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Nufenen, Walserama (Stiftung Walserkultur)

Walserama
Stiftung Walserkultur
Alpstrasse 11
7437 Nufenen
Tel.: 081 6641402
E-Mail: stiftung-walserkultur@bluewin.ch
Besuch nur nach Voranmeldung

Keramik des Walseramas in CERAMICA CH

Die im Jahr 2016 gegründete Stiftung zur Wahrung der Walserkultur an der Bernhardinerstrasse hat sich in erster Linie die Rettung des Kulturerbes der Rheinwalder Walser, insbesondere der noch vorhandenen Objekte aus Haushalt, Stall und den verschiedenen Tätigkeiten zur Aufgabe gemacht. In einer weiteren Phase werden diese geretteten Artefakte ausgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht . Zu diesem Zweck konnte die Stiftung den historischen Bünlastall in Nufenen (alte Suste erbaut ca. 1680-1700) erwerben und sanieren. Hier wird momentan die Sammlung, die aus Objekten der Region Hinterrhein/Rheinwald besteht, auf Wunsch Einzelpersonen oder Gruppen gezeigt.

Aus dem etwas umfangreicheren Sammlungsbestand der Stiftung wurden 63 Keramikobjekte ausgewählt und dokumentiert (14 Irdenware, 5 Fayence, 27 Steingut, 12  Steinzeug und 5 Porzellan). Alle diese Objekte stammen aus dem Verbrauchermilieu der Region Hinterrhein/Rheinwald, die, wie die übrigen Talschaften Graubündens, in der Regel durch Hausierer oder Säumer mit Haushaltskeramik versorgt wurde. Die Keramik wurde ausserhalb des Kantons oder sogar im Ausland produziert. Lokal hergestellte Keramik gibt es nicht. Bündnerische Keramik aus St. Antönien oder Bugnei fehlt erklärlicherweise aufgrund der Distanzen. Das vorhandene Keramikspektrum des Walseramas deckt sich mit wenigen Ausnahmen ansonsten sehr gut mit den Vorstellungen, was man in einer so jungen Museumsgründung in Graubünden an Keramik erwarten kann. Es sind Exponate aus quasi allen  nach Graubünden exportierenden Herstellungsregionen vertreten.

Hierzu gehören Schüsseln mit scharfkantigem Kragenrand und Henkeltöpfe mit charakteristischem Horizontalstreifendekor aus der Region Berneck SG. Sie dürften in die Zeit zwischen etwa 1870 und 1920 gehören.

Selbstverständlich ist auch manganglasiertes Geschirr mit den charakteristischen Kaffeekannen und Suppenschüsseln vertreten, wobei zwei Kaffeekannen, aufgrund der Blindmarken  aus der Tonwarenfabrik Aedermannsdorf SO stammen und zu den jüngsten Produkten dieser Keramikgattung gehören (um 1935-1950).

Importe aus der Region des Genfersees sind ebenfalls vorhanden. Man erkennt sie regelhaft an der hellgelben Glasur über der weissen Grundengobe und den charakteristischen Formen. Im Kanton Graubünden sind vor allem die zylindrischen Henkeltöpfe (Milchtöpfe) beliebt, aber auch zylindrische Vorratsgefässe (Einmachtöpfe) vorhanden. Die Masse dieser Objekte scheint aus der Zeit um 1900 bzw. dem frühen 20. Jahrhundert zu stammen.

Jüngere Henkeltöpfe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind auch vorhanden. Der Henkeltopf mit den braunen Horizontalstreifen lässt sich stilistisch der Töpferei Otto Dünner (ab 1904 oder 1909?) oder der Tonwarenfabrik Dünner AG (ab 1938 bis 1999) aus Kradolf-Schönenberg im Kanton Thurgau zuordnen (Heege 2016, 100-101). Keramik dieser Töpferei fand sich verschiedentlich in Graubünden (MRS_1986.6039, MTS_2020-12, MVO_2041_V587, NH-KL_NH_ohneInv_01, OMS_44). Es gibt auch Vergleichsobjekte im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich (SNM LM-71489) und in der Ortsgeschichtlichen Sammlung Berneck (Inv. 2010-1587).

Der rosafarbige Milchtopf mit dem schablonierten und aufgespritzten Blumendekor gehört in eine in Graubünden häufige, aber immer ungemarkte Keramikgruppe der 1920er-1950er-Jahre. deren Produktionsort unbekannt ist. Möglicherweise wurde diese Ware vor allem über Versandhauskataloge (z. B. Jelmoli, Zürich) vertrieben.

Eine bunte Jugendstilkanne stammt aus dem Kanton Bern und wurde wohl zwischen 1916 und 1920 in der „DESA“ in Steffisburg hergestellt.

Eine kleine Schnapsflasche (Stöpsel fehlt) wurde um 1935/1936 in der Luzerner Keramik unter Emil Loder hergestellt. Als Dekoration zeigt sie Bauerntanzszenen nach Renaissancevorbildern.

Zwei weitere Irdenwareobjekte finden auch andernorts in Graubünden Parallelen:

Aus der Keramikfabrik Heinrich Landert in Embrach im Kanton Zürich stammt ein patentierter Milchentrahmer, der vermutlich für eher kleinere Haushaltsmengen gedacht war.

Eine typische, innen weiss engobierte Schüssel wurde durch die Firma Chapuis & Cie. in Bonfol im Kanton Jura hergestellt.

Die wenigen vorhandenen Fayencen spiegeln ebenfalls die Situation im übrigen Graubünden.

Überraschend ist allein die Tatsache, dass das älteste Stück der Sammlung (ca.  1700-1750?) ein unverzierter Fayence- Breitrandteller ist. Identische Formen im Rätischen Museum tragen ansonsten als Auftragsarbeiten die Wappen reicher Bündner Familien (von Salis, von Planta: z.B. RMC_H1971.501, RMC_H1971.1103, RMC_H1971.1105).

Eine schöne, bunt bemalte Schüssel gehört zu einem charakteristischen Gefässtyp, der sowohl im Rätischen Museum , als auch in zahlreichen Museums- und Privatsammlungen in Graubünden (ME-STM 0362, ME-STM 0364, ME-STM 0365, ME-STM 3363, HMP 2230, 2074, 2199) vertreten ist und für den ausserhalb Graubündens bislang der Nachweis fehlt. Momentan gehen wir davon aus, dass dieser Schüsseltyp an zahlreichen Orten in der Lombardei und im Piemont (u.a. Pavia, Lodi, Cunardo und Premia) zwischen etwa 1750 und 1850 gefertigt worden sein kann (Novasconi/Ferrari/Corvi 1964; Martelli/Bianchetti/Volorio 2003, 94-98; Salsi 2001, Kat. 204; auch Musei Civici die Pavia Inv. H185, H191, H194, H195), doch fehlen offenbar umfangreichere italienische Studien zum Thema. Warum gerade dieser Schüsseltyp in Graubünden so beliebt war und wer ihn importierte (Direktimport durch Säumer?), entzieht sich unserer Kenntnis.

Aus der Fayenceproduktion des Kantons Zürich in Kilchberg-Schooren liegt ein Teller mit Schuppenrand vor. Da der zentrale Spruch „Der Freundschaft geweiht“ mit einer Schablone aufgemalt wurde, können wir wohl von einer Datierung um die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgehen. Leider sind nur wenige Kilchberg-Schooren-Fayencen datiert, sodass uns immer noch ein verlässliches Gerüst für die Datierung der Dekorentwicklung fehlt (vgl. zuletzt Ducret 2021).

Selbstverständlich dürfen Fayence-„Boccalini“ wohl aus italienischer Produktion der zweiten Hälfte oder des späten 19. Jahrhunderts nicht fehlen. Auch hier ist der exakte Hersteller unbekannt. Parallelen sind u.a. aus dem Puschlav und dem Engadin bekannt (KM-SMP_024, CPS_0054).

Erstaunlicherweise hat sich auch die Werkstatt von Heinrich Meister und Gertrud Meister-Zingg in Dübendorf-Stettbach bei Zürich in der Zeit des Zweiten Weltkrieges oder kurz danach mit der Produktion dieser Gefässform befasst.

Beim Steingut sind, wie üblich,  zahlreiche europäische Hersteller vertreten, darunter auch solche aus der Schweiz.

Hervorzuheben ist ein zylindrischer Henkeltopf (Milchtopf) mit Deckel aus der Zeit um 1850-1860, dessen Form sich auch im Musterbuch der Manufaktur Scheller in Kilchberg-Schooren unter Nr. 18 findet. Der blaue, immer leicht verlaufen wirkende Umdruckdekor „Rosen“, ist für die Scheller’sche Manufaktur auch andernorts zahlreicher belegt (Ducret 2007, 89-90 Abb. 300-303).

Möglicherweise stammt auch eine ungemarkte Ohrenschale mit Schwämmeldekor aus Kilchberg-Schooren.

Die Ziegler’sche Tonwarenfabrik in Schaffhausen ist mit einer kleinen, gemarkten Terrine vertreten, die wohl bald nach 1876 entstanden sein dürfte (Ziegler-Keramik 2003, 27).

Ein weiterer Teller mit Pinsel- und Schablonendekor entstand vermutlich erst in der Zeit um 1940-1950. Er trägt einen Teil des „Unser Vater“-Gebetes „Unser täglich Brot gib uns heute“, was in dieser Zeit sehr typisch ist.

Blumenmalereien auf Steingutgeschirr waren auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer noch beliebt und wurden von unterschiedlichen Herstellern produziert. Im vorliegenden Fall handelt es sich um einen Teller aus der Manufacture de poteries fines de Nyon S. A., der zwischen etwa 1940 und 1950 entstanden sein dürfte (vgl. HMO.8249). Im Prinzip setzt dieser Teller die Motivtraditionen fort, die schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts in Kilchberg-Schooren begannen und vor allem auch charakteristisch für die süddeutschen Steingutmanufakturen waren.

Zwei ungemarkte Teller dürften um 1850-1860 in Zell am Harmersbach entstanden sein (vgl. HMD_SaPa_109, ME-STM 1137, 1138, 1468, 1470, alle gemarkt ZELL), jedoch lassen sich Teller aus Kilchberg-Schooren davon nur schlecht unterscheiden (vgl. auch Ducret 2007).

