe stammt zusammen mit einem passenden Henkeltopf dagegen aus Privatbesitz in Rodels (RMC Inv. H1984.1, H1984.2) und belegt mit verschiedenen Exemplaren aus bündnerischen Museen die weite Verbreitung dieser Ware in Graubünden.

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Dagegen werden die zahlreichen Terrinen der Sammlung des Historischen und Völkerkundemuseums in St. Gallen, von denen hier nur eine kleine Auswahl gezeigt werden kann, im Museumsinventar, wohl aufgrund der Kantonszugehörigkeit, ohne weitere Diskussion der Produktion von Berneck zugeschrieben.

Keramik „Heimberger Art“ aus dem Kanton Bern.

Vergleicht man die gemalten Motive andererseits z. B. mit Stücken, die in Oberdiessbach im Emmental im Gebrauch erhalten geblieben sind oder aus Sammlungen in Burgdorf oder Mürren stammen (BuumeHus in Oberdiessbach, ohne Inv.; SMB IV-918; Sammlung Fahrländer-Müller K82), und daher mit grosser Wahrscheinlichkeit der Produktionsregion Heimberg zugewiesen werden dürfen, so fällt eine grosse Übereinstimmung auf, die beim momentanen Stand der Forschung nur mit Erstaunen zur Kenntnis genommen werden kann, will man nicht annehmen, dass mit Heimberger Produkten über eine Distanz von circa 200 km bis nach Graubünden bzw. Liechtenstein gehandelt wurde (vgl. auch die Funde aus dem Berner Verbrauchermilieu: Heege 2010b, 89 Abb. 77). Es bleibt der gut begründete Verdacht, dass wir im St. Galler Rheintal neben den potentiellen Produktionsorten Kandern im Südschwarzwald (Eisele 1929; Eisele 1937; Gebhardt-Vlachos 1974; Schüly 2002) und Steckborn TG (Heege 2016, 64-66) mindestens ein weiteres wichtiges Produktionszentrum der „Keramik Heimberger Art“ vor uns haben, dessen Absatzgebiet bis in die Kantone Schaffhausen (Heege 2010, 67–69), Thurgau, Zürich (Hoek/Illi/Langenegger u.a. 1995, Taf. 9,181–182; Taf. 10,184.186; Frascoli 2004, Taf. 13,75, um 1800?; Taf. 17,124, terminus post quem 1905), St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden (Obrecht/Reding/Weishaupt 2005, 102, Kat. 179, Graubünden (vgl. RMC) sowie das Fürstentum Liechtenstein (Heege 2016) und nach Vorarlberg (Heege 2016, 62-64) gereicht haben dürfte. Darüber hinaus müssen wir angesichts der Funde vergleichbar dekorierter Keramik z. B. aus Schwäbisch Hall (Gross 1994) und der Produktion schwarzgrundiger Keramik in Mittelfranken (Bauer 1971; Bauer 1979; Bauer/Wiegel 2004) möglicherweise mit weiteren württembergischen Produktionsorten als Lieferanten auch für die östlichen Regionen der Schweiz rechnen.

Keramik in der Art der „Thuner Majolika“ aus Berneck

Für die Spätphase der Bernecker Hafnerei im späten 19. Jahrhundert liegen bislang ebenfalls erst wenige Anhaltspunkte vor. Der Hafner Richard Grüninger aus Berneck nahm 1883 mit einer «Collection Töpferwaren» an der ersten Landesausstellung in Zürich teil (Messerli Bolliger 1991, 17). 1886 gelangten laut Inventarbucheintrag drei seiner Röstiplatten mit ausgeprägtem Kragenrand als Geschenk in das Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel (MAHN). Zwar handelt es sich um typisch deutschschweizerische Gefässformen, jedoch überrascht der Dekor, der bei beiger bzw. roter Grundengobe durchaus nicht den üblichen Heimberger Gepflogenheiten entspricht: Neben schwarzem Malhorndekor findet sich weisser und mehrfarbiger Schablonendekor (Blaettler/Ducret/Schnyder 2013, Taf. 79,7–9).

