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Heimberg-Steffisburg BE, Schneider, Hans, Töpferei (1961-1996)

Andreas Heege, 2024

Keramik von Hans Schneider in CERAMICA CH

Adolf Schweizer (1893-1967) verkaufte seine Kunsttöpferei, die ehemalige Manufaktur Wanzenried, 1961 an Hans Schneider-Kraft, Töpfermeister von Seftigen (1923-2006) und seine Frau Susi Schneider-Kraft. Hans Schneider modernisierte und renovierte den Betrieb sehr intensiv (Thuner Tagblatt 86, Nummer 275, 23. November 1962; auch GB Thun, Belege 6, No. 7226, vom 16. Oktober 1961). 1965 entfernte er die alte Tonaufbereitungsanlage, die für seinen Betrieb viel zu gross und unwirtschaftlich war (Frank 2000, 575, 578).

Umbau 1991: Thuner Tagblatt, Band 115, Nummer 38, 15. Februar 1991

Thuner Tagblatt 115, Nummer 77, 4.4.1991

1989-1992 folgte eine weitere intensive Umbaumassnahme im früheren Gebäude der Majolika-Fabrik von Johannes Wanzenried (Thuner Tagblatt, Band 115, Nummer 38, 15. Februar 1991; Thuner Tagblatt 115, Nummer 77, 4.4.1991, vgl. auch Frank 2000, 575).

Hans Schneider produzierte noch 1996. Im April 1994 stellte er auf der Gewerbeausstellung Steffisburg seine Keramiken aus (Thuner Tagblatt, Band 120, Nummer 95, 24. April 1996). Wann er seinen Betrieb definitiv einstellte, ist unklar.

Hans Schneider bei Antik und Rar

Bibliographie: 

Frank 2000
Georg Frank, “Dank dem Gewerbefleiss früherer Jahrhunderte”. Die Nutzung der Wasserkraft in der bernischen Gemeinde Steffisburg vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Thun 2000, bes. Kap. 4.16.

Heimberg-Steffisburg BE, Schweizer, Adolf, Kunsttöpferei (1925-1961)

Gebäude der ehemaligen Manufaktur Wanzenried zur Zeit von Loder & Schweizer (1919-1925).

Keramik von Adolf Schweizer in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler, Margret Loder 2021

Adolf Schweizer wurde am 4. November 1893 im Glockenthal bei Steffisburg geboren, er starb am 1. Dezember 1967. Sein Grossvater Johannes (1837-1879) war Zimmermann. Sein Vater Johannes (1864-1901) war Fabrikarbeiter (Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland, 2. 12.1893; Stammbaum). Nach der Schule machte Adolf eine Töpferlehre in der Manufaktur Wanzenried (vermutlich etwa 1908-1911). Dann besuchte er ab dem Sommersemester 1911 bis zum Sommersemester 1915 die Keramikfachschule in Bern.

Musterentwurf von Adolf Schweizer 1911 (aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Botanische Zeichenstudie von Adolf Schweizer zwischen 1911 und 1915 (aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Im Anschluss an die Ausbildung in Bern wurde Adolf Schweizer Geschäftsführer der neu gegründeten Genossenschaft DESA.

Adolf Schweizer und Elise Eyer in ihren späten Lebensjahren (Foto Privatbesitz, Familie Schweizer).

Adolf Schweizer heiratete 1917 die in der Manufaktur Wanzenried arbeitende Keramikmalerin Elise Eyer (1892–1970, Tochter des Hafners Gottfried Eyer, 1856–1892 und seiner Frau Elise Gfeller; Oberländer Tagblatt vom 9.11.1917). Das Paar bekam vier Söhne und eine Tochter (alle Informationen aus dem Nachruf im Thuner Tagblatt 91, 1967, Nummer 288). Von den Söhnen wurde der Sohn Hans (1919-1988) ebenfalls Töpfer.

Keramik- und Dekorentwürfe Elise Eyer, entweder für die Manufaktur Wanzenried oder für Loder & Schweizer, vor 1925 (aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Wir können nur vermuten, dass Elise Eyer an der Töpferschule in Steffisburg zur Keramikmalerin ausgebildet wurde, da nach 1906 keine Schülerlisten erhalten sind. Im Nachlass der Kunstkeramik Luzern haben sich diverse signierte Entwurfszeichnungen erhalten, die zeigen, welche zeichnerischen und grafischen Fähigkeiten Elise Eyer hatte.

Für den 11. Dezember 1918 erfahren wir, dass Adolf Schweizer und Emil Loder (1890–1971) gemeinsam die alte Manufakturliegenschaft von der Witwe Wanzenried zum Preis von Fr. 18.000 erwarben (wovon sie Fr. 15.000 als Schuldbrief hinterlegten) und sie mit Nutzen und Schaden auf den 2. April 1919 übernahmen (Grundbuch Thun, Beleg II, 775 vom 17.3.1919). Im Schweizerischen Handelsamtsblatt wurde die Gründung ihrer Kollektivgesellschaft mit dem 1. März 1919 bekannt gemacht (SHAB 37, No. 59, 8. März 1919). Emil Loder arbeitete seit Ende 1915 wohl als Geschäftsführer in der Manufaktur. Wir können nur annehmen, dass die beiden Geschäftsführer sich irgendwo in Steffisburg auf privater Ebene kennengelernt hatten oder schon vorher kannten.

Veröffentlichung der Kollektivgesellschaft im Schweizerischen Handelsamtsblatt 1919.

Sie machten aus der Manufaktur Wanzenried  (Werbeanzeige 1922):

(Hinweis: Das Gründungsdatum 1876 ist falsch! Die Manufaktur Wanzenried wurde im September 1878 gegründet).

Von ihrer gemeinsamen Produktion zeugt ein im Nachlass von Emil Loder erhaltenes Fotoalbum (heute im Staatsarchiv Luzern, PA 1421/PLA 202, Firmenarchiv Kunstkeramik Luzern). Loder & Schweizer setzten eingeführte und erfolgreiche Muster und Keramikwaren der Manufaktur Wanzenried, wie z.B. das Muster «Alt-Thun/Chrutmuster» und die Irdenwareproduktion mit Malhorndekoren und Ritzmustern fort.

Keramik Loder & Schweizer in Privatbesitz bzw. im Schlossmuseum Thun.

Gleichzeitig entwickelte aber wohl vor allem Emil Loder zahlreiche neue Formen und Dekore, die er jeweils mit Nummern versah. Stilistisch würde man seine Dekore einem späten Jugendstil bzw. Art Deco zuordnen.

Malerinnensaal bei Loder & Schweizer, um 1919-1925 (Foto aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

1919 arbeiteten in der Werkstatt Loder & Schweizer angeblich sechs Männer und eine Frau (Frank 2000, 580 basierend auf RSA Thun B 118).

Immer wieder finden sich auch keramische Entwürfe von Paul Wyss (identische Platte auch im SNM, LM-119721).

Gleichzeitig versuchte sich Emil Loder auch als Plastiker und produzierte in der Manufaktur auch verschiedene Tierfiguren (Foto aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

   

Keramik Loder & Schweizer in Privatbesitz bzw. im Schlossmuseum Thun.

Die Marke der Manufaktur war das ligierte „LS“ (Loder & Schweizer), oft kombiniert mit dem Ortsnamen Steffisburg und der Form- bzw. Dekornummer. Nur beim Muster „Alt-Thun“ erscheinen immer noch die beiden Sterne der Manufaktur Wanzenried und die Bezeichnung „Thoune“.

Der Absatz lief u.a.  über die 1917 gegründete Mustermesse Basel, die Loder&Schweizer von 1920 bis 1924 jährlich besuchten (Offizieller Katalog der MUBA 1920-1924). Hier die Einladung zur MUBA 1924 (Foto aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Anfang 1925 beendeten Emil Loder und Adolf Schweizer ihre Zusammenarbeit, wobei die Gründe in einem Zerwürfnis liegen, dessen Ursachen nicht genauer bekannt sind. Dies geht aus einem erhaltenen Briefwechsel von Emil Loder mit seiner späteren Frau Frieda Schenk hervor. Dieses Zerwürfnis hinderte die beiden ehemaligen Kompagnons aber nicht, später z.B. den Grossauftrag für das Eidgenössische Schützenfest 1939 in Luzern, gemeinsam abzuwickeln. Adolf Schweizer kaufte 1925 den Betrieb und Emil Loder zog nach Luzern und gründete die Luzerner Keramik.

Werbeblatt für die Firma Adolf  Schweizer (Fotokopie aus dem Nachlass der Kunstkeramik Luzern, heute im Staatsarchiv Luzern).

Adolf Schweizer führte den Betrieb zusammen mit seiner Frau bis 1961  weiter, wobei in der Anfangszeit Keramik ganz im Stil von Loder & Schweizer produziert wurde und auch die Herstellung des Musters „Alt-Thun“ weiterlief.

Bereits 1921 war Adolf Schweizer der Gründungspräsident des Schweizerischen Töpfermeisterverbandes (Illustrierte Schweizerische Handwerker Zeitung Nr. 25, 1921, 258).

Im November 1925 erhielten Schweizers für ihre Keramiken beim 6. Wettbewerb der Verkaufsgenossenschaft des Schweizer Heimatschutzes einen 2. Preis, nach der Keramikerin Hanni Nencki, die den ersten Preis erhielt (Der Bund, 76, Nummer 476, 8. November 1925). Die an der Weihnachtsausstellung des Schweizerischen Werkbundes 1925 im Gewerbemuseum Bern gezeigten „hübsch gezeichneten Keramiken“  wurden wohlwollend besprochen (Der Bund 76, Nummer 530, 12.12.1925). Adolf Schweizer war ab 1925 bis 1931 und  ab 1943 auch kontinuierlich mit einem Messestand auf der MUBA vertreten (Offizielle Kataloge der MUBA im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv in Basel).

1926 finden wir Adolf Schweizer auch auf der Weihnachtsausstellung des Schweizerischen Werkbundes, Ortsgruppe Bern, im Gewerbemuseum Bern (Das Werk 13, 1926, XXIII).