Ebenfalls in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört eine Ohrenschale mit schwarzem Umdruckdekor, die bei Utzschneider und Cie. im französischen Sarreguemines entstand.

Zahlreich belegt sind die typischen Hygiene- und Waschgeschirre des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Meist handelt es sich um die Produkte grosser deutscher oder französischer Hersteller, wie Villeroy & Boch in Mettlach oder Wallerfangen.

Gut vertreten sind aber auch die mitteldeutschen Werke in Elsterwerda oder Colditz mit ihren typischen, grossen Formnamen, die als Blindmarke mitgegossen wurden.

Eine besonders schöne Jugenstil-Waschschüssel wurde in der Steingutfabrik von Franz Anton Mehlem in Poppelsdorf bei Bonn hergestellt.

Zwei weitere Steingutobjekte stammen aus der Steingutfabrik im hessischen Wächtersbach bzw. der Schramberger Majolika-Fabrik im württembergischen Schramberg. Sie datieren ebenfalls in das frühe 20. Jahrhundert.

Graues und kobaltblau bemaltes Steinzeug „Westerwälder Art“ ist mit typischen Vorratsgefässen und Mostkannen vertreten.

Doppelhenkeltöpfe dieser Form wurden im 18. Jahrhundert entwickelt und bis ins 20. Jahrhundert kontinuierlich produziert. Jüngere Töpfe sind zylindrisch. Eingestempelte Litermarken unter einem Henkel verweisen auf eine Produktion im 20. Jahrhundert. Die in der Schweiz verwendeten Töpfe können aus dem elsässischen Oberbetschdorf stammen oder wurden aus dem deutschen Westerwald importiert. Da sie wasserdicht und chemisch stabil sind, eignen sie sich besonders gut für die Einlagerung von Sauerkraut oder anderem saurem Gemüse, für Butterschmalz oder die mehrmonatige Konservierung von Eiern mit Hilfe von Wasserglas (wasserlösliche glasartige, also amorphe, nicht-kristalline Alkalisilikate, Verbindungen mit der Zusammensetzung M2O · n SiO2 mit n = 1 bis 4), was auf der Innenseite der Gefässe charakteristische weisse, steinartig harte Spuren hinterlässt.

Wasserglas wurde u.a. in Apotheken und Drogerien unter dem Namen Garantol verhandelt.

Schenkkannen mit einfachem Ritz- oder Pinseldekor sind quasi nicht genauer datierbar. Sie wurden noch bis weit ins 20. Jahrhundert in identischer Form und Dekoration hergestellt (Dippold/Zühlcke/Scheja 2008, 491-507).

Aus der Sammlung des Walseramas wurde nur wenig Porzellan aufgenommen, da die vorhandenen Stücke meist ungemarkt sind oder erst nach 1950 angefertigt wurden. Es gibt davon nur wenige Ausnahmen.

      

Dabei handelt e sich z.B. um zwei japanische Porzellan-Teller aus Kutani, Kaga Provinz, die wohl im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gefertigt wurden. Sie stammen aus dem Besitz von Dr. Andreas Trepp aus Nufenen „Haus Gruaba“ (27.10.1887-30.08.1945), der als Tuberkulosearzt seit 1931 Direktor des Quezon Instituts bei Manila und Leibarzt von Manuel L. Quezon, dem ersten Präsidenten der Philippinen, war (gestorben 1.8.1944). Er floh mit Quezon während der Eroberung der Philippinen durch Japan via Australien in die USA, wo er 1942 ankam. Möglicherweise stellen die Teller ein früheres Reisemitbringsel oder ein Geschenk an Dr. Trepps Eltern in Nufenen dar.

Wesentlich profaner ist eine Suppenterrine aus bayerischem Porzellan, die in die Zeit zwischen 1930 und 1950 datiert werden kann.

Den Abschluss bilden eine Sauciere und eine ovale Platte mit Aufglasur-Druckdekor. Die beiden wurden 1942 und 1950 gerfertigt.

Dank

Die CERAMICA-Stiftung dankt den Mitarbeitern des Walseramas, vor allem aber J.F. Tschopp, sehr herzlich für die freundliche und interessierte Unterstützung der Inventarisationsarbeiten.

Bibliographie:

Dippold/Zühlcke/Scheja 2008
Christine Dippold/Sabine Zühlcke/Dagmar Scheja, Westerwälder Gebrauchsgeschirr von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre. Teil 1: Texte und Firmenverzeichnis. Teil 2: Katalog der Gefässe und Nachdrucke ausgewählter Warenverzeichnisse, Nürnberg 2008.

Ducret 2007
Peter Ducret, Bedrucktes Steingut aus der Manufaktur Scheller in Kilchberg, in: Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt Nr. 119/120, 2007.

Ducret 2021
Peter Ducret, Seltene Dekore auf Fayencen der Manufaktur Nägeli in Kilchberg, in: Revue Keramikfreunde der Schweiz 136, 2021, 51-82.

Heege 2016
Andreas Heege, Die Ausgrabungen auf dem Kirchhügel von Bendern, Gemeinde Gamprin, Fürstentum Liechtenstein. Bd. 2: Geschirrkeramik 12. bis 20. Jahrhundert, Vaduz 2016.

Martelli/Bianchetti/Volorio 2003
Alessandro Martelli/Gianfranco Bianchetti/Paolo Volorio, La manifattura delle ceramiche di Premia (1808–1862), Villadossola 2003.

Novasconi/Ferrari/Corvi 1964
Armando Novasconi/Severo Ferrari/Socrate Corvi, La ceramica Lodigiana, Lodi 1964.

Salsi 2001
Claudio Salsi, Museo d’Arti Applicate – Le ceramiche, Tomo secondo, Milano 2001.

Ziegler-Keramik 1993
Museum zu Allerheiligen (Hrsg.), Ziegler-Keramik. Ziegler’sche Thonwarenfabrik AG Schaffhausen (1828-1973), Schaffhausen 1993.

Poschiavo, Klostermuseum Santa Maria Presentata (KM-SMP)

Vecchio Monastero di Santa Maria Presentata
Via dal Cunvent 45
7742 Poschiavo

Hinweis: Das Klostermuseum ist keine öffentliche Einrichtung! Es hat keine festen Öffnungszeiten. Es kann nur sehr eingeschränkt auf telefonische Nachfrage im Rahmen der Möglichkeiten der klösterlichen Gemeinschaft  im Rahmen einer Führung besichtigt werden (Einzelpersonen oder sehr kleine Gruppen).

Kontakt:
Nuovo Monastero Santa Maria
Via Santa Maria 23
7742 Poschiavo
081 844 0204
convento.biblioteca@bluewin.ch

Keramik des Klostermuseums in CERAMICA CH

Andreas Heege, 2019

„Un piccolo museo nel vecchio monastero di Poschiavo – Ein Kleines Museum im alten Kloster von Poschiavo“ so ist eine kleine Museumsschrift betitelt, die in die Geschichte des Klosters und seiner Sammlungen einführt. Das Alte Kloster wurde 1629 von Paolo Beccaria, Pfarrer der katholischen Pfarrei von Poschiavo, im Borgo von Poschiavo gegründet. Es folgte zunächst der Regel der Ursulinen. 1684 nahm die Klostergemeinschaft offiziell die Augustinerregel an und gab dem Kloster den bis heute gültigen Namen. 1856 wird die Klausur der Nonnen aufgehoben und im 20. Jahrhundert  erweiterten diese ihr Tätigkeitsfeld im Bereich der sozialen Dienste im Tal. Ab 1918 führen sie ein kleines Spital in La Rasiga. 1925 wird das Kloster der Augustinerinnen eine Kongregation mit diözesanem Recht. 1927 wird auf dem Klosterareal eine Schule eingerichtet und 1929 das Spital San Sisto  eingeweiht. Wegen schwieriger baulicher Zustände wurde zwischen 1969 und 1972 ein neues Kloster knapp ausserhalb des Ortes errichtet. Das „Vecchio Monastero“ wurde vorbildlich saniert und im Jahr 2000 als Zentrum für Spiritualität, Ökumene und Kultur eingeweiht. Im Dachstock wurde ein kleines Klostermuseum eingerichtet, das vom Klosterleben vor allem des 18. bis 20. Jahrhunderts erzählt. Unter den ausgestellten Objekten aus dem Besitz der Klostergemeinschaft befinden sich auch etwas über 60 Keramikobjekte.

Die erhaltene Keramik der Museumssammlung spiegelt die geographische Einbindung und Geschichte des Klosters genauso wie die Lebensverhältnisse  der Klosterschwestern. Da viele Schwestern aus dem Veltlin kamen, erstaunt die Anzahl vorhandener italienischer Fayencen ab der Zeit um 1600 und vor allem der Boccalini  für den Veltliner Wein nicht. Beim Küchen- und Tischgeschirr dominiert in der Sammlung das Kochgeschirr aus Metall und Lavez neben Essgeschirr aus Holz, Blech und Zinn. Keramik hat nur einen kleinen Anteil.

Unerwartet umfangreich ist das Vorratsgeschirr aus Steinzeug „Westerwälder Art“. Wie in der Sammlung des Museo Poschiavino und der Casa Thomé, zeigt sich auch hier, dass der Massenimport der Doppelhenkeltöpfe offenbar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt. Die Masse der Töpfe in Grössen zwischen 1 1/2 und 16 Litern dürfte jedoch aus der Zeit zwischen den Weltkriegen stammen. Im Puschlav lagerte man in den Töpfen normalerweise Schweine- oder Butterschmalz oder legte Soleier ein.  Bei den grossen Schüsseln (Teigschüsseln?) aus Irdenware sind nur junge Exemplare aus den den 1920er- bis 1940er-Jahren vertreten.

Das wenige und meist einfache Tischgeschirr aus Steingut hat variable  Produktionsorte im deutschen, schweizerischen italienischen und französischen Raum. Auffällig ist die grosse Varianz der Hersteller auch bei den Nachttöpfen und dem Waschgeschirr aus Steingut der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hierin spiegelt sich die Tatsache, dass Schwestern, die in das Kloster eintreten wollten, in der Regel ihre eigene Zellenausstattung  und eine Art Mitgift in das Kloster einbringen mussten.