Keramik von Richard Grüninger aus Berneck, 1883, Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel (MAHN)

In den 1880er-Jahren wurde von verschiedenen Seiten, u. a. vom «Kaufmännischen Direktorium» in St. Gallen, versucht, die offenbar wirtschaftlich schwierige Situation der Hafner in Berneck zu verbessern. Die Gründe für den ausbleibenden wirtschaftlichen Erfolg sah man in St. Gallen im Fehlen «einer eleganten Form und dem Mangel einer reizvollen Bemalung». Als Hilfsmittel wurde ein Zeichenkurs durchgeführt (Reallehrer Nüesch) und das St. Galler Industrie- und Gewerbemuseum zeigte den Hafnern in einer 14-tägigen Wanderausstellung «einwandfrei gestaltete und bemalte» Töpferwaren (Boesch 1968, 180 leider ohne Quellenangaben). Leider ist nicht bekannt, was damals den Hafnern zur Veranschaulichung vorgeführt wurde. Anhand erhaltener Fotos

und im Ortsmuseum Berneck verwahrter Produkte scheint jedoch klar zu sein, dass angeregt wurde, Keramik in der Art oder mit dem Blumen- und Edelweiss-Dekor der «Thuner Majolika» zu fertigen (Museum Heiden ohne Inv., OMB Inv. 2010.1579, 2010.1580, 2010.1581, Geschenk aus Töpferei Trudi Hanselmann). Die auf dem Bild gezeigte Stegkanne ist erhalten (OMB ohne Inv.), ausserdem eine andere Ausfertigung eines Tellers mit Kantonswappen (OMB 2010.1535). Daneben zeigt das Bild auch verzierte flache Schüsseln mit Kragenrand und zeittypisches Gebrauchsgeschirr mit Horizontalstreifendekor bzw. in Form typischer «Heimberger» Terrinen.

Keramik in der Art der Thuner Majolika aus Berneck (Samlung Ortsmuseum Berneck)

Diesen Massnahmen scheint jedoch kein durchschlagender Erfolg beschieden gewesen zu sein. «Die Vorarlberger Fuhrleute, die vorzeiten ganze Ladungen voll Kacheli und Beckeli in ihr Ländchen hinüberführten, blieben aus» (Boesch 1968, 209).

Aus einer der letzten Töpfereien in Berneck haben sich im Ortsmuseum Berneck auch die Reste einer zwölfteiligen Ansichtskartenserie erhalten, die wohl aus dem Jahr 1923 stammt  (aus Anlass der  Rheintaler Gewerbeschau) und ein seltenes Zeugnis dieses langsam aussterbenden Handwerks darstellt. Die vollständige Serie findet sich hier.

Zusammenfassung

Der vorliegende Befund ist also wohl so zu deuten, dass es sich in Liechtenstein wie in Vorarlberg und Graubünden bei der Keramik mit schwarzer, weisser, roter oder beiger bzw. oranger Grundengobe um Import aus einem oder mehreren noch nicht sicher identifizierten Produktionsorten, vor allem wohl aber aus Berneck handeln dürfte, wobei das Vorkommen «echter» Heimberger Stücke ohne naturwissenschaftliche Untersuchungen letztlich nicht sicher ausgeschlossen werden kann. Welche Gefässformen und Dekore der Keramik «Heimberger Art» tatsächlich in Berneck produziert wurden, liesse sich wohl nur mit Hilfe von Ausgrabungen oder naturwissenschaftlichen Analysen klären. An beidem mangelt es bis heute. Eine grundlegende Aufarbeitung der Hafnereigeschichte der Region Berneck wäre sehr wünschenswert. Wenn in der Datenbank  als Herstellungsort „Berneck“ angegeben wird, so ist damit aus der Sicht der Objekte im Kanton Graubünden immer die „Region Berneck“ gemeint und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass künftig auch Teile Vorarlbergs dazugeschlagen werden müssen oder sich Nachweise finden, dass identische Keramik auch an anderen Orten im Kanton St. Gallen erzeugt wurde. Eine Abgrenzung von Keramik „Heimberger Art“, die im Kanton Zürich u.a. in Winterthur in der Fabrik Hanhart erzeugt wurde, ist momentan nicht möglich.

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Fernand Schwab, Beitrag zur Geschichte der bernischen Geschirrindustrie (Schweizer Industrie- und Handelsstudien 7), Weinfelden/Konstanz 1921.

Wellinger-Moser 2007
Margrit Wellinger-Moser, Von Ofenkacheln und Verenakrügen: Berneck war einst eine Hochburg für das Töpfergewerbe, in: Unser Rheintal, 2007, 249-258.