1927 beteiligt sich Adolf Schweizer an der „Schweizerwoche-Ausstellung des Gewerbemuseums Bern“ „mit wohlgeformten und ausserordentlich schön gearbeiteten Vasen, Schalen und Krügen“ (Neue Berner Zeitung 25.1.1927, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte).

1927 Im selben Jahr finden wir ihn auf einer Ausstellung schweizerischer Keramik in Genf („Céramiques Suisses“). Der Ausstellungskatalog überliefert uns auch zwei Fotos der Produktion dieser Jahre, die wir sonst museal kaum kennen. In einer Anzeige bezeichnet Schweizer sich selbst als Spezialisten für die Kunstkeramik „Vieux Thoune et Mosaïque“.  Letzteres ist ein vom „Chrutmuster“ bzw. Muster „Alt-Thun“ abgeleiteter neuer Dekor, der auch in der jeweils aufgebrachten Ritzmarke die Bezeichnung  „Mosaïque“ trägt.

Vitrine mit Keramik an der Saffa (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit), 1928 (Quelle und Signatur: Staatsarchiv des Kantons Bern, V Frauenzentrale 129). 

1928 An der „Saffa“ war die Firma Adolf Schweizer, neben der DESA mit „Frauenarbeit in der Kunsttöpferei“ ebenfalls vertreten (Oberländer Tagblatt 52, Nummer 225, 25.9.1928).

1928 erweiterte Adolf Schweizer die Werkstatt um einen 5,1 m langen und 6,6 m breiten Lagerraum in Fachwerkbauweise, der mit einem Blech-Flachdach gedeckt wurde. 1929 reaktivierte er die zur Liegenschaft gehörige Wasserkraft und baute ein Wasserrad mit einer Leistung von 5,5 PS ein (Frank 2000, 575).

Schon vor 1928 gehört Adolf Schweizer zur Aufsichtskommission für das Kantonale Gewerbemuseum in Bern (Der Bund 80, Nummer 387, 21.8.1929). Zugleich war er Präsident des am 5.3.1928 gegründeten Vereins für „Kunstgewerbliche Hand- und Heimarbeit im Berner Oberland“ (SHAB 46, 1928, No. 108, S. 919).

An der Schweizerwoche 1929 beteiligte sich Adolf Schweizer mit einer Ausstellung im Thuner Freienhof (Oberländer Tagblatt 53, Nummer 252, 28.10. 1929). Als einziger Keramiker neben der Porzellanfabrik Langenthal beteiligte er sich 1930 am „Exportmusterlager des Kantons Bern“  (Der Bund 81, Nummer 278, 19.6.1930).

1930 Adolf Schweizer zeigt seine Produktion auf der Ausstellung „Oberländische Volkskunst“ im Gewerbemuseum Bern (Berner Tagblatt 23.10.1930, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte). Mitaussteller ist die Firma „Gebrüder Lanz Keramik“ aus Thun (Neue Berner Zeitung  3.11.1930, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte).

1931 wurde er Gründungspräsident der „Verkaufsgenossenschaft für Heimarbeitsartikel“ (Oberländer Heimatwerk) am Bärenplatz in Bern, die den Absatz fördern sollte (Der Bund 82, Nummer 404, 1. 9. 1931;  siehe auch SHAB 49, 1931, No. 268, S. 2446).

Adolf Schweizer war ab dem 29.12.1933 für etliche Jahre auch Präsident des Bernischen Töpfermeister-Verbandes (SHAB 52, 1934, 60), dessen Mitbegründer er 1916 war (Der Bund 86, Nummer 503, 28. Oktober 1935, Bericht über den Chachelimärit im Gewerbemuseum, ausserdem Thuner Tagblatt 90, Nummer 196, 23.8.1966). Der Töpfermeister-Verband stellte mit zahlreichen Mitgliedern auf der MUBA 1921 aus (Offizieller Messekatalog der MUBA 1921).  Der Töpfermeisterverband erhielt bereits im März 1933 die Bewilligung am Werkstattgebäude von Adolf Schweizer einen Anbau für die Tonaufbereitungsanlage der bernischen Töpfermeister zu errichten. Es handelte sich um einen Steinbau mit Ziegeldach (Frank 2000, 575). Diese Unternehmung war nicht erfolgreich und die Anlage wurde 1938 an die Töpferei Kohler in Schüpbach verkauft. Adolf Schweizer baute später erneut eine eigene Trommelmühle ein, die bis 1965 existierte (Frank 2000, 773).

1934 Beteiligung am grossen „Chachelimärit“ im Gewerbemuseum in Bern (Der BUND 1.11.1934, StAB BB 1.9.34, Zeitungsausschnitte).

1936 hielt Adolf Schweizer zusammen mit den Keramikern Adolf Schmalz und Töpfermeister Jakob Reusser einen Vortrag über die Heimberger Keramik und ihre Entwicklung bei der Kunstgesellschaft Thun (Oberländer Tagblatt 60, Nummer 136, 13.6.1931).  Natürlich konnte die Steffa 1936 – die Steffisburger Ausstellung für Gewerbe, Handel und Industrie nicht ohne Adolf Schweizer stattfinden. Er war Mitglied des Organisationskommitees. Zusätzlich war er mit einem Stand vertreten (Oberländer Tagblatt 60, Nummer 171, 24.7.1936).

Mit der Unterstützung von Arbeitslosen fertigte er in seiner Werkstatt die keramische Eintrittsplakette für die Steffa.

Keramik von Adolf Schweizer in Privatbesitz.

Luzerner Schützenfestteller 1939 (Dank an Angelo Steccanella für den Hinweis, identisches Stück im SNM LM-81440 und im HMLU 13865.560).

Einen  Überblick über die Produkte der Firma Adolf Schweizer von 1925 bis 1962 haben wir nicht. Möglicherweise würden hier die vermutlich existierenden Standbilder von der MUBA eine gute Informationsquelle sein. Zumindest für 1928 haben wir Zeitungsberichte über eine Messeteilnahme (Oberländer Tagblatt 52, Nummer 92 vom 30.4.1928). 1954 erfahren wir in einem Bericht über die MUBA, dass Adolf Schweizer seit mehr als 24 Jahren zu den regelmässigen Oberländer Ausstellern auf der MUBA gehörte (Oberländer Tagblatt 78, Nummer 108, 11.5.1954). Für das Jahr 1964 haben wir eine weitere Erwähnung (Thuner Tagblatt  88, Nummer 49, 28.2.1964).

 

Keramik von Adolf Schweizer in Privatbesitz.

Die Markierung seiner Produkte änderte Adolf Schweizer auf die ligierten Buchstaben „SA“, oft mit der Beischrift Steffisburg. Auch bei ihm trägt das Muster „Alt-Thun“ seitlich zwei Sterne wie in der Manufaktur Wanzenried und die Beischrift „Thoune“.

In den 1930er-Jahren fertigte Adolf Schweizer in geringem Umfang offenbar auch Fayencen, ähnlich wie Emil Loder in Luzern.

Adolf Schweizer zog an die Bernstrasse 21 in Steffisburg und richtete sich dort erneut eine kleine Werkstatt ein, wo er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Hans bis mindestens 1967 Keramik herstellte (Thuner Tagblatt 87, Nummer 258, 4.11.1963 ). Der Sohn Hans führte das Kunstkeramikgeschäft bis 1988 unter derselben Adresse weiter (SHAB 87, 1969, No. 70, S. 657). Seine Signatur „HS“ ist von der seines Vaters „AS“ oft nicht eindeutig unterscheidbar.

Bei Adolf Schweizers Nachfahren hat sich wegen des Verkaufs der Töpferei (Nutzen und Schaden 1. Mai 1961) kein nennenswerter archivalischer Nachlass erhalten.

Beim Verkauf gelangte der Betrieb 1961 an Hans Schneider-Kraft, Töpfermeister von Seftigen (1923-2006) und seine Frau Susi Schneider-Kraft. Hans Schneider modernisierte und renovierte den Betrieb sehr intensiv (Thuner Tagblatt 86, Nummer 275, 23. November 1962; auch GB Thun, Belege 6, No. 7226, vom 16. Oktober 1961). 1965 entfernte er die alte Tonaufbereitungsanlage, die für seinen Betrieb viel zu gross und unwirtschaftlich war (Frank 2000, 575, 578).

Umbau 1991: Thuner Tagblatt, Band 115, Nummer 38, 15. Februar 1991

Thuner Tagblatt 115, Nummer 77, 4.4.1991

1989-1992 folgte eine weitere intensive Umbaumassnahme im früheren Gebäude der Majolika-Fabrik von Johannes Wanzenried (Thuner Tagblatt, Band 115, Nummer 38, 15. Februar 1991; Thuner Tagblatt 115, Nummer 77, 4.4.1991, vgl. auch Frank 2000, 575).

Hans Schneider produzierte noch 1996. Im April 1994 stellte er auf der Gewerbeausstellung Steffisburg seine Keramiken aus (Thuner Tagblatt, Band 120, Nummer 95, 24. April 1996). Wann er seinen Betrieb definitiv einstellte, ist unklar.

Keramik von Adolf Schweizer bei Antik und Rar

Keramik von Hans Schweizer bei Antik und Rar

Keramik in der Sammlung des SNM

Keramik in der Sammlung des MAG

Bibliographie:

Frank 2000
Georg Frank, „Dank dem Gewerbefleiss früherer Jahrhunderte“. Die Nutzung der Wasserkraft in der bernischen Gemeinde Steffisburg vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Thun 2000, bes. Kap. 4.16.

Höchst, Porzellanmanufaktur (1746–1796) – Porzellanfiguren

Deutschland, Hessen, Höchst, Manufaktur, um 1770-1775, Modell von Johann Peter Melchior (1747-1825), um 1770.