Herausragendes Einzelstück der 1920er-Jahre ist  ein  Exemplar von „Schwabenlands Original-Kaffee-Apparat“, einer keramischen Warmhaltevorrichtung für 10 Liter Kaffee. Die Vertriebsfirma aus Mannheim gehörte im Deutschen Reich zu den kaiserlichen Hoflieferanten und hatte auch eine Verkaufsstelle in Zürich.

Bibliographie:

Carigiet 2000
Augustin Carigiet, Die Vorgängerbauten im alten Frauenkloster von Poschiavo, in: Jahresberichte des Archäologischen Dienstes Graubünden und der Denkmalpflege Graubünden 1999, 2000, 86-89.

Giuliani 1979
Sergio Giuliani, Il vecchio monastero di Poschiavo. 350 anni storia, in: Almanacco del Grigioni Italiano, 1979, 202-204.

Papacella 2001
Daniele Papacella, All’origine del convento poschiavino di Santa Maria Presentata, in: Bollettino Società Storica Val Poschiavo 5, 2001, 5-16.

Poschiavo, Museo Poschiavino (MPO) mit Casa Tomé (MPO-CT)

Palazzo de Bassus Mengotti
Via da Spultri 270
7742 Poschiavo
081 834 10 20
info@museoposchiavino.ch

Keramik des Museo Poschiavino in CERAMICA CH

Das Talmuseum im Palazzo de Bassus-Mengotti sammelt und stellt die Zeugnisse der vielfältigen Geschichte, Kultur, Kunst und sozialen Verhältnisse der Vergangenheit des Puschlavs aus. Damit soll verhindert werden, dass diese in Vergessenheit gerät und ihr ein würdiger Platz in der künftigen Erinnerung geschaffen werden. Das Tal war stets für Einflüsse sowohl von Norden als auch von Süden offen.

Das Puschlav ist eines der italienischsprachigen Südtäler im Kanton Graubünden. Vom Oberengadin aus erreicht man es über den Berninapass, vom heute italienischen, bis 1797 bündnerischen Veltlin über das im äussersten Süden des Tales gelegene Campocologno. Einen Zugang gibt es auch vom italienischen Livigno über die Fuorcola di Livigno. Entsprechend der Topographie bildete das Tal immer eine wichtige Verbindung zwischen dem italienischsprachigen Süden und dem rätoromanischen oder deutschsprachigen Graubünden im Norden.

Zwischen etwa 1100 und 1300 übten die Herren von Mazzo-Venosta die Herrschaftsrechte über das Tal aus. Als Lehensträger der Bischöfe von Chur übernahmen sie 1284 die Hochgerichtsbarkeit, während die Stadt Como die Niedergerichtsbarkeit ausübte und einen Stadthalter einsetzte. Bereits im Jahr 1408 unterstellten sich die Talbewohner der Gerichtshoheit des Bischofs von Chur und traten dem Gotteshausbund bei. Die Eroberung des Veltlins durch die Bündner im Jahr 1512 machte das Puschlav zu einem wichtigen Durchgangsort für den Handel und den Weintransport. Nach der Reformation prägten bis ins 20. Jahrhundert starke Gegensätze zwischen einer örtlichen katholischen Landbevölkerung und im Hauptort Poschiavo konzentrierten reformierten Familien die Lebenswelt im Puschlav. Die Auswanderung, vor allem als international tätige Zuckerbäcker, verhalf im 19. Jh. vielen reformierten Familien zu einem beachtlichen Wohlstand.  Diese Minderheit war aus konfessionellen Gründen enger mit den protestantischen Tälern Nordbündens verbunden. Erst mit dem Bau der Strasse über den Berninapass (1842-1865) und dem Bau der Berninabahn (1908-1910) öffnete sich das Tal den modernen Handelsströmen und dem Tourismus.

Das Museo Poschiavino wurde am 2. April 1950 von der Sektion Poschiavo der Vereinigung Pro Grigioni Italiano gegründet, mit der Absicht, die Talbevölkerung für ihr vielfältiges Kulturgut zu sensibilisieren und Dokumente und Gegenstände betreffend Leben, Arbeit und Auswanderung der lokalen Bevölkerung zu sammeln. Ab 1953 fand die immer grössere Sammlung in drei Räumen im Erdgeschoss des Gemeindehauses ihren Platz. 1971 wurde die einfache Gesellschaft des Museo Poschiavino in eine Stiftung umgewandelt, welche der Aufsicht des Kantons Graubünden untersteht. Ab 1976 befand sich die Sammlung provisorisch im Haus Olgiati, Plazola.

Der heutige Museumsstandort, der Palazzo de Bassus-Mengotti, konnte 1982 erworben und anschliessend renoviert und umgebaut werden. Der Palazzo wurde 1655 im Auftrag von Tommaso de Bassus gebaut und gelangte später in den Besitz der Familie Mengotti. Nachdem bis ins 19. Jahrhundert immer wieder wichtige Umbauten erfolgten, präsentiert er sich seit seiner Wiedereröffnung am 18. Mai 1985 als ein Gebäude von beachtenswertem künstlerischem und architektonischem Wert. Ein grosser Innenhof im Erdgeschoss, die Kapelle, schlichte, eingewölbte Korridore, gepflegte Stuben mit Holzverkleidungen und Kassettendecken, grosszügige Küchen mit Kaminen, ein Schlafzimmer und Badezimmer empfangen die Besucher in einer Umgebung, die den Wohnstil der wohlhabenden Puschlaver Familien der letzten Jahrhunderte widerspiegelt. Seit Ende September 2013 werden auch die kostbaren ethnologischen Sammlungen der Gemeinde Poschiavo (etruskische und indische Objekte) im Talmuseum gezeigt.

Das Museum hat noch einen weiteren Museumsstandort, die Casa Tomé (MPO-CT). Diese zählt zu den ältesten und besterhaltenen Bauernhäuser des Alpenraums (Jochum-Siccardi/Nay/Rutishauser 2011). Die Ursprünge des Hauses reichen bis ins Mittelalter zurück (Baudatum 1357/58 ). Das Haus befindet sich mitten im Ortskern von Poschiavo. Die Casa Tomé war bis 1992 von den Schwestern Luisa, Rosina, Ida und Marina Tomé bewohnt. Sie ist ein seltenes Zeugnis der bäuerlichen Kultur und eines tendenziell armen, zurückgezogenen Lebensstils, der nunmehr überholt ist. Sie ist weitgehend in ihrem Ursprungszustand erhalten geblieben, denn über Jahrhunderte gab es weder innen noch aussen grosse Veränderungen. Seit 1993 steht das Haus unter Denkmalschutz. 2002 wurde es von der Stiftung Ente Museo Poschiavino erworben. 2007 wurde es als zweiter Museumssitz nebst dem Palazzo de Bassus-Mengotti der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die beiden Museumsstandorte spiegeln jetzt die zwei Gesichter der Puschlaver Gesellschaft: Auf der einen Seite die bäuerliche Realität, die das Leben im Tal bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geprägt hat, und auf der anderen Seite die wenigen wohlhabenden Familien, die zur Gestaltung des politischen, sozialen und kulturellen Lebens im Valposchiavo beigetragen haben.

Aus dem Inventar des Museo Poschiavino wurden insgesamt 167 Keramiken dokumentiert, die ein erstaunlich vielfältiges, aber inhomogenes Bild bieten, das sich erst auf den zweiten Blick und mit kulturhistorischen Hintergrundinformationen besser erschliesst. Der Museumsbestand umfasst überwiegend Tafel- und Vorratsgeschirr. Kinderspielzeug aus Keramik (MPO  10039-01, MPO 10039-02, MPO 13107) und ein Musikinstrument (MPO 10003) eines Puschlaver Studenten in Heidelberg sind ebenfalls vertreten.

Erstaunlich sind (angesichts der geographischen Lage des Tales) das weitgehende Fehlen italienischer Keramik (MPO 10495 aus Albisola, Ligurien oder Vallauris, Südfrankreich?; vgl. MRS 1988.3330, MRS 1988.332, MRS 1988.342; MB 0597) oder Fayencen des 18. oder 19. Jahrhunderts, die Internationalität der Porzellane, des Steinguts und des Steinzeugs des 19. und 20. Jahrhunderts und die „Armut“ der vorhandenen Irdenwaren. Museal stehen der Keramik zahlreiche Geschirre aus anderen Materialien wie Holz, Blech oder Lavez  gegenüber. Diese spiegeln vermutlich weit eher die Lebensrealität der armen, katholischen Bauernfamilien des Puschlav im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Leider wird der kulturhistorische Wert eines kleineren Teils der Objekte durch fehlende Herkunftsangaben im Inventar etwas geschmälert, da immer wieder auch nicht mehr im Tal lebende Personen dem Museum Objekte geschenkt haben. Die tatsächliche lokale Nutzung z.B. der schönen Serie von Irdenware-Kaffeetassen (MPO 10312  – MPO 10319) des späten 19. Jahrhunderts aus der Deutschschweiz (Berneck SG oder Region Heimberg-Steffisburg BE), eines Milchtopfes mit Farbkörper in der Grundengobe (MPO 10865) oder einer süddeutschen Kaffeekanne  (MPO 10337, vgl. Heege 2016, 162-169, 222-223) kann daher zur Zeit nur angenommen werden.

Der Handel mit Keramik „Heimberger Art“ (aus der Region Berneck SG?) bis fast nach Italien kann jedoch anhand von zwei kleinen Terrinen gesichert werden, die aus einem Haushalt in Brusio stammen (MPO 15196 und 15197).

 

Manganglasiertes Geschirr, wie immer ohne Herstellermarken, ist ebenfalls mit Kaffeekannen, Kuchenformen und Kaffeeschalen vertreten (MPO 10341, 10398 – aus Brusio, 10400 – aus Brusio). Dies sind die üblichen, auch im sonstigen Graubünden weit verbreiteten Typen, wie sie z.B. auch die Museumssammlung des Rätischen Museums beinhaltet. Dagegen fanden sich zwei Schüsseln, die formal deutlich vom bisherigen Formenspektrum abweichen (MPO 10401, 10402). Sollte es sich hier um italienische Importe handeln?