Besançon, Manufaktur Casamène (Doubs, F)

Siehe auch Nyon VD, Les manufactures des faïence fine (2)

Roland Blaettler, 2019

In den Archiven des Geschichts- und Porzellanmuseums von Nyon (Musée historique et des porcelains de Nyon MHPN) stiessen wir beim Durchblättern des Werkstatthefts des Lausanner Ingenieurs Frédéric Gonin – der später an der Spitze der Manufaktur von Nyon stand – in Bezug auf einen Brennversuch gelben Kochgeschirrs auf folgende rätselhafte Notiz: «In Casamène brannten wir …». Im Industriequartier Casamène, in einem Vorort von Besançon (Doubs, F), wurde unter anderem auch Steingut hergestellt und das oben erwähnte Zitat lässt vermuten, dass Gonin in dieser Manufaktur arbeitete. Das kurze Kapitel über diese Fabrik im Buch über das Steingut und die Steingutfabriken der Franche-Comté von Louis und Suzanne de Buyer (De Buyer et de Buyer 1983) bestätigt diese Information nicht nur, es spricht sogar von einer nicht unwichtigen Verbindung zwischen den Unternehmern aus Nyon und der Steingutfabrik in Besançon, die bis heute auf Schweizer Seite nicht erwähnt wurde. Die Manufaktur von Casamène (die erste ihrer Art an diesem Standort), so erfährt man, wurde 1841 von zwei Unternehmern aus Nyon gegründet: «Herr de Bons, ehemaliger Regierungsstatthalter des Kantons Waadt, und Herr de Flachère [sic]» (de Buyer und de Buyer 1983, 103 – Die Autorin und der Autor beziehen sich zudem auf eine am 2. Juli 1841 in Besançon paraphierte Amtshandlung).

De Bons beteiligte sich möglicherweise an der Ausarbeitung des Projekts, war aber bei der Realisierung nicht mehr dabei: Er starb am 11. November 1840. Einige Jahre nachdem sie die Leitung des Unternehmens in Nyon übernahmen, haben scheinbar einige leitende Mitglieder der Waadtländer Fabrik eine zweite Manufaktur auf französischem Boden gegründet (für Beispiele der Produktion in Besançon siehe MHPN MH-FA-3876-1; MHPN MH-FA-3876-2; MHPN MH-FA-3876-3; MHL AA.MI.991, MPE Nr. 22). Frédéric Gonin seinerseits wird als «technischer Berater» erwähnt (de Buyer und de Buyer 1983, 104). Die Unternehmung scheint von Erfolg gekrönt gewesen zu sein: 1844 wurden laut de Buyer 120 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt. Die Steingutobjekte von Casamène weisen schwarzbraune und manchmal sogar zweifarbige Drucke auf. In letzterem Fall findet sich ein schwarzbraunes Motiv auf dem Spiegel und blaue oder rote Motive auf der Fahne des Tellers.

Zu den von den de Buyers illustrierten Beispielen gehört ein Teller mit einer Ansicht von Thun im Spiegel. Diese ist in allen Punkten mit jener identisch, die mehr oder weniger gleichzeitig auf Produkten aus Nyon auftaucht (MHPN MH-FA-535; MHPN MH-FA-10023B).

Die Verzierungen der Fahnen sind zwar anders, aber das Motiv in der Mitte stammt offensichtlich aus der gleichen Gravur. Offenbar zirkulierten zwischen Nyon und Casamène eine Reihe von Motiven. Dies würde auch das Vorhandensein von eher exotischen Sujets in Nyon erklären, die das französische Soldatenleben illustrieren, zum Beispiel mit dem Kreuz der Ehrenlegion (La Croix d’honneur; MHPN MH-2003-127; MHPN MH-FA-10022; MHPN MH-FA-1827) oder der humoristischen Darstellung des Alltags in Napoleons Armeen, die in den französischen Produktionen weitverbreitet waren (MHPN MH-2003-126).

