
Stiftung Schloss Thun
Schlossberg 1
CH-3600 Thun
Tel.: +41 (0)33 223 20 01
info@schlossthun.ch
Keramik der Stiftung Schloss Thun in CERAMICA CH
Andreas Heege, 2026
Das heutige Schloss mit seinen Nebengebäuden war in seinen Ursprüngen eine Burganlage. Im 12. Jahrhundert bestand hier schon ein herrschaftlicher Sitz mit Wohngebäude und Ringmauer. Dies bestätigen die archäologischen Untersuchungen, welche im Rahmen des grossen Umbaus 2013 stattgefunden haben (Baeriswyl 2016; Baeriswyl 2019; Baeriswyl/Kellenberger 2015; Raselli-Nydegger 2015). Nach der wohl nicht ganz friedlichen Übernahme der Anlage durch die Herzöge von Zähringen wurde unter Berchtold V. der bis heute intakt erhaltene, imposante Donjon in die bestehende Anlage gebaut. Die Zähringer beabsichtigten jedoch nicht hier zu wohnen, dafür hatten sie in Burgdorf eine Residenz errichtet. Sie wollten mit dem mächtigen Turm in Thun ein Zeichen ihrer Macht auf das Gebiet und die lokalen Handelswege setzen. Der Donjon war nämlich als Wohnsitz ungeeignet. Auf 14 Meter Höhe befand sich ein einziger Raum, der heute Rittersaal genannt wird. Zu seiner Zeit ein imposanter Repräsentationsraum, heute einer der besten erhaltenen Repräsentationssäle des Hochmittelalters. Seit dem 12. Jahrhundert war das Schloss Thun mit seinen Nebengebäuden Sitz der Thuner Herrschaft und wurde immer wieder den Nutzungen angepasst. Während von den nachfolgenden kyburgischen Grafen praktisch keine Baumassnahmen nachzuweisen sind, erfolgten unter der langen Regierungszeit von Bern bis 2006 viele Umbauten. Dazu zählte später auch das Regionalgericht. Zumindest seit dem 17. Jahrhundert befand sich im Dach des Donjons ein Gefängnis. 1886 errichtete der Kanton an die Burgmauer das neue Regionalgefängnis und räumte dafür die Holzkonstruktion des Kornhauses aus dem Rittersaal des Donjons, der damit ab dem 1. Januar 1887 für eine Museumsneugründung frei wurde. Erste erfolglose Versuche ein „Antiquarisches Museum“ zu gründen und eine archäologische und historische Sammlung aufzubauen, gehen schon auf das Jahr 1865 zurück.

Anzeige für die Gründung eines „Antiquarischen Museums“, Thuner Blatt 1.4.1865.
Seit diesem Zeitpunkt begann eine intensive Sammeltätigkeit, sodass die Museumsgründung nach 1887 auch ältere Sammlungsbestände aus der Stadt und dem Zeughaus Thun übernehmen konnte (u.a. Teile der wiederentdeckten Burgunderbeute).

1887: Die Historische Sammlung wird ausgebaut!

1887: Hinweis auf die baldige Museumseröffnung und Aufruf zu weiteren Sammlungsspenden, Thuner Täglicher Anzeiger, 25.12.1887
Das Museum wurde ohne grossen Pomp am 1. Januar 1888 im Donjon eröffnet (zur Museumsgeschichte Keller 1938; Küffer 1987; Kelterborn 2012). Am 3. Januar 1888 beschrieb der Tägliche Anzeiger für Thun und das Berner Oberland das neu eingerichtete Museum.
Schon am 25. Dezember 1887 war die Öffentlichkeit im Täglichen Anzeiger aufgerufen worden «…sich an diesem vaterländischen Werke durch Ausstellung von passenden Gegenständen, sei es in altem Mobiliar, Hausrath, Waffen, keramischen Erzeugnissen, geschliffenen und geätzten Gläsern, Flaschen, Scheiben etc. zu bethätigen …». Keramik gehörte demnach von Anfang an zu den Sammlungsschwerpunkten des Schlossmuseums.


Ansichten aus einer Postkartenserie, die das Museum bald nach seiner Gründung verkaufte.
Wichtige Teile der Keramiksammlung wurden ab dem frühen 20. Jahrhundert in sog. Stuben-Interieurs , wie z.B dem Majolika-Zimmer oder der Simmentaler-Stube präsentiert.

Bilder aus der von Herrmann Buchs eingerichteten Dauerausstellung 1959-2013 (Fotos SST).
Ab 1959 wurde im Kellergeschoss des Bergfrieds nach und nach eine Dauerausstellung zur bernischen Keramik und zur Thuner Majolika installiert. Dies war zu ihrer Zeit eine der bedeutendsten Ausstellungen zum Töpferhandwerk im Kanton Bern. Bedauerlicherweise fiel die Ausstellung im Jahr 2013 einer Neugestaltung der Dauerausstellung zum Opfer. Der kulturhistorisch herausragende Keramikfundus der Stiftung Schloss Thun ist daher heute magaziniert und nur via CERAMICA CH zugänglich.$
Aus Anlass des 100. Geburtstages veranstaltete das Schlossmuseum 1988 eine Sonderausstellung „Von der Röstiplatte zum Salongeschirr“.


Bei dieser Gelegenheit erschien dann auch die bis heute grundlegende Publikation von Hermann Buchs zur Thuner Majolika und ihren Heimberger Wurzeln (Buchs 1988).
1994 haben der Verein Schlossmuseum Thun, der Kanton Bern und die Einwohnergemeinde Thun die Stiftung Schlossmuseum Thun errichtet. Im September 2013 hat sich die Stiftung den Namen Stiftung Schloss Thun – das Museumsschloss gegeben.
Nach 800 Jahren in öffentlichem Besitz erfolgte 2010 auf dem Schlossberg ein grundlegender Wandel. Die Stadt Thun verkaufte – mit Ausnahme des mächtigen Donjons – die Liegenschaften des ehemaligen Burgareals im Baurecht. Mitte 2014 eröffneten ein Konferenz- und Ausbildungszentrum, dazu ein Hotel und Restaurant. Das Museum erhielt einen neuen Eingangsbereich und einen zusätzlichen Ausstellungsraum und bis zum 130. Geburtstag des Museums wurde eine neue Dauerausstellung konzipiert und 2018 eröffnet (Text: Homepage des Schlossmuseums Thun).

2017 Im Rahmen der Sonderausstellung „Edelweiss und Alpenidylle – Souvenirkeramik aus der Belle Époque Made in Thun“ durfte die Thuner Majolika für eine kurze Zeit erneut glänzen.
Von Januar 2023 bis September 2025 wurde die gesamte Keramiksammlung der Stiftung Schloss Thun in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Keramikinventar der Schweiz CERAMICA CH inventarisiert. Zahlreiche, inhaltlich und zahlenmässig bedeutende Sammlungszugänge charakterisieren diesen Zeitraum zusätzlich.

2024-2025 zeigte das Schlossmuseum einen kleinen Teil seiner neuen „Schätze“ in der Sonderausstellung „Aus Grossmutters Küchenschrank – Bewahrte Schätze – Einblicke in die Keramiksammlung der Stiftung Schloss Thun“.
Zur Sammlung
Neben dem Bernischen Historischen Museum , dem Rittersaalverein Burgdorf und dem Museum zur Alten Töpferei in Heimberg und dem Regionalmuseum Langnau ist das Museum der Stiftung Schloss Thun das fünfte, besonders wichtige bernische Regionalmuseum, wenn es um die Geschichte der Keramik des Kantons Bern und der Deutschschweiz geht.
Seit der Museumsgründung gehört das Sammeln von Keramik und die Erforschung der Keramikherstellung in der Region zu den Schwerpunkten der Museumsarbeit (Buchs 1961, 1970, 1980, 1988, 1995). Zahlreiche Schenkungen und Ankäufe haben den dokumentierten Keramikbestand auf 3082 Objekte anwachsen lassen (Stand 27.8.2025). Heute verwahrt die Stiftung Schloss Thun die zweitgrösste Keramiksammlungen des Kantons und sicher die bedeutendste Sammlung zur „Thuner Majolika“ weltweit. Es handelt sich um eine Sammlung von nationaler Bedeutung, die via CERAMICA CH jetzt erstmals vollumfänglich recherchierbar ist. Dieser Bestand wird durch unveröffentlichte Entwurfszeichnungen der Manufaktur Wanzenried, der Desa und Loder&Schweizer sowie Fotos und Preislisten bzw. Musterbücher ergänzt.

Langnauer Teller aus der Sammlung der SST. Werkstatt Daniel Herrmann (1736-1798), Langnau, datiert 1781. Dargestellt ist der Rütli-Schwur.
Im Folgenden soll angesichts der grossen Objektmenge für die Bereiche Irdenware, Fayence, Steingut, Steinzeug und Porzellan nur ein kurzer Überblick gegeben werden.
Irdenware
Mit 2643 Datensätzen hat die Irdenware den grössten Anteil an der Museumssammlung. Dies ist einerseits der Produktionsregion und andererseits der Sammlungsgeschichte bzw. den Sammlungsschwerpunkten geschuldet.

Keramik der Produktionsregion Heimberg-Steffisburg.
Das Museum sammelt mit seinem besonderen bernischen Schwerpunkt vor allem die Produkte der Region Heimberg-Steffisburg aus der Zeit vom 18. bis 20. Jahrhundert.

Emblem der Hafnergesellen-Krankenkasse, Heimberg, Schweiz, Kanton Bern, um 1880-1890 (SST-02531)
Unter diesen Objekten befindet sich auch das sogennannte „Emblem der Hafnergesellen-Krankenkasse“ zu Heimberg, das einen Töpfer an der Scheibe zeigt. Das Emblem kam ins Schlossmuseum Thun, nachdem die Hafnerkrankenkasse durch die Kasse des Amtes Konolfingen übernommen wurde (1.1.1962). Vermittler waren der letzte Präsident der Krankenkasse Otto Grimm, Schwäbis und Karl Berger, Heimberg. Die Hafnergesellen-Krankenkasse wurde am 23.1.1808 von 19 Hafnergesellen gegründet und bestand als «Allgemeine Kranken- und Hilfskasse Heimberg» bis Ende 1961 (Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern, Band 105, Nummer 8, 20. Januar 1958 und Thuner Tagblatt, Band 86, Nummer 19, 24. Januar 1962). Die Mitgliederlisten der Krankenkasse, die Fernand Schwab 1921 für seine historischen Recherchen zur Verfügung standen, befinden sich heute im Gemeindearchiv Heimberg.


Thuner Majolika, Frühphase um 1878-1883 , Weltausstellungsgeschirr Paris, oft mit der Marke des Kommissionärs Johann Heinrich Schoch-Läderach, der die drei ausstellenden Hafner in Paris vertrat. Es ist nicht klar, wann diese Stücke genau gefertigt wurden und wie lange Schoch-Läderach diese Marke anbringen liess (Marken: SST-05185, SST-14631, SST-14178).
Der bedeutendste Sammlungsschwerpunkte ist die „Thuner Majolika“, die die Jahre von etwa 1870 bis 1914 umfasst. Ihren ersten grossen Erfolg feierte sie auf der Pariser Weltausstellung 1878.


Thuner Majolika, Musée céramique, wohl überwiegend nach 1890. Die Marke des Musée céramique wurde erst unter Samuel Mack, als Nachfolger von Schoch-Läderach, 1890 eingeführt. Die Vielgestaltigkeit der Marken resultiert aus der Vielzahl der Hafnereien, die für das Musée céramique arbeiteten (Marken: SST-10676, SST-02350, SST-04928, SST-10669, SST-10260, SST-02260).
Die Thuner Majolika ist ansonsten vor allem in Form der Keramiken des Grosshändlers „Musée céramique“ (Schoch-Läderach und Nachfolger) und der Manufaktur Wanzenried überliefert.

Aus der Frühzeit der Manufaktur Wanzenried hat sich ein vollständiger Tisch mit einer vom Genfer Maler Louis Sabin bemalten Tischplatte erhalten, der um 1879-1881 datiert (Frank/Heege 2025).

Die Sammlung der SST beinhaltet auch das wichtigste Stück von Louis Sabin, eine signierte und 1880 datierte Tischplatte (SST-04892).

Louis Sabin arbeitete offenbar auch für den Hafner Anton Kappeler, der seine Werkstatt in den Ziegelwerken von Oberst Karl Schrämli im Glockenthal bei Steffisburg hatte (Frank/Heege 2025). Von Anton Kappeler gibt es nur eine erhaltene und signierte, besonders grosse Tischplatte, die sich ebenfalls in der Sammlung der Stiftung Schloss Thun befindet (SST-14353).