Für zwei spritzdekorierte Irdenwaren (MPO  10338 und 14408) lässt sich, wie bei einem einfach verzierten Irdenwareteller (MPO  12370)  und einer ungewöhnlichen Schüssel (MPO 10393) der Herstellungsort leider ebenfalls nicht genauer festlegen. Bei der Schüssel ist aufgrund der Glasurfarbigkeit eine Herkunft aus der Genferseeregion bzw. dem Kanton Waadt nicht ganz auszuschliessen, jedoch gibt es ähnlich arbeitende Keramikbetriebe auch im übrigen Frankreich. Die drei letztgenannten Inventarnummern stammen aus einem Haushalt in Poschiavo.

Unter den Irdenwaren des 20. Jahrhunderts befinden sich auch zwei Gruppen, die ansonsten in Graubünden ebenfalls weit verbreitet sind. Im ersten Fall handelt es sich um sehr gut verarbeitete, vermutlich überdrehte und gegossene Ware, die man am ehesten in einer Keramikfabrik oder einem sehr grossen, quasi industriell arbeitenden Handwerksbetrieb erwarten würde. Charakteristischerweise ist bei den Tellern, Platten und Schüsseln immer auch der Boden glasiert, die Innenseite kann auch weiss engobiert sein und unterschiedliche Dekore tragen. Die vorliegenden Stücke tragen keine Herstellermarken (MPO 10403, MPO 14399 – aus Brusio). Bislang verweist nur eine einzige gemarkte Schüssel aus dem Rätischen Museum (RMC H1984.944) auf zumindest einen potentiellen Hersteller dieser Ware, die Firma Landert in Embrach ZH.

Die zweite Gruppe ist ebenfalls auf quasi industriellem Niveau gefertigt, doch scheint sie durchweg mit einer rosa- bis beigefarbigen Grundengobe versehen zu sein (MPO  15387 – aus Brusio, 18001 – aus Poschiavo, vgl. auch die Stücke aus der Casa Tomé). Auch hier ist die Qualität der Glasur gut. Es begegnen  typische Pinsel- oder Schablonendekore der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Abgesehen von Grössenzahlen fehlen jegliche Herstellermarken. Eine Herstellung in Deutschland oder der Schweiz ist wahrscheinlich.

Kaffee und alle sonstigen Getränke (auch Wein) trank man in einfachen Haushalten des Puschlav gerne aus Näpfen oder kleinen Kaffeeschalen aus Steingut oder Porzellan, wovon das Museum eine ganze Reihe verwahrt (MPO 10408, 10409, 10410, 15426 und 15433 – aus Brusio, 16633), darunter befinden sich erstmals auch solche aus Italien, jedoch gibt es auch Produkte aus Sarreguemines (Saargemünd, Utzschneider & Co.) oder aus der Porzellanfabrik Langenthal im Kanton Bern.  Aufgrund der Qualität der Keramik haben wir es auch hier mit einfacher, preiswerter Massenware zu tun, die regelhaft einzeln gekauft und genutzt wurde.

Das ist bei den wenigen vorhandenen Steinguttellern und sonstigen Gebrauchsobjekten nicht anders. Auch hier haben wir keine grösseren Serien, sondern wie in der Casa Tomé,  immer einzelne Stücke, die möglicherweise sogar als „second Hand“-Gebrauchsgegenstände den Weg auf die Bauernhöfe und später ins Museum fanden (MPO 10387 – Herstellung Mailand, MPO 10388 – Herstellung Limoges?, MPO 10389 – aus Poschiavo, Herstellung  wohl in England, MPO 10390 – Auftragsherstellung für einen Basler Grosshändler in England, MPO 10391 – Herstellung Mailand,  MPO 10392 und MPO 10923- Herstellung in Sarreguemines in Frankreich,  MPO 10450  und MPO 10924 – Herstellung in Möhlin im Kanton Aargau und MPO 18024  – Herstellung in Wallerfangen im Saarland).

Aus Brusio stammen dagegen zwei identische Teller der Ziegler’schen Tonwarenfabrik Schaffhausen (MPO 15316). Waren sie für den Wiederverkauf vorgesehen?

Anstelle der erwarteten zahlreichen Importe aus Italien über den direkt südlich gelegenen Marktort Tirano fand sich nur ein einziger Fayence-Boccalino (MPO 10311) im Museumsinventar. Er stammt aus einem Haushalt in Poschiavo.  Eine nur weiss glasierte Fayence-Bügelkanne mit tordiertem Tragebügel (MPO 10452) gibt Rätsel auf. Während die Form vielleicht noch knapp zu einer Herstellung in der Schweiz passen würde, gilt dies nicht für die Art der Glasur. Und formal scheint eine Herkunft aus Italien nicht möglich zu sein. Vermutlich müssen wir m 19. und frühen 20. Jahrhundert mit unbekannten, kleinen, nur kurzfristig bestehenden Regionaltöpfereien  (z.B. im Oberengadin bei Tarasp?) rechnen, deren Geschichte und Produktionsspektrum uns bisher weitgehend verborgen geblieben ist.

Beim Steinzeug dominieren im Puschlav und auch in der Museumssammlung die aus dem Westerwald oder dem Elsass importierten grauen, blaubemalten und salzglasierten Doppelhenkeltöpfe (Heege 2009, Abb. 2, 52, 54, 56). Diese wurden üblicherweise zur Lagerung von Butter- oder Schweineschmalz verwendet (MPO 15037 und  MPO 15405 – aus Brusio, MPO 19000). Sie tragen unter einem Henkel durchweg eingestempelte Literangaben, was bedeutet, dass sie überwiegend in der Zeit  nach dem 1. Weltkrieg in die Schweiz importiert wurden (Heege 2009, 53). Der Verdacht liegt nahe, dass der Massenimport dieser  sehr funktionalen, aber auch schweren Keramiken erst sinnvoll mit der Eisenbahn , d.h. nach ca. 1910 realisiert werden konnte.

Zum Steinzeug gehört auch eine einzelne,  gepresste Flasche des Heilwassers aus dem Brunnen von Oberselters in Hessen. Leider ist der ursprüngliche Anwendungsort der Medizin nicht bekannt, man würde jedoch vermuten, dass das Wasser eher in einem sozial höherstehenden Haushalt und nicht auf einem Bauernhof konsumiert wurde.  Dort hätte man die sehr dichten und chemisch stabilen Flaschen wahrscheinlich sekundär für Schnaps, Öl oder andere Flüssigkeiten verwendet.

Die Keramik der sozial höherstehenden Familien Poschiavos führt zu den  meist reformierten (84%, Michael-Caflisch 2014, 243), europaweit aktiven Zuckerbäckern aus dem Puschlav (792 bekannte Zuckerbäcker, davon 120 aus der Familie Semadeni, besonders gerne im katholischen Spanien; Michael-Caflisch 2014, 244 und 252-253) . Hier dominieren andere Gefässformen und andere Materialien. Dieser sozialen Gruppe würde man gerne die beiden Spielzeughumpen aus Steinzeug zuweisen, die aus der Frühzeit der Steinzeugfabrik Reinhold Merkelbach im rheinland-pfälzischen Westerwald stammen (MPO 10007, MPO 10367).

Beispielhaft für die Zuckerbäcker und die museale Überlieferung ihrer materiellen Kultur ist der kleine Rest eines Tee-Service (MPO 12260-01 bis 12260-05) von noch neun Teilen aus dem Café Semadeni, das  in Kiev ab 1874  bis zur russischen Revolution existierte (Bühler 2003, 293; Kaiser 1988, 120; Michael-Caflisch 2014). Es wurde in der russischen Porzellan- und Fayence-Fabrik M.S. Kuzniecow in Likino-Duljowo, Oblast Moskau,  zwischen etwa 1880 und 1890 hergestellt (freundliche Informationen zur Firma und der Marke:  Thomas Schröder, Hamburg).

Die erfolgreichen Zuckerbäcker kehrten oft auch in ihre Heimattäler zurück  und brachten fremde Objekte mit. Oder sie investierten ihr Kapital in heimatliche Liegenschaften und Häuser, genauso wie Verwandte in der Heimat ihr Kapital in Form von Aktiengesellschaften in bündnerisch geführte Zuckerbäckereien im Ausland investierten. So können weitere Servicereste wohl ebenfalls diesem Umfeld zugewiesen werden, sei es als privater Besitz, Heimkehrermitbringsel (MPO 15239 aus der Zuckerbäckerfamilie Olgiati, tätig in Antibes, Amiens, Antwerpen und England) oder Geschenk (eventuell MPO  10101, siehe Titelbild, möglicherweise aus dem Umfeld der international tätigen Familien Zala oder Lardelli).

Aus dem Besitz des bis 1918 in Poschiavo lebenden Zuckerbäckeraktionärs  Michele Zala, einem Mitbesitzer des Café Universal, Vitoria (Alva, Spanien; Kaiser 1988, 157), besitzt das Museum ein grosses, heute noch 325 Teile umfassendes Service (MPO 14909), mit den goldenen Initialien „MZ“, das im Maximalfall 40 gleiche Teller umfasst. Damit konnte offenbar anlässlich der jährlichen Aktionärsversammlung  eindrucksvoll eine grosse Tafel eingedeckt werden. Leider handelt es sich um markenloses Weissporzellan (Sparsamkeit?), dass dann vergoldet wurde. Der Hersteller bleibt unbekannt.

In den Kontext der Zuckerbäckerfamilie Semadeni gehören auch Spielzeuggeschirre aus Porzellan (MPO 10039-01, MPO 10039-02) und die Zugehörigkeit in dieses Milieu kann für das vergoldete Miniaturgeschirr  (MPO 13107, siehe Einleitungsbild) wohl mit Sicherheit angenommen werden.

Zuordnen würde man hier gerne auch einige wenige Porzellanfiguren (MPO 10639-MPO 10646), u.a. aus der Produktion von der Porzellanmanufaktur Ginori in Doccia bzw. der Porzellanmanufaktur  Fasold & Stauch in Bock-Wallendorf,  in Thüringen, doch leider ist  ihre letzte Herkunft unbekannt.

Besonders umfangreich ist eine Schenkung aus der Zuckerbäckerfamilie Olza, die in
A Coruña in Spanien das Café Suizo führte (Bordoni 1983, 351) und zu einem unbekannten Zeitpunkt mit einem grossen Teil der Backmodel und -formen  sowie einer Sammlung spanischer Fayencen in die Schweiz zurückkehrte. Die keramischen Backmodel (MPO  19001-MPO 19003) dürften wohl in Soufflenheim im Elsass entstanden sein (Decker/Haegel/Legendre u.a. 2003; Demay 2003; Demay 2004). Von dort stammen auch drei der typischen Milchtöpfe(MPO 19005-MPO 19007).