Im Katalog des Musée de Sèvres zitieren Alexandre Brongniart und Denis-Désiré Riocreux im Abschnitt «Casamène»: «Drei Stück perfektioniertes Steingut, mit einer harten Glasur auf der Basis von Borverbindungen, hergestellt unter der Leitung von H. Gonin, Bauingenieur, 1844». Zu dieser kleinen Objektgruppe gehört ein Teller mit «Arabeskenfriesen, Ansicht von Zürich» und zwei «englische Tassen mit Blumen und Landschaften». Alle diese Verzierungen waren zweifarbig blau und schwarz gedruckt (Brongniart und Riocreux 1845, Kat. Nr. 21). Der Hinweis, dass Personen aus Nyon an der Schaffung dieser Manufaktur beteiligt waren, sowie die Beziehung zwischen diesen beiden Herstellungsorten würden ganz klar vertieftere Recherchen verdienen, die jedoch den Rahmen unserer Arbeit sprengen.

Das Abenteuer der Nyoner Unternehmer in der Franche-Comté kam mit dem Konkurs der Familie Delafléchère in Nyon ebenfalls zu einem abrupten Ende. In der Tat wechselte die Manufacture de Casamène 1845 den Besitzer und auch die Ausrichtung der Produktion (de Buyer und de Buyer 1983, 105).

Übersetzung Stephanie Tremp

Bibliographie:

Brongniart et Riocreux 1845
Alexandre Brongniart et Denis-Désiré Riocreux, Description méthodique du Musée céramique de la Manufacture royale de porcelaine de Sèvres. Paris 1845.

De Buyer et de Buyer 1983
Louis de Buyer et Suzanne de Buyer, Faïences et faïenceries de Franche-Comté. Besançon 1983.

Biel-Mett BE, Kohler, Kachelofen- und Tonwarenfabrik A.G.

Keramik der Kachelofen- und Tonwarenfabrik Kohler A.G. in CERAMICA CH

Andreas Heege, 2022

Die spätere Ofenfabrik Kohler A.G. wurde auf den 1. Juli 1898 von drei Geschäftsleuten aus Mett bzw. Biel gegründet.

Bericht  „Illustrierte Schweizerische Handwerker-Zeitung“ 1898, Nr. 27, 536.

Karl Kohler (aus Oberschopfheim im Grossherzogtum Baden), Karl Grimm (aus Burgdorf BE) und Fritz Keller (Ingenieur aus Oberthal BE) bildeten zusammen die Kommanditgesellschaft  „Kohler, Grimm & Cie“ (SHAB 16, 1898, No. 264). Als Geschäft wurde angegeben „Kachelofen- und Thonwaarenfabrik“. Die Fabrik befand sich beim Bahnhof Biel-Mett.

 

Im September 1898 suchte die Ofenfabrik Mitarbeiter und Rohmaterial (Braunstein): Anzeige in „Der Grütlianer“ 15.7.1899 und Brief von Fritz Keller an den Louis Rollier, Professor für Stratigraphie und Paläontologie an der ETH Zürich.

Am 2. Oktober 1898 erschien eine erste Werbeanzeige im „Journal du Jura“ und am 3. November 1898 auch im „Tagblatt der Stadt Biel“.

Wegen des frühzeitigen und unerwarteten Todes von Fritz Keller (4. Februar 1899, 40. Lebensjahr; Journal du Jura, Nummer 29, 4. Februar 1899; Seeländer Bote, Band 50, Nummer 15, 4. Februar 1899) wurde die Firma auf den 15. Mai 1899 in „Kohler & Grimm“ umfirmiert (SHAB 17, 1899, No. 175).

Werbeanzeige „Journal du Jura“ 14.9.1899.

Auf der Kantonalen Ausstellung in Thun erhielt die Firma im August 1899 für ihre Fayence-Kachelöfen eine Goldmedaille (Journal du Jura, Nummer 186, 9. August 1899), was die Firma zu einer weiteren Werbekampagne veranlasste. Als Mitbewerber erscheinen die Firma Wannenmacher & Cie in Biel (Ehrenddiplom) und A. Weber in Biel (Silbermedaille).

1905 preist die Firma in der Zeitschrift „Nebelspalter“ auch Gartenfiguren an.

1906, 9. April Aus der Kommanditgesellschaft „Kohler & Grimm“ wurde die „Kohler & Grimm A.G., Ofen- und Tonwarenfabrik in Mett“. Das Gesellschaftskapital betrug Fr. 140.000 in Form von 28 Namensaktien (SHAB 24, 1906, No. 158, 632).