Betrifft auch: Aschaffenburg, Damm, Steingutfabrik (1827–1884), Passau, Dressel, Kister und Cie  sowie Nachfolgebetriebe (1853–1942)

Roland Blaettler, Andreas Heege 2019

Die Höchster Porzellanmanufaktur (Hessen) ist bekannt für die Vielfalt ihrer Figuren, die während der 50jährigen Produktionszeit von zahlreichen Modelleuren geschaffen wurden. Diese orientierten sich oft an Meissener Vorbildern, die sie nachahmten oder variierten. Nach grafischen Vorlagen wurden aber auch eigene Modelle entworfen (Stahl 1994, 185-314).  Sie konnten sowohl als Biscuit ausgeführt sein, als auch unbemalt bleiben oder farbig staffiert verkauft werden.

Nachdem die Porzellanmanufaktur in Höchst 1796 geschlossen worden war, wurde die Fabrik samt Inventar am 26. August 1798 versteigert. 1840 erwarb Daniel Ernst Müller die alten Figurenmodelle für die von ihm 1827 gegründete Steingutfabrik in Aschaffenburg, Damm (Bayern). Mit ihrer Hilfe wurden neue Arbeitsformen aus Gips geschaffen und gebrannte Tonmodelle zur Formensicherung hergestellt. Bis 1884 entstanden so zum Teil retuschierte Steingutfiguren, vereinzelt auch Porzellanausformungen der beliebten Höchster Figuren (Stenger 1949; Schad 1991; Zoike 1986; Stahl 1994, 297-302).

1886–1887 gelangten die Formen in den Besitz der 1755 gegründeten Steingutfabrik Franz  Anton Mehlem in Poppelsdor bei Bonn. Die alten Formen wurden restauriert und neue Steingutfiguren ausgeformt,  die  jedoch nicht in den Verkauf gelangten Stahl 1994,  302). 1903 wurden etwa 350 Modelle von der Porzellanfabrik Dressel, Kister und Cie in Passau (1853-1919) erworben. Dort wurden sie erneut retuschiert und vermutlich bis 1919 als Porzellanfiguren ausgeformt. Sei es in Aschaffenburg, Damm oder in Passau, die neuen Ausformungen wurden fast systematisch mit der Höchster Radmarke versehen, manchmal in Zusammenhang mit dem Buchstaben «D» (HMO 8661), manchmal mit einem Bischofsstab (Passau, Reber 1988, 192–200; Werhahn 2002). 1919 wurde die Firma verkauft und firmierte bis zum Konkurs im Jahr 1936 unter „Aelteste Volkstedter Porzellanfabrik AG, Zweigniederlassung Passau“. 1927 bestellte die Stadt Höchst noch vor ihrer Eingemeindung nach Frankfurt dort einen kompletten, neu ausgeformten Satz von allen erhaltenen Höchster Modellen. Die rund 350 „Alt-Höchster Reproduktionen” sind bis heute in den festlich ausgestatteten Zimmern des Bolongaropalastes in Frankfurt-Höchst ausgestellt und werden vom Historischen Museum Frankfurt wissenschaftlich betreut.

Von 1937 bis 1942 wurde die Produktion als „Porzellanfabrik Passau“ fortgesetzt, bevor der Betrieb  am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört und geplündert wurde.  „Alt-Höchster Reproduktionen“ wurden mit den vorhandenen Modeln letztlich wohl bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Passauer Porzellanmanufaktur  hergestellt.

Ein Teil der Formen kam in das Oberhausmuseum in Passau und wurde bei dessen Auflösung an einen Privatmann verkauft, der sie an die Porzellanmanufaktur Frankenthal weiterverkaufte. Nach deren Stilllegung um 1950 verlieren sich die Spuren der Formen (Stahl 1994, 302).

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950). Sulgen 2014, 382.

Reber 1988
Horst Reber, Höchster Porzellan aus drei Jahrhunderten. Ausstellung zu Aspekten der Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Hohenberg an der Eger 1988.

Schad 1991
Brigitte Schad, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm 1840-1884. Aschaffenburg 1991.

Stahl 1994
Patricia Stahl, Höchster Porzellan 1746-1796. Katalog zur Ausstellung Höchster Porzellan 1994, Frankfurt 1994.

Stenger 1949
Erich Stenger, Die Steingutfabrik Damm bei Aschaffenburg 1827-1884. Aschaffenburg 1949.

Werhahn 2002
Maria Christiane Werhahn, Die Porzellanfiguren der Passauer Manufaktur aus den Höchster Originalformen. Ein Beitrag zur Geschichte des Porzellans im 19. und 20. Jahrhundert. Neuss 2002.

Zoike 1986
Birgit Zoike, Die figürlichen Erzeugnisse der Steingutfabrik Damm nach Formen der kurmainzischen Porzellanmanufaktur in Höchst am Main (Höchster Geschichtshefte 44). Frankfurt 1986.

 

 

Hornberg, Baden-Württemberg, Deutschland

Steingutfabrik der Gebrüder Horn in Hornberg, Baden-Württemberg, Lithographie von Charles Fassoli, Strassburg, 1864

Keramik in CERAMICA CH

Andreas Heege 2019

Wichtige Konkurrenten der schweizerischen Fayence- und Steingutproduktion waren verschiedene südwestdeutsche Manufakturen. Diese hatten angesichts der unzureichenden schweizerischen Produktionsverhältnisse, zumindest in der Deutschschweiz in den 1820er- bis 1840er-Jahren so etwas wie ein «Monopol», stand ihren Produkten doch wohl nur eine begrenzte lokale Herstellung gegenüber. Es handelt sich um die badischen Manufakturen Zell am Harmersbach (ab 1794, wechselnde Besitzer, bis heute in Produktion), Hornberg (1817–1912, heute Duravit Sanitärkeramik) sowie das württembergische Schramberg (1820–1882, ab 1829 unter Uechtritz & Faist firmierend, 1883–1911 Villeroy & Boch, ab 1912 Schramberger Majolika Fabrik) und zahlreiche weitere kleine Produktionsorte im süddeutschen Raum (Zu den genannten Produktionsorten: Kybalová 1990, 121–126; Simmermacher 2002; Kronberger-Frentzen 1964; Schüly 2000. Zu Zell am Harmersbach: Spindler 2005; Sandfuchs 1989. Zu Schramberg: Waller 1872, 109–111; Singer 1918, 45–47; Preger 1977; Heege 2013. Schramberg unter Villeroy und Boch: Thomas 1976, 42–43; Thomas 1977, 29).

Die wichtigsten Steingutmanufakturen nördlich der Schweiz (nach Brandl 1993, 22 verändert).

Die teilweise wohl überragende Konkurrenz spiegelt sich auch in den Berichten zu den bernischen Industriemessen von 1848 bzw. 1857 (Frei 1951; Frei 1952).

Zu Hornberg gibt es leider bis heute keine modernen Ansprüchen genügende Geschichte der Firma und ihrer Produkte (vgl. bisher: Kronberger-Frentzen 1964, 51-64; Bühler/Schmidt 1967; Hitzfeld 1970; Simmermacher 2002, 48-59; auch Stein Marks).

Bekannt ist die frühe Keramikproduktion von Hornberg vor allem für ihr mit Umdruckdekoren verziertes Bildergeschirr. Zahlreiche Keramiken aus Hornberg, vor allem mit schweizerischen Motiven, verwahrt das Historische Museum in Basel.

Fabrikperioden

Steingut-Manufaktur Georg Friedrich Horn (1817 bis 1822)
Steingutfabrik Gebrüder Horn (1822 bis 10.12.1903)
Steingutfabrik Hornberg AG, vormals Gebrüder Horn (11.12.1903 bis 20.7.1906)
Schwarzwälder Steingutfabrik AG (21.7.1906 bis 4.5.1910)
Steingutfabrik Schwarzwald GmbH (31.12.1910 bis 1941)

Aufgabe der Geschirrproduktion 1912

Duravit GmbH (1960 bis 1988)
Duravit AG (1988 bis heute, Sanitärkeramik)

Bibliographie:

Brandl 1993
Andrea Brandl, Aschacher Steingut. Die Steingutfabrik (1829-1861) des Schweinfurter Industriellen Wilhelm Sattler (Schweinfurter Museumsschriften 55), Schweinfurt 1993.

Bühler/Schmidt 1967
Carl Bühler/Eckhard Schmidt, Vom Steingut Geschirr zur Sanitär Keramik. 150 Jahre im Dienste der Keramik, Hornberg 1967.

Frei 1951
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil I, in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 20, 1951, 4-7.

Frei 1952
Karl Frei, Die Keramik an den schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen in Bern 1848 und 1857, Teil II., in: Freunde der Schweizer Keramik, Mitteilungsblatt 21, 1952, 3-6.

Heege 2013
Andreas Heege, Ein unbekanntes Musterbuch der ersten königlich württembergischen Steingutmanufaktur Schramberg (Uechtritz&Faist) aus der Zeit nach 1855 in: Harald Siebenmorgen, Blick nach Westen. Keramik in Baden und im Elsass. 45. Internationales Symposium Keramikforschung Badisches Landesmuseum Karlsruhe 24.8.-28.9.2012, Karlsruhe 2013, 107-115.

Hitzfeld 1970
Karlleopold Hitzfeld, Hornberg an der Schwarzwaldbahn. Vergangenheit und Gegenwart der Stadt des Hornberger Schiessens, Hornberg 1970.

Kronberger-Frentzen 1964
Hanna Kronberger-Frentzen, Altes Bildergeschirr. Bilderdruck auf Steingut aus süddeutschen und saarländischcen Manufakturen, Tübingen 1964.

Kybalová 1990
Jana Kybalová, Steingut, Prag 1990.

Preger 1977
Max Preger, Schramberger Bildergeschirr, in: Schwäbische Heimat, 1977, Heft 4, 311-319.

Sandfuchs 1989
Bertram Sandfuchs, Zeller Keramik seit 1794: Ausstellung „Zeller Keramik“ zum 850jährigen Stadtjubiläum, 7. Mai – 17. Septemberg 1989, Zell 1989.

Schüly 2000
Maria Schüly, Antikisches Geschirr aus dem Schwarzwald. Die Steingutmanufaktur in Zell, Hornberg und Schramberg, in: Martin Flashar, Europa à la Grecque. Vasen machen Mode, München 2000, 124-129.

Simmermacher 2002
René Simmermacher, Gebrauchskeramik in Südbaden, Karlsruhe 2002.

Singer 1918
F. X. Singer, Schwarzwaldbuch. Ein Volksbuch für Heimatkunde und Heimatpflege (zunächst) in Stadt und Bezirk Oberndorf, Oberndorf 1918.

Spindler 2005
Konrad Spindler, Ein Grubeninhalt der Zeit kurz nach 1900 aus Riezlern, Gem. Mittelberg, im Kleinen Walsertal, Vorarlberg – Keramik, Glas und Metall, in: Jahrbuch Vorarlberger Landesmuseumsverein 149, 2005, 67-106.

Thomas 1976
Thérèse Thomas, Villeroy & Boch. Keramik vom Barock bis zur Neuen Sachlichkeit. Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Mettlach 1976.

Thomas 1977
Thérèse Thomas, Villeroy&Boch 1748-1930. Keramik aus der Produktion zweier Jahrhunderte, Amsterdam 1977.

Waller 1872
German Waller, Chronik der Stadt und ehemaligen Herrschaft Schramberg sowie Ortsbeschreibung von Schramberg, Wolfach 1872.

Jegenstorf, Hafner Abraham Reutlinger


Jegenstorf vom Flugzeug aus, 1939, Blick nach Nordosten.

Andreas Heege, Andreas Kistler, Alfred Spycher

Stammbaum Reutlinger

Für den Namen Reutlinger finden sich in den Schriftquellen unterschiedliche Schreibweisen: Rüedlinger, Reütliger, Rütliger, Ryttlinger, Rüttlinger.

Abraham Reutlinger (1673‒1741) war der Sohn von Anthoni Rütliger von Jegenstorf (Heimatgemeinde Mattstetten) und seiner Frau Madlena Ärni. Er wurde am 4.5.1673 getauft (Bern, Ausburger Taufrodel 1665‒1684, 137/7) und starb am 26.12.1741 (KR Jegenstorf 33, 22). Abraham Reutlinger absolvierte seine Lehre zwischen 1689 und 1691 bei dem Berner Hafner Hans Heinrich Hess und hatte als Geselle am 11. Dezember 1692 seinen Abschied genommen (Morgenthaler 1951, 137. Vgl. auch Boschetti-Maradi 2006, 176‒178, ausserdem 210), vermutlich, um auf die Wanderung zu gehen. Dabei dürfte er nach St. Gallen gelangt sein, wo er die Hafnertochter Wibrath Sommerauer (1657‒vor 1721; Staatsarchiv St. Gallen ZVA 12.760) kennenlernte und am 15. Oktober 1694 in St. Gallen heiratete (Staatsarchiv St. Gallen ZVA 12.733,236). Ihre Eltern waren der Hafner Jakob Sommerauer (1635‒1683, Staatsarchiv St. Gallen ZVA 12.760, 136 und Staatsarchiv St. Gallen ZVA 12.783,2) und Margaretha Gillerin (1632‒1708; Heirat 24.2.1657, Staatsarchiv St. Gallen ZVA 12.733,196; Genealogie Sommerauer Staatsarchiv St. Gallen ZVA 12.750.16, Band Q, 34‒35).

Die vier Kinder aus dieser Ehe wurden zwischen 1695 und 1699 in Herisau AA getauft, wo Abraham Reutlinger demnach seine Werkstatt gehabt haben dürfte. Unmittelbar anschliessend zog die Familie von Herisau nach Jegenstorf zurück, denn wir finden Abraham Reutlinger erstmals in den Landvogtei-Rechnungen für Fraubrunnen für das Jahr 1700/01. Er wurde für die Reparatur der Öfen in der Mühle, Öhle und Stampfe bezahlt (StAB VII 1313, 1700). Im selben Jahr arbeitete er in Schloss Landshut (StAB VII 1553, 1700), 1702 erstmals auch auf dem Thorberg (StAB VII 1976, 1702). 1719 und 1720 reparierte Reutlinger Kachelöfen in Schloss Brandis (StAB VII 1104, 1719–1720). Reutlingers erste Frau starb vor 1721, sodass er am 27. Juni 1721 Elisabeth Fankhauser von Burgdorf (1680‒1763; KR Münchenbuchsee 14, 26; 8.4.1763, Alter 83) heiraten konnte (KR Jegenstorf 27, 72; 27.6.1721). Beide Töchter aus dieser zweiten Ehe wurden in Jegenstorf getauft. Die jüngere, Anna Catharina Reutlinger, heiratete am 16. August 1746 den Hafner Johannes Häberli von Münchenbuchsee (KR Jegenstorf 27, 126; 26.8.1746). Ihre Stiefschwester Anna Barbara Reutlinger (1699‒1744; KR Jegenstorf 12,16 ; 23.7.1699, Taufe in Herisau AA; KR Grafenried 4, 169; 4.10.1744) von Mattstetten, wohnhaft in Jegenstorf, heiratete schon am 21. März 1718 (KR Grafenried 4, 5) den Hafner Hans Rudolf Marti (1691-1742) aus Fraubrunnen (KR Grafenried 3, 97; 4.12.1691; KR Grafenried 4, 194; 17.5.1742). Abraham Reutlinger ist daher der Grossvater des bedeutenden bernischen Keramikers Abraham Marti (1718-1792) (Heege/Frey/Spycher/Kistler 2023).

Von 1753 bis 1763 lebte Elisabeth Reutlinger-Fankhauser (1680‒1763), mit Einverständnis der Gemeinde Mattstetten, bei ihrem Schwiegersohn dem Hafner Johannes Häberli in Münchenbuchsee (Verpfründungsverträge: StAB, Bez. Fraubrunnen A 274,129 und A 322,49).

Abraham Reutlinger führte von 1700‒1712, 1718‒1721, 1724 und letztmals 1736 Ofenarbeiten für die Landvogtei Fraubrunnen aus (StAB B VII 1313‒1315). 1721 lässt sich auch ein Auftrag für einen neuen Ofen in das Pfrundhaus in Münchenbuchsee belegen: (StAB B VII 1136, 1721). Zwischen 1721 und 1741 wurde er für diese Arbeiten in Fraubrunnen zunehmend durch seinen Schwiegersohn Hans Rudolf Marti ersetzt (StAB B VII 1314‒1315).

Wir haben keine Vorstellung, wo Abraham Reutlinger seine Werkstatt hatte und wie seine Geschirrkeramik oder seine Kachelöfen aussahen.

Bibliographie:

Boschetti-Maradi 2006
Adriano Boschetti-Maradi, Gefässkeramik und Hafnerei in der Frühen Neuzeit im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 8), Bern 2006.

Heege/Frey/Spycher/Kistler 2023
Andreas Heege/Jonathan Frey/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Keramik aus Blankenburg, Abraham Marti (1718–1792), ein bernischer Landhafner, Bd. 16 (Schriften des Bernischen Historischen Museums), Bern 2023.

Jegenstorf, Hafner Häberli


Jegenstorf vom Flugzeug aus, 1939, Blick nach Nordosten.

Andreas Heege, Andreas Kistler, Alfred Spycher, 2025

Im bernischen Mittelland waren Familien mit dem Namen Häberli vor 1800 nur in den Gemeinden Krauchthal, Münchenbuchsee und Jegenstorf eingebürgert, jedoch gab es zahlreiche weitere Heimatberechtigte gleichen Namens in den Kantonen Luzern, Thurgau und Zürich (Familiennamenbuch der Schweiz, Online-Version). Der Versuch eine schlüssige und vollständige Genealogie der verschiedenen Hafner Häberli zu erarbeiten, war nur teilweise erfolgreich, da sich verschiedene Familienstränge nicht miteinander verbinden liessen. Es bleibt derzeit festzuhalten, dass die familiengeschichtlichen Forschungen keinen Nachweis erbracht haben, dass es direkte verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Hafnern Häberli, die im 18. und 19. Jahrhundert in Münchenbuchsee oder Moosseedorf arbeiteten, und den Hafnern Häberli aus Hängelen gibt. Auch besteht keine verwandtschaftliche Beziehung zu den Hafnern Häberli, die sich zwischen 1861 und 1941 in Jegenstorf nachweisen lassen. Diese gehören nachweislich zum Stamm der Häberli aus Münchenbuchsee.

Häberli, Münchenbuchsee-Moosseedorf_genealogische Daten

Häberli, Münchenbuchsee-Jegenstorf, Stammbaum

Jakob Häberli (1828-1877) war der Sohn und Enkel der beiden Schulmeister Daniel Häberli (1750-1829 bzw. 1787-1864) von Münchenbuchsee. Wie die beiden Schulmeister mit den beiden Hafnerlinien Häberli von Münchenbuchsee verwandt sind, liess sich nicht ermitteln. Jakob Häberlis Taufpate war der Hafner Niklaus Häberli (1789-1858) von Münchenbuchsee (KRM_7_132, KRM = Kirchenrodel Münchenbuchsee). Seine ältere Schwester Rosina (1813-1895) war mit dem Hafner Johann Jakob Häberli (1814-1874) von Münchenbuchsee verheiratet. Sein älterer Bruder Niklaus (1824-1853) war ebenfalls Hafner und arbeitete zumindest in seinem Todesjahr (als Geselle?) in Kiesen (KRM_15_131, Todesmeldung auch: Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 14. Dezember 1853). Bei wem Niklaus und Jakob ihre Ausbildung erhielten, ist nicht klar. Für Jakob lässt sich belegen, dass für ihn 1847 ein Wanderbuch ausgestellt wurde, er mithin wohl auf die Wanderschaft ging. Am 22.11.1851 heiratete er in Thun Rosina Bürki von Muri (1829-?; KRThun_9_206). Die ersten fünf Kinder wurden zwischen 1852 und 1859 in Bern bzw. Münsingen getauft und dabei als Lebensort jeweils Münsingen angegeben. Vieles spricht also dafür, dass Jakob Häberli dort als Hafner oder Hafnergeselle gearbeitet hat. Erst die sechs folgenden Kinder wurden zwischen 1861 und 1873 in Jegenstorf getauft, das auch als Wohnort angegeben wurde. Wo Jakob in dieser Zeit mit seiner Werkstatt eingemietet war, entzieht sich unserer Kenntnis.