Umfangreicher ist jedoch die Sammlung spanischer Fayencegefässe (MPO 19010-MPO  19028), die wohl überwiegend aus dem Töpferort Manises in der Nähe von Valencia stammen (Campos/Montagud 2011;  Vizcaino 1977).

Casa Tomé

Im Vergleich mit der Keramik der Zuckerbäcker fällt die Armut des Hausinventars der Casa Tomé  besonders deutlich ins Auge. Aber gerade dies macht den Wert aus, bleiben uns doch sonst normalerweise solche Inventare, solche Momentaufnahmen aus einem vergangenen Leben, gar nicht erhalten. Die Schwestern Tomé lebten zusammen mit ihrer Mutter sehr zurückgezogen in einem Haus, das baulich und im Zusammenhang mit der Infrastruktur (ohne fliessendes Wasser oder Bad) noch vormoderne Züge aufwies. Es ist denkbar, dass die Familie bei Übernahme des Hauses in den 1930er-Jahren auch noch auf im Haus verbliebene  Geschirrreste traf, die damit heute untrennbar mit dem Inventar verbunden sind.

Mit wenigen Ausnahmen finden sich in den Keramikgruppen fast durchweg Einzelobjekte, oft extrem gebraucht oder verbraucht (z. B. MPO CT 0019-MPO CT 0021), auch geflickt (z.B. MPO CT 0031) oder mit grosser Wahrscheinlichkeit vom Flohmarkt erworben (z.B. Hotelporzellan aus St. Moritz, MPO  CT 0035).

Unter den Irdenwaren begegnen unterschiedlich alte Platten und Schüsseln mit scharfkantigem Kragenrand, einer typischen Form der Deutschschweiz, von denen ein oder zwei möglicherweise  im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert in der Region Berneck SG hergestellt wurden  (MPO CT 0023, MPO CT 0026).  Die beiden anderen Schüsseln sind etwas jünger (MPO CT 0024, MPO CT 0025).

Unter den Milchtöpfen gibt es ein hellgelb glasiertes, steilwandiges Exemplar, das man gerne der Genferseeregion zuweisen würde (MPO CT 0010). Die übrigen Milchtöpfe, von denen drei eine Grössenserie bilden (MPO CT 0013-MPO CT 0015), gehören in die schon angesprochene Gruppe der gut glasierten Irdenwaren mit beiger Grundengobe. Sie sind wie immer ohne Marke.  Zwei weitere Einzelstücke können hier angeschlossen werden (MPO CT 0012, MPO CT 0036).

Beim Steingut fallen zunächst die beiden stark verbrauchten und geflickten Terrinen (MPO CT 0019 und MPO CT 0021), der einzelne, nicht dazu passende Deckel (MPO CT 0020) und eine stark verbrauchte bzw. beschädigte Kaffeeschale mit der Marke „SCHRAMBERG“ (MPO CT 0016) auf. Alle diese Stücke dürften noch ins 19. Jahrhundert, teilweise wohl sogar noch in die Mitte oder erste Hälfte gehören. Die rechte Terrine stammt aufgrund der blauen Stempelmarke aus der Manufaktur Baylon in Carouge bei Genf.

Erstmals findet sich hier auch ein Steingutteller aus italienischer Produktion der Società Ceramica Richard, Mailand (MPO CT 0032), dem ein jüngeres Exemplar aus Laveno angeschlossen  werden kann (MPO CT 0034). Zwei weitere  ungemarkte Kaffeeschalen (MPO CT 0017 und MPO CT 0018) sind wohl jüngeren Datums, d.h. aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Dazu gehört auch der Rest eines kleinen Schüsselsatzes mit buntem Spritzdekor. Eine einzelne, ungemarkte Espressotasse  ist hier anzuschliessen.

Eine zweite, singuläre Espressotasse besteht aus Porzellan (MPO CT 0038). In diese Gruppe gehören ein unverzierter Porzellanteller (MPO CT 0034) und ein sekundär verwendeter Teller aus Langenthaler Hotelporzellan des Jahres 1928, der eine zusätzliche Marke des lokalen Lieferanten trägt und aus dem Grandhotel La Margna in St. Moritz stammt.

Beim Steinzeug finden sich nur die üblichen Doppelhenkeltöpfe aus dem Westerwald oder aus dem Elsass (MPO CT 0027 – MPO CT 0031). Sie tragen unter den Henkeln Wurf- oder Litermarken, dürften also teilweise auch schon aus der Zeit vor der Jahrhundertwende oder vor dem 1. Weltkrieg stammen.

Einer dieser Töpfe ist  zerbrochen (MPO CT 0031). Er wurde aber sehr aufwendig wieder zusammengesetzt und mit Metallstreifen und Drähten fixiert, sodass er weiterhin einen Zweck erfüllen konnte.

Zeugnisse des katholischen Glaubens der Hausbewohner sind eine aus Deutschland importierte  Porzellan-Statuette der Heiligen Teresa von Avila (MPO CT 0011) und ein Steingut-Weihwasserbecken der Società Ceramica Italiana aus Laveno vom Anfang des Jahrhunderts (MPO CT 0039).

 

Bibliographie

Boschini 2005
Luciano Boschini, Valposchiavo, tracce di storia e di architettura. Poschiavo 2005.

Bühler 2003
Roman Bühler, Bündner im Russischen Reich. 18. Jahrhundert – Erster Weltkrieg. Ein Beitrag zur Wanderungsgeschichte Graubündens, Chur 2003.

Campos/Montagud 2011
Virginia Santamarina Campos/Mª Ángeles Carabal Montagud, La cerámica de Manises, oficios del pasado, recursos patrimoniales del presente, Valencia 2011.

Decker/Haegel/Legendre u.a. 2003
Emile Decker/Olivier Haegel/Jean-Pierre Legendre u.a., La céramique des Soufflenheim. Cent cinquante ans de production en Alsace 1800-1950, Lyon 2003.

Demay 2003
Bernard Demay, Les moules à gâteaux, Bouxwiller 2003.

Demay 2004
Bernard Demay, La poterie culinaire, Bouxwiller 2004.

Michael-Caflisch 2014
Peter Michael-Caflisch, Die vorzüglichsten Zuckerbäcker auf der ganzen Erde kommen aus Graubünden. Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (SGFF), Jahrbuch, 2014, 233-299.

Giovanoli/Todisco 2000
Diego Giovanoli, Vincenzo Todisco, Il Palazzo de Bassus-Mengotti, Museo poschiavino : storia e immagini. Poschiavo 2000.

Heege 2016
Andreas Heege, Die Ausgrabungen auf dem Kirchhügel von Bendern, Gemeinde Gamprin, Fürstentum Liechtenstein. Bd. 2: Geschirrkeramik 12. bis 20. Jahrhundert, Vaduz 2016.

Jochum-Siccardi 2002
Alessandra Jochum-Siccardi, Il Museo poschiavino – Führer. Poschiavo 2002.

Jochum-Siccardi/Nay/Rutishauser 2011
Alessandra Jochum-Siccardi , Marc Antoni Nay, Hans Rutishauser , Casa Tomé. Una casa, una famiglia, uno spaccato di vissuto locale // Casa Tomé. Ein Haus, eine Familie, ein Stück Puschlaver Geschichte. Poschiavo 2011.

Kaiser 1988
Dolf Kaiser, Bündner Zuckerbäcker in der Fremde und ihre Alterssitze in der Heimat. Ein umfassender Ueberblick mit Bildern, Karten und Dokumenten aus drei Jahrhunderten : [Ausstellung, Chesa Planta Zuoz, 28. Juli – 18. August 1988], Zuoz 1988.

Marchioli 1886
Daniele Marchioli, Storia delle Valle di Poschiavo. Sondrio 1886.

Tognina 1953
Riccardo Tognina, Il Museo Vallerano Poschiavino. Quaderni grigionitaliani, 23/1, 1953-1954, 49-52.

Tognina 1954
Riccardo Tognina, Il Museo Poschiavino. Bündner Monatsblatt : Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur 1954, 49-53.

Tognina 1985
Riccardo Tognina, Il Museo valligiano poschiavino nella sua sede definitiva Palazzo Mengotti. Quaderni grigionitaliani, 54/4, 1985, 289-294.

Vizcaino 1977
Concepción Pinedo y Eugenia Vizcaino, La ceramica de Manises en la historia, Madrid 1977.

Samedan, Chesa Planta (CPS)

CHESA PLANTA
Mulins 6
7503 Samedan
Tel. +41 (0)81/ 852 12 72
info@chesaplanta.ch

Keramik der Chesa Planta in CERAMICA CH

Die Chesa Planta in Samedan, das grösste Patrizierhaus des Engadins, ist ein rätoromanisches und engadiner Kulturzentrum mit überregionaler Ausstrahlung.

Das Haus birgt neben einem Museum für Wohnkultur der Engadiner Patrizier des 18. und 19. Jahrhunderts mit kostbarer Raumausstattung und passenden Kachelöfen, eine bedeutende Bibliothek. Seit der Überführung des ehemaligen Stammsitzes der Familien von Salis und später der von Planta in die gemeinnützige Stiftung Fundaziun de Planta (1943) ist die Chesa Planta der Öffentlichkeit als Kulturzentrum zugänglich und gilt als Hort rätoromanischer Kultur.

Insgesamt konnten 113 Keramiken erfasst werden (49 Irdenware, 7 Fayence, 25 Steingut und 32 Porzellan), die alle schon vor der Stiftungsgründung 1943 im Haus waren.

Der Bestand an Irdenwaren umfasst nur eine kleine Gruppe relativ jungen Küchen- und Haushaltsgeschirrs. Dazu gehören einige wenige, grosse Schüsseln mit scharfkantigem oder massivem Kragenrand, die wohl alle nach 1870 in der Region Berneck SG entstanden sein dürften.

Schwarzbraun glasiertes Geschirr ist nur mit drei Formen (Modeln) vertreten, bei denen letztlich nicht entschieden werden kann, welche Art Gericht damit verziert werden sollte: Gebäcke, Pasteten oder Puddings (Jelly)? Die beiden kleinen Formen gehören vermutlich in den Kontext des Kinderspielzeugs (Miniatur-Gugelhupfformen). Die drei Formen dürften in der Deutschschweiz entstanden sein, für den Fisch gibt es ein gutes Vergleichsbeispiel aus dem Musterbuch der Tonwarenfabrik Aedermannsdorf von 1895 (Nr. 66).

Zwei Henkeltöpfe  (Milchtöpfe) sind mit ihrer rosafarbig wirkenden Grundengobe und dem Pinsel- bzw. Schablonendekor (mit der Spritzpistole aufgetragen) typische Vertreter der 1920er- bis 1940er-Jahre. Ähnliche Objekte finden sich in fast allen Museen Graubündens. Sie tragen meist eine Grössen-  jedoch nie eine Fabrikmarke, sodass wir nicht wissen, wo sie (in der Deutschschweiz?) hergestellt wurden.

Aus der Kunsttöpferei Max Laeugers in den Tonwerken Kandern im Südschwarzwald stammt eine einzelne, sehr schöne und signierte Jugendstilvase, die zwischen 1900 und 1913 entstand.

Besonders spannend ist bei den Irdenwaren jedoch ein Komplex von 40 Modeln, die zur Verzierung von Lebkuchen, Bibern, Tirggel, Springerle, Anisbrötchen, Marzipan, Tragant, Quittenpaste bzw.  Mandel- oder Eierkäse verwendet werden konnten (Morel 2000, 101; Bernerisches Koch-Büchlein 1749, Rezept 303; Widmer/Stäheli 1999, 32-37; Stäheli/Widmer 2020, 18-19). Die Masse dieser Model dürfte aus der zwischen 1643 und etwa 1850 aktiven Bossierer-Werkstatt Stüdlin in Lohn im Kanton Schaffhausen stammen (Widmer/Stäheli 1999; Wipf 1984). Es fanden sich unglasierte, glasierte sowie glasierte und gelochte Model. Wie diese Model in die Chesa Planta gelangten, ist unklar.

Verschiedenste Motivgruppen (Tiere, Menschen, Allegorien, religiöse Szenen und Blumensträusse) sind belegt. Zum Model der Ceres ist die zugehörige signierte Patrize von Hans Melchior Stüdlin aus dem Jahr 1682 bekannt (Museum Allerheiligen, Inv. Nr. 6513; Widmer7Stäheli 1999, Abb. 9). Die erkennbaren Tracht- und Kleidungsdetails, vor allem der unglasierten, aber auch einiger glasierter Model verweisen in die Zeit zwischen 1630/50 und etwa 1700. Dies entspricht der aktiven Zeit von Hans Melchior I und II und Hans Caspar I und II Stüdlin. Ob die nachfolgenden Generationen noch neue Motive entwarfen oder nur die alten Patrizen bis zum Werkstattende weiterverwendeten, ist ungeklärt.

Bei den glasierten Modeln, die allgemein als „Quittenpastenmodel“ angesehen werden, ist die Anzahl der Personendarstellungen anscheinend geringer als bei den unglasierten Modeln. Jedoch gibt es auch hier solche, die aufgrund ihrer Kleidung und auch aufgrund der charakteristischen „Dreiblättchen“ am Boden ins 17. Jahrhundert gehören.

Wesentlich häufiger erscheinen jedoch Blumen, Früchte und Tiere, die vor allem im Bild der schnäbelnden Tauben über einem Herzen, leicht als Liebesmotive zu erkennen sind.

Der Model mit den schnäbelnden Tauben liefert darüberhinaus einen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen glasierten und unglasierten Modeln, da das Motiv bereits von den Modeln des Rätischen Museums bekannt ist. Der Model RMC XI.438d (oben) ist ca. 20 % grösser als der vorliegende Model der Chesa Planta. Allerdings sind die Details so übereinstimmend, dass an einen fertigungstechnischen Zusammenhang gedacht werden muss: Die Fertigung des glasierten Models erfolgte mit Hilfe einer gebrannten Patrize, die aus dem Model RMC XI.438d ausgeformt wurde. Dies ergäbe zwei Brenn- und Schrumpfungsprozesse von je 8-10%. Wenn dies zutrifft, dann läge hier ein weiterer Beleg vor, dass glasierte und unglasierte Model vom selben Hersteller stammen und die Motive möglicherweise über einen längeren Zeitraum tradiert wurden.

Ein einziger Model, von dem nur eine Hälfte erhalten ist, belegt, dass auch vollplastische Figuren ausgeformt und wohl zu Dekorationszwecken verwendet wurden. Es handelt sich um einen kleinen Vogel (oder vielleicht ein Huhn?).

Glasierte Model mit Löchern werden gern mit der Herstellung von geformten Mandel- oder Eierkäsen in Verbindung gebracht. Dabei wurden Milch, Eier, Mandeln und Zitronensaft erhitzt und zum Gerinnen gebracht und anschliessend die festere, breiartige Masse in die gelochten Formen geschüttet. Durch die Löcher konnten die Molkenreste ablaufen. Erkaltet wurde der Inhalt aus der Form gestürzt und an Festtagen ordentlich überzuckert aufgetragen. Die vorliegende Form ergibt einen liegenden Löwen.

Die Anzahl der Fayencen in der Chesa Planta ist nicht gross. Unter anderem fanden sich neben einem Teller aus Kilchberg-Schooren ZH  fünf der üblichen „Boccalini“ für den Ausschank und das Konsumieren von Rotwein (Veltliner). Die Herstellungsorte dieser Keramik dürften in Norditalien zu suchen sein.

Ein einzelnes Stück ist wohl etwas jüngeren Datums und dürfte wegen der Aufschrift LITRO“ und der Blindmarke  „SCI“ (Lombardei, Laveno, Società Ceramica Italiana?) im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert entstanden sein. Das Stück ist durch eine eingebohrte Bleimarke zusätzlich geeicht.

Steingut ist, wie üblich, mit einem grösseren Spektrum an Herstellern aus Europa und den Funktionssegmenten Haushaltsgeschirr und Hygienekeramik vertreten.

Aus der englischen Produktion von Wegdwood, Etruria, stammt z.B. eine kleine, gemarkte Füsschenschale mit durchbrochenem Boden (um 1840). Eine ebenfalls durchbrochen gearbeitete Schale auf hohen Fuss mit zwei Horizontalgriffen, dürfte jüngeren Datums sein.

Aus Zell am Harmersbach, das neben Schramberg einer der wichtigsten Steingutimporteure in die Schweiz war, stammt eine schöne Teekanne mit blauem Umdruckdekor (um 1840-1850). Die abgebildeten Szenen zeigen wohl eine englische Jagdgesellschaft.

Zur Historismus-Ausstattung des Hauses gehören noch eine schön metallgefasste Jadiniere aus der Porzellan- und Steingutfabrik  von Ludwig Wessel, in Bonn-Poppelsdorf (um 1890-1910) bzw. ein Serviertablett der hessischen Steingutfabrik in Wächtersbach (um 1875-1900).

In der Küche fand sich ausserdem eine Steingut-Vorratsdose für „Dr. Liebigs Fleisch-Extrakt“(Entwicklung ab den 1840er-Jahren, industrielle Umsetzung ab ca. 1862 in Uruguay, grosse Erfolge im späten 19. Jh.; Teuteberg 1990).

Das einfache Essgeschirr aus Steingut stammt sowohl aus ausländischen Keramikfabriken (Wallerfangen, Sarreguemines) als auch aus der Schweiz (Möhlin AG).

Zwei typische Waschgarnituren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestehen aus Steingut mit Umdruckdekor. Die erste wurde um 1880-1900 bei Villeroy & Boch in Mettlach hergestellt, die zweite zwischen 1850 und 1867 bei W.T. Copeland & Sons in Stoke-on-Trent, Staffordshire. Zusätzlich findet sich auf dem Boden der Waschkanne die Druckmarke (Händlermarke, Haushaltswarengeschäft?) «FRATELLI KAISER à SAMADEN». Daher handelt es sich um eine direkte Geschirrorder in England. Zu diesem Händler finden sich in Graubünden auch jüngere Produkte: RMC H1983.52.

Typische Zusatzausstattung für Bäder oder Waschgelegenheiten sind Eimer für den Schmutzwassertransport, hier ein Beispiel der Firma Keller & Guérin aus Lunéville (um 1880-1920).

Bislang singulär ist ein hölzernes Bidet-Möbel mit einem Steingut-Einsatz aus französischer Produktion (um 1900-1930).

Unter den Porzellanobjekten der Chesa Planta fanden sich einige Überraschungen. Dazu gehören vor allem diese drei Porzellanuntertassen, aus der ältesten niederländischen Porzellanmanufaktur Weesp bei Amsterdam, die bald nach 1760 entstanden sein dürften. Die Manufaktur bestand nur in dem kurzen Zeitraum von etwa 1759 bis 1770 (Rust 1978, veraltet; Heeckeren van Waliën 1977; Röntgen 1996, 291 Fig. 788-790. Ausserdem: https://chjacob-hanson.com/museum-weesp-home-to-dutch-porcelain-treasures-by-gerverot-and-duvivier/. Vergleichsobjekt: Metropolitan Museum New York, Inv. 06.361a, b). Die Rückseite trägt jeweils eine blaue Pinselmarke gekreuzte Schwerter mit drei Kugeln. Das ist das Familienwappen des Manufakturgründers Graf van Groensveld-Diepenbroick-Impel (1715-1772) und nicht zufällig eine Anlehnung an die Meissener Schwerter. Es ist eigentlich nicht vorstellbar, dass diese drei Stücke auf dem normalen Handelsweg ins Engadin gelangt sind. Vielmehr muss mit einer personengebundenen Übertragung,  z.B. durch bündnerische Offiziere in niederländischen Diensten gerechnet werden. Nach dem Alter der Objekte könnten sie aus dem Haushalt des Rudolf von Salis-Sils (1724-1795) stammen, der das Haus mit seinem Um- und Ausbauten massgeblich prägte. Er war u.a. auch Landeshauptmann im Veltlin.

Ebenfalls aus seinem Besitz dürfte eine grosse, ovale Suppenschüssel mit Zwiebelmusterdekor aus Meissener Produktion stammen., die zwischen etwa 1774 und 1790 gefertigt worden sein dürfte.

Ein Meissener Körbchen aus der Zeit um 1800-1830, dürfte bereits zur nächsten Besitzergeneration von Planta-Salis gehören.

Anna Cleophea von Salis-Sils (1766-1835) heiratete 1789 Florian von Planta (1763-1843), Landammann des Oberengadins, Gesandter zu Napoleon (1802-1803), später Gesandter an der Tagsatzung.

Möglicherweise entstand aus Anlass der Hochzeit 1789 ein Service aus Nyon-Porzellan mit den Wappen von Planta (Bärentatze) und von Salis (Weide), von dem sich geringe Reste erhalten haben.

Etwas jünger (um 1820-1830?) dürfte ein ähnlich bemaltes Kaffee- und Teeservice sein, für das jedoch ungemarktes Weissporzellan (aus Deutschland oder Frankreich ?) verwendet wurde.

Ob Florian von Planta (1763-1843) die wunderhübsche Empire-Tasse (leider ungemarkt) wohl von seiner Reise zu Napoleon (1802-1803) aus Paris mit nach Hause brachte?

Zur Historismus-Ausstattung der Chesa Planta gehört auch eine bemalte Porzellankanne aus der Gräflich Thun’sche Porzellanfabrik, Klösterle bei Eger (Böhmen, heute Tschechien), die wohl zwischen 1880 und 1900 angefertigt wurde.

Eine weitere, leider ungemarkte Porzellan-Waschgarnitur kann keinem Herstellungsland zugeordnet werden. Aufgrund der Formen wäre eine Historismus-Datierung im späten 19. Jahrhundert wohl am wahrscheinlichsten.

Die übrigen im Haus verbliebenen Gebrauchsgeschirre aus Porzellan datieren erst ins 20. Jahrhundert und stammen aus Deutschland und der Schweiz.

Dank

Die CERAMICA-Stiftung dankt der Geschäftsführerin der Chesa Planta Samedan, Martina Shuler-Fluor, sehr herzlich für die freundliche Unterstützung der Inventarisationsarbeiten.

Bibliographie:

Bernerisches Koch-Büchlein 1749
Bernerisches Koch-Büchlein (Nachdruck 1970), Bern 1749.

Heeckeren van Waliën 1977
F. van Heeckeren van Waliën, Catalogus van de collectie Weesper porselein, Gemeentemuseum van Weesp (Hrsg.), Weesp 1977.

Morel 2000
Andreas Morel, Basler Kost. So kochte Jacob Burckhardts Grossmutter (178. Neujahrsblatt, herausgegeben von der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige), Basel 2000.

Röntgen 1996
Robert E. Röntgen, The book of Meissen, Exton 2 Auflage 1996.

Rust 1978
J. Rust, Nederlands Porselein, Schiedam 1978.

Stäheli/Widmer 2020
Cornelia Stäheli/Hans Peter Widmer, Honig den Armen, Marzipan den Reichen. Ostschweizer und Zürcher Gebäckmodel des 16. und 17. Jahrhunderts Zürich 2020.

Teuteberg 1990
Hans-Jürgen Teuteberg: Die Rolle des Fleischextrakts für die Ernährungswissenschaften und den Aufstieg der Suppenindustrie. Kleine Geschichte der Fleischbrühe, Stuttgart 1990

Widmer/Stäheli 1999
Hans Peter Widmer/Cornelia Stäheli, Schaffhauser Tonmodel. Kleinkunst aus der Bossierer-Werkstatt Stüdlin in Lohn, Schaffhausen 1999.

Wipf 1984
Hans Ulrich Wipf, Handwerk und Gewerbe auf der Schaffhauser Landschaft im Ancien régime: Dargestellt am Beispiel der Gemeinde Lohn, in: Schaffhauser Beiträge zur Geschichte 61, 1984, 95-148, bes. 145-146.

Schmitten, Ortsmuseum (OMS)

Ortsmuseum Schmitten
Im alten Schulhaus
7493 Schmitten (Albula)
E-Mail: info@vfvs-schmitten.ch
Tel.: Pius Gruber: 081 404 16 21 oder 078 774 90 51

Andreas Heege, 2021

Keramik des Ortsmuseum Schmitten in CERAMICA CH

Das Ortsmuseum Schmitten erweckt die Zeit vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert zum Leben. Bei einem Streifzug durch die Ausstellung erfahren die Besucherinnen und Besucher, wie sich das Leben von Jung und Alt in einem einfachen Bündner Bergdorf im mittleren Albulatal einst abspielte. Einblicke in die bäuerliche Arbeit, in unterschiedliche Handwerke, in Bergbau, Brauchtum und kirchliche Traditionen – alles zusammen vermittelt ein facettenreiches Bild längst vergangener Tage. Das Museum wird von der Vereinigung Freunde von Schmitten geführt. Das Museum ist im Alten Schulhaus Schmitten untergebracht. Nach bescheidenen Sammlungsanfängen ab 1968 wurde das Schulhaus in den Jahren 1986 bis 1988 umfassend saniert und auf allen drei Etagen in ein Museum verwandelt.  Den grössten Teil der Sammlung trugen Martin Caspar und Mathias Balzer zusammen. Alle im Museum befindlichen Objekte stammen aus Schmitten oder der unmittelbaren Umgebung.

In der Sammlung befinden sich auch 65 Keramiken des 19. und 20. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um 26 Stücke aus Irdenware, 19 aus Steingut, 5 aus Steinzeug und 15 aus Porzellan.

Manganglasiertes Geschirr, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allmählich unmodern wurde, ist mit drei Kaffeekannen und einem Milchtopf vertreten.

Unter den verzierten Irdenwaren befinden sich nur ganz wenige Stücke aus der Zeit um 1900, u.a. ein Terrinendeckel wohl aus der Produktion von Berneck bzw. eine Röstiplatte aus der Genferseeregion mit der typischen hellgelben Glasur.

Charakteristisch für das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert sind die lehmglasierten Braungeschirre, die in grossen Mengen aus dem Deutschen Reich importiert wurden.

Ansonsten sind vor allem jüngere Irdenwaren belegt, die aufgrund der Form und des Dekors wohl schon in das 20. Jahrhundert gehören, u.a. grosse Schüsseln mit massiv-dreieckigen Kragenrändern und Tassen.

Aus den Keramikfabriken in Aedermannsdorf bzw. Embrach stammen eine grosse Teigschüssel und ein patentierter Milchentrahmer, die beide wohl in die Zeit zwischen etwa 1930 und 1950 gehören.

Typisch für die Zeit zwischen etwa 1920/1930 und 1950 ist Geschirr, das eine beige bis cremefarbene Grundengobe und regelhaft Pinsel- oder Schablondekor unter einer qualitätvollen, farblosen Glasur aufweist. Meist handelt es sich um ungemarkte Milchtöpfe unbekannter Herkunft, doch weichen die gemarkten Produkte aus Embrach oder die Produkte der Dünner-Töpferei aus Kradolf-Schönenberg im Kanton Thurgau nur graduell davon ab.

Beim Steingut existiert wie üblich ein sehr variables Geschirrspektrum sowohl was die vorhandenen Formen, als auch was die Hersteller anbetrifft. Unerwartet fand sich unter anderem eine gemarkte Sauciere der Manufaktur Robillard & Cie aus Nyon, um 1818-1832/33.

Aus Schramberg, aus der Manufaktur Uechtritz & Faist, stammt ein kleines Gefäss für Pfeffer und Salz, das zwischen 1830 und 1860 entstanden sein dürfte und im Warenverzeichnis als „Salz- und Pfefferbüchse, gerippt, mit hohem Fuss“ bezeichnet wird (Heege 2013, 111).

Eine Reihe von Steingutobjekten stammt aus der Ziegler’schen Tonwarenfabrik in Schaffhausen und ist daher erst spät im 19. Jahrhundert oder im 20. Jahrhundert entstanden. Der „Bauerndekor“ ähnelt sehr stark den etwas älteren Dekoren von Kilchberg-Schooren oder von Zell am Harmersbach.

Weitere Schaffhauser Produkte sind vertreten.

Und für das 20. Jahrhundert kann immer auch mit Steingut aus Möhlin bei Rheinfelden oder Wallerfangen und Mettlach im Saarland gerechnet werden.

Unerwartet und eigentlich nicht recht erklärlich ist das Vorkommen von norwegischem Steingut aus Egersunds Fayencefabriks Co. A.S. , Stavanger im Ortsmuseum von Schmitten. Ist das ein Ferienmitbringsel oder „Ferienhauskeramik“ von einem norwegischen Gast in seinem Ferienhäuschen zurückgelassen und dann dem Museum überantwortet?

Aus dem Bereich der Religiosa ist noch auf ein Weihwasserbecken hinzuweisen, das leider ungemarkt ist, aber problemlos z.B. aus der Produktion von Schramberg stammen könnte (vgl. KMDis 2020-03; Staffhorst 2020, 207-208).

Den Bereich des Steinzeugs dominiert das Vorratsgeschirr, kobaltblau bemalte Doppelhenkeltöpfe (Schmalztöpfe, Einmachtöpfe), die aus dem deutschen Westerwald oder dem französischen Elsass stammen dürften.

Beim Porzellan fehlen Stücke aus dem 19. Jahrhundert weitgehend. Leider ungemarkte Kaffeekannen aus der zeit um 1900 belegen jedoch wie auch sonst überall in Graubünden den wohl sehr starken Einfluss deutscher Porzellanfabriken aus Schlesien.

Erst in den 1930er-Jahren lässt sich daneben Porzellan aus Langenthal oder aus Frankreich nachweisen.

Als Besonderheit sind noch zwei Porzellanfiguren des Gekreuzigten zu erwähnen.

Dank

Wir danken den Verantwortlichen des Museums, vor allem Herrn Pius Gruber, für die freundliche Unterstützung der Inventarisationsarbeiten.

Bibliographie:

Heege 2013
Andreas Heege, Ein unbekanntes Musterbuch der ersten königlich württembergischen Steingutmanufaktur Schramberg (Uechtritz&Faist) aus der Zeit nach 1855 in: Harald Siebenmorgen, Blick nach Westen. Keramik in Baden und im Elsass. 45. Internationales Symposium Keramikforschung Badisches Landesmuseum Karlsruhe 24.8.-28.8.2012, Karlsruhe 2013, 107-115.

Staffhorst 2020
Andreas Staffhorst, Schramberger Steingut 1820-1882 (Schriftenreihe des Stadtarchivs und Stadtmuseums Schramberg 30), Schramberg 2020.

Scuol, Museum des Unterengadins (MEB)

Unterengadiner Museum
Museum d’Engiadina bassa Scuol
Plaz 66B
7550 Scuol
Tel.: +41 79 438 36 64 (Herr Peter Langenegger)
E-Mail: info@museumscuol.ch

Andreas Heege, 2021

Keramik des Museum d’Engiadina bassa in CERAMICA CH

Das Unterengadiner Museum ist ein regionales Heimat- und Volkskundemuseum in Scuol. Es wurde 1954 gegründet und 1960 eröffnet. Es wird von einem Verein getragen. Das eindrückliche, herrschaftlich wirkende Museumsgebäude mit seinen Renaissance-Arkaden wird im Volksmund „chà gronda“ (grosses Haus) genannt. Seine heutige imposante Erscheinung datiert von 1704. Auf dem Rundgang durch die zahlreichen Räumlichkeiten des Hauses erkennt man dann allerdings bald, dass man sich in einem echten Engadiner Bauernhaus befindet. Nebst dem Einblick in die einfache Lebensweise unserer Vorfahren lässt der Besuch aber auch deren besonderen Sinn für Schönheit und Kultur erleben. Dies zeigt sich z. B.in der Ausstellung zu den prähistorischen Funden im Unterengadin, wie auch in der Museumsbibliothek mit Werken der romanischen Literatur von den ersten Bibelübersetzungen bis zur Gegenwart.

Beim Rundgang durch das wunderschöne Haus wird der Besucher in eine Zeit zurückversetzt, in der es noch keine Motoren gab. Zu Wohlstand ist das Engadin als Durchgangstal und durch den Tourismus gekommen. Die ursprünglichen Bewohner des Unterengadins waren Selbstversorger. Die meisten Gegenstände und Gerätschaften, die man in der Landwirtschaft und zum Leben benötigte, wurden selbst hergestellt.

Die Haushaltskeramik wurde jedoch auf dem lokalen Markt oder beim Hausierer eingekauft. Insgesamt handelt es sich in der Museumssammlung um 62 Objekte. Davon gehören 36 zur Irdenware, 3 zur Fayence, 17 zum Steingut, 2 zum Steinzeug und 4 zum Porzellan. Leider fehlen zu den Keramikobjekten die Inventardaten, sodass wir nur annehmen können, dass die Masse der Objekte aus dem Unterengadin stammt. Die Zusammensetzung der Sammlung entspricht den Erwartungen für Lokalmuseen in Graubünden, nur die Vielfalt des Geschirrs aus Steingut ist auffällig.

 

Aus der Region Berneck SG stammt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts typischerweise die überwiegende Zahl der Keramik „Heimberger Art“, Milchtöpfe, Schüsseln und Röstiplatten mit roter, beiger und schwarzer Grundengobe, Malhorn- und Springfederdekor. Eine Reihe von Keramiken wurde auch mit Farbkörpern in der Grundengobe verziert. Kombinationen mit farbigen Malhornstreifen kommen vor.

Eine einzelne Röstiplatte könnte aufgrund des Dekors auch direkt aus der Region Heimberg-Steffisburg im Kanton Bern stammen.

Ungewöhnlich ist das Vorkommen einer einzelnen Tasse aus mährischer Produktion des späten 19. Jahrhunderts. Sie entstand in der Manufaktur Johann Muck in Znaim-Leska (heute Znojmo). Eine zweites Stück dieses Herstellers steht im Heimatmuseum Davos.

Manganglasiertes Geschirr der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das wohl überwiegend in der Deutschschweiz, vor allem Kilchberg-Schooren, hergestellt wurde, ist mit den üblichen Formen vertreten. Es sind keine gemarkten Stücke vorhanden.

Bislang singulär ist ein Doppelhenkeltopf mit Wellenlinienzier und dunkelbrauner Glasur, den man gerne irgendeiner Töpferei in Graubünden zuschreiben würde. Aufgrund des starken Ammoniakgeruchs wurde er wohl als Färbetopf mit einer kalten Indigo-Urin-Küpe verwendet.

Als Form singulär ist bislang auch die Dreibeinpfanne mit Stülpdeckel aus einem hellbrennenden Ton, die wohl im süddeutschen Raum hergestellt wurde. Aus dieser Region stammen in Liechtenstein und Graubünden sonst meist Töpfe mit Deckel oder Bräter.

Fayence ist in der Sammlung sehr selten, jedoch ist der vorhandene Boccalino für das Engadin eine normale und zu erwartende Form, legt man z.B. die Sammlung des Museum Engiadinais in St. Moritz zugrunde.

Das Vorhandensein eines Historismus-Fayencetellers (nach 1891 vor 1930) aus der Faïencerie d’art von Alfred Renoleau in Angoulême, Nouvelle-Aquitaine, Dép. Charente, kann nicht erklärt werden. Der Teller trägt das Stadtwappen von Angoulême und rückseitig die Signatur des Werkstattbesitzers.

Steinzeug liegt mit zwei typischen Doppelhenkeltöpfen vor, von denen der kleinere eine grosse Überraschung darstellt ist er doch mit der Marke von Mario Mascarin aus Muttenz im Kanton Basel Landschaft versehen. Bislang war zwar bekannt, dass Mascarin auch Steinzeug mit importierten Tonen fertigte, dass er jedoch nach 1946 in Muttenz auch Vorratsgeschirr produzierte, war unbekannt.

Auch die Gruppe des Porzellans ist wenig umfangreich. Eine leider ungemarkte Kaffeekanne mit tiergestaltigem Ausguss könnte eventuell aus Deutschland oder auch aus Frankreich stammen.

Zum üblichen Importstrom aus den Porzellanfabriken des östlichen Teils des deutschen Kaiserreichs gesellt sich vor etwa 1880 in Scuol erstmals auch Porzellan aus der Berliner Firma von Friedrich Adolph Schumann.

Unbekannt war bisher, dass die Porzellanfabrik der Gebrüder Bauscher aus Weiden in der Oberpfalz nach 1900 auch eine Dependance in Luzern unterhielt, die bei schwerem Hotelporzellan eigene Aufglasurmarken verwendete.

Das Steingut ist mit auffällig vielen unterschiedlichen Herstellern vertreten.

Hersteller aus Hornberg in Baden-Württemberg, Carouge bei Genf (Degrange & Cie.) oder Luneville (Keller & Guérin) sind ebenso vorhanden, wie Utzschneider & Cie. aus Sarreguemines.

Während Keramiken aus Schramberg in der ganzen Deutschschweiz als gängig gelten können, ist dies für ähnliche Produkte aus Villingen nicht der Fall. Gemarkte Keramiken dieses Produktionsortes in Baden-Württemberg sind grosse Seltenheiten.

Ganz ungewöhnlich ist die grosse Zahl von Steingutgeschirr aus der Manufaktur von Johannes Scheller in Kilchberg-Schooren (1846-1869). Neben eigenen Umdruckmustern, die sich oft an Villeroy & Boch orientieren (z.B. Muster BRYONIA), gibt es auch geschwämmelte Dekore, die ganz eindeutig von Produkten aus Schramberg inspiriert sind und sich mit diesem Stück erstmals für Scheller nachweisen lassen.

Wie schon im Museum Engiadinais in St. Moritz gibt es daneben weitere Keramiken, die aufgrund von Form und Dekor sowohl aus Kilchberg-Schooren als auch aus einer der süddeutschen Manufakturen (Schramberg, Hornberg, Zell am Harmersbach) stammen können.

Utzscheider & Cie. in Sarreguemines lieferte sowohl pinseldekoriertes, preiswertes Kaffeegeschirr als auch Tassen, die mit einem Musterschwamm oder einem Gummistempel dekoriert wurden (rechts). Optisch lassen sich die beiden Dekortechniken kaum auseinanderhalten. Beim Pinseldekor fällt die optische Nähe zu den Mustern der übrigen süddeutschen und schweizerischen Steinguthersteller auf.

 

Aus Davenport in Staffordshire stammen zwei Kaffeekannen unterschiedlicher Grösse mit einem bislang in England nicht registrierten Umdruck-Muster.

Waschgeschirr aus Mailand kommt ebenfalls vor.

Aus der Porzellan- und Steingutfabrik AG Ludwig Wessel in Bonn, stammt eine für die Schweiz ungewöhnliche und aufwändig mit Goldfolien belegte Käseglocke.

Dank

Die CERAMICA-Stiftung dankt den Verantwortlichen des Museums, allen voran Herrn Peter Langenegger, herzlich für die gute Unterstützung des Inventarisationsprojektes.

Bibliographie :

Florin 1977
Luzi Florin, Kleiner Führer durch das „Museum d’Engiadina Bassa“ in Scuol, Scuol 1977.

Rauch 1954
J.O. Rauch, Museum d’Engiadina bassa, Scuol, in: Bündner Monatsblatt : Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur, 1954, 56-57.

Rauch 1997
Lüzza Rauch, Museum d’Engiadina Bassa Scuol – Guida-Führer-Guida, Scuol 1997.

Sedrun, Museum La Truaisch (MTS)

Museum «La Truaisch» (Der Speicher)
Via dil Bogn 11
7188 Sedrun
Tel.: 081 9491343
E-Mail: museum@tujetsch.ch

Andreas Heege, 2021

Die Sammlung des MTS in CERAMICA CH

Das Museum zeigt das ehemalige Leben und Arbeiten im romanischsprachigen Val Tujetsch , zuoberst in der Surselva im Quellgebiet des Rheins und ist damit ein typisches Heimat-, Geschichts- und Kulturmuseum (Berther 1990). Eine eingerichtete Stube, ein Schlafzimmer und eine Küche geben einen Einblick in das Haus von früher. Detailliert ist das Handwerkszeug des Schuhmachers und Schreiners ausgestellt. Und die Töpferei von Bugnei bildet einen Schwerpunkt. Natürlich fehlt auch ein Blick auf die Land- und Alpwirