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Aedermannsdorf SO und Bern BE, Geiger, Benno (1903–1979)

Benno Geiger, 1960er-Jahre (Foto Martin Hesse, Nachlass Benno Geiger)

Keramikobjekte in CERAMICA CH

Benjamin Geiger, Roland Blaettler und Andreas Heege 2020

Die folgende kurze Zusammenstellung beruht auf der untenstehenden Literatur und einer von Benjamin Geiger aufgrund des Nachlasses von Benno Geiger zur Ausstellung in Matzendorf im Jahr 2019 verfassten biographisch-familiengeschichtlichen Übersicht (überarbeitet im Mai 2020).

Benno Geiger (1903-1979) hat deutsche und schweizerische Wurzeln. Er wurde in Engelberg geboren und wuchs in Lugano auf. Die Eltern erwarben 1913 das Burgerrecht von Bosco Gurin. Seine Familie war stark kunsthandwerklich geprägt (Elfenbeinschnitzer, Holzschnitzer, Bildhauer, Tischlermeister). Benno lernte das Modellieren an der Kunstgewerbeschule in Lugano.

Benno Geiger als Mitarbeiter in der Werkstatt Meister in Dübendorf (Familienarchiv Meister &Cie, Christine Hobi-Meister).

Anschliessend absolvierte er von  November 1920 bis 1922 als erster Lehrling dieser Werkstatt eine Töpferlehre bei Heinrich Meister in Dübendorf (autobiographisches Manuskript aus dem Jahr 1972 im Nachlass Geiger, ausserdem Kölliker 2014, 84-85).

Benno Geiger, stehend, beim Modellieren einer Figur in der Werkstatt Meister (Nachlass Benno Geiger).

1923 bildete er sich in München-Schwabing bei dem Schweizer Keramiker Paul Speck (1896-1966) weiter und arbeite von Herbst 1923 bis September 1925 erneut als Mitarbeiter bei Heinrich Meister.  Vermutlich aus dieser Zeit oder aus den Jahren 1927/1928 hat sich eine Vase im Keramikmuseum in Matzendorf erhalten, die „Meister/Geiger“ signiert ist (KMM 485).

Von  Herbst 1925 bis Oktober 1927 studierte Benno Geiger bei dem österreichischen Keramikdesigner und Bildhauer Michael Powolny an der Wiener Kunstgewerbeschule, und nahm anschliessend ein kurzes, schlecht bezahltes Engagement bei Friedrich Goldscheider an, bevor er 1927-1928 noch einmal zu Heinrich Meister nach Dübendorf zurückkehrte (vgl. auch Kölliker 2014, 85).

Die Fähigkeiten von Benno Geiger wurden in Wien offenbar so hoch eingeschätzt, dass man ihm im Herbst 1928 erneut eine Stelle anbot und ihn 1929 zum Künstlerischen Leiter der  Abteilung für moderne Keramik machte. Bis 1933 schuf er in der Wiener Manufaktur von Friedrich Goldscheider zahlreiche Modelle (u.a. KMM 486; vgl. auch Neuwirth 1974 und vor allem Dechant/Goldscheider 2007) und lernte dort die marktwirtschaftlich notwendige Produktion für verschiedene Käuferschichten, die er selbst mit „Kitsch-, Halbkitsch- und Edelkollektion“ bezeichnete.

Schale im Stil der Goldscheider-Phase, vermutlich aus der Wiener Zeit oder unmittelbar aus den Anfängen in Aedermannsdorf.

Die nationalsozialistische Machtergreifung und die Boykottierung seines Arbeitgebers u.a. auf der Leipziger Messe, bewegten Benno Geiger schliesslich zu einer Beendigung seines Engagements im Mai 1933. Er verliess Wien im Herbst 1933.

Von Ende 1933 bis April 1934 lebte er als freier Künstler in Paris. Anschliessend kehrte er in die Schweiz zurück, wo er im Juni 1934 den Besitzer der Tonwarenfabrik Aedermannsdorf  Alfred von der Mühll kennenlernte, der ihn ab August 1934 als Leiter der Kunstkeramischen Abteilung einstellte. Vereinbart wurde , dass die produzierte Kunstkeramik die Aedermannsdorfer Fabrikmarke tragen sollte, aber als „Geigerkeramik“ vermarktet würde. Geiger hatte ein- oder mehrmals jährlich eine  künstlerisch hochstehende Kollektion zu entwerfen, sich um die Ausführung eingehender Aufträge zu kümmern und auch Muster herzustellen, die „künstlerisch oder geschmacklich nicht in seine Abteilung gehören“. Dafür durfte er gleichzeitig für sich auch eigene Arbeiten anfertigen (Arbeitsvertrag im Nachlass Geiger).

Unter Direktor von der Mühll erfolgte mit der 1934  neu geschaffenen Kunstabteilung eine Ausweitung im Angebot von Gebrauchsgeschirr (Messerli 2017, 118-123). Geiger nahm die Technik der Fayence wieder auf und erneuerte sie durch eigene Recherchen besonders auf dem Gebiet des Rauchbrandes (z. B. KMM 460; KMM 349).

Im Geiste des Heimatstils der Vorkriegs- und Kriegszeit entwickelte er aus marktwirtschaftlichen Gründen auch das Geschirr «Alt-Matzendorf» und Darstellungen von Trachtenbildern (z.B. KMM 510; KMM 403; KMM 497; KMM 410; KMM 493).

Seine Ritzdekore auf Engobeware oder auf Fayence sind zugleich rückwärtsgewandt und modernistisch (z. B. KMM 469; KMM 380; KMM 341).

Mit der Anstellung in Aedermannsdorf hatte Benno Geiger endlich auch die wirtschaftliche Grundlage, um am 11. September 1935 seine langjährige Freundin, die Keramikerin Eva Kowarcz , heiraten zu können. Das Paar kannte sich bereits seit 1925. Bis zum Januar 1939 lebten sie in Matzendorf, anschliessend in Basel und Balsthal bevor sie dauerhaft nach Bern umzogen.

1939 bewarb sich Benno Geiger erstmals um die freigewordene Stelle des Leiters der Keramikfachschule in Bern, da Jakob Hermanns, der bisherige Fachlehrer 1937 pensioniert und 1938 verstorben war (Messerli 2017,  107-108).  Der bernische Regierungsrat  schloss die Schule jedoch stattdessen am 24. März 1939 mit Wirkung zum 30. Oktober. Erst auf massiven Druck von verschiedenen Seiten (u.a. des Verbands Schweizerischer Töpfermeister und Tonwarenfabrikanten) korrigierte der Regierungsrat diese Entscheidung. Im Dezember 1940 wurden die Stellen des Leiters und eines Fachlehrers neu ausgeschrieben und 1941 schliesslich mit Benno Geiger und Werner Burri besetzt. Der Schulbetrieb wurde am 19. Mai 1941 in den alten Lokalitäten in der Felsenburg wieder aufgenommen bevor am 1. November 1942 ein Umzug der Keramischen Fachschule in grössere Räumlichkeiten an der Spitalackerstrasse 63 in Bern erfolgen konnte (Messerli 2017, 112). Benno Geigers Aufgaben als Leiter und Keramiklehrer waren die Berufskunde, die Glasur- und Brenntechnik und die Malstube (d.h. die Keramikmalerinnen) im 3. Lehrjahr. Das Thema Fachschule soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden (vgl. dazu Messerli 2017, 107-123).

Seine Arbeiten in Aedermannsdorf musste er zunächst auf 20%, dann auf 10% reduzieren und gab Mitte 1948 seine Stelle dort schliesslich ganz auf, um sich bis zu seiner Pensionierung 1969 vollständig der Fachschule (Geiger 1952), der Publikation leicht verständlicher Lehrmittel (Geiger 1947; Geiger 1957), der Jurorentätigkeit, der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Keramiker, zahlreichen Ausstellungen (Liste in Schnyder 1985, 33-36) und meist an den Wochenenden seinen eigenen „Atelierarbeiten“ widmen zu können, die er bis zu seinem Tod 1979 fortsetzte.

   

Von diesen Atelierarbeiten verwahrt das Keramikmuseum Matzendorf, das Benno Geigers Werk 1991 (Aedermannsdorf 1991) und 2019 mit einer Ausstellung ehrte, einen ansehnlichen Bestand (z.B. KMM 321; KMM 322; KMM 323; KMM 324).

Zu seinen Atelierarbeiten gehören auch zahlreiche plastische Werke, wie z.B. die Musikantinnen, die vor 1957 entstanden sind.

Eine seiner herausragenden Arbeiten ist die Figurengruppe „Das Urteil des Paris“ (Figurenhöhe 42, 33 und 32 cm):

Fotos Werner Singer, Uhwiesen, www.tabouret.ch  (Herzlichen Dank für das Bildmaterial!)

Zahlreiche Keramiken von Benno Geiger wurden 2017 im Auktionshaus Schuler in Zürich  (herzlichen Dank für die zur Verfügung gestellten Fotos) versteigert und befinden sich heute weitestgehend im Keramikmuseum Matzendorf (s.u.). Sie illustrieren eindrucksvoll die Bandbreite des keramischen Schaffens von Benno Geiger, der neben Werner Burri, während 28 Jahren eine grosse Zahl schweizerischer Keramikerinnen und Keramiker sowie Keramikmalerinnen und -maler mit seinem Stil und seinen künstlerischen Vorstellungen prägte.

      

Alle Objekte im Keramikmuseum Matzendorf (Fotos Schuler-Auktionen Zürich. Herzlichen Dank).

Objekte in Privatbesitz (Fotos Schuler-Auktionen Zürich. Herzlichen Dank):

Bibliographie:

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 40 und 356.

Dechant/Goldscheider 2007
Robert E. Dechant, Filipp Goldscheider, Goldscheider – Firmengeschichte und Werkverzeichnis. Stuttgart 2007.

Fachschule Bern 1960
Kunstgewerbemuseum Zürich (Hrsg.), Die Keramische Fachschule Bern und ihre Schüler – Kleine keramische Technologie, Schülerarbeiten, Arbeiten ehemaliger Schüler, Zürich 1960.

Aedermannsdorf 1991
Freunde der Matzendorfer Keramik (Hrsg.): Benno Geiger 1903-1979. Aedermannsdorf 1991.

Geiger 1947
Benno Geiger, Keramisches ABC, Bern 1947.

Geiger 1952
Benno Geiger, Keramische Fachschule Bern 1941 -1951, Bern 1952.

Geiger 1957
Benno Geiger, Keramisches Gestalten. Eine Anleitung mit über 300 Beispielen und vielen Anregungen für Laien und Fachleute (Hochwächter-Bücherei Band 19), Bern 1957.

Geiger 1967
Martin Geiger, Ein Gespräch mit dem Keramiker Benno Geiger, in: Das Werk. Architektur und Kunst 54, 1967, 799-802.

Kölliker 2014
Richard Kölliker, Meister-Keramik – Heinrich und Gertrud Meister-Zingg und ihre Kunstkeramik Werkstatt in Dübendorf-Stettbach 1920–1961. Selbstverlag., Schaffhausen 2014.

Messerli 2017
Christoph Messerli, 100 Jahre Berner Keramik, von der Thuner Majolika bis zum künstlerischen Werk von Margrit Linck-Daepp (1987-1983). Hochschulschrift (Datenträger CD-ROM), Bern 2017.

Neuwirth 1974
Waltraut Neuwirth, Wiener Keramik. Historismus, Jugendstil, Art Déco, Braunschweig 1974.

Schnyder 1985
Rudolf Schnyder, Vier Berner Keramiker: Werner Burri, Benno Geiger, Margrit Linck, Jakob Stucki. Ausstellungskatalog im Rahmen der 10. Spiezer Keramik-Ausstellung, Schloss Spiez. Bern 1985, 33–51.

Vogt 2000
Albert Vogt Die Geschichte der keramischen Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. In: Verein «Freunde der Matzendorfer Keramik» (Hsg.), 200 Jahre keramische Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. Matzendorf, 9-90.

Aedermannsdorf SO, Rössler AG (1960–2004)

Roland Blaettler, Rudolph Schnyder 2014

1927 kaufte der Basler Unternehmer Alfred von der Mühll die Aktiengesellschaft «Thonwarenfabrik Aedermannsdorf», die sich damals in einer Krise befand. Die Zahl der Arbeiter ging seit 1926 zurück. Mit dem neuen Besitzer verbesserte sich die Situation, bis auch die Manufaktur die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu spüren bekam. 1934 wurde eine Kunstabteilung eröffnet, dessen Leitung dem Berner Keramiker Benno Geiger anvertraut wurde. Als im Zweiten Weltkrieg der Geschirrimport aus den Nachbarländern vollständig wegfiel, erlebte die Fabrik einen Aufschwung, der zu einer Ausweitung der Produktion nebst dem traditionellen manganglasierten Braungeschirr führte. Nach 1947 hatte die Fabrik dann erneut mit der wachsenden Konkurrenz aus dem Ausland zu kämpfen.

1960 wurde die Fabrik vom Industriellen Emil Rössler von Ersigen im Emmental gekauft. Die Aktiengesellschaft Rössler spezialisierte sich nun auf die Produktion von Geschirr aus Steingut und seit 1963 aus Porzellan. 2004 schloss sie ihre Tore in Aedermannsdorf.

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 16–17.

Schwab 1927
Fernand Schwab, Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn und ihr Einfluss auf die Volkswirtschaft. Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des solothurnischen Handels- und Industrievereins. Solothurn 1927.

Vogt 2000
Albert Vogt, Die Geschichte der keramischen Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. In: Verein «Freunde der Matzendorfer Keramik» (Hsg.), 200 Jahre keramische Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. Matzendorf, 9-90.

 

 

Aedermannsdorf SO, Thonwarenfabrik (1883-1960)

Keramikobjekte in CERAMICA CH 

Roland Blaettler, Rudolph Schnyder 2014

1883 wurde am Ort der Vorgängermanufaktur Matzendorf  (die auf dem Grund und Boden der Gemeinde Aedermannsdorf lag) die Aktiengesellschaft «Thonwarenfabrik Aedermannsdorf» gegründet. Die meisten Aktionäre wohnten nun nicht mehr im Dünnerntal und gehörten der politischen und wirtschaftlichen Oberschicht des Kantons an. Das neue Unternehmen entwickelte sich gut. Der Aufstieg der Uhrenindustrie im Tal gab der Bauindustrie Auftrieb und in der Fabrik entwickelte sich die neue Abteilung der Ofen- und Tragofenherstellung zu einem hochprofitablen Geschäft. Seit Ende 1890 verzichtete die Manufaktur auf lokale Rohstoffe und importierte den Ton aus der Pfalz und aus der Tschechoslowakei. 1884 hatte sie 13 Mitarbeiter, 1885 waren es 38 und 1897 54.

Aus dem Jahr 1895 hat sich ein vollständiges Musterbuch der Firma erhalten („Preis-Verzeichniss über Braunes Kochgeschirr„) , das einen guten Eindruck vom Produktionsspektrum vermittelt.

Die Fabrik wurde durch zwei Feuersbrünste 1887 und 1913 zerstört, aber sofort wieder aufgebaut und modernisiert. So wurde die Produktion 1913 teilweise mechanisiert, und die Öfen wurden auf Kohle umgestellt. Man stellte nun zu gleichen Teilen einerseits Öfen und Ofenkacheln, anderseits Braungeschirr (manganglasiertes Geschirr) her, was auch Fernand Schwab 1924 bei einem Besuch der Fabrik feststellte.

1927 kaufte der Basler Unternehmer Alfred von der Mühll die Tonwarenfabrik, die sich damals in einer Krise befand. Die Zahl der Arbeiter ging seit 1926 zurück. Mit dem neuen Besitzer verbesserte sich die Situation, bis auch die Manufaktur die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu spüren bekam. 1934 wurde eine Kunstabteilung eröffnet, deren Leitung dem Schweize Keramiker Benno Geiger anvertraut wurde. Als im Zweiten Weltkrieg der Geschirrimport aus den Nachbarländern vollständig wegfiel, erlebte die Fabrik einen Aufschwung, der zu einer Ausweitung der Produktion nebst dem traditionellen manganglasierten Geschirr führte (vgl. Vogt et al. 2000, 80-81). Nach 1947 hatte die Fabrik dann erneut mit der wachsenden Konkurrenz aus dem Ausland zu kämpfen.

1960 wurde sie vom Industriellen Emil Rössler von Ersigen im Emmental gekauft. Die Aktiengesellschaft Rössler spezialisierte sich nun auf die Produktion von Geschirr aus Steingut und seit 1963 aus Porzellan. 2004 schloss die Firma ihre Tore in Aedermannsdorf.

Das Keramikmuseum Matzendorf ist der Geschichte der Keramik aus Matzendorf und Aedermannsdorf gewidmet und besitzt die grösste Sammlung von Keramiken dieser Herstellungsregion.

Bibliographie

Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 16–17.

Schwab 1927
Fernand Schwab, Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn und ihr Einfluss auf die Volkswirtschaft. Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des solothurnischen Handels- und Industrievereins. Solothurn 1927.

Vogt 2000
Albert Vogt Die Geschichte der keramischen Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. In: Verein «Freunde der Matzendorfer Keramik» (Hsg.), 200 Jahre keramische Industrie in Matzendorf und Aedermannsdorf 1798-1998. Matzendorf, 9-90.

 

 

Albligen BE, Hafnerei Schläfli (um 1700-1842)

«Albliger Geschirr» in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2022

Im westlichen Kanton Bern gab es nur sehr wenige Hafnereien. Eine davon war die Hafnerei Schläfli in Albligen, im Schwarzenburger Land, unmittelbar an der Grenze zum Kanton Freiburg i. Ue.  Hier wurden vermutlich seit etwa 1700 während fünf Generationen (mit maximal sieben Hafnern) Kachelöfen und Gebrauchsgeschirr hergestellt (siehe Stammbaum). «Albliger Geschirr» wurde erstmals 1926 in der Literatur erwähnt und aufgrund von Aussagen der Verkäufer der Hafnerei Schläfli zugewiesen (Aegler 1926; Wegeli 1927; Wyss 1966, 42-44). Die Keramikgruppe wurde jedoch nie umfassend zusammengestellt oder eindeutig definiert. Auch konnte bisher kein gesicherter Zusammenhang zwischen der Hafnerei und der Keramikgruppe hergestellt werden.  Letztmalig hat sich Adriano Boschetti mit dem «Albliger Geschirr» beschäftigt (Boschetti-Maradi 2006 und 2007).

Nach der Literatur und den wenigen bekannten Museumsstücken handelt es sich um eine Keramikgruppe mit weisser Grundengobe, typischem Ritzdekor, der gelegentlich mit Springfederdekor kombiniert sein kann, kräftig gelber Glasur und sehr stark verlaufenem, dunkelbraunem Spritzdekor.

 

Einige Stücke weisen Datierungen zwischen 1760 (RML A130) und 1789 (BHM 7220) auf. Sie dürften also aus der Werkstatt der zweiten oder dritten Hafnergeneration Schläfli stammen, während die jüngere Produktion, die bis in die 1830er-Jahre gereicht haben soll, unbekannt ist.

Keramik aus Albligen? Bodenfunde aus Bern, Waisenhausplatz (ca. 1700-1740). Foto Badri Redha, Archäologischer Dienst des Kantons Bern.

Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass Keramik mit einem vergleichbaren Dekor nicht nur in Albligen, sondern auch an anderen Töpferorten der Kantone Bern bzw. Freiburg i. Ue. hergestellt worden sein dürfte (vgl. Heege/Kistler 2017/2, Abb. 317; 319; 323,3).

Als Ausnahmen begegnen auch Stücke mit blauem und grünem Spritzdekor aus dem Jahr 1754 (Fitzwilliam-Museum-Cambridge, FWMC C.1899-1928).

Das Hafnerhaus steht heute noch, jedoch haben sich im Inneren keine Betriebsstrukturen oder Töpfereieinrichtungen mehr erhalten. Aus dem Umfeld geborgene Keramikscherben weisen überwiegend dunkelbraunen Spritzdekor auf.

Stammbaum der Hafner Schläfli

Bibliographie

Aegler 1926
J. Aegler, Albliger Geschirr. Eine neue Gruppe Bauerngeschirr aus dem 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch des Bernischen Historischen Museums, 6. Jahrgang, 1926, 84-87.

Boschetti-Maradi 2006
Adriano Boschetti-Maradi, Gefässkeramik und Hafnerei in der Frühen Neuzeit im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 8), Bern 2006.

Boschetti-Maradi 2007
Adriano Boschetti-Maradi, Geschirr für Stadt und Land. Berner Töpferei seit dem 16. Jahrhundert (Glanzlichter aus dem Bernischen Historischen Museum 19), Bern 2007.

Wegeli 1927
Rudolf Wegeli, Albliger Geschirr, in: Jahrbuch des Bernischen Historischen Museums, 7. Jahrgang, 1927, 82.

Wyss 1966
Robert L. Wyss, Berner Bauernkeramik (Berner Heimatbücher 100-103), Bern 1966.

Bärau BE, Hafnerei Aegerter

 

Andreas Heege, Andreas Kistler 2022

Keramik der Hafnerei Aegerter in CERAMICA CH

Ulrich Aegerter (1839–1925) von Langnau (BRL 16, 7) und seine Frau Elisabeth Dolder (1839–1910) hatten sieben Kinder, von denen Albrecht (1872–1943; BRL 22, 16) und Alfred (1876–1940; BRL 22, 524) Hafner wurden. Alfred übernahm von 1904 bis 1940 die Hafnerei Sonnweg 1 in Langnau (vgl. Heege/Kistler 2017b, Kap. 3.8). Albrecht kaufte im November 1903 ein Grundstück im «Goldengrund» (heute Bäraustrasse 12) in Bärau und baute darauf 1904 ein eigenes Wohnhaus mit Hafnerwerkstatt (vgl. Heege/Kistler 2017b, Kap.3.20). Zum Zeitpunkt des Grundstückkaufs wird er als «Hafnermeister in Bärau» bezeichnet. Vor diesem Termin war er mit seiner Produktion im Styggässli 6 in Bärau eingemietet (vgl. Heege/Kistler 2017b, Kap. 3.14). Gesellen lassen sich für Albrecht Aegerter nur für die Zeit zwischen 1905 und 1909 nachweisen, als ein Deutscher und vier Schweizer (u. a. aus Langnau und Lauperswil) bei ihm arbeiteten (StAB Bez Signau Regstamt B 59. GAL 675). Aus seiner Zeit sind keine Produkte überliefert.

Es konnte nur ein einziger Zeitungsbericht gefunden werden, der sich auch auf die Hafnerei Aegerter bezieht. Albrecht Aegerter beteiligte sich 1935 an einem Keramikmarkt des Bernischen Gewerbemuseums.

Im Februar 1943 übernahm der Sohn Friedrich Aegerter (1906–1969; BRL 39, 420) die Werkstatt (GB Sumiswald Bel. II, 5340). Von ihm sind immerhin einige wenige signierte Stücke belegt, die sich formal stark an der führenden Werkstatt Gerber bzw. Stucki in Langnau orientieren.

Platte im Stil von Jakob Stucki, Langnau, datiert 1956 (Privatbesitz Langnau).

Nach seinem Tod übernahm der Sohn Martin Aegerter (1947–) die Werkstatt (GB Sumiswald Bel. III, 866). Leider konnte er wegen rheumatischer Krankheiten die Töpferei nicht mehr weiterführen und der Betrieb musste im Jahr 1970 eingestellt werden (Freundliche Information von Martin Aegerter, Bärau, 6. Juni 2016).

Bibliographie:

Heege/Kistler 2017b
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.

 

Bäriswil BE, Hafner Kräuchi

Bäriswiler Keramik in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2017

Bäriswil liegt zwischen Burgdorf und Bern an der Nahtstelle zwischen Emmental und bernischem Mittelland. 1764 hatte das kleine Dorf 190 Einwohner; bis 1850 stieg die Zahl auf 462. Die Keramikproduktion in Bäriswil lag in den Händen verschiedener Hafnerfamilien. Für einzelne Hafner und ihre Familien liessen sich auf der Basis archivalischer Recherchen die Hafnergrundstücke nachweisen. Besonders hervorzuheben sind die Hafner mit dem Namen Kräuchi. Die drei nicht unmittelbar miteinander verwandten Familien stellten sowohl den ersten Hafner (gesichert ab 1758) als auch den letzten in den 1870er-Jahren. Mit grosser Wahrscheinlichkeit produzierten nur die Hafner Kräuchi das Geschirr, das wir heute aus typologischen Gründen als Bäriswiler Keramik bezeichnen. Jakob Kräuchi (1731–nach 1791, vor 1798, vgl. den Stammbaum), der erste Hafner, setzte auch Kachelöfen, jedoch hat sich keiner seiner Öfen erhalten. Die stilistische Analyse zeigt eine starke Bindung des frühen Bäriswiler Geschirrs (ca. 1758–1780) an die regionalen Keramiktraditionen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind hier vor allem die blau-weiss dekorierten Geschirre mit Unterglasur-Pinseldekor, aber auch Malhorn-, Springfeder- und Borstenzugdekore. Diese frühe, quasi noch barocke Produktion bleiglasierter Irdenware mit Unterglasur-Pinseldekor auf einer weissen Grundengobe («frühes Bäriswil») dürfte ausschliesslich Jakob Kräuchi, dem ersten Hafner, zuzuschreiben sein.

Der Zeitraum 1779/80 stellt für den ersten Bäriswiler Hafner Jakob Kräuchi möglicherweise eine wirtschaftlich schwierige Zeit dar, da sich sein Bruder bei Grundstücksgeschäften verspekuliert hatte und Jakob Bürge war. Am 20. Oktober 1779 verkaufte er seine Hafnerliegenschaft an den nicht verwandten Schneider und Schulmeister Ludwig Kräuchi (1743–1814, vgl. den Stammbaum). Jakob Kräuchi und  seine Söhne Jakob und Johannes zogen daher 1780/81 nach Biel-Mett um und arbeiteten weiter als Hafner. Was sie dort produzierten, ist nicht bekannt.

Zugleich konnte Ludwig Kräuchi, der Besitznachfolger in der Bäriswiler Hafnereiliegenschaft, die Hafnerei kaum allein weiter betreiben. Seine beiden Söhne Jakob (1768-1831) und Ludwig (1770-1851) waren mit nur 10 und 12 Jahren zu klein dazu und wurden erst ab 1785 durch den nach Bäriswil übersiedelten württembergischen Hafner Joseph Riedlinger, Landsasse in Heimberg-Steffisburg, zu Hafnern ausgebildet. Da die datierte Geschirrkeramik im Bäriswiler Stil jedoch keine Unterbrechungen in der stilistischen Entwicklung aufweist, muss man sich fragen, ob vielleicht vom Vorbesitzer Jakob Kräuchi in derselben Werkstatt weiterhin Keramik und Ofenkeramik hergestellt wurde, die der Schulmeister Ludwig Kräuchi dann kalligraphisch besonders schön beschriftete? Jakobs Sohn Johannes (1770-1814) kehrte um 1798 nach Bäriswil zurück und produzierte wohl in Hub, Gde. Krauchthal bzw. in Bäriswil.

Mit der Übernahme der Werkstatt durch den Schulmeister begann in Bäriswil eine zweite, in der Dekoration einem ländlichen Rokoko verpflichtete Produktionsperiode, «mittleres Bäriswil» genannt, die vor allem auf Basis der zahlreichen Geschirrbeschriftungen und Datierungen sowie der rasch aufeinanderfolgenden Entwicklungsschritte gut gegliedert werden kann. Die feinlinigen, mit der Gänsefeder geschriebenen Frakturbuchstaben in manganvioletter bis fast schwarzer Farbe sind eines der wichtigen Merkmale der Bäriswiler Keramik. Ihre kalligrafische Qualität steht mit dem ausgeübten Erst- oder Zweitberuf – Schulmeister – eines Teils der Familienmitglieder Kräuchi in unmittelbarem Zusammenhang. Zwischen etwa 1785 und 1800 beinhaltete die Bäriswiler Produktion immer auch einen kleinen Prozentsatz echter Fayencen mit einer Blei-Zinn-Glasur und Inglasurmalerei. Dabei handelt es sich offenbar nur um ausgesuchte Gefässtypen (Zuckerdosen, Teekannen, kleine Terrinen und eine Spardose). Ihre Herstellung steht vermutlich mit der zeitgleichen Produktion von Fayencekachelöfen in Verbindung, die sich zwischen etwa 1780 und 1795 nachweisen lässt (Heege/Spycher/Kistler 2020). Die Herstellung dieser Ware u. a. in Bäriswil belegt, dass Fayenceproduktion nicht nur an protoindustrielle Manufakturen gebunden war, sondern auch auf handwerklichem Niveau erfolgen konnte.

1804 verkaufte der Schulmeister und Keramikmaler Ludwig Kräuchi die Werkstatt seinen beiden Söhnen, die sich 1806 zerstritten und schliesslich 1809 wegen Überschuldung in Konkurs gerieten. Die Bäriswiler Produktion lief jedoch bis 1821 ohne erkennbare Unterbrechungen weiter. Diese letzte Phase der Produktion, als «spätes Bäriswil» bezeichnet, ist durch eine zunehmende «Erstarrung» der Dekore geprägt. Nur wenige Zentralmotive (vor allem Tiere) werden neu in den Motivschatz aufgenommen, die Rocaillen- und Blumenmuster nicht mehr weiterentwickelt. Mit dem Jahr 1821 enden die Geschirrbeschriftungen auf der «klassischen» Bäriswiler Keramik mit weisser Grundengobe. Grund hierfür mag u. a. der zweite Konkurs des Hafners/Schulmeisters Ludwig Kräuchi (1770-1851) in den Jahren 1819/1821 gewesen sein. Dieser war eine Folge der klimabedingten Wirtschaftskrise, die auf das Jahr ohne Sommer, 1816, folgte. Ludwig Kräuchi hinterliess 6353 Franken unbezahlte Schulden. Mit ihm endete die Produktion des typischen Bäriswiler Geschirrs.

Aufgrund anhaftender Glasurreste an den Bäriswil zugeschriebenen Keramiken kann nachgewiesen werden, dass die «klassische» Bäriswiler Keramik nur ein Produktionssegment darstellte. Daneben wurden vor allem malhornverzierte Geschirre mit roter Grundengobe, aber auch Keramik mit grüner Glasur, schwarzer Manganglasur, mit gelber Glasur und braunem Spritzdekor sowie mit Farbkörpern in der Grundengobe gefertigt. Hierbei handelt es sich um zeittypisches bernisches bzw. deutschschweizerisches Geschirr. Zahlreiche andere Hafnerbetriebe der weiteren Region fertigten vergleichbare Ware. Sofern keine eindeutigen Dekoreigenheiten oder Bodenmarken vorliegen, kann daher dieses «Bäriswiler Alltagsgeschirr» nicht von dem der übrigen Hafnerbetriebe des Kantons Bern getrennt werden.

Soweit die auf den Geschirren namentlich genannten Personen über Archivalien sozialgeschichtlich eingeordnet werden können, haben wir es bei den mit Bäriswiler «Luxusgeschirr» Beschenkten offenbar immer mit der geschäftstüchtigen, bäuerlichen Oberschicht der Region zu tun. Zu dieser Oberschicht gehören selbstverständlich auch die Müller. Die nachweisbar ausgeübten Funktionen u. a. als Gerichtssässen, Amänner etc. lassen es als selbstverständlich erscheinen, dass die betreffenden Personen auch Schreib- und Lesefähigkeit besassen. Dies spiegelt sich auch in der Vielzahl der produzierten Tintengeschirre. Im Militär gehörten die Personengruppen aufgrund ihrer wirtschaftlichen «Potenz» bevorzugt den berittenen Dragonern an, einer kleinen «Spezialeinheit» der bernischen Miliz. Auch dies findet einen Nachhall in den gemalten Motiven der Bäriswiler Teller.

Das Absatzgebiet für Bäriswiler Keramik ist historisch nicht überliefert. Es gibt jedoch eine kleine Anzahl an Gefässen, deren Herkunftsort gesichert ist. Mehr als 100 Stücke tragen Namen der Beschenkten oder der Auftraggeber. Die vorkommenden Familiennamen lassen sich mit ihren um 1800 historisch belegten Heimatorten verbinden, und so vermittelt eine Kartierung der Familiennamen ein Bild der potenziellen Kundenherkunft. Das Absatzgebiet Bäriswils umfasste offenbar vor allem das bernische Mittelland bis zur Aare, das Emmental und den bernischen Oberaargau, hatte demnach also einen Radius von etwa 30 Kilometern. Dies dürfte einer Distanz von zwei bis drei Tagesmärschen eines Keramikhausierers entsprochen haben (Absatzgebiet der Bäriswiler Keramik).

Vom Bäriswiler Geschirr existieren heute noch knapp 380 Exemplare in Museen und Privatsammlungen, wobei die Schreibgeschirre die grösste Gruppe ausmachen. Die musealen Vorkommen konzentrieren sich auf die Museen BHM, SNM, MAHN, RSB, MKB, HMB, MKW und SMT. Einige Stücke befinden sich auch in ausländischen Sammlungen, wie dem Germanischen Nationalmuseum oder dem Fitzwilliam-Museum in Cambridge

Weitere Hafnerfamilien in Bäriswil

Erst nach etwa 1810 stiegen auch Mitglieder der Familie Witschi in die Bäriswiler Geschirrproduktion ein, gaben diese jedoch in den 1860er-Jahren zugunsten der Herstellung von «Röhren» auf. Die Röhrenproduktion lief bis ca. 1950. Erst ganz am Ende der Bäriswiler Hafnereigeschichte waren zwei Mitglieder der Familie Kläy ebenfalls in der Keramikproduktion tätig.

Nur die Hafnerwerkstatt aus dem Besitz der Familie Witschi, die spätere Röhrenhütte, wurde bislang umfangreicher archäologisch untersucht. Die Ausgrabungen erbrachten ein aussagekräftiges Spektrum an Schrüh- und Fehlbränden, das nach 1817 und wohl vor ca. 1860 entstanden sein dürfte. Es dokumentiert eindrucksvoll die Werkstattgebundenheit bestimmter typologischer Elemente, denn die vorliegenden Formen decken sich überhaupt nicht mit den Keramiktypen des «klassischen Bäriswil». Erstaunlicherweise versuchten sich auch die Hafner der Familie Witschi (erfolglos?) an einer Fayenceproduktion, die sich farblich an jener der überlegenen Manufakturen Matzendorf und Kilchberg/Schooren orientierte. Daneben produzierten sie aber vor allem manganglasiertes Alltagsgeschirr und Keramik mit weisser oder roter Grundengobe. Die zunehmende Bedeutung des Gemüseanbaus im Kanton Bern spiegelt sich in der Aufnahme der Produktion von keramischen Pflanzenschutztöpfen bzw. Spargelstülpen (Kaltenberger 2009, 719-724). Die Intensivierungs- und Kultivierungsmassnahmen im landwirtschaftlichen Bereich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts machten die Herstellung von Drainage- und Wasserrohren zu einem wirtschaftlich vielversprechenden Geschäft. Die Umstellung auf diesen Produktionszweig vollzogen die Hafner der Familie Witschi in den 1860er-Jahren, da die Geschirrhafnerei ansonsten das Überleben kaum noch zu sichern vermochte. Nicht von ungefähr wanderten 1854, 1855 und 1857 drei Bäriswiler Hafner und ihre Familien nach Nordamerika aus.

Stammbaum des Bäriswiler Hafners Jakob Kräuchi (1731-nach 1791 und vor 1798)

Stammbaum des Bäriswiler Schulmeisters und Hafners Ludwig Kräuchi (1743-1814)

Absatzgebiet der Bäriswiler Keramik

Bibliographie

Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011.

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 329-353.

Heege/Spycher/Kistler 2020
Andreas Heege/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Die Hafner von Hängelen und das Rätsel der Bäriswiler Kachelöfen, in: Krauchthaler Jahrbuch, 2020, 173-256.

Kaltenberger 2009
Alice Kaltenberger, Keramik des Mittelalters und der Neuzeit in Oberösterreich (Nearchos 17 = Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich, Folge 23), Innsbruck 2009.

 

 

Bäriswil BE, Region («Bärisnau»)

Dragonerteller im Musée Ariana, Genf (MAG AR931)

Objekte in CERAMICA CH

Andreas Heege und Andreas Kistler 2019

Erst in Kenntnis des Bäriswiler Motiv- und Formenschatzes war eine Aussortierung und genauere Beurteilung einer kleinen, aber sehr charakteristischen Gefässgruppe «Bäriswil Region» möglich, die mit grosser Wahrscheinlichkeit im Kanton Bern, im Umfeld von Bäriswil entstanden sein dürfte, ohne dass wir bis heute den genauen Produzenten bzw. Produktionsort kennen.

Bei einem kleineren Teil dieser Gruppe handelt es sich um Gefässe, die Bäriswiler Gefässformen, typische Bäriswiler Motive und Dekorationselemente aufweisen, jedoch in Langnauer Ritz- und Malhorntechnik ausgeführt und durch Springfeder- und Borstenzugdekor und Langnauer Dekormotive ergänzt wurden (Heege/Kistler/Thut 2011, 177-184 „Bärisnau“).

Vor allem Springfeder- und Borstenzugdekor finden sich ansonsten nicht bei der Keramik aus Bäriswil,  Borstenzugdekor aber auch nicht bei der Langnauer Keramik. Dagegen sind eine grössere Zahl der Motive so eng an den Bäriswiler Motivschatz angelehnt, dass eine genaue Kenntnis der dortigen Werkstatteigentümlichkeiten und eine selbstverständlich-alltägliche Ausführung der Dekore vorausgesetzt werden muss. Dies ist eigentlich nur vorstellbar, wenn die produzierende Werkstatt ebenfalls in Bäriswil oder in der Region von Bäriswil lag. Die nächstgelegenen Orte mit Hafnerei wären Hängelen, Jegenstorf, Urtenen und Münchenbuchsee. Vor allem die Beziehungen nach Hängelen zu den Hafnern Häberli scheinen etwas enger gewesen zu sein (Heege/Spycher/Kistler 2019), jedoch haben sich für diese Keramikgruppe bislang keinerlei eindeutige Hinweise auf die dortige Produktion erbringen lassen.

Das älteste Stück dieser Gruppe, die schweizweit heute noch 22 Stücke umfasst, ist eine 1778 datierte Schüssel, die im Spiegel den typischen Bäriswiler Vogel zeigt (MAG R166). Die besten Vergleiche zum Hauptmotiv datieren in Bäriswil in die Zeit zwischen 1770 und ca. 1782 (BHM 5478; MAHN AA1833; MAHN AA2025; GNM H.G.8311). In diesem Zeithorizont finden sich auch die übrigen Dekorelemente wie Gittermuster und erste Rocaillen. Einfarbige, rote Grundengobe auf der Aussenseite tritt bei dekoriertem Langnauer-Geschirr quasi nie auf, ist dagegen bei Heimberger Keramik ab den 1780er-Jahren durchaus geläufig.

Stilistisch lässt sich der Dragonerteller (MAG AR931) unmittelbar an die besprochene Schüssel von 1778 anschliessen. Borstenzug- und Springfederdekor sowie die rote Grundengobe der Aussenseite stimmen überein. Borstenzugdekor ist für die Langnauer und Heimberger Produktion dieses Zeithorizontes nicht belegt. Der Dragoner, der formal und in seiner Sitzhaltung sehr stark den Bäriswiler Dragonern ähnelt (BHM 32661), präsentiert seinen Säbel. Das Pferd steht ungewöhnlich steif da, hat jedoch das rechte Hinterbein in der Art der Bäriswiler Pferdedarstellungen angehoben, als wolle es gleich in Passgang oder Trab verfallen. Sofern die Datierung von Bäriswiler Motivdetails auf diese Geschirrvariante wirklich übertragen werden darf, müsste dieser Teller etwas jünger sein. Er trägt ein sog. «Blattwerk 1», das sich ansonsten vor allem um 1788 findet.

 

Stilistisch gut vergleichbar ist ein weiterer Dragonerteller dieser Gruppe aus dem Bernischen Historischen Museum (BHM 17579). Dort und im Musée cantonal d’archéologie et d’histoire Lausanne findet sich auch ein weiterer Typ des Dragonertellers, bei dem der Reiter mit gezogenem Säbel bzw. gezückter Pistole nach rechts davongaloppiert (BHM 2875; MCAHL PM-4327). Das Spektrum der Soldatendarstellungen dieser Keramikgruppe wird durch zwei Infanteristen ergänzt, die ihr Gewehr präsentieren (vgl. Heege/Kistler/Thut 2011, Abb. 175 und SNM LM-3203). Der grosse Anteil an Darstellungen aus dem militärischen Bereich verbindet die Gruppe ebenfalls eher mit Bäriswil als mit Langnau, denn im Emmental sind Militär- und Dragonerdarstellungen die grosse Ausnahme.

Angesichts der zahlreichen Übereinstimmungen zwischen dieser Gruppe und der Produktion aus Bäriswil erstaunt es nicht, dass es auch Stülpdeckeldosen gibt, die wie Miniaturformen der grösseren Stülpdeckelterrinen aussehen (MAG N231). Diese Gefässform lässt sich in Bäriswil ab 1758 bis ca. 1780/1782 nachweisen und kommt mit einem Stück sogar noch am Beginn der folgenden Produktionsphase, d. h. ca. 1788–1793, vor (vgl. Heege/Kistler/Thut 2011, Abb. 116 und 117; MKW 253). Danach werden Stülpdeckelterrinen durch solche mit Steckdeckel abgelöst. Während der Deckel des vorliegenden Stückes ganz Bäriswiler Dekorgepflogenheiten entspricht, trägt das Unterteil u. a. eine grosse Rosette. Dieses Motiv findet sich zwischen dem frühen 18. und dem frühen 19. Jahrhundert regelhaft bei Langnauer, nicht aber bei Bäriswiler Produkten (Heege/Kistler 2017b, 556-558, Abb. 676). Auch stilistisch ist klar, dass es sich bei dem seltenen Unterteil einer Stülpdeckeldose um ein Stück aus Langnauer Produktion handelt. Vermutlich wurde um 1780 der defekte Deckel einer Langnauer Dose durch einen neuen, passgenauen Deckel aus einer Töpferei im Umfeld Bäriswils ersetzt.

Bibliographie:

Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011, 177-184.

Heege/Kistler 2017a
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 354-361.

Heege/Kistler 2017b
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.

Heege/Spycher/Kistler 2020
Andreas Heege/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Die Hafner von Hängelen und das Rätsel der Bäriswiler Kachelöfen, in: Gemeindebuch Krauchthal, 2020, 173-256.

Berneck SG

Andreas Heege, Andreas Kistler 2019

Forschungsgeschichte

Der älteste Literaturhinweis auf die Töpferei in Berneck stammt aus dem Jahr 1921. Damals beschäftigte sich Fernand Schwab intensiv mit der Entstehung und Entwicklung der Töpferei in Heimberg und ihrer Ausstrahlung, u. a. nach Berneck (Schwab 1921, 60). 1924 schrieb Daniel Baud-Bovy (1870–1958), Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission (1916–1938) in seinem Buch «Peasant Art in Switzerland» auch über die Keramikproduktion in der Schweiz. In diesem Zusammenhang konnte er auf ein bereits damals im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen musealisiertes Aushängeschild eines Bernecker Töpfers hinweisen (Baud-Bovy 1924, 61 mit Abb. 369. Deutsche Übersetzung: Baud-Bovy 1926, 77 mit Abb. 311; HVMSG 9528).

Aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Es zeigt einen Töpfer an der Spindelscheibe. Produkte der Bernecker Werkstätten wurden jedoch nicht erwähnt. Ein weiterer Hinweis aus dem Jahr 1947 stammt aus der Feder von Karl Frei, dem damals profundesten Kenner der schweizerischen Irdenwaren und zugleich stellvertretendem Direktor des Schweizerischen Landesmuseums (Frei 1947, 31). Anlässlich der Ausstellung «Schweizerische Keramik von der Urzeit bis heute», die im Kunstgewerbemuseum Zürich gezeigt wurde, verwies er auf die Produktion von «schwarzgrundigem Geschirr nach Heimberger Art», das durch «Hausierer im Appenzellerland und Vorarlberg, in Graubünden und bis nach Bayern hinein» verhandelt wurde (Vermutlich darauf basierend Creux 1970, 125 ohne Zitat). Woher diese Informationen stammen, wird nicht belegt, auch wird keine Keramik abgebildet, vermutlich weil das Schweizerische Nationalmuseum selbst keine umfangreicheren Geschirrbestände, sondern fast nur Gipsmodel und Malhörnchen der aufgelösten Bernecker Werkstatt von G. Federer besitzt (SNM LM-68232 bis LM-68240, Malhörnchen; LM-68241 bis LM-68245, Gerätschaften; LM-68246 bis LM-68315, Gipsmodel und Ausformungen). Das wichtigste in Zürich vorhandene Objekt aus Berneck ist ein Streichholzhalter in Form eines Bären, der zudem ein Wappenschild des Kantons Appenzell Innerrhoden hält. Er ist mit «I. O. K.» signiert und kann daher der Bernecker Werkstatt von Josef Othmar Kurer zugewiesen werden (Schnyder 1998, 113 Kat. 178; SNM LM-13187). Der Streichholzhalter belegt zugleich, dass in Berneck auch Keramik mit Farbkörper in der Grundengobe gefertigt wurde.

Streichholzhalter in Form eines Bären aus dem Schweizerischen Nationalmuseum

Erst mit einer Arbeit von Robert Gschwend (Gschwend 1948 und zwei Arbeiten von Leo Broder aus den Jahren 1955 und 1975 (Broder 1955; Broder 1975) liegen erstmals grössere, leider nicht hinreichend mit Archivalien unterlegte Studien zu Berneck vor. Basierend auf diesen und ersten zusätzlichen Sichtungen der Quellen im Gemeindearchiv durch Altgemeindepräsidenten Jakob Schegg wurde 2006 im Ortsmuseum Berneck (OMB) eine Keramikausstellung organisiert, in deren Folge 2007 eine reichhaltiger bebilderte Zusammenstellung zur Bernecker Hafnereigeschichte von Margrit Wellinger-Moser erschien (Wellinger-Moser 2007).

Die Geschichte der Hafnerei reicht in Berneck sicher in das späte 17. bzw. in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück, da im «Salis-Haus» in Maienfeld ein signierter, aber undatierter Barock-Kachelofen des Hafners «Johan Ulerich in der Mur, Haffner In Berneg» steht (Broder 1955, Abb. S. 45. Zum Ofen: Poeschel 1937, 30, Abb. 28).

Kachelofen in Maienfeld

Er ist mit polychromem Unterglasur-Pinseldekor bemalt und zeigt am Turm Allegorien der Tugenden in Verbindung mit entsprechenden Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament. Der Unterbau trägt im Gegensatz dazu die Untugenden oder Laster. Stilistisch steht der Ofen den Produkten von Steckborn nahe. Der im Haus auf dem Dachboden gelagerte Ofen wurde 1933 durch die Zuger Hafnerei Keiser neu aufgesetzt und um den seitlichen Ofensitz erweitert. Ein Vorfahre «Ulrich Indermauer, Hafner» erscheint erstmals 1685 in einem Gerichtsprotokoll des Hofes Bernang (Artikel ohne Autor: Einiges über Töpferei, Unser Rheintal 5, 1948, 81–82). Weitere Informationen liegen erst wieder aus dem 19. Jahrhundert vor. Demnach hätten 1828 in Berneck vier Werkstätten bestanden, während zwischen 1830 und 1850 im benachbarten Au, Balgach und Lüchingen bei Altstätten je drei sowie in Altstätten zwei Töpfereien und in Rebstein und Marbach je eine Töpferei existiert hätten. Für das Jahr 1836 sind Streitigkeiten über die Ausfuhr von Ton nach Österreich belegt, die auf eine entsprechende Konkurrenzsituation (mit den Hafnern in Vorarlberg?) hinweisen. Die Hafner Indermauer und Lang setzten damals ihre restriktive Haltung beim Gemeinderat durch (Boesch 1968). Nach Aussage des 1931 schon verstorbenen Töpfermeisters Ritz sen. bestanden um 1870 in Berneck 21 und in Lustenau auf der gegenüberliegenden Rheinseite in Vorarlberg 19 Hafnereien. 1872 werden für Berneck 18 Hafnermeister genannt (Boesch 1968, 180). 1878 gab es mindestens 17 Hafner aus folgenden Familien:

Federer, Grüninger, Hasler, Hongler, Jüstrich, Kurer, Lang, Mätzler, Ritz, Schädeli, Schuppli, Seiz, Thurnherr und Zangger.

Es handelt sich um Namen aus der Subskribentenliste der 1879 erschienenen «Geschichte der Gemeinde Bernang» des katholischen Pfarrers in Berneck Franz Xaver Kern (Kern 1879). Die Zahl der Hafner bzw. Betriebe reduzierte sich bis 1899 auf zwölf, 1905 auf neun, 1913 auf sieben, 1920 auf sechs, 1931/1937 auf drei Hafnereien und 1948/1955 noch auf eine, die 1902 von Töpfermeister Hans Ehrat erbaut wurde. In der Folgezeit wurde daraus die Töpferei Hanselmann, dann Hans Plattner, heute Fred Braun (Gschwend 1948; Broder 1955; Boesch 1968, 209; Wellinger-Moser 2007, 251–255).

2016 wurde die Forschungsgeschichte von Berneck erstmals grundlegender aus archäologisch-kulturhistorischer Perspektive betrachtet (Heege 2016, 28-36). 2017 wurden erste Forschungsergebnisse von Andreas Kistler integriert (Heege/Kistler 2017, 369-373) und 2019 wurde die  typologische Trennung von Bernecker Keramik und Geschirr der Hafnerei Lötscher aus St. Antönien grundlegend dokumentiert (Heege 2019) und gleichzeitig der Keramikgesamtbestand des Rätischen Museums (RMC) vergleichend analysiert. Auf diesen Arbeiten beruhen die im Folgenden mitgeteilten Ergebnisse.

Berneck SG und Heimberg BE – Das Problem der „Keramik Heimberger Art“

Der typologische Zusammenhang zwischen Berneck und Heimberg wurde 1921, 1955 und 1975 auf dem Weg über eingeheiratete «Heimbergerinnen» erklärt, jedoch genealogisch weder von Fernand Schwab und Leo Broder noch von Hermann Buchs aus Thun belegt (Hermann Buchs, Auskunft in Gresky 1969, 41). Fernand Schwab schrieb: «Noch vor 20 Jahren konnte man eine ganz ähnliche Erscheinung in den Beziehungen zwischen Heimberg und Bernegg beobachten: Viele junge Bernegger Töpfer, die in Heimberg das Handwerk erlernt oder dort ihre Gesellenzeit verbracht hatten, führten Heimberger Töpferstöchter heim, um sich zu Hause als Meister niederlassen zu können» (Schwab 1921, 60). Da bereits für das Jahr 1836 belegt werden kann, dass in Heimberg klassischerweise die Frauen als Keramikmalerinnen arbeiteten (Reise von Alexandre Brongniart, Direktor der wichtigsten französischen Porzellanmanufaktur in Sèvres, durch die Schweiz mit Besuch in Heimberg: Brongniart 1854, Bd. 2, 14–15), würde sich auf diesem Wege möglicherweise tatsächlich die grosse, seit etwa 1800/1820 bestehende Nähe im Dekor zwischen Heimberg und Berneck erklären lassen. Leider ist das Argument nicht stichhaltig.

Eine Kontrolle der Herkunft der Ehepartner der bekannten Bernecker Hafner des 19. Jahrhunderts anhand der Kirchenbücher durch Jakob Schegg (Ich danke Jakob Schegg, Alt-Gemeindepräsident, für die ausführliche und sehr informative Diskussion seiner noch unveröffentlichten Forschungsergebnisse), hat vor allem für das wichtige frühe 19. Jahrhundert, aber auch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts keine Einheiraten belegen können (so erstmals Wellinger-Moser 2007, 254). Nur für einen ursprünglich katholischen Bernecker Hafner – Leondus Federer, Sohn von Joseph Federer – lässt sich anhand der Kirchenregister von Steffisburg ergänzend zeigen, dass er sich vor 1819 in Heimberg niederliess, später jedoch nach Berneck zurückwanderte (Kirchenrodel Steffisburg 17, 163 Nr. 23. Fünf seiner Kinder starben 1822, 1825 und 1828 und sind im Kirchenrodel Steffisburg verzeichnet: 22,99; 22,111; 23,9 und 10). Er vermählte sich am 26. November 1819 in Münsingen mit der aus Dachsen im Kanton Zürich stammenden Witwe Elisabeth Rubli, die 1816 Caspar Joder aus Steffisburg (kein Hafner!) geheiratet hatte. Letzterer war bereits am 18. März 1818 verstorben (Kirchenrodel Steffisburg 17, 141 und 22, 84 Nr. 27). Bei der Taufe des 1824 geborenen Sohnes in Steffisburg war der Hafner Franz Joseph Kurer von Berneck Pate (Kirchenrodel Steffisburg 10, 214).

Sind also nicht eingeheiratete Keramikmalerinnen für die Stilübertragung nach Berneck verantwortlich, so bleiben eigentlich nur Gesellenwanderungen als Begründung für den typologischen und stilistischen Wissenstransfer übrig.  Heute wissen wir aufgrund der Arbeiten von Andreas Kistler, dass zwischen dem ersten in der Region Heimberg nachweisbaren Gesellen Johann Michael Kurer im Jahr 1823 und dem letzten dokumentierten Gesellen Joseph Anton Ritz aus dem Jahr 1905 weitere 6 Gesellen aus Altstätten, 5 Gesellen aus Au, 5 Gesellen aus Balgach, 11 Gesellen aus Berneck und  ein Geselle aus Marbach in die Listen der bernischen Fremdenkontrolle eingetragen  wurden. Verschiedene Gesellen aus Berneck arbeiteten ein bis zwei Jahre in der Region Heimberg-Steffisburg.  Der zeitnahe Transfer von Wissen und Dekormotiven findet auf diesem Wege eine plausible Erklärung. Zugleich wird deutlich: Keramik aus der Region Berneck dürfte teilweise kaum von der Keramik aus der Region Heimberg-Steffisburg zu unterscheiden sein. Aus diesem Grund wird in den Datenbankbeschreibungen immer der Terminus Keramik „Heimberger Art“ verwendet.  Für Objekte, die aus dem Antiquitätenhandel angekauft wurden, muss die Frage nach dem Herstellungsort letztlich ungeklärt bleiben, auch wenn z.B für die Masse des einfachen Gebrauchsgeschirrs aus Graubünden wohl von einer Herkunft aus der Region Berneck ausgegangen werden kann. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass wir keinerlei Vorstellung davon haben, was im unmittelbar benachbarten, vorarlbergischen Lustenau für Keramik gefertigt wurde.

Keramik aus Berneck

Das älteste Auftreten dunkler Grundengobe wird von Leo Broder für Berneck zu einem Zeitpunkt angenommen, da sie in Heimberg noch gar nicht verwendet wurde. Dies ist nicht vorstellbar, da Berneck sicher nicht das Primärzentrum dieser Entwicklung ist. Broders Annahme stützt sich auf einen 1772 datierten Teller, dessen Draperie-Dekor kaum vor den 1830er-Jahren denkbar ist (Broder 1955, Abb. auf S. 51. Broder 1975, Abb. auf S. 3). Jedoch trägt der Teller den Ortsnamen «Bernang» und ist damit möglicherweise tatsächlich ein wichtiger Zeuge für die Produkte dieses Ortes im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts (Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen, HVMSG 8347).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Fast noch wichtiger ist eine kleine Feldflasche, die der hessische Töpfergeselle Konrad Pistor von seiner Wanderschaft, auf der er wie sein Grossvater Heimberg besuchte, aus Berneck, seinem letzten Arbeitsort (November 1848 bis Mai 1849), mit nach Hause brachte. Sie trägt auf der Vorderseite seinen Namen und die Datierung 1849, dazu auf der Vorder- und Rückseite einen eingeritzten umlaufenden, für Heimberg in Ritztechnik und Inhalt untypischen Spruch und im Wappenschild, das mit textilen Behängen versehen ist, einen nach links schreitenden Bären, was dem Berner Wappen sehr nahe kommt (Gresky 1969, 39 Abb. 8. Broder 1975, 7, Bild links unten). Der Bär trägt jedoch, wie auf Bärendarstellungen in Bäriswil, ein Halsband und meint damit offensichtlich nicht das Berner Kantonswappen, sondern steht wohl als sprechendes Wappen für Berneck genauso wie für Bäriswil. Ganz ähnlich ist ein 1840 datiertes Rasierbecken mit schwarzer Grundengobe des Bernecker Maurermeisters Johannes Kurer verziert (HVMSG 7278a).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Eine sehr flache Kragenrandschüssel mit roter Grundengobe und weissem Malhorndekor sowie einem entsprechenden Zierstreifen mit geritztem Blumendekor trägt das Motto: «Es leben die Hafner in Bernneg» (HVMSG 9764), sodass am Produktionsort Berneck wohl kein Zweifel bestehen kann. Eine Schüssel mit identisch verzierter Randzone und dem Spruch «Liebe den Nächsten wie dich selbsten» verwahrt das SMT (Inv. 568).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Betrachtet man die Keramik «Heimberger Art» in den Museen in Berneck, Heiden, St. Gallen, Frauenfeld und Triesenberg, so finden sich zahlreiche Stücke deren Dekormotive tendenziell nicht heimbergisch sind. Hierzu gehören zwei flache Schüsseln SR 17 mit vier Figuren (Taufzug?) wohl nicht Berner Tracht (Museum Heiden, ohne Inv.) bzw. einem Haus eher nicht Berner Bauart (RMC H1970.185), ein Henkeltopf HTR 12 von 1849 (HVMSG 2010-01), eine Kaffeekanne untypischer Form von 1827 (Walsermuseum Triesenberg, ohne Inv.) und eine flache Schüssel SR 17 von 1852 (HVMSG 9129), der zahlreiche weitere Beispiele angeschlossen werden können (HVMSG 8656 und 8657, Museum Heiden ohne Inv., RMC H1971.914, OMB 2010.1494).

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Diese Stücke zeigen teilweise auch Übereinstimmungen mit einem in Berneck erhaltenen Musterbuch einer Keramikmalerin (Ortsmuseum Berneck, OMB ohne Inv.; z. B. OMB 2010.1567, 2009.1123).

Musterbuch aus dem Ortsmuseum Berneck

Die grosse Variabilität der gemalten Dekore wird auch bei einem Vergleich z. B. von Terrinen aus dem Rätischen Museum Chur bzw. dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen deutlich.

Keramik aus dem Rätischen Museum in Chur

Alle diese Stücke werden im Churer Museumsinventar der Produktion von St. Antönien zugeschrieben, vermutlich aufgrund der Tatsache, dass das erste der Stücke (RMC H1970.238.) 1907 aus dem Besitz von Andreas Lötscher d. J., dem letzten Hafner von St. Antönien, erworben wurde. Der grösste Teil  (RMC H1973.831, H1973.836, H1973.841, H1973.956, H1973.841, H1973.956, H1973.958) stammt jedoch aus der Sammlung von Margrith Schreiber von Albertini in Thusis und wurde vor 1973 als «St. Antönier-Geschirr» aus dem Antiquitätenhandel angekauft. Die Bearbeitung der Keramik der Hafnerei Lötscher von St. Antönien (Heege 2019) hat mittlerweile zweifelsfrei ergeben, dass alle diese Terrinen nicht der dortigen Produktion entstammen. Ein weiteres Stück dieser Terrinengruppe stammt zusammen mit einem passenden Henkeltopf dagegen aus Privatbesitz in Rodels (RMC Inv. H1984.1, H1984.2) und belegt mit verschiedenen Exemplaren aus bündnerischen Museen die weite Verbreitung dieser Ware in Graubünden.

Keramik aus dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen

Dagegen werden die zahlreichen Terrinen der Sammlung des Historischen und Völkerkundemuseums in St. Gallen, von denen hier nur eine kleine Auswahl gezeigt werden kann, im Museumsinventar, wohl aufgrund der Kantonszugehörigkeit, ohne weitere Diskussion der Produktion von Berneck zugeschrieben.

Keramik „Heimberger Art“ aus dem Kanton Bern.

Vergleicht man die gemalten Motive andererseits z. B. mit Stücken, die in Oberdiessbach im Emmental im Gebrauch erhalten geblieben sind oder aus Sammlungen in Burgdorf oder Mürren stammen (BuumeHus in Oberdiessbach, ohne Inv.; SMB IV-918; Sammlung Fahrländer-Müller K82), und daher mit grosser Wahrscheinlichkeit der Produktionsregion Heimberg zugewiesen werden dürfen, so fällt eine grosse Übereinstimmung auf, die beim momentanen Stand der Forschung nur mit Erstaunen zur Kenntnis genommen werden kann, will man nicht annehmen, dass mit Heimberger Produkten über eine Distanz von circa 200 km bis nach Graubünden bzw. Liechtenstein gehandelt wurde (vgl. auch die Funde aus dem Berner Verbrauchermilieu: Heege 2010b, 89 Abb. 77). Es bleibt der gut begründete Verdacht, dass wir im St. Galler Rheintal neben den potentiellen Produktionsorten Kandern im Südschwarzwald (Eisele 1929; Eisele 1937; Gebhardt-Vlachos 1974; Schüly 2002) und Steckborn TG (Heege 2016, 64-66) mindestens ein weiteres wichtiges Produktionszentrum der „Keramik Heimberger Art“ vor uns haben, dessen Absatzgebiet bis in die Kantone Schaffhausen (Heege 2010, 67–69), Thurgau, Zürich (Hoek/Illi/Langenegger u.a. 1995, Taf. 9,181–182; Taf. 10,184.186; Frascoli 2004, Taf. 13,75, um 1800?; Taf. 17,124, terminus post quem 1905), St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden (Obrecht/Reding/Weishaupt 2005, 102, Kat. 179, Graubünden (vgl. RMC) sowie das Fürstentum Liechtenstein (Heege 2016) und nach Vorarlberg (Heege 2016, 62-64) gereicht haben dürfte. Darüber hinaus müssen wir angesichts der Funde vergleichbar dekorierter Keramik z. B. aus Schwäbisch Hall (Gross 1994) und der Produktion schwarzgrundiger Keramik in Mittelfranken (Bauer 1971; Bauer 1979; Bauer/Wiegel 2004) möglicherweise mit weiteren württembergischen Produktionsorten als Lieferanten auch für die östlichen Regionen der Schweiz rechnen.

Keramik in der Art der „Thuner Majolika“ aus Berneck

Für die Spätphase der Bernecker Hafnerei im späten 19. Jahrhundert liegen bislang ebenfalls erst wenige Anhaltspunkte vor. Der Hafner Richard Grüninger aus Berneck nahm 1883 mit einer «Collection Töpferwaren» an der ersten Landesausstellung in Zürich teil (Messerli Bolliger 1991, 17). 1886 gelangten laut Inventarbucheintrag drei seiner Röstiplatten mit ausgeprägtem Kragenrand als Geschenk in das Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel (MAHN). Zwar handelt es sich um typisch deutschschweizerische Gefässformen, jedoch überrascht der Dekor, der bei beiger bzw. roter Grundengobe durchaus nicht den üblichen Heimberger Gepflogenheiten entspricht: Neben schwarzem Malhorndekor findet sich weisser und mehrfarbiger Schablonendekor (Blaettler/Ducret/Schnyder 2013, Taf. 79,7–9).

Keramik von Richard Grüninger aus Berneck, 1883, Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel (MAHN)

In den 1880er-Jahren wurde von verschiedenen Seiten, u. a. vom «Kaufmännischen Direktorium» in St. Gallen, versucht, die offenbar wirtschaftlich schwierige Situation der Hafner in Berneck zu verbessern. Die Gründe für den ausbleibenden wirtschaftlichen Erfolg sah man in St. Gallen im Fehlen «einer eleganten Form und dem Mangel einer reizvollen Bemalung». Als Hilfsmittel wurde ein Zeichenkurs durchgeführt (Reallehrer Nüesch) und das St. Galler Industrie- und Gewerbemuseum zeigte den Hafnern in einer 14-tägigen Wanderausstellung «einwandfrei gestaltete und bemalte» Töpferwaren (Boesch 1968, 180 leider ohne Quellenangaben). Leider ist nicht bekannt, was damals den Hafnern zur Veranschaulichung vorgeführt wurde. Anhand erhaltener Fotos

und im Ortsmuseum Berneck verwahrter Produkte scheint jedoch klar zu sein, dass angeregt wurde, Keramik in der Art oder mit dem Blumen- und Edelweiss-Dekor der «Thuner Majolika» zu fertigen (Museum Heiden ohne Inv., OMB Inv. 2010.1579, 2010.1580, 2010.1581, Geschenk aus Töpferei Trudi Hanselmann). Die auf dem Bild gezeigte Stegkanne ist erhalten (OMB ohne Inv.), ausserdem eine andere Ausfertigung eines Tellers mit Kantonswappen (OMB 2010.1535). Daneben zeigt das Bild auch verzierte flache Schüsseln mit Kragenrand und zeittypisches Gebrauchsgeschirr mit Horizontalstreifendekor bzw. in Form typischer «Heimberger» Terrinen.

Keramik in der Art der Thuner Majolika aus Berneck (Samlung Ortsmuseum Berneck)

Diesen Massnahmen scheint jedoch kein durchschlagender Erfolg beschieden gewesen zu sein. «Die Vorarlberger Fuhrleute, die vorzeiten ganze Ladungen voll Kacheli und Beckeli in ihr Ländchen hinüberführten, blieben aus» (Boesch 1968, 209).

Aus einer der letzten Töpfereien in Berneck haben sich im Ortsmuseum Berneck auch die Reste einer zwölfteiligen Ansichtskartenserie erhalten, die wohl aus dem Jahr 1923 stammt  (aus Anlass der  Rheintaler Gewerbeschau) und ein seltenes Zeugnis dieses langsam aussterbenden Handwerks darstellt. Die vollständige Serie findet sich hier.

Zusammenfassung

Der vorliegende Befund ist also wohl so zu deuten, dass es sich in Liechtenstein wie in Vorarlberg und Graubünden bei der Keramik mit schwarzer, weisser, roter oder beiger bzw. oranger Grundengobe um Import aus einem oder mehreren noch nicht sicher identifizierten Produktionsorten, vor allem wohl aber aus Berneck handeln dürfte, wobei das Vorkommen «echter» Heimberger Stücke ohne naturwissenschaftliche Untersuchungen letztlich nicht sicher ausgeschlossen werden kann. Welche Gefässformen und Dekore der Keramik «Heimberger Art» tatsächlich in Berneck produziert wurden, liesse sich wohl nur mit Hilfe von Ausgrabungen oder naturwissenschaftlichen Analysen klären. An beidem mangelt es bis heute. Eine grundlegende Aufarbeitung der Hafnereigeschichte der Region Berneck wäre sehr wünschenswert. Wenn in der Datenbank  als Herstellungsort „Berneck“ angegeben wird, so ist damit aus der Sicht der Objekte im Kanton Graubünden immer die „Region Berneck“ gemeint und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass künftig auch Teile Vorarlbergs dazugeschlagen werden müssen oder sich Nachweise finden, dass identische Keramik auch an anderen Orten im Kanton St. Gallen erzeugt wurde. Eine Abgrenzung von Keramik „Heimberger Art“, die im Kanton Zürich u.a. in Winterthur in der Fabrik Hanhart erzeugt wurde, ist momentan nicht möglich.

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Blankenburg BE, Abraham Marti (1718-1792)

Blankenburg, Abraham Marti in CERAMICA CH

Andreas Heege, Andreas Kistler 2017

Abraham Marti wurde im Jahr 1718 in Fraubrunnen im Berner Mittelland als ältester Sohn des Hafners Hans Rudolf Marti (1691–1742) und seiner Frau Anna Barbara Reutlinger (1699–1744) geboren. Er starb  am 18. Juli 1792 in Blankenburg, in der heutigen Gemeinde Zweisimmen. Bis 1741 wurden noch drei Brüder, Johannes, Jakob und Peter, geboren, von denen später auch Jakob (1736-1813) als Hafner in Fraubrunnen arbeitete.

Abraham Marti heiratete am 25. November 1740 in Oberburg Magdalena Hamm (1712–1784) von Münchenbuchsee. In einem Ehebrief erhielten sie die Zusage von Hans Rudolf Marti, das Hafnerhaus und ein halbes anstossendes Haus nutzen zu können. Für den 14. Januar 1742 ist eine erste Kindstaufe belegt, der bis 1746 drei weitere folgen sollten. Heirat und Ehevertrag dürften auch bedeuten, dass Abraham ab 1740/41 die elterliche Werkstatt in Fraubrunnen übernahm. Am 17. Mai 1742 starb sein Vater Hans Rudolf im Alter von nur 51 Jahren und am 4. Oktober 1744 seine Mutter Anna Barbara im Alter von 45 Jahren. Nach ihrem Tod kam es 1745 zu einer Erbteilung zwischen den vier Söhnen, in deren Folge Abraham Marti das elterliche Haus mit allen darauf ruhenden Lasten übernahm. Offenbar waren diese jedoch zu gross, sodass er das Haus bereits im Jahr 1746 an den Vogt seiner drei Brüder, den Metzgermeister und Wirt Hans Georg Marti (1710–1754) aus Fraubrunnen, verkaufte. Er erhielt dafür 1000 Pfund, jedoch lag die Schuldsumme bei 1058 Pfund. Abraham Marti musste beim Verkauf also sogar noch etwas zahlen. Offenbar blieb er jedoch zur Miete in der Liegenschaft wohnen, denn im März 1748 verzeichnete der Rodel der zuständigen Pfarrkirche von Grafenried den Tod des einzigen Sohnes des Abraham Marti «von Fraubrunnen, dem Hafner».

Abraham Marti hatte offenkundig erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten, sodass er sich ein neues Tätigkeitsfeld und Absatzgebiet in einer Region suchte, in der sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts ansonsten keine weiteren Hafner nachweisen lassen: das Simmental. Wohl spätestens 1748 zog das Ehepaar mit seinen drei Töchtern Magdalena, Susanna-Elisabeth und Maria dorthin um. In der Jahresrechnung 1748 für den Landvogt von Wimmis, am nördlichen Ausgang des Simmentales gelegen, wird Abraham Marti erstmals als Ofenhafner erwähnt. Für die Zeit zwischen 1757 und 1787 lassen sich auch Kachelofenarbeiten für den Landvogteisitz und das Schloss in Blankenburg sowie in der weiteren Region belegen, jedoch haben sich kaum Öfen bis heute erhalten. Im Jahr 1761 musste er sich vor dem Chorgericht Zweisimmen wegen einer Tochter mit dem Namen Elisabeth verantworten. Diese hatte er mit Margreth Wälten aus Lenk ausserehelich gezeugt. Sie wurde am 2. Juli 1761 in der Kirche Zweisimmen getauft. Im Herbst desselben Jahres erwarb Abraham Marti in Betelried, einem Ortsteil von Blankenburg, in der heutigen Gemeinde Zweisimmen für nur 25 Bernkronen ein kleines Wohnhaus und ein Werkstattgebäude, das später sogenannte Obere Haus. Es kann nur vermutet werden, dass er in den vorangehenden 15 Jahren am selben Ort mit seiner Werkstatt eingemietet war, wird er in den Verkaufsverträgen doch als in Betelried wohnhaft bezeichnet. 1763 kaufte er für 37 Bernkronen einen weiteren, unmittelbar benachbarten «Hausstock», d. h. eine Haushälfte mit Bescheuerung, im sogenannten Unteren Haus. Vom Kaufpreis blieb er 30 Bernkronen schuldig. 1784 starb seine Ehefrau Magdalena im Alter von 72 Jahren. Abraham selbst verstarb acht Jahre später am 18. Juli 1792 im hohen Alter von 74 Jahren.

Nach seinem Tod vermietete die jüngste Tochter Elisabeth (1761–1805) das Obere Haus mit der Werkstatt an den Hafner Johann Jakob Hächler (1763–1811) von Hasle bei Burgdorf und arbeitete («diente») wohl auch in dessen Werkstatt. Sie selbst blieb im Unteren Haus wohnen. Nach ihrem Tod 1805 konnte Hächler 1806 das Werkstattgebäude im Oberen Haus für nur 80 Bernkronen oder 200 Schweizer Franken von der Gemeinde Fraubrunnen kaufen. Das Gebäude bestand aus Stube, Nebenstübli, einer Küche, dem Gaden, der als Töpferwerkstatt genutzt wurde, und dem Brennofen unter dem gleichen Dach. Ausserdem gehörte dazu eine kleine Scheune mit zwei Ställen und einer Heubühne sowie ¼ Juchart Land (ca. 900 m2) mit Bäumen und Garten. Dem Einwohnerverzeichnis von 1806 kann entnommen werden, dass die Werkstatt offenbar zunächst florierte, denn Hächler beschäftigte immerhin drei Gesellen und einen Lehrling. Nach dem Tod seiner ersten Frau Katharina Dällenbach von Aeschlen im Jahr 1808 und einer zweiten Heirat mit der Witwe Susanna Weissmüller (1779–1839) aus Zweisimmen im Jahr 1810 starb Hächler bereits 1811 im Alter von nur 48 Jahren. Das Obere Haus mit der Töpferei übernahm seine Heimatgemeinde Hasle als Unterpfand für existierende Schulden. Noch 1827 bestand die Hafnerwerkstatt im Haus, jedoch fand mit grosser Wahrscheinlichkeit keine Keramikproduktion mehr statt. Das Haus wurde Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen, das Grundstück um 1980 modern überbaut. Das Untere Haus verkaufte die Gemeinde Fraubrunnen als Vormund der verstorbenen Elisabeth Marti 1806 für 300 Kronen an den Schärer Peter Allenbach; es steht heute noch (Blankenburg, Hüsy-Stutz 6).

In Museen und Sammlungen der Schweiz, Deutschlands und Englands haben sich bis heute etwa 230 keramische Objekte erhalten, die der Produktion von Abraham Marti zugeschrieben werden können. Hervorzuheben sind die Bestände im BHM, MAG, MAHN und SNM. 46 dieser Objekte tragen Jahreszahlen zwischen 1749 und 1789 (MAG AR 906). Dies entspricht der Blankenburger Produktionsphase Martis. Bei den frühesten Stücken sind deutliche Bezüge zum bernischen Mittelland und der Region Fraubrunnen zu erkennen (MAG R 172). Grundlage für die Zuweisung von Keramik zur Produktion von Abraham Marti sind vor allem die wenigen mit seinen Initialen versehenen Objekte, von denen das Musée Ariana das eindrucksvollste Stück besitzt (MAG AR 932). Keramiken, die laut Inschriften und Initialen für Landvögte in Blankenburg und hochrangige Persönlichkeiten im Umfeld Blankenburgs gefertigt wurden, stützen diese Gruppenbildung zusätzlich. Demnach produzierte Marti Geschirr mit einer weissen Grundengobe und blauem oder polychromem Unterglasur-Pinseldekor, in sehr charakteristischen Formen sowie mit stilistisch eindeutig bestimmbaren Beschriftungen. Die in der Literatur immer wieder zu findende Angabe, es handele sich um Blankenburger oder Simmentaler «Fayence», d. h. eine Keramik mit einer Blei-Zinnglasur und Inglasurmalerei, ist falsch. Auch weitere, früher dem Simmental zugeschriebene Keramikgruppen entstammen wohl nicht seiner Werkstatt (vgl. Wyss 1966, 15–23, nicht dem Simmental zuzurechnen sind Wyss 1966, Taf. 1 und 2, Abb. 1–8). Die Zuschreibung «Simmental» kann heute nur noch im eingeschränkten Masse aufrecht erhalten werden und sollte künftig lediglich das Werk Abraham Martis umfassen.

Das museal erhaltene Keramikspektrum Martis wird von den typischen flachen Platten dominiert, die rückseitig normalerweise keine Aufhängeöse tragen, also nur in einem Tellerbord verwahrt werden konnten. Andere Gefässformen sind ausgesprochen selten überliefert: Es finden sich zwei Butterfässer, eine Teekanne, eine Flasche, zwei Tintengeschirre, zwei Töpfe und mehrere Wandbrunnen bzw. Handwaschbecken. Eine archäologische Überlieferung gibt es zu Abraham Marti leider nicht. Bodenfunde aus dem Verbrauchermilieu fehlen vollständig. Da das Werkstattgebäude in Betelried um 1980 überbaut wurde, besitzen wir leider auch keinerlei weitergehende Informationen zur Werkstatt und zu eventuellen Produktionsabfällen.

Stammbaum Abraham Marti

Bibliographie

Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 126-173.

 

Bonfol JU

Keramik aus Bonfol in CERAMICA CH

Ursule Babey 2019

Die kleine Gemeinde Bonfol, an der Grenze zwischen dem Kanton Jura und dem Elsass (F) gelegen, ist vor allem für die aussergewöhnliche Qualität ihres Tons bekannt. Eine lange Tradition des Töpferhandwerks zieht sich durch die Geschichte des Orts. Die frühesten Aufzeichnungen über die Verwendung des hervorragenden Tons für Keramikprodukte stammen aus den Stadtrechnungen der nahe gelegenen Stadt Delsberg, deren Behörden am 15. August 1544 einen Kachelofen für das Rathaus bei Küna, Sohn des Henri von Bonfol, bestellt haben. Archäologische Untersuchungen erlauben uns derzeit nicht Kachelöfen aus Bonfol zu identifizieren. Auch lässt sich mithilfe von Dokumenten nicht belegen, ob Bonfols Töpfer die Waldglashütten von Court (BE, 1699–1714) mit Schmelztiegeln für die Produktion von Trinkgläsern belieferten. Dank anderer Ausgrabungen, die während des Baus der Autobahn A16-Transjurane stattfanden (Porrentruy-Grand’Fin und Rebeveulier-La Verrerie), konnte man das im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreitete Alltagsgeschirr identifizieren, das aus Bonfoler Werkstätten stammt. Keramikanalysen stützen diese Zuordnung. Der Erfolg dieser Keramikprodukte ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Zuallererst auf den geologischen Zufall, der einen natürlich feuerfesten Ton hervorbrachte, sowie auf die für den Abbau des Rohstoffs günstige geopolitische Lage des Orts.

Geologische Besonderheit und die damit verbundenen technischen Einschränkungen in der Verarbeitung des Rohstoffs

Bei den abgebauten Rohstoffen, die als «argiles bigarrées de Bonfol» – «bunte Bonfol-Tone» bezeichnet werden, handelt es sich um Tone fluvialen Urspungs aus dem Ende des Tertiärs. Sie liegen in Form von kleinen linsenförmigen Ablagerungen vor. Durch das fast vollständige Fehlen von Kalk in ihrer Zusammensetzung sind die Tone hitzebeständig. Bonfol-Ton erfordert keine aufwändige Behandlung, er wurde praktisch so verwendet, wie er aus dem Boden kam. Nach einer Zeit der Reifung unter freiem Himmel folgte eine Säuberung durch Entfernen der mit blossem Auge sichtbaren unerwünschten Einschlüsse wie zum Beispiel Holzpartikel, Blätter oder Kieselsteine. Diese Arbeit wurde durch die Töpfer kurz vor der Formgebung auf der Drehscheibe durchgeführt. Es wurden dem Ton keine weiteren Zusätze oder Magerungspartikel hinzugefügt. In der Schweiz sind bis heute keine weiteren vergleichbaren Tonvorkommen mit dieser Qualität bekannt.

Das Fehlen von Kalziumoxid hat neben dem positiven Aspekt der Feuerfestigkeit des Tons auch einen negativen Aspekt: Die Glasur haftet schlechter am Scherben, was die Töpfer in der damaligen Zeit dazu zwang, eine transparente Glasur auf Bleibasis zu verwenden, die leicht an ihrem gelblichen Farbton zu erkennen ist. Die Glasurzubereitung in Handmühlen stellt nicht nur ein Gesundheitsrisiko für die Handwerker dar, dazu kommt, dass diese Art von Glasur gegen Säuren wenig beständig ist und dadurch in Kontakt mit Lebensmitteln und Getränken löslich ist.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts brannte man die Produkte in grossen, stehenden Öfen, die mit Holz befeuert wurden. Der Raubbau an den Waldflächen war derart gross, dass einige Werkstattleiter  empfindliche Bussen wegen Waldfrevels (Holzdiebstahls) bekamen, die das eher fragile wirtschaftliche Gleichgewicht ihrer Unternehmen gefährdeten. Um dieses Problem durch Reduktion des Holzverbrauchs so weit wie möglich zu begrenzen, haben die Töpfer ihre Produkte in nur einem Durchgang gebrannt (Einzelbrand), eine an diesen Typ Keramik angepasste Lösung.

Um Keramik herzustellen, braucht es als Voraussetzung nicht nur reichliche Tonvorkommen, gleichzeitig muss auch die Zugangsmöglichkeit zu dieser Ressource sichergestellt sein. Unter dem Ancien Régime gehörte der Ton, wie Eisenerz oder Steinvorkommen, zum Bergregal und war somit Eigentum des Fürstbischofs von Basel. Um jedoch die Produktivität der Töpfer nicht zu behindern, erlaubte dieser den freien Zugang zu den Tonvorkommen, ohne dass dafür Zahlungen an die Herrschaft fällig wurden. Die einzige Bedingung war, dass die beim Tonabbau entstandenen Gruben abgesperrt werden mussten, um Knochenbrüche des Viehs zu verhindern. Zudem mussten die Gruben am Ende der Nutzung wieder zugeschüttet werden.

Die Organisation der Töpfer

Bis ins 19. Jahrhundert war der Gebrauch von feuerfesten Keramikgefässen weit verbreitet, da die meisten Menschen am offenem Feuer oder auf einem holzbefeuerten Kochherd kochten. Das in Bonfol produzierte Geschirr war perfekt an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst und daher sehr begehrt. Im Bewusstsein des De-facto-Monopols aufgrund der Qualität ihres Rohmaterials haben sich die Töpfer, bewusst oder unbewusst, auf sehr originelle und unabhängige Weise organisiert. Ihre sozioökonomische Gruppe war innerhalb des Orts von grosser Bedeutung: Mehr oder weniger die gesamte Bevölkerung war an der Produktion beteiligt, entweder direkt (Töpfer, Töpferinnen, Gesellen und Lehrlinge) oder als Arbeiter bei der Gewinnung von Ton, beim Holzschlag oder beim Verkauf der Waren. Diese Situation begünstigte die Bindung zwischen den Familien, was in einer starken beruflichen Endogamie und einem ausgeprägten Gefühl des Unter-sich-Seins zum Ausdruck kam.

Erst wenn sich die Töpfer der Aussenwelt, vor allem den in Pruntrut ansässigen Korporationen stellen mussten, schlossen sich die Werkstattleiter zusammen. Dabei ging es vor allem darum den Ausbildungsverpflichtungen, insbesondere der Gesellenwanderung zu entgehen. Dieses Ziel erreichten sie dann auch.

Aufgrund  der guten Beschaffenheit und der einfachen Verarbeitbarkeit des Bonfol-Tons, verfügten die Töpfer nur über begrenzte Kenntnisse ihres Handwerks. Sie kannten und beanspruchten nur dieses von Generation zu Generation weitergegebene Wissen, was sie daran hinderte, sich anderswo in anderen Arbeitsumgebungen zurechtzufinden. Sie blieben daher im Dorf ansässig. Es gibt nur wenige Beispiele von ausgewanderten Töpfern. Meistens arbeiteten sie allein in Familienwerkstätten, bestenfalls zusammen mit einem Sohn, einem Lehrling oder einem Gesellen. Nur für den Keramikbrand mussten sie sich mit ihren Kollegen arrangieren, denn im 19. Jahrhundert gab es nicht so viele Brennöfen wie Töpfer. Man geht davon aus, dass die gemeinsame Nutzung oder Vermietung von Töpferöfen üblich war, obwohl es an Beweisen in Form von notariellen Urkunden fehlt.

Um den Verkauf ihrer eher zerbrechlichen Waren sicherzustellen, hatten die Bonfol-Töpfer einen unschlagbaren Verkaufspreis zum Ziel. Zu diesem Zweck reduzierten sie ihre Investitionen in Zeit, Energie und Geld in der ganzen Produktionskette: Der Ton wurde praktisch ohne grosse Vorbereitung verwendet, die Formen der Gefässe waren einfach und standardisiert, die mit dem Malhorn angebrachten stilisierten Dekore bewegten sich in einer begrenzten Farbpalette (Weiss, Dunkelbraun, grünliche Akzente). Nur Stücke, die auf den Tisch kamen, werden bemalt,  Kochgeschirr und Lagerbehälter waren dagegen ohne Dekor und glasiert werden nur Behälter, die mit Lebensmitteln und Flüssigkeiten in Kontakt kamen. Die Glasur bestand aus Bleiglätte, die normalerweise in Basel eingekauft werden musste. Zudem wurden die Produkte nur einmal gebrannt, um Brennmaterial zu sparen.

Während das ästhetische Ergebnis dieser Produktionskostenreduzierung fragwürdig ist, ist die wirtschaftliche Effizienz klar erwiesen. Dank der mineralogischen, petrografischen und chemischen Analysen, die von Gisela Thierrin-Michael durchgeführt wurden, war es möglich, diese ganz besondere Produktion zu charakterisieren, sie aufgrund der beschriebenen Merkmale mit blossem Auge zu identifizieren und in der Folge ohne Analyse zu erkennen. Ihr Platz sowie ihr wirtschaftliches Gewicht innerhalb der reichlich vorhandenen Gebrauchskeramik der Neuzeit wurde so gebührend evaluiert.

Keramik aus Bonfol wurde in fast der ganzen Schweiz, in Süddeutschland und Ostfrankreich verkauft, das grosse Absatzgebiet ist entweder urkundlich oder durch archäologisches Fundmaterial gut belegt. Ein Beweis dafür ist beispielsweise die Marktordnung der Stadt Freiburg (CH), die eine Ausnahme für die Töpfer von Bonfol vorsah, die als einzige nicht Ortsansässige nur zugelassen wurden, weil sie ein begehrtes Gut lieferten, das anderswo nicht produziert werden konnte. Die Produkte wurden von den Strassenhändlern und Hausierern, die manchmal mit der ganzen Familie unterwegs waren, und auf den Jahrmärkten der Grossstädte von Händlern an die Kunden verkauft. Der Verkaufserfolg machte die bescheidenen Handwerker weder reich noch zu anerkannten Bürgern. Man verstand sich nicht als Individuum oder Künstler, weshalb die Keramik normalerweise unsigniert blieb. Die Arbeit konnte die Armut der Töpfer nicht beseitigen, wie Inventare nach dem Tod verschiedener Produzenten zeigen, aber sie garantierte ihre Unabhängigkeit, die ihnen wichtiger gewesen zu sein scheint.

Dreibeinkanne aus Bonfol. Höhe: 26 cm. Ende 18.  bis Anfang 19. Jahrhundert. Porrentruy-Grand’Fin. Aus der Sammlung des Amts für Kultur der Republik und Kanton Jura – Abteilung Archäologie. Foto: OCC-SAP, Bernard Migy.

Palette der hergestellten Produkte

Im Allgemeinen zeichnet sich die Keramik aus Bonfol durch ihre warme, bräunlich ockergelbe Farbe aus, die durch das Auftragen einer transparenten, gelben Glasur direkt auf einen durch Eisenoxid rot brennenden Ton entsteht (Gelb + Rot = Braun). Die Töpfer verwenden zwischen Scherben und Glasur keine zusätzliche Engobe. Die Bruchstellen zeigen eine reichlich vorhandene, kieselsäurehaltige, feine Magerung (zwischen 20 und 30 Prozent des Volumens), deren grösste Körner selten 2 mm überschreiten. Diese Magerung besteht hauptsächlich aus grossen quarz- und eisenhaltigen Tonknollen in leuchtend rotbrauner Farbe, sekundär aus Kalifeldspat, Plagioklas, Glimmer oder Hornblende. Alle Bestandteile liegen in einer oft faserigen Matrix.

Röstiplatte. Durchmesser: 31 cm. Porrentruy-Grand’Fin. Spätes 18. und frühes 19. Jahrhundert. Aus der Sammlung des Amts für Kultur der Republik und Kanton Jura – Abteilung Archäologie. Foto: OCC-SAP, Bernard Migy.

Das Koch- und Vorratsgeschirr ist ohne Dekor. Hingegen werden Essgeschirr und sogar Nachttöpfe  systematisch mit Malhorndekor auf der Grundlage einer weiss brennenden Malengobe versehen. Letztere erscheint gelb unter der gelben Glasur, manchmal wird auch grüne oder dunkelbraune Glasur appliziert, um das Stück zu veredeln. Unglasierter Malhorndekor ist sehr selten.

Dreibeinpfanne mit hohlem Griff aus Bonfol. Durchmesser: 24 cm. Porrentruy-Grand’Fin. Spätes 18. und frühes 19. Jahrhunderts. Aus der Sammlung des Amts für Kultur der Republik und Kanton Jura – Abteilung Archäologie. Foto: OCC-SAO, Bernard Migy.

Die wegen ihrer feuerfesten Eigenschaften gefragte Keramik aus Bonfol besteht in erster Linie aus einer Reihe von Produkten, die zum Kochen auf offenem Feuer oder im Ofen geeignet sind, im Allgemeinen sind sie ohne Dekor. Das Caquelon ist nach wie vor das wichtigste Stück dieses Kochgeschirrs, sehr beliebt und weitum verkauft machte es die Region um Porrentruy bekannt. Ursprünglich und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war es ein einfacher runder Kochtopf mit flachem Boden oder mit drei Füssen mit einem horizontalen, meist hohlen Stiel. Einige Exemplare haben einen Kragenrand. Die Töpfe werden fast nie verziert. Ihr Durchmesser variiert zwischen 15 und 30 cm. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts sind sie manchmal beidseitig glasiert. Ergänzt wird das Kochgeschirr durch Ofengefässe oder ovale Bräter, Bratpfannen mit und ohne Füsse sowie Dreibeinkannen, die man in die Glut stellen konnte.

Das Sortiment ist jedoch nicht auf Kochgefässe beschränkt. Derselbe Ton wurde für Mehrzweckformen (Terrinen in Kegelstumpfform ohne Ausguss oder Henkel) sowie für Geschirr (kalottenförmige Teller, Röstiplatten) verwendet. Runde Vorratstöpfe mit zwei vertikalen Henkeln mit Kragenrand, verschiedene Deckeltypen und Nachttöpfe mit breit ausbiegendem Rand ergänzen die Palette.

Ab 1820 wurden in mehreren Ziegelfabriken mit dem lokalen Ton auch Dachziegel hergestellt, ein Handwerk, das von einem Töpfer ins Leben gerufen wurde, der damit die Produktionspalette diversifizierte. Die Dachziegelproduktion wurde ab 1889 mechanisiert. Nach einem Brand im Jahr 1919 wurden die Aktivitäten in der Ziegelei eingestellt. Ziegel aus der mechanisierten Ziegelei, die mehr als hundert Jahre alt sind, bedecken noch heute Dächer der Region, was zeigt, dass feuerfester Ton auch erfolgreich für andere Zwecke verwendet werden kann.

Niedergang, industrielle Wiederbelebung und Ende der Massenproduktion

Bestand die Töpfergemeinde 1751 aus nur 9 Vertretern, stieg die Anzahl der Töpferbetriebe ab 1764 auf 24, von 1770 bis 1813 stabilisierte sich die Zahl zwischen 24 und 35 Familienoberhäuptern mit diesem Berufsstand. Die blühendste Periode war der Zeitraum zwischen 1817 und der Mitte des 19. Jahrhunderts.1821 existierten 57 Werkstätten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es dagegen zu einem starken und plötzlichen Rückgang der Töpferbetriebe, 1876 waren es nur noch 15 Töpfer. Was die Stärke dieses Handwerks sowohl lokal als auch regional und sogar auch international ausmachte – der natürlich feuerfeste Ton – verursachte auch seinen Untergang. Die technische Routine, die mit einer selbstgewählten Isolation einherging, verhinderte, dass man sich der Entwicklung der Wirtschaftswelt und insbesondere der Konkurrenz neuer Materialien bewusst wurde. Diese Materialien wurden von den Kunden als praktischer und widerstandsfähiger angesehen. Die fehlende Infragestellung des eigenen Wirtschaftsmodells ging auf Kosten der Kreativität und der Anpassung an die Nachfrage. Die traditionelle Produktion wurde, so gut es ging, bis zum Ersten Weltkrieg aufrechterhalten.

Sortiment der industriellen Keramikproduktion von Bonfol: Teigwarenschüssel, Schmalztopf, Kaffeekanne, Fondue-Caquelon, Ofenformen, Bräter, 1920-1950. Sammlung Fondation des poteries de Bonfol. Foto: OCC-SAP, Bernard Migy.

Im 20. Jahrhundert konzentrierte sich die Produktion in Fabriken, das Sortiment der Produkte änderte sich mehrmals, was wohl als Versuch zu werten ist, sich dem Markt besser anzupassen. Drei Unternehmen wurden gegründet: Fabrique de céramique Bregnard et Cie SA (1912-1957); Fabrique Chappuis et Cie, die zur Céramique d’Ajoie SA wurde (1924-1949) und die CISA SA (Céramiques industrielles SA, 1951-1999).Trotzdem ging die Massenproduktion von Gebrauchskeramik Ende der 1950er-Jahre endgültig zurück, obwohl gerade in diesem Zeitraum eine Fabrik für Boden- und Wandbeläge (CISA) gegründet worden war (1950) und ein Unternehmen mit grossem handwerklichem Know-how und künstlerischer Ausrichtung (von der CISA durch Armand Bachofner übernommen) gegründet wurde (1950). Diese letzten beiden Unternehmen wurden 1991 respektive 1999 geschlossen.

Felicitas Holzgang, Keramikmeisterin sowie Kuratorin des Töpfereimuseums in Bonfol, ist künftig alleine verantwortlich für die Weitergabe des überlieferten Wissens. Das mit der Keramikproduktion verbundene Kulturerbe wird im Töpfereimuseum (www.jurapoterie.ch) bewahrt.

Übersetzung Stephanie Tremp

Bibliographie:

Babey Ursule, Produits céramiques modernes. Ensemble de Porrentruy, Grand’Fin. Office de la culture et Société jurassienne d’Emulation, Porrentruy, 2003. (Cahier d’archéologie jurassienne 18). Accès en ligne : http://doc.rero.ch/record/21328?ln=fr

Emmanuelle Evéquoz et Ursule Babey, Rebeuvelier-La Verrerie, redécouverte d’un passé préindustriel. Office de la culture et Société jurassienne d’Emulation, Porrentruy, 2013. (Cahier d’archéologie jurassienne 35). Accès en ligne : http://doc.rero.ch/search?p=20190117172250-JE

Jonathan Frey, Court, Pâturage de l’Envers. Une verrerie forestière jurassienne du début du 18e siècle. Vol. 3: Die Kühl- und Haushaltskeramik. Berne, 2015.

Babey Ursule, Archéologie et histoire de la terre cuite en Ajoie, Jura, Suisse (1750-1900). Les exemples de la manufacture de faïence de Cornol et du centre potier de Bonfol. Office de la culture et Société jurassienne d’Emulation, Porrentruy, 2016. (Cahier d’archéologie jurassienne 37). Pour se procurer un exemplaire : https://www.jura.ch/fr/Autorites/Archeologie-2017/Publications/Les-cahiers-d-archeologie-jurassienne-CAJ.html