Berner Zeitung, Band 23, Nummer 229, 27. September 1867.

Für das Jahr 1867 ist ein Geldstag überliefert, dessen Ursachen und Folgen jedoch unklar sind.

Der Sohn Johann Jakob Häberli (1858-1908) wurde ebenfalls Hafner. Er heiratete am 1.9.1882 in Jegenstorf Maria Junker aus Jegenstorf (1859-1913). Mit ihr bekam er fünf Kinder (Stammbaum). Es ist wahrscheinlich, dass er nach dem Konkurs (Geltstaginformation: Tagblatt der Stadt Biel, Band 5, Nummer 235, 4. Oktober 1867) bzw. Tod von Niklaus Niklaus (1810-1879) in dessen Liegenschaft Jegenstorf, General Guisanstrasse 12 („Haus mit Scheuer und dabei stehendem Wohnstock mit Hafnerwerkstatt“;  GBJ_04_325-328), oder nur den Wohnstock mit Hafnerwerkstatt mietweise einzog.


Der Bund, Band 47, Nummer 51, 21. Februar 1896

Diese Liegenschaft brannte im Februar 1896 ab. Aber schon 1898 war die Werkstatt wieder in Betrieb, denn Häberli suchte einen Dreher.


Grütlianer, 23. April 1898.

Johann Jakob kaufte die gesamte Liegenschaft schliesslich am 13.10.1903  (GBJ_55_384-388). 1910 trat die Witwe Maria Häberli-Junker die Hafnereiliegenschaft ihrem Sohn Johann Jakob Häberli (1885-1941) ab. Im Erbgang nach dessen Tod 1941 wurde er als „gew. Töpfermeister und Landwirt“ bezeichnet. Es ist nicht klar, wann Johann Jakob den Hafnerberuf aufgab und Landwirt wurde. Das Wohnhaus mit Hafnerwerkstatt existiert heute nicht mehr.

Leider gibt es keine signierte Keramik der Hafner Häberli aus Jegenstorf, daher wissen wir nicht, wie deren Produktion aussah. Archäologische Ausgrabungen haben in den vergangenen Jahren jedoch Funde des 19. Jahrhunderts erbracht, die ein eindrückliches Bild davon vermitteln, was ursprünglich zur Küchen- und Stubenausstattung und dem Haushaltegeschirr der Jegenstorfer Bauernhäuser gehörte.

Jegenstorf, Kirchgasse, Abfallgrube 561, archäologische Funde von Haushaltsgeschirr aus der Zeit vor ca. 1890: Milchtöpfe, Tassen, Untertassen, Terrinen, Teller, Röstiplatten und Nachttöpfe. Fotos Badri Redha, Archäologischer Dienst des Kantons Bern.

Sicher wurde das eine oder andere Stück auch von den Hafnern Häberli oder Niklaus in Jegenstorf produziert.

 

Jegenstorf, Hafner Niklaus

Jegenstorf vom Flugzeug aus, 1939, Blick nach Nordosten.

Andreas Heege, Andreas Kistler, Alfred Spycher, 2025

Niklaus_Jegenstorf_genealogische Daten

Stammbaum Niklaus

Die ersten Hafner aus der Familie Niklaus scheinen in Jegenstorf ab dem späten 18. Jahrhundert tätig geworden zu sein. Es gab jedoch schon vorher mindestens zwei verschiedene Hafner am Ort, Abraham Reutlinger (1673-1741) und Rudolf Los[s]er, (Lebensdaten unbekannt, Aktivitätsnachweis 1749-1750, Boschetti-Maradi 2006, 210).

Der erste Hafner aus der Familie Niklaus, den wir kennen, ist Bendicht Niklaus (1738-1804). Den Beruf seines Vaters kennen wir nicht. Bendicht war zweimal verheiratet (9.1.1763, 20.12.1778). Mit der ersten Frau hatte er sieben Kinder, mit der zweiten Frau nur noch eines (siehe Stammbaum).

Jegenstorf Altgasse 1,5 Lage Hafnerei     Jegenstorf Altgasse 1,5 Handänderungen GBJ

Zu einem unbekannten Zeitpunkt erwarb Bendicht Niklaus (1738-1804) verschiedene Liegenschaften und Äcker in Jegenstorf, die nach seinem Tod im Jahr 1805 zwischen der überlebenden Witwe und seinen überlebenden Kindern aus erster Ehe aufgeteilt wurden (GBJ_01_116-122; GBJ = Grundbuch Jegenstorf):

„1. Wohnhaus samt dabei liegender Hafnerhütte und Hofstatt ungefähr 2 Maad, dazu gehöre eine Schuposen Rechtsame. 2. der Bachtelen Acker auf dem Oberfeld zu Jegenstorf gelegen ca. 2 Jucharten. 3. der Bohlwinkel Acker ca. 2 Jucharten. Von diesem Haus samt Erdreich ist die einte Hälfte dem Bendicht [Bendicht Niklaus, 1774-1839] angeschlagen worden. Die zweite Hälfte dann samt der Hafnerhütte ist dem Sohn Niklaus [Niklaus Niklaus, 1764-1823]  verschrieben worden. Bedingung: Bendicht hat das Recht die Hafnerhütte zu gebrauchen. 4. Noch ein Haus im Dorf samt Ofenhaus und Speicher nebst Garten. Darab wurde alljährlich ein Bodenzins entrichtet in den Spital nach Bern an Dinkel ein Meudt. Zu diesem Geschick gehöre eine Schupose Rechtsame. 5. Eine Beunde auf dem Eschpli ca. 3/4 Jucharte. 6. In der Ischenmat ca. 1/2 Maad. 7. der Neuholz Acker ca. 3/4 Jucharten. 8. der Münchringer Acker ca 3/4 Jucharten 9. der Krautmatt Acker ca. 3/4 Jucharten. Diese von Nr. 4 bis Nr. 9 sind dem jüngsten Sohn Jakob [1777-1832] angeschlagen.“

Hafnerhütte und Wohnhaus lassen sich aufgrund späterer Handänderungen als die heutige Altgasse 1 und 5 identifizieren. Beide Parzellen sind modern überbaut.

Zwischen 1780 und 1797 haben wir Hinweise auf „Ofenarbeiten“ von Bendicht Niklaus (1738-1804) in den bernischen Amtsrechnungen vor allem von Fraubrunnen. Dabei lässt sich nur 1780 belegen, dass er auch Kachelöfen, die 46 bzw. 32 Kronen kosteten, neu setzte (Utzenstorf, Landschreiberei und Kirchberg, Pfrundhaus). Zwischen 1786 und 1797 führte er ansonsten nur Ofenreparaturen in Fraubrunnen aus. Im Bürgerregister von 1798 wird er neben seinem ältesten Sohn Niklaus (1764-1823) als Hafner aufgeführt. Der jüngere Sohn Bendicht (1774-1839), war zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet und führte daher wohl auch keine eigene Werkstatt. Als Bendicht Niklaus 1803 seinem Sohn Niklaus Niklaus eine halbe Juchart Ackerland auf dem Niederfeld zu Jegenstorf verkaufte, befand er sich vermutlich krankheitshalber im Inselspital in Bern (StAB Bez Fraubrunnen A, 216, 316-318). Er starb 1804.

Die folgende Generation bestand aus den zwei Hafnern Niklaus Niklaus (1764-1823) und Bendicht Niklaus (1774-1839) sowie dem jüngsten Sohn Jakob (1777-1832), der 1808 als „Kachelkrämer“ bezeichnet wird (KRJ_07_51), offenbar also mit Geschirr handelte oder hausierte. Mit der Erbteilung von 1805 (s.o., GBJ 01, 116-122) teilten sich die beiden Brüder Niklaus und Bendicht das Wohnhaus und die Hafnerhütte, Altgasse 1 und 5.

Niklaus heiratete am 28.9.1787 in Oberburg Barbara Müller (1766-1825). Mit Ihr bekam er drei Kinder (siehe Stammbaum). Bendicht Niklaus heiratete am 23.1.1801 in Oberburg Elisabeth Kunz (1778-1839). Das Paar bekam fünf Kinder, von denen keines Hafner wurde. 1802 kaufte Bendicht „Ohngefehr dreiviertel Jucharten Ackerland, der Niederfeld Acker auf dem Niederfeld“ von Jegenstorf für 156 Kronen, wofür sein Vater bürgte (StAB Bez Burgdorf B 682, 58-59). Von Bendicht erfahren wir sonst weiter nichts, ausser dass er im Dezember 1838 seinem Sohn Bendicht Niklaus (1806-?) seine Haushälfte und den übrigen Besitz inklusive Nutzung der Hafnerhütte verkaufte (GBJ_09_198-203). Bendicht Niklaus, Sohn, war Drechsler. Mit dem Tod von Bendicht Niklaus (1774-1839) erloschen die Hafneraktivitäten auf dem Grundstück Altgasse 1, 5, obwohl in den Handänderungen im Grundbuch noch bis 1893 von einem „Wohnstöcklein, früher Hafnerhütte, welches früher eine Hafnerwerkstatt war“ die Rede ist (GBJ 48, 294-308).

Das Leben von Bendichts Bruder Niklaus Niklaus (1764-1823) und seiner Familie verlief offenbar weniger ruhig. 1818 wurde Niklaus zum ersten Mal wegen Holzdiebstahls (Waldfrevel) im Gemeindewald gebüsst, nachdem der Bannwart Jakob Aeberhart ihn angezeigt hatte (StAB Bez Fraubr B 366_8_1818). 1821 musste er sich wegen ehrverletzender Schimpfworte gegen Aeberhart verantworten und entschuldigen (StAB Bez Fraubr B 367, 153).