1911, 21. Juni Karl Grimm schied aus dem Verwaltungsrat aus. Statt seiner rückte Karl Kohler, Sohn (1887-1966) nach (SHAB 29, 1911, No. 157, 1091).

1913, 4. Mai, Statutenrevision, Die bisherige Firmenbezeichnung wurde in „Kohler A.G.“ abgeändert (SHAB 31, 1913, No. 173, 1256).

1918 Eine Privatganzsache zeigt die Firmenmarke „OKM“ und belegt zugleich, dass die Ofenfabrik auf der Landesausstellung in Bern 1914 erfolgreich vertreten war.

Werbeanzeigen in der Zeitschrift „Heimatschutz“ bzw. der „Schweizerischen Bauzeitung“ belegen das Aussehen produzierter Kachelöfen in den Jahren 1920 und 1922.

Unterschiedliche Ofentypen zeigen auch die Werbeanzeigen des Jahres 1925 in der Zeitschrift „Das Werk“.

An der KABA (Kantonalbernische Ausstellung) 1924 in Burgdorf gewann die Firma eine Goldmedaille für ihre Öfen (Der BUND, 9. 10. 1924). Ein besonderer Ofen wurde nach Entwürfen von Architekt Hektor Egger in Langenthal hergestellt (siehe Bild aus „Das Werk“ 1925). Berichterstattung 1 über die KABA; Berichterstattung 2 über die KABA.

     

Weitere Kachelofenbilder gab es 1926 und 1927 in der „Schweizerischen Bauzeitung“ bzw. in der Zeitschrift „Das Werk“.

Kacheln der Kohler A.G. tragen in dieser Zeit rückseitig Marken „Kohler Biel“, oft dazu einen Stern und eine Zahl. Frieda Lauterburg aus Langnau bemalte offenbar überwiegend  Kacheln dieses Herstellers mit ihren Ofenbildern und Dekoren.

Materialsuche in der NZZ, 1942 und 1945.

Die Zeit des Zweiten Weltkrieges war vor allem durch zunehmende Materialknappheit bestimmt.  Wie die Produkte oder Öfen in dieser Zeit aussahen, ist bislang nicht erforscht.

1943 stellte die Firma auch keramische Reklame-Buchstaben her. Werbeanzeige in „Der Bund“, 1.4.1943.

1966 Karl Kohler-Ritter (26.August 1887-12. Juli 1966) schied aufgrund Todes aus dem Verwaltungsrat aus (Nachruf, Bieler Tagblatt, Nummer 160, 12. Juli 1966). Nachfolger und einziges Mitglied des Verwaltungsrates wird Peter Kohler (SHAB  84, No. 287, 1966, 3880). Zu diesem Zeitpunkt bezweckte die Firma die Fabrikation und den Handel mit technischer Keramik sowie Heiz-, Industrie- und Laboröfen.

1967 Am 8. August wurde die ganze Firma ein Raub der Flammen.

1978 Wurde die Firma in Octavia AG umbenannt und der Geschäftszweck bestand neu aus dem Vertrieb von alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken (SHAB 96, 1978, No. 231, 2829). Wie lange m Standort Biel nach 1967 noch Kachelöfen gefertigt wurden, ist unklar. 1967 werden offenbar alte Lagerbestände als „Antike Kachelöfen“ verkauft (NZZ, Nummer 1355, 31. März 1967).

Eine wissenschaftliche, archivbasierte  Bearbeitung der Firmengeschichte und der Produkte der Bieler Kachelofenfabrik steht aus.

Blankenburg BE, Abraham Marti (1718-1792)

Blankenburg, Abraham Marti in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2017

Abraham Marti wurde im Jahr 1718 in Fraubrunnen im Berner Mittelland als ältester Sohn des Hafners Hans Rudolf Marti (1691–1742) und seiner Frau Anna Barbara Reutlinger (1699–1744) geboren. Er starb  am 18. Juli 1792 in Blankenburg, in der heutigen Gemeinde Zweisimmen. Bis 1741 wurden noch drei Brüder, Johannes, Jakob und Peter, geboren, von denen später auch Jakob (1736-1813) als Hafner in Fraubrunnen arbeitete.