Der wichtigste Maler der Manufaktur Wanzenried war Friedrich Ernst Frank (1862-1920), der 1878 als Lehrling in die Firma eingetreten und dort u.a. von Louis Sabin ausgebildet worden war. Frank fertigte zahlreiche Entwürfe und bemalte vor allem die ganz grossen heraldischen Platten sowie Teller mit den Kantonswappen.

War er zunächst stark dem Historismus verpflichtet wandte er sich unter dem Einfluss des bernischen Kunstgewerbelehrers Paul Wyss zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Jugendstil zu. Die Sammlung der SST besitzt zahlreiche hochqualitätvolle Stücke von Frank und verwahrt ausserdem aus Familienbesitz den grafischen Nachlass.
Im Gegensatz zu den „normalen“ Keramikmalerinnen oder Keramikmalern durfte Frank seine Keramiken zusätzlich zur Firmenmarke mit seinen Initialen versehen.

Es gibt von dieser Regel offenbar nur eine Ausnahme. Im frühen 19. Jahrhundert signierte sehr selten auch noch jemand mit den Buchstaben „AM“ (SST-04314, SST-05193).

Keramik der Ausmacherin oder des Produzenten „H“ (SST-10384, SST-04925, SST-034926, SST-12321, SST-12323, SST-12326).
In die Frühphase der Thuner Majolika gehören aber auch noch zwei andere Hersteller (oder Ausmacherinnen?), deren Identität bis heute unbekannt geblieben ist.

Sie signierten mit einem „H“ und einem „T“ und stellten nicht nur qualitätvolles Geschirr her sondern fertigten auch Puppen- bzw. Miniaturgeschirr (SST-10092).



Bei den ab 1883 von Johann Heinrich Schoch-Läderach zusammen mit Thuner Vedutenmalern für den touristischen Markt entwickelten Vedutentellern (Keramiktteller mit einer zentralen Vedute in Ölmalerei) besitzt die Stiftung Schloss Thun die weltweit grösste Sammlung mit einem hohen Anteil von den Malern und Malerinnen signierter Stücke. Vedutenteller wurden erstmals 1883 auf der Landesausstellung in Zürich gezeigt und lösten ein grosses Presseecho aus, da nicht klar war, ob sie zu Kunst oder Töpferei gezählt werden sollten. Schoch-Läderach wurde massiv angegriffen, da er als Zwischenhändler ausstellte und nicht als Produzent.

Schweiz, Kanton Bern, Heimberg-Steffisburg, Musée céramique, unter S. Mack, L. Hahn oder G. Beutter, um 1890-1907 (SST-04812).
Eine ungewöhnliche Variante, die vom Musée céramique vertrieben wurde, sind Vedutenteller mit plastischem Relief.

Teller Schweiz, Kanton Waadt, Nyon, Manufacture de poteries S. A., für Pflüger Frères et Cie (Lausanne), um 1878-1880 (SST-05192).
Aus der Manufacture de poteries S. A., für Pflüger Frères et Cie (Lausanne), verwahrt die Sammlung einen ganz besonders spannenden Teller, der belegt, dass sich nach der Weltausstellung in Paris auch andere Hersteller bewusst waren, dass die Thuner Majolika ein Geschäft zu werden versprach.

Vase mit Ziegenfüssen, signiert „GT“ (Gottfried Tschanz, SST-12275). Die Edelweiss verweisen auf eine Produktion nach 1883.

Vasenpaar mit Drachenreiter, signiert „GT“ und „Thun“ im Oval (SST-12999), aus Familienbesitz Tschanz.

Möglicherweise handelt es sich bei den beiden Platten (SST-12981, SST-12982), um Darstellungen von Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah und Kara Ben Nemsi. Beides sind Gestalten die sich im Orientzyklus, einer Serie von Romanen des Schriftstellers Karl May (1842-1912) finden. Die zugrundeliegenden Erzählungen erschienen, teils mit Unterbrechungen, zwischen 1881 und 1888 in der Zeitschrift «Deutscher Hausschatz in Wort und Bild» bei Friedrich Pustet in Regensburg. Die Erzählungen wurden ab 1892 in den Gesammelten Werken Karl Mays nachgedruckt. Sollte die Interpretation der Darstellung korrekt sein, so dürfte es sich um Keramik von Gottfried Tschanz, jun. (1859-1930) handeln. Aus Familienbesitz Tschanz.

Bierkanne und Humpen-Set, ohne Aussenglasur, wie es ab ca. 1885 kurzfristig Mode war, signiert „GT“ und „Thun“ im Oval (SST-13280).
Aus der Töpferei von Gottfried Tschanz (1859-1930) verwahrt die SST sicher den grössten bekannten und oft gemarkten Keramikbestand sowie einige Archivalien, die ebenfalls aus Familienbesitz stammen. Die weitverzweigte Hafnerfamilie Tschanz war mit verschiedenen Familienmitgliedern an der Produktion oft sehr spezieller Gefässe der Thuner Majolika beteiligt.

Die Werkstatt schuf auch Kopien von Wandbrunnen und anderen Gefässen nach Langnauer Vorbildern und verwendete dabei öfter eine grosse, ovale Blindmarke „Gottfr. Tschanz Hafner Heimberg“, die auch bei den grossen Figuren verwendet wurde (SST-13255).

Gottfried Tschanz fertigte auch plastische, halblebensgrosse Figuren und Gartenzwerge (SST-13027, SST-13028). Aus Familienbesitz Tschanz.

Ausserdem produzierte er gepresste Wandfliesen und fertigte für sich selbst einen Kachelofen (SST-13011, 13019). Aus Familienbesitz Tschanz.

Schweiz, Kanton Bern, Heimberg-Steffisburg, wohl Bernstrasse 310, um 1860-1900
Irdenware, aus mehreren gedrehten Teilen zusammengesetzte oder frei modellierte Figur des Wilhelm Tell und seines Sohnes Walterli aktuell mit Ölfarben kaltbemalt. Kauf von R. Amstutz, Heimberg, 1960.
Zu den herausragenden und singulären Einzelstücken der Sammlung gehört die Figurengruppe Wilhelm Tell und Walterli. Rudolf Amstutz war seit 1932 der Besitzer der Töpferei Heimberg, Bernstrasse 310. Diese hatte er von Ernst Loder (1882-1958) erworben. Seit mindestens 1849 befanden sich auf der Liegenschaft zwei Hafnerwerkstätten, von denen zumeist eine regelhaft an namentlich nicht bekannte Hafner vermietet war. Laut Aussagen des Verkäufers wurde die Figur «1864 von dem aus dem Aargau zugewanderten Hafner K. Bercher» gefertigt. Sie stand angeblich als «Handwerkszeichen» zusammen mit dem Tellenknaben Walterli «in der Ründe der alten Töpferei». Während die Lokalisierung korrekt sein kann, gilt dies nicht für die Datierung und die Zuschreibung an den angeblich zugewanderten Töpfergesellen Karl Bercher. Karl Bercher wurde in Heimberg geboren und lebte von 1879 bis 1943. Er war der Sohn des Hafners Gottlieb Bercher (1837-1904) aus Reckingen AG, der 1859-1866 zunächst als Geselle bei Johann Fahrni und Niklaus Frei in Heimberg arbeitete und sich dann dort fest niederlies. Von 1880-1897 besass er die von ihm neu erbaute Töpferei Heimberg, Dornhaldestr. 33. Karl Bercher arbeitete ebenfalls als Hafner, wir wissen jedoch nicht, in welcher Töpferei. Stammt die Figur wirklich von Karl Bercher, so müsste sie wohl um 1900 datieren, stammt sie hingegen von seinem Vater Gottlieb, dann wäre eine Datierung in die Zeit 1860-1880 wahrscheinlicher. Das Problem von Datierung und Produzent kann nachträglich nicht gelöst werden.

Die Sammlung vermittelt auch einen guten Überblick über das keramische Werk von Cäsar Adolph Schmalz (1887–1966)und seinem Sohn Hans Schmaltz (1910-1972). Ihr Leben und Werk sind in einer Monographie gut aufgearbeitet (Marti/Straubhaar 2017).

Keramik der Firma Loder & Schweizer, 1919-1924.
Auch die Produkte der Nachfolger in der Manufaktur Wanzenried, Steffisburg – Lengacher, Loder&Schweizer, Schweizer, Schneider – sind gut in der Sammlung vertreten.

Keramik von Emil Lengacher, produziert in der ehemaligen Manufaktur Wanzenried, 1912-1914.
Keramik von Emil Lengacher, produziert in der ehemaligen Manufaktur Wanzenried für den Basar im „Dörfli“ auf der Landesausstellung Bern, 1914, zusätzlich signiert „HS“ 8heimatschutz).
Vor allem für die kurze Zeit von Emil Lengacher (1912-1914) gibt es aus Familienbesitz erstmals ein grosses und bedeutendes Objektspektrum.

Signierte Thuner Majolika aus der Töpferei bzw. dem Haushaltswarengeschäft von Max Leopold, Thun, um 1918-1925.
Wie ein „Thuner-Majolika“-Revival wirkt die Keramik des Thuner Haushaltswarengeschäfts Max Leopold, die mehrheitlich wohl zwischen 1918 und 1925 entstand.

Vasen der Keramikfabrik „Desa“, um 1920-1925.
Die Produkte des bernischen Jugendstils, des Art Deco und des Heimatstils sind durch eine umfangreiche Spezialsammlung zur Keramikfabrik „Desa“ und dem Vorgängerbetrieb Karl Loder-Eyer belegt.

Bäriswiler Teller, 1789 (SST-00666).

Tintengeschirr von Abraham Marti, in seiner Blankenburger Zeit entstanden, um 1758-1792 (SST-00677).

Langnauer Zuckerdose, Werkstatt 4, Hand 12 (Johannes Herrmann, 1775-1827), um 1800-1805 8SST-00678).
Daneben gibt es einen deutlich kleineren Anteil an Keramik aus Bäriswil Heege/Kistler/Thut 2011), Langnau (Heege/Kistler 2017) oder Blankenburg (Heege/Frey/Spycher u.a. 2023).

Model zur Herstellung von Änisbrötli oder Springerle aus der Hafnerei Stüdlin in Lohn SH (SST-00669, SST-00668, SST-00979, SST-00975).
Immerhin 35 Datensätze vertreten auch eine sehr schöne Serie an Gebäckmodeln aus Lohn SH.
Fayence

Breitrandteller, Winterthur (SST-01234), um 1630-1700 (SST-01234).
Nur 116 Datensätze der Sammlung wurden der Fayence zugeordnet. Die Fayencegruppe zerfällt in zwei grössere Gruppen. Viele der Stücke gehören zum Altbestand des Museums, für den es meist keine Kontext- oder Herkunftsinformationen gibt.

Fayence-Fälschung im Stil von Deruta/Italien. Manufaktur Fleischmann, Nürnberg, um 1867-1875 (SST-02342).
Darunter befinden sich Fayencen ganz unterschiedlicher Herkunft, z.B. aus Winterthur, Zollikon, Hanau, Nürnberg, Ansbach, Niderviller, Ostfrankreich, Strassburg, Matzendorf und Kilchberg-Schooren sowie eine Fälschung aus der Manufaktur Fleischmann aus Nürnberg.

Fayencemanufaktur La Villa du Rond bei Bonnétable, Frankreich, Pays de la Loire, Dép. Sarthe, um 1880-1900. Alle Stücke mit der falschen „Z-Marke“ von Kilchberg-Schooren und schweizerischen Trachtenbildern, um 1880-1900 (SST-02265 – SST-02268).
Das Vorhandensein von Z-gemarkten Fälschungen aus der Fayencemanufaktur La Villa du Rond bei Bonnétable, Frankreich, Pays de la Loire, Dép. Sarthe (um 1880-1900) führte zu einer vertieften Studie (Heege/Tribolet/Hörack 2025). Diese Stücke mit schweizerischen Trachtenmotiven oder gehören demnach eindeutig zur Tourismus-Keramik und können nicht mehr der Zürcher Porzellanmanufaktur in Kilchberg-Schooren zugeschrieben werden.

Keramik der Desa, Steffisburg im Stil des Art Deco, teilweise mit Fayenceglasur, ca. 1925-1933.
Die zweite grössere Gruppe der Fayencen stammt aus der Produktion der Keramikfabrik „Desa“ in Steffisburg.
Dünnglasierte Fayence
Dünnglasierte Fayence, die sich mit vier Exemplaren in der Sammlung befindet, ist eine typische Keramikvariante der Deutschschweiz der zweiten Hälfte des 17. und des frühen 18. Jahrhunderts. Der genaue Produktionsort ist bislang unbekannt, dürfte jedoch entweder im Kanton Solothurn oder im Jura (ehemals Fürstbistum Basel) liegen, da die Fundverbreitung auch bis in die Region Lörrach streut. Das späteste Stück (um 1725-1740) dürfte die nur noch blau bemalte Bügelkanne mit aussenliegender Ausgussröhre sein. Das älteste Stück von 1686 war einmal eine Stegkanne.