Mit dem Tod von Niklaus Niklaus (1823) und seiner Ehefrau Barbara Müller (1825) kam es im April 1825 zu einer weiteren Erbteilung des Hafnergrundstücks Altgasse 1 und 5. Der Landarbeiter Johannes Niklaus (1791-1847, siehe Stammbaum) erhielt das halbe Hafnerhaus, der Hafner Niklaus Niklaus (1788-1852) vier Äcker (GBJ_04_235-239). Dies war möglich, weil  Niklaus Niklaus (1718-1852) bereits am 30. Januar 1819 ein eigenes Heimwesen gekauft hatte: „ein Haus samt beiliegender Hofstatt und Garten, ungefähr zwei Maad. Dazu gehöre ein halbes Ofenhaus und ein halber Speicher, ferner eine Haus Schuposen Rechtsame. Kaufpreis: 2’100 Krone oder 7’000 Pfund Bernwährung“ (GBJ_03_87-89). Es handelt sich um die heutigen Liegenschaften General-Guisanstrasse 12/14 (Jegenstorf Guisanstrasse 12/14 Daten aus GBJ).

Am 10. Juni 1819 erhielt er von Johann Rudolf von Stürler, Oberamtmann von Fraubrunnen, die Genehmigung, „vor das Tenn seines von Jakob Buri erkauften  Hauses, gegen Abend, eine Hafnerhütte bauen lassen zu können“ (StAB Urbarien Fraubrunnen 21, 490).

Niklaus Niklaus hatte am 7. April 1809 in Jegenstorf Elisabeth Kunz (1786-1832), Heimatort Lyssach, geheiratet. Mit ihr bekam er sechs Kinder, u.a. den ältesten Sohn Niklaus Niklaus (1810-1879), der ebenfalls Hafner wurde (siehe Stammbaum).

Beim Jegenstorfer Dorfbrand vom 24. April 1820 wurde das Anwesen mit der Töpferei ein Raub der Flammen (Materialien zum Dorfbrand im StAB, Signatur: OG Jegenstorf 5, ausserdem: Chronik Amt Fraubrunnen 3, 1958, 27-33).

1826 musste Niklaus Niklaus einen neuen Kredit über 1800 Bernkronen aufnehmen und setzte dafür als Pfand ein: „1. Ein neu erbautes, mit Ziegeln gedecktes Haus mit Scheuerwesen, unter Nr. 129 für Fr. 2’200 und mit dabei stehendem neuem Wohnstock mit Hafnerwerkstatt unter Nr. 130 für Fr. 600 brandversichert. inkl. Hofstatt und Garten ca. 2¾ Jucharten. 2.-6. Erdreich und eine Schuposen Rechtsame“ (GBJ 04, 325-328). Offenbar befand sich die Werkstatt nun also in einem vom Wohnhaus separierten Gebäude.

Im Februar 1835 verkaufte Niklaus Niklaus (1788-1852), nachdem er 1832 Witwer geworden war, die Hafnereiliegenschaft an seinen Sohn Niklaus Niklaus (1820-1879) (GBJ 07, 450-458). Die Gründe für diesen Verkauf sind nicht klar. Vermutlich arbeiteten der Vater und der zu diesem Zeitpunkt noch unverheiratete Sohn gemeinsam in der Werkstatt.

1836 verklagte der Sohn erfolgreich seinen Vater weil er unberechtigterweise einen Acker als Pfand für eine Schuld eingesetzt hatte (StAB Bez Fraubr B 371, 92).

Im Mai 1838 wurde Niklaus Niklaus zu einer Busse verurteilt, weil er in Grafenried den Regierungsagenten Zulauf beschimpft hatte (StAB Bez Fraubr B 372, 128).  Im Mai 1840 wurde er auf Anzeige der Landjäger Schüppach und Feller erneut verurteilt, weil er einen Samuel Bischoff beschimpft hatte.

Am 30. November 1838 heiratete Niklaus Niklaus die Witwe Anna Barbara Eggimann  verw. Ryser (1779-1855, Heimatort Dürrenroth). Offenbar war diese Ehe jedoch nicht glücklich, wie wir aus einem Gerichtsentscheid vom September 1843 erfahren. Die Jegenstorfer Vormundschaftsbehörde hatte Niklaus Niklaus offenbar bereits bald nach 1838 die Vermögensverwaltung entzogen, woraufhin er nicht mehr für die „Alimente“ seiner Frau aufkam oder aufkommen konnte. Da seine Frau auf die Rückzahlung ihres Weiberguts drängte, was Niklaus nicht leisten konnte oder wollte, sass er sechs Wochen in Fraubrunnen im Gefängnis, bevor er verurteilt wurde: „Durch einen förmlichen Eid auszuschwören das Gebiet der Republik Bern für so lange zu meiden bis er die Ansprecherin für die betriebene Summe und Kosten völlig unklaghaft gemacht haben wird.“ (StAB Bez Fraubr B 375, 96). Offenbar erhielt Anna Barbara Eggimann die ihr zustehenden Gelder, woraufhin am 18. März 1844 Niklaus Niklaus, der zu diesem Zeitpunkt immer noch als „Hafner von und zu Jegenstorf“ bezeichnet wurde,  jedoch den „Geldstag anrufen“ musste (StAB Bez Fraubr B 375, 190).

1852 erfahren wir schliesslich vom tragischen Tod des Hafners. Er wurde am 3. November von der Postkutsche, dem Basler Eilwagen, überfahren, der aber offenbar nach dem Unfall gar nicht anhielt, sondern einfach weiterfuhr (lag der Hafner betrunken auf der Strasse und schlief seinen Rausch aus?). Der Vorfall wurde der Justiz- und Polizeidirektion in Bern übergeben, ohne das wir weiteres dazu lesen können (Emmenthaler Bote, Nummer 91, 11. November 1852).

Niklaus Niklaus (1810-1879), der Sohn, ebenfalls Hafner, heiratete am 3. Mai 1839 eine Anna Witschi (1819-1866, Heimatort Jegenstorf). Das Paar bekam 4 Kinder (siehe Stammbaum). Der Sohn Niklaus Niklaus (1843-1902) wurde nicht mehr Hafner. Auch in der Lebenszeit von Niklaus Niklaus ging es offenbar rauh zu, denn im Juni 1845 wurde er ebenfalls wegen ehrverletzender Beschimpfungen verurteilt (StAB Bez Fraubrunnen B 376, 47). Und in der „Frevelgerichts-Sitzung vom 1. August 1855“ wurden Niklaus Niklaus und seine Frau Anna Witschi jeweils zu 30 Fr. Busse und 5 Fr. Tagegeld für den Bannwart verurteilt, während ihr Wagen und Geräte bis zur Zahlung der Busse beschlagnahmt blieb. Offenbar hatten sie einen grösseren Waldfrevel begangen und waren ertappt worden (StAB Bez Fraubrunnen B 378, Bd. 20, 333).

Bereits vorher, d. h. am 20. Januar 1853, hatte Niklaus Niklaus die Liegenschaft mit dem dabei stehenden Wohnstock mit Hafnerwerkstatt an Johann Ulrich Mägli von Oberbipp, Amtsnotar und Rechtsagent in Jegenstorf verkauft (GBJ 17, 52-57), vermutlich weil er die Zinslast auf der Liegenschaft nicht mehr tragen konnte (General-Guisanstrasse 12). Wir können wohl davon ausgehen, dass er in der Liegenschaft eingemietet blieb und weiter Keramik produzierte.  Am 4. Oktober 1867 musste Niklaus Niklaus, seit 1866 Witwer, schliesslich den Geldstag anrufen (Geltstaginformation: Tagblatt der Stadt Biel, Band 5, Nummer 235, 4. Oktober 1867). Er starb 1879.

Wir können nur vermuten, dass der Jegenstorfer Hafner Johann Jakob Häberli (1858-1908) nach dem Konkurs bzw. Tod von Niklaus Niklaus (1810-1979) in dessen Liegenschaft Jegenstorf, General Guisanstrasse 14 oder nur den Wohnstock mit Hafnerwerkstatt (Jegenstorf, General Guisanstrasse 12) mietweise einzog. Johann Jakob kaufte den Wohnstock mit Hafnerwerkstatt schliesslich am 13.10.1903  (GBJ_55_384-388).

Leider gibt es keine signierte Keramik der Hafner Niklaus aus Jegenstorf, daher wissen wir nicht, wie deren Produktion aussah. Archäologische Ausgrabungen haben in den vergangenen Jahren jedoch Funde des 19. Jahrhunderts erbracht, die ein eindrückliches Bild davon vermitteln, was ursprünglich zur Küchen- und Stubenausstattung und dem Haushaltegeschirr der Jegenstorfer Bauernhäuser gehörte.

Jegenstorf, Kirchgasse, Abfallgrube 561, archäologische Funde von Haushaltsgeschirr aus der Zeit vor ca. 1890: Milchtöpfe, Tassen, Untertassen, Terrinen, Teller, Röstiplatten und Nachttöpfe. Fotos Badri Redha, Archäologischer Dienst des Kantons Bern.

Sicher wurde das eine oder andere Stück auch von den Hafnern Niklaus oder Häberli in Jegenstorf produziert.

Bibliographie:

Boschetti-Maradi 2006
Adriano Boschetti-Maradi, Gefässkeramik und Hafnerei in der Frühen Neuzeit im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 8), Bern 2006.

 

Jussy (Haute-Savoie, F), Manufaktur Charmot (1824-1848)

Roland Blaettler, 2019

Im Jahr 1824 fühlten sich die Unternehmer Robillard et Cie aus Nyon bereit für eine neue Unternehmung jenseits der Landesgrenzen. 1822 hatten Jean-Marie und Joseph Marie Charmot, zwei Notabeln aus Sciez bei Thonon (Haute-Savoie), vom König von Sardinien das Privileg erhalten, in ihrer Töpferei im Weiler Jussy Steingut und Fayence herzustellen (Maire 2008, 437). Da sie die für diese Umstellung notwendige Technologie nicht beherrschten, machten die Gebrüder Charmot Robillard et Cie den Vorschlag, sich als Kommanditisten an ihrem Unternehmen zu beteiligen, «mit der Bedingung, dass sie ihr Fabrikationsgeheimnis teilten».

Am 13. März 1824 wurde zwischen Robillard, der ordnungsgemäss mit einer Vollmacht ausgestattet war, und den Gebrüdern Charmot ein Abkommen geschlossen. Pelichet bildet ein von den Eigentümern aus Nyon unterzeichnetes Dokument ab, das mit 24. April datiert ist und die Umsetzungsmodalitäten dieses Vertrags festlegt (Pelichet 1985/2, 30 und 31). Die Unternehmer aus Nyon investierten 40 000 Livres de Savoie und hatten demgemäss Anspruch auf ihren Anteil am Gewinn. De Molin erwähnt ein 1826 datiertes Schreiben, aus dem hervorgeht, dass die Gebrüder Charmot um eine Frist für die Zahlung ihrer Zinsen ersuchten; er leitet daraus ab, dass die Geschäfte schlecht liefen (De Molin 1904, 86); vermutlich nicht schlechter als in den meisten Betrieben dieser Art. Tatsächlich produzierte die savoyische Manufaktur ohne Unterbruch bis 1839 und nahm die Arbeit im Folgejahr wieder auf – mit einem leicht geänderten Firmennamen. Sie wurde 1848 geschlossen (Maire 2008, 440). Uns ist nicht bekannt, zu welchem Zeitpunkt sich die Waadtländer Investoren aus dem Geschäft zurückgezogen haben.

Die Qualität der Produkte von Jussy kann durchaus mit jener des Steinguts aus Nyon verglichen werden (siehe beispielsweise MHPN MH-FA-466; MHL AA.MI.2265; Unil MH-RE-331; Unil MH-RE-332; Unil MH-RE-333).

Übersetzung Stephanie Tremp

Bibliographie:

De Molin 1904
Aloys de Molin, Histoire documentaire de la manufacture de porcelaine de Nyon, 1781-1813, publiée sous les auspices de la Société d’histoire de la Suisse romande et de la Société vaudoise des beaux-arts, Lausanne 1904.

Maire 2008
Christian Maire, Histoire de la faïence fine francaise 1743-1843, Le Mans 2008.

Pelichet 1985/2
Edgar Pelichet, Les charmantes faïences de Nyon, Nyon 1985.

Kanton Bern, Hafnereien, 18.-19. Jahrhundert

Orte mit Keramikproduktion im Kanton Bern aufgrund archivalischer Nachweise.

Andreas Kistler, Andreas Heege, 2021

Im Kanton Bern gibt es verschiedene archivalische Quellen (meist im Staatsarchiv Bern, StAB), in denen sich Hafnernachweise befinden können. Für das 16. und 17. Jahrhundert fliessen die Quellen spärlich (meist städtische Hafner). Für das 18. Jahrhundert, Berns „Goldene Zeit“,  haben wir die bernischen Landvogteirechnungen. Hier wurden alle Arbeiten verzeichnet, die in staatlichen Einrichtungen, also Landvogteischlössern, Pfarrhäusern, Pfrundhäusern etc., ausgeführt wurden. Dazu gehören auch die ständigen Reparaturen an den Kachelöfen oder Aufträge für neue Öfen. Auf diesem Wege erhalten wir Informationen zumindest über einige (sicher nicht alle) Hafner, die von der Obrigkeit beauftragt wurden (siehe Kartierung blaue Punkte). Die städtischen Hafnereiquellen und die Landvogteirechnungen hat bisher vor allem Adriano Boschetti-Maradi (2006) ausgewertet, es gibt jedoch keine systematische und vollständige Quellenedition.

Eine weitere Quellengattung sind die Helvetischen Bürgerverzeichnisse des Kantons Bern aus dem Jahr 1798, die als Eidregister für den Huldigungsschwur verwendet wurden. Sie sind vollständig überliefert und geben Ort, Name, Alter und Beruf des Bürgers an. Diese Listen wurden bearbeitet und liegen gedruckt vor (Rohrbach 1999). Andreas Kistler hat daraus die Hafner des Jahres 1798 zusammengestellt und ihre exakten Lebensdaten, soweit möglich, verifiziert (Kartierung rote Punkte).

Liste der bernischen Hafner nach dem Helvetischen Bürgerregister von 1798

Der Kanton Bern verfügt mit der ämterweise geführten Fremdenkontrolle über eine weitere, ungewöhnliche Quelle zum Handwerk. Trotzdem die Kontrolllisten nicht aus allen Ämtern erhalten sind, ergeben sich grundlegende Informationen zum Hafnerhandwerk im Kanton Bern im 19. Jahrhundert. Zwischen 1810 und 1908 musste jeder ausserkantonale und ausländische Geselle, also auch die Hafnergesellen, der im Kanton Bern Arbeit fand, gemeldet werden und zwar mit dem Arbeitsort und dem Namen des beschäftigenden Hafners, der Arbeitsdauer und dem Namen und Herkunftsort des Gesellen. So verfügen wir heute über eine Liste der Hafnereien (siehe Kartierung grüne Punkte), die sich im 19. Jahrhundert die Beschäftigung eines Gesellen leisten konnten. Ausserdem bekommen wir einen Eindruck, aus welchen Kantonen oder Bundesländern Österreichs oder Deutschlands Gesellen zuwanderten. Die Gesellenwanderung war im 19. Jahrhundert der Motor des technologischen und dekorativen Wandels und trug wesentlich zur Entstehung und Ausbreitung der Keramik „Heimberger Art“ bzw. der „Thuner Majolika“ bei.

Liste der bernischen Hafner, bei denen im 19. Jh. fremde Gesellen gearbeitet haben (Daten Andreas Kistler nach Archivalien StAB)

Liste der fremden Gesellen nach Alphabet (Daten Andreas Kistler nach Archivalien StAB)

Liste der fremden Gesellen nach Land, Kanton/Bundesland, Ort (Daten Andreas Kistler nach Archivalien StAB)

Eine vierte Quellengattung, die bis heute nur für einzelne Orte oder Töpfereien systematisch herangezogen werden konnte (siehe Heege 2011; Heege/Kistler/Thut 2011; Heege/Kistler 2017b; Heege/Spycher/Kistler 2020) sind die Contractenprotokolle der Landvogteien (bis 1798) und die Grundbücher des Kantons Bern (1798 bis heute). Hier wurden (fast) alle Besitzänderungen verzeichnet. Besass ein Hafner also jemals eine Liegenschaft, so besteht die Möglichkeit, dass er in dieser Quellengattung verzeichnet ist. War er als Hafner nur irgendwo eingemietet, so haben wir in der Regel keine Nachweismöglichkeit. Im optimalen Fall lassen sich anhand dieser Quellengattung ganze Besitzerabfolgen auf einzelnen Grundstücken bzw. in einzelnen Werkstätten ermitteln, die sich dann meist auch topographisch verorten lassen (Beispiel).

Eine fünfte Quellengattung, die bis heute noch nicht systematisch ausgewertet wurde, sind die Akten und Lagerbücher der Bernischen Brand-Assekuranz, die seit 1806 existieren und ebenfalls Hinweise auf versicherte Hafnerliegenschaften und die darin befindlichen Brennöfen liefern könnten.

Bibliographie:

Boschetti-Maradi 2006
Adriano Boschetti-Maradi, Gefässkeramik und Hafnerei in der Frühen Neuzeit im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 8), Bern 2006.

Heege 2011
Andreas Heege, Langenthal, St. Urbanstrasse 40–44. Die Hafnerei Staub und ihre Werkstatt, in: Archäologie Bern/Archéologie bernoise. Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern, 2011, 209-287.

Heege/Kistler 2017b
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.

Heege/Spycher/Kistler 2020
Andreas Heege/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Die Hafner von Hängelen und das Rätsel der Bäriswiler Kachelöfen, in: Gemeindebuch Krauchthal, 2020, 173-256.

Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011.

Rohrbach 1999
Lewis Bunker Rohrbach, Men of Bern: The 1798 Bürgerverzeichnisse of Canton Bern, Switzerland, Rockport 1999.

Schwab 1921
Fernand Schwab, Beitrag zur Geschichte der bernischen Geschirrindustrie (Schweizer Industrie- und Handelsstudien 7), Weinfelden/Konstanz 1921.

Keramik «Heimberger Art»

«Keramik Heimberger Art» in der Bilddatenbank

Herkunftsbestimmung der Keramik «Heimberger Art»

oder

Kommt alle Keramik im „Heimberger Stil“ aus Heimberg/Steffisburg im Kanton Bern?

Andreas Heege, 2019

Das Dekor- und Formenspektrum deutschschweizerischer  Keramik des späten 18. bis 20. Jahrhunderts mit schwarzer, weisser oder roter Grundengobe und Malhorn-, Ritz- und Springfederdekor, z. B. von der Burg Hohenklingen bei Stein am Rhein im Kanton Schaffhausen, aus den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie aus dem österreichischen Bundesland Vorarlberg, legen nahe, dass es in dieser Region mindestens ein weiteres, wenn nicht mehrere Produktionszentren für Ware mit Dekor «Heimberger Art» gegeben haben muss. Ob dies wirklich Berneck im Kanton St. Gallen, Steckborn im Kanton Thurgau oder z. B. auch die Keramikfabrik Hanhart (1878-1887) in Winterthur (Schnyder/Felber/Keller u.a. 1997, 38: „Malen auf Ton nach Heimberger Manier“, Frascoli 2004, Taf. 34-38) war oder die durch sicher zugewiesene Gefässe momentan nicht belegbare Ausstrahlung von Kandern im deutschen Schwarzwald oder Lustenau in österreichischen Vorarlberg bis in die Ostschweiz reichte, muss leider in Ermangelung naturwissenschaftlicher Analysen offen bleiben. Die zahlreichen Terrinen der Sammlung des Historischen Museums in St. Gallen werden im Museumsinventar jedenfalls ohne weitere Diskussion der Produktion von Berneck im St. Galler Rheintal zugeschrieben, wo sich das Hafnerhandwerk seit dem 17. Jahrhundert nachweisen lässt. Im 19. Jahrhundert arbeiteten zeitweise bis zu 17 Werkstätten in Berneck und den benachbarten Orten oder Ortsteilen Au, Balgach, Altstätten, Eichberg, Lüchingen und Marbach.

Der typologische Zusammenhang zwischen Berneck und Heimberg/Steffisburg wurde 1921, 1955 und 1975 auf dem Weg über eingeheiratete «Heimbergerinnen» erklärt. Genealogisch wurde dies jedoch weder von Fernand Schwab und Leo Broder noch von Hermann Buchs belegt. Da bereits für die Jahre 1819 und 1836 gezeigt werden kann, dass in Heimberg klassischerweise die Frauen als Keramikmalerinnen arbeiteten, würde sich auf diesem Wege möglicherweise die grosse typologische und dekorative Nähe zwischen Heimberg/Steffisburg und Berneck erklären lassen. Sie besteht seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Leider ist das Argument nicht stichhaltig. Eine Kontrolle der Herkunft der Ehepartner der bekannten Bernecker Hafner des 19. Jahrhunderts anhand der Kirchenbücher konnte keine Einheiraten belegen. Nur für einen ursprünglich katholischen Bernecker Hafner – Leondus Federer – lässt sich anhand der Kirchenregister von Steffisburg ergänzend zeigen, dass er sich um 1819 in Heimberg niederliess. Er kehrte später jedoch nach Berneck zurück. Bei der Taufe eines 1824 geborenen Sohnes in Steffisburg war der Hafner Franz Joseph Kurer von Berneck Pate. Sind also nicht eingeheiratete Keramikmalerinnen für die Stilübertragung nach Berneck verantwortlich, so bleiben eigentlich nur Gesellenwanderungen als Begründung für den typologischen und stilistischen Wissenstransfer übrig. Zwischen dem ersten in der Region Heimberg nachweisbaren Gesellen Joseph Anton Kurer aus dem Jahr 1832 und dem letzten dokumentierten Gesellen Joseph Anton Ritz aus dem Jahr 1879 wurden weitere 18 Gesellen aus Berneck und Umgebung in die Listen der bernischen Fremdenkontrolle eingetragen. Verschiedene Gesellen aus Berneck arbeiteten ein bis zwei Jahre in der Region Heimberg.

Ein Zufallsfund wirft ein weiteres Schlaglicht auf die Keramik «Heimberger Art». Eine typische flache Schüssel mit schwarzer Grundengobe und Kragenrand im Schweizerischen Nationalmuseum (SNM LM-72744) trägt den eingeritzten Spruch «Diese Blatte ist von Erd gemacht und wenn sie bricht der Hafner lacht. Ch. Dürringer, Hafner». Ausserdem erscheint interessanterweise die Angabe «Steckborn, Kanton Thurgau».

Für die Hafner von Steckborn gibt es nach älteren grundlegenden Studien von Karl Frei eine umfassendere, auch genealogische Studie von Margrit Früh, deren Thema jedoch die Kachelöfen und die Ofenhafner sind. In welchem Umfang und in welcher Formensprache die Steckborner Hafner auch Geschirrkeramik produziert haben, entzieht sich nahezu vollständig unserer Kenntnis. Nur der Keramikmaler Georg Hausmann (eventuell 13.8.1826–13.8.1882), der möglicherweise als Geselle in der Werkstatt von Christoph Düringer (1794–1851) arbeitete, fand aufgrund seiner kulturgeschichtlich interessanten Wandteller mit politischen Sujets aus der Zeit der Freischarenzüge (1845) museale Aufnahme und Erwähnung in der Literatur. Auch er hielt sich nachweislich zumindest 1846 in Heimberg auf.

Für die Mitte des 19. Jahrhunderts überliefert Karl Frei Informationen des Hafners August Düringer (1841–1928). Danach stellte man in Steckborn Milchhäfen, Kaffeebecken, Zuckerdosen, Suppenschüsseln, Näpfe und Platten, Blumengeschirr, Most- und Weinkrüge her. Die Geschirre wurden mit einer roten, weissen oder schwarzen Grundengobe überzogen und mit dem Malhörnchen bemalt (Tupfen-, Spiral- und Blumenmuster). Anschliessend wurden sie wie in der Region Heimberg mit pulverisierter Bleiglasur «trocken» überstäubt. Vor allem der Hinweis auf die schwarze Grundengobe ist hervorzuheben, scheinen sich hier doch wichtige typologisch-stilistische Kontakte bzw. Übereinstimmungen zwischen der Bodenseeregion und dem Bernbiet abzuzeichnen, wie sie sich in der oben genannten Platte des Hafners Christoph Düringer unmittelbar manifestieren.

Diese Übereinstimmungen werden mit dem Nachweis der Tätigkeiten und des Geschirrhandels verschiedener Steckborner Hafner in Heimberg bzw. Steffisburg verständlicher. Es handelt sich u. a. um Hans Jakob II. Düringer (1775–1841), der seit 1806 mit Anna Mühlemann (1775–1848) aus Lotzwil im Kanton Bern verheiratet war. Er arbeitete in Heimberg und wurde am 6. April 1841 in Steffisburg begraben; seine Frau verstarb sieben Jahre später. Sein Bruder Hans Conrad Düringer (1791–1849, Lehrer und Ofenmaler, handelte 1813 in Steckborn mit bernischem Geschirr (seines Bruders?). Die beiden Hafner David und Johann Heinrich Baldin (1817–1855 bzw. 1829–1876) arbeiteten zwischen 1850 und 1855 bei Hafnern in Oppligen und Heimberg. Der schon erwähnte Hafner August Düringer (1841–1928) töpferte 1861 als Geselle bei den Heimberger Hafnern Jenny bzw. Knecht und dem Steckborner Hafner Conrad Schiegg. Dieser hatte, was sich durch Gesellenanmeldungen belegen lässt, von 1849 bis 1854 in Oppligen an der Rotachen-Brücke seine Werkstatt und ist von 1855 bis 1866 in Heimberg nachweisbar. Aus der weitverzweigten Steckborner Familie Füllemann lassen sich zwischen 1812 und 1867 immerhin vier Gesellen belegen: Hans Caspar Füllemann (1787–1826, 1812 für vier Monate in Oppligen), Caspar Füllemann (Lebensdaten unbekannt, mit Unterbrechungen von 1860 bis 1865 in Oppligen und Kiesen), Cezar Füllemann (Lebensdaten unbekannt, 1864/65 in Heimberg) und Johann Melchior Füllemann (Lebensdaten unbekannt, 1864–1867 mit Unterbrechungen in Kiesen, Heimberg und Münsingen).

Wanderbuch des Hafners Heinrich II. Füllemann aus Steckborn (Aufbewahrungsort Museum im Turmhof, Steckborn, Inv. Nr. HS 408, Foto und pdf Museum Steckborn).

Der Hafner Heinrich II. Füllemann kam auf seiner Wanderschaft laut Wanderbuch u. a. auch durch das Bernbiet sowie nach Lausanne, Basel, Liestal, Hamburg, Lübeck, Schwerin und Lindau. 1862/63 arbeitete der Hafner Daniel Gräflein (1810–1882) für 17 Monate in Heimberg. 1844 bis 1849 befand sich Johann Martin Guhl (wohl 1825–1892) als Hafnergeselle in Hasle bei Burgdorf, Diessbach und Kiesen. Zwei weitere Gesellen gleichen Nachnamens (Johannes und Johann Daniel) arbeiteten 1873–1876 bzw. 1879–1881 in Heimberg. Darüber hinaus sind Gesellen mit den Familiennamen Kauf, Konf, Schär, Schneider, Wilhelm und Wüger belegt, die zwischen 1857 und 1867 in Kiesen und Heimberg arbeiteten, jedoch in den Steckborner Hafnerlisten bislang fehlen.

Es bleibt also festzuhalten: Aufgrund intensiver Kontakte durch wandernde Gesellen verbreiteten sich der Heimberger Dekorstil und seine Weiterentwicklungen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts rasch und über grosse Teile der Deutsch- und möglicherweise sogar der frankophonen Schweiz (vgl. MAHN AA 1247, MAHN AA 1249). Wir dürfen daher heute – vor allem bei Museumsstücken, die überwiegend aus dem Handel angekauft oder als Geschenke inventarisiert wurden – nicht mehr von «Heimberger Keramik», sondern nur noch von «Keramik Heimberger Art» sprechen. An der Herstellung dieser zeittypischen Malhornware des späten 18. und 19. Jahrhunderts waren ganz offensichtlich verschiedene Herstellungszentren der Deutschschweiz (Regionen Heimberg/Steffisburg, Berneck, Steckborn, Kanton Schaffhausen, Winterthur) und möglicherweise auch der Westschweiz (Region Cornol, Moudon und Poliez-Pittet) bzw. Baden-Württembergs (Staufen, Kandern) und in den 1870er-Jahren sogar Frankreich beteiligt. Ohne naturwissenschaftliche Analysen oder entsprechende Ausgrabungsfunde scheint beim heutigen Forschungsstand eine rein typologisch-stilistische Zuweisung zu einem spezifischen Produktionsort nicht möglich.

Frz.: Céramiques de « style Heimberg » ou Céramiques « à la manière de Heimberg  »

Engl.: Ceramics “in the Heimberg style“, or  Ceramics „in the Heimberg manner“

Bibliographie

Babey 2016
Ursule Babey, Archéologie et histoire de la terre cuite en Ajoie, Jura Suisse (1750-1900). Les exemples de la manufacture de faïence de Cornol et du centre potier de Bonfol (Cahier d’archéologie jurassienne 37), Porrentruy 2016, besonders 174, 201-203.

Frascoli 2004
Lotti Frascoli, Keramikentwicklung im Gebiet der Stadt Winterthur vom 14. -20. Jahrhundert: Ein erster Überblick, in: Berichte der Kantonsarchäologie Zürich 18, 2004, 127-218.

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 369-375.