Abraham Marti heiratete am 25. November 1740 in Oberburg Magdalena Hamm (1712–1784) von Münchenbuchsee. In einem Ehebrief erhielten sie die Zusage von Hans Rudolf Marti, das Hafnerhaus und ein halbes anstossendes Haus nutzen zu können. Für den 14. Januar 1742 ist eine erste Kindstaufe belegt, der bis 1746 drei weitere folgen sollten. Heirat und Ehevertrag dürften auch bedeuten, dass Abraham ab 1740/41 die elterliche Werkstatt in Fraubrunnen übernahm. Am 17. Mai 1742 starb sein Vater Hans Rudolf im Alter von nur 51 Jahren und am 4. Oktober 1744 seine Mutter Anna Barbara im Alter von 45 Jahren. Nach ihrem Tod kam es 1745 zu einer Erbteilung zwischen den vier Söhnen, in deren Folge Abraham Marti das elterliche Haus mit allen darauf ruhenden Lasten übernahm. Offenbar waren diese jedoch zu gross, sodass er das Haus bereits im Jahr 1746 an den Vogt seiner drei Brüder, den Metzgermeister und Wirt Hans Georg Marti (1710–1754) aus Fraubrunnen, verkaufte. Er erhielt dafür 1000 Pfund, jedoch lag die Schuldsumme bei 1058 Pfund. Abraham Marti musste beim Verkauf also sogar noch etwas zahlen. Offenbar blieb er jedoch zur Miete in der Liegenschaft wohnen, denn im März 1748 verzeichnete der Rodel der zuständigen Pfarrkirche von Grafenried den Tod des einzigen Sohnes des Abraham Marti «von Fraubrunnen, dem Hafner».

Abraham Marti hatte offenkundig erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten, sodass er sich ein neues Tätigkeitsfeld und Absatzgebiet in einer Region suchte, in der sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts ansonsten keine weiteren Hafner nachweisen lassen: das Simmental. Wohl spätestens 1748 zog das Ehepaar mit seinen drei Töchtern Magdalena, Susanna-Elisabeth und Maria dorthin um. In der Jahresrechnung 1748 für den Landvogt von Wimmis, am nördlichen Ausgang des Simmentales gelegen, wird Abraham Marti erstmals als Ofenhafner erwähnt. Für die Zeit zwischen 1757 und 1787 lassen sich auch Kachelofenarbeiten für den Landvogteisitz und das Schloss in Blankenburg sowie in der weiteren Region belegen, jedoch haben sich kaum Öfen bis heute erhalten. Im Jahr 1761 musste er sich vor dem Chorgericht Zweisimmen wegen einer Tochter mit dem Namen Elisabeth verantworten. Diese hatte er mit Margreth Wälten aus Lenk ausserehelich gezeugt. Sie wurde am 2. Juli 1761 in der Kirche Zweisimmen getauft. Im Herbst desselben Jahres erwarb Abraham Marti in Betelried, einem Ortsteil von Blankenburg, in der heutigen Gemeinde Zweisimmen für nur 25 Bernkronen ein kleines Wohnhaus und ein Werkstattgebäude, das später sogenannte Obere Haus. Es kann nur vermutet werden, dass er in den vorangehenden 15 Jahren am selben Ort mit seiner Werkstatt eingemietet war, wird er in den Verkaufsverträgen doch als in Betelried wohnhaft bezeichnet. 1763 kaufte er für 37 Bernkronen einen weiteren, unmittelbar benachbarten «Hausstock», d. h. eine Haushälfte mit Bescheuerung, im sogenannten Unteren Haus. Vom Kaufpreis blieb er 30 Bernkronen schuldig. 1784 starb seine Ehefrau Magdalena im Alter von 72 Jahren. Abraham selbst verstarb acht Jahre später am 18. Juli 1792 im hohen Alter von 74 Jahren.

Nach seinem Tod vermietete die jüngste Tochter Elisabeth (1761–1805) das Obere Haus mit der Werkstatt an den Hafner Johann Jakob Hächler (1763–1811) von Hasle bei Burgdorf und arbeitete («diente») wohl auch in dessen Werkstatt. Sie selbst blieb im Unteren Haus wohnen. Nach ihrem Tod 1805 konnte Hächler 1806 das Werkstattgebäude im Oberen Haus für nur 80 Bernkronen oder 200 Schweizer Franken von der Gemeinde Fraubrunnen kaufen. Das Gebäude bestand aus Stube, Nebenstübli, einer Küche, dem Gaden, der als Töpferwerkstatt genutzt wurde, und dem Brennofen unter dem gleichen Dach. Ausserdem gehörte dazu eine kleine Scheune mit zwei Ställen und einer Heubühne sowie ¼ Juchart Land (ca. 900 m2) mit Bäumen und Garten. Dem Einwohnerverzeichnis von 1806 kann entnommen werden, dass die Werkstatt offenbar zunächst florierte, denn Hächler beschäftigte immerhin drei Gesellen und einen Lehrling. Nach dem Tod seiner ersten Frau Katharina Dällenbach von Aeschlen im Jahr 1808 und einer zweiten Heirat mit der Witwe Susanna Weissmüller (1779–1839) aus Zweisimmen im Jahr 1810 starb Hächler bereits 1811 im Alter von nur 48 Jahren. Das Obere Haus mit der Töpferei übernahm seine Heimatgemeinde Hasle als Unterpfand für existierende Schulden. Noch 1827 bestand die Hafnerwerkstatt im Haus, jedoch fand mit grosser Wahrscheinlichkeit keine Keramikproduktion mehr statt. Das Haus wurde Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen, das Grundstück um 1980 modern überbaut. Das Untere Haus verkaufte die Gemeinde Fraubrunnen als Vormund der verstorbenen Elisabeth Marti 1806 für 300 Kronen an den Schärer Peter Allenbach; es steht heute noch (Blankenburg, Hüsy-Stutz 6).

In Museen und Sammlungen der Schweiz, Deutschlands und Englands haben sich bis heute etwa 230 keramische Objekte erhalten, die der Produktion von Abraham Marti zugeschrieben werden können. Hervorzuheben sind die Bestände im BHM, MAG, MAHN und SNM. 46 dieser Objekte tragen Jahreszahlen zwischen 1749 und 1789 (MAG AR 906). Dies entspricht der Blankenburger Produktionsphase Martis. Bei den frühesten Stücken sind deutliche Bezüge zum bernischen Mittelland und der Region Fraubrunnen zu erkennen (MAG R 172). Grundlage für die Zuweisung von Keramik zur Produktion von Abraham Marti sind vor allem die wenigen mit seinen Initialen versehenen Objekte, von denen das Musée Ariana das eindrucksvollste Stück besitzt (MAG AR 932). Keramiken, die laut Inschriften und Initialen für Landvögte in Blankenburg und hochrangige Persönlichkeiten im Umfeld Blankenburgs gefertigt wurden, stützen diese Gruppenbildung zusätzlich. Demnach produzierte Marti Geschirr mit einer weissen Grundengobe und blauem oder polychromem Unterglasur-Pinseldekor, in sehr charakteristischen Formen sowie mit stilistisch eindeutig bestimmbaren Beschriftungen. Die in der Literatur immer wieder zu findende Angabe, es handele sich um Blankenburger oder Simmentaler «Fayence», d. h. eine Keramik mit einer Blei-Zinnglasur und Inglasurmalerei, ist falsch. Auch weitere, früher dem Simmental zugeschriebene Keramikgruppen entstammen wohl nicht seiner Werkstatt (vgl. Wyss 1966, 15–23, nicht dem Simmental zuzurechnen sind Wyss 1966, Taf. 1 und 2, Abb. 1–8). Die Zuschreibung «Simmental» kann heute nur noch im eingeschränkten Masse aufrecht erhalten werden und sollte künftig lediglich das Werk Abraham Martis umfassen.

Das museal erhaltene Keramikspektrum Martis wird von den typischen flachen Platten dominiert, die rückseitig normalerweise keine Aufhängeöse tragen, also nur in einem Tellerbord verwahrt werden konnten. Andere Gefässformen sind ausgesprochen selten überliefert: Es finden sich zwei Butterfässer, eine Teekanne, eine Flasche, zwei Tintengeschirre, zwei Töpfe und mehrere Wandbrunnen bzw. Handwaschbecken. Eine archäologische Überlieferung gibt es zu Abraham Marti leider nicht. Bodenfunde aus dem Verbrauchermilieu fehlen vollständig. Da das Werkstattgebäude in Betelried um 1980 überbaut wurde, besitzen wir leider auch keinerlei weitergehende Informationen zur Werkstatt und zu eventuellen Produktionsabfällen.

Stammbaum Abraham Marti

Bibliographie

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 126-173.