Dünnglasierte Fayence aus der Sammlung der SST (SST-00621, SST-01228, SST-01231, SST-02372).
Steingut
Steingut ist mit immerhin 129 Datensätzen in der Sammlung und sehr variablen, schweizerischen, deutschen, französischen, englischen und sogar italienischen Herkünften vertreten. Die Stücke gehören oft zum Altbestand des Museums für den die Herkunft unklar ist. Ein grösserer Teil kam auch erst in jüngster Zeit als Geschenk von Doris Arm-Hinderling aus der Sammlung Hans Arm, Bern in die Stiftung Schloss Thun.

Nyon, Manufaktur Bonnard & Gonin, um 1859-1860 (Teil einer Motivserie SST-14676-14681).
Aus der Steingut der Schweiz findet sich aus Kilchberg-Schooren, Carouge, Nyon, Schaffhausen und von der Desa in Steffisburg.

Im deutschen Saarland, Mettlach bzw. Wallerfangen, wurde , um 1840-1845 ein Service der Firma Villeroy & Boch gefertigt. Weitere Herstellungsorte sind Hornberg, Schramberg, Zell am Harmersbach bzw. Schlierbach bei Wächtersbach.

Frankreich, Hauts-de-France; Dép. Oise, Creil, Creil, Manufaktur, um 1819-1825 (SST-14665).
Aus Frankreich lassen sich, wie so oft in der Schweiz die Herstellungsorte Creil, Montereau und Lunéville belegen.

England, Staffordshire, Stoke-on-Trent, Etruria, Wedgwood, Manufaktur, um 1780-1800
Steingut (creamware) in Gipsform gegossen (SST-02327).
Aus England ist mit Wedgwood der Marktführer aus Stoke-on-Trent mit einer sehr schönen Terrine vertreten, die man sich gut in einem gehobenen bürgerlichen Haushalt Thuns der zeit um 1800 vorstellen könnte.

Italien, Lombardei, Campione d’Italia, Cooperativa Bezzola um 1850-1900 (SST-02282).
Der Steingutteller mit blauem Umdruckdekor aus Italien wurde um 1850-1900 in der Lombardei in Campione d’Italia, von der Cooperativa Bezzola gefertigt.
Steinzeug
Der Bestand an Steinzeug ist mit nur 19 Datensätzen sehr überschaubar und zugleich sehr inhomogen zusammengesetzt.

Kanne, Frankreich, Hauts-de-France; Dép. Oise, Beauvais, Region um 1800-1900 (SST-09455).
Erstaunlich ist das Vorkommen einer Kanne, die wohl aus Frankreich, aus der Region Beauvais stammt und 1916 von der Thuner Familie Liebi-Knechtenhofer dem Museum geschenkt wurde.

Kugelbauchkrug und Steinzeughumpen, Steinzeug „Westerwälder Art“ aus Rheinland-Pfalz/Westerwald, um 1650-1680 bzw. um 1690-1720 (SST-02343, SST-03180).
Ein Steinzeughumpen und ein Kugelbauchkrug stammen als Geschenk aus dem Besitz des Verschönerungsvereins Thun., sodass man sich vorstellen kann, dass die Objekte tatsächlich ursprünglich in Thuner Haushalten oder Wirtschaften benutzt wurden. Im Dezember 1869 wurde der Einwohnerverein Thun gegründet (Gründungsdatum: Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 8. Juni 1874). Der Einwohnerverein war ab 1887 auch Mitinitiator des Museums. Er wurde1901 in Verschönerungsverein Thun umbenannt (Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland, Band 25, Nummer 109, 9. Mai 1901).
Porzellan

Porzellanobjekte sind in der Sammlung mit 102 Datensätzen vertreten. Die Zusammensetzung – Apothekenporzellan, Puppengeschirr, Hotelporzellan, lokal in Haushaltswarengeschäften Aufglasur-dekoriertes Geschirr – zeigt keine wirklichen Besonderheiten.
Bibliographie:
Alle Jahrgänge Jahresbericht Schloss Thun
Armand Baeriswyl 2016
Das Schloss Thun und der grosse Turm – vom zähringischen «Donjon» zum bernischen Kornhaus. Zum Stand der Erkenntnisse nach zwanzig Jahren Forschung.
Mittelalter. Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins Heft 1, 2016.
Armand Baeriswyl 2019
Der zähringische grosse Turm im Schloss Thun (CH) – Ein Saalbau in Turmform? In: Guido von Büren und Michael Goer (Hrsg., im Auftrag der Wartburg-Gesellschaft),
Burgen, Schlösser, Häuser. Festschrift für G. Ulrich Grossmann zum 65. Geburtstag. Petersberg 2019, 12-19.
Armand Baeriswyl – Heinz Kellenberger 2015
Thun, Schloss, Der zähringische «Donjon» der Zeit um 1200.
Archäologie Bern 2015, Jahrbuch des ADB 2015, 102-104.
Buchs 1961
Hermann Buchs, Über die Anfänge der Töpferei in Heimberg und deren Eigenständigkeit, in: Jahresbericht Historisches Museum Schloß Thun, 1961, 5-12.
Buchs 1970
Hermann Buchs, Ein Heimberger Tröckneofen, in: Historisches Museum Schloss Thun, 1970, 4-17.
Buchs 1980
Hermann Buchs, Die Thuner Majolika des Johannes Wanzenried und des Zeichners Friedrich Ernst Frank, in: Jahresbericht Historisches Museum Schloss Thun, 1980, 5-43.
Buchs 1988
Hermann Buchs, Vom Heimberger Geschirr zur Thuner Majolika, Thun 1988.
Buchs 1995
Hermann Buchs, Das Hafnergewerbe im Heimberg, in: Einwohnergemeinde Heimberg (Hrsg.), 850 Jahre Heimberg 1146-1996, Heimberg 1995, 50-60.
Frank/Heege 2025
Georg Frank/Andreas Heege, Die Kunsttöpferei Kappeler in Steffisburg-Glockenthal. Mit einem Exkurs zum Genfer Keramikmaler Louis Sabin (1831-1895). Keramik-Freunde der Schweiz Revue 140, 2025, 169-193.
Heege 2010
Andreas Heege, Ein Tintengeschirr aus der Produktion von Abraham Marti, Blankenburg, in: Schlossmuseum Thun 2009, 2010, 74-77.
Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011.
Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.
Heege/Frey/Spycher u.a. 2023
Andreas Heege/Jonathan Frey/Alfred Spycher u.a., Keramik aus Blankenburg, Abraham Marti (1718–1792), ein bernischer Landhafner, Bd. 16 (Schriften des Bernischen Historischen Museums), Bern 2023.
Heege/Tribolet/Hörack 2025
Andreas Heege/Pierre-Yves Tribolet/Christian Hörack, Gefälschte Fayencen aus Kilchberg-Schooren – Des Rätsels Lösung!? Keramik-Freunde der Schweiz Revue 140, 2025, 7-73.
Keller 1938
Hans Gustav Keller, Das historische Museum Schloss Thun 1887-1937, Thun 1938.
Kelterborn 2012
Hans Kelterborn, 1888–2013: 125 Jahre Schlossmuseum Thun, in: Historisches Museum Schloss Thun Jahresbericht, 2012, 29-35.
Küffer 1987
Peter Küffer, Historisches Museum Schloss Thun 1888-1988, in: Historisches Museum Schloss Thun Jahresbericht, 1987, 19-99.
Marti/Straubhaar 2017
Erich Marti/Beat Straubhaar, C.A. Schmalz 1887-1966. Leben und Werk mit Pinsel, Stift und Lehm, Heimberg 2017.
Raselli-Nydegger 2015
Lilian Raselli-Nydegger, Der Schlossberg Thun – 5000 Jahre Geschichte, in: Jahresbericht Schloss Thun – Schlossmuseum, 2015, 30-37.
Schwab 1921
Fernand Schwab, Beitrag zur Geschichte der bernischen Geschirrindustrie Schweizer Industrie- und Handelsstudien 7 (Weinfelden/Konstanz 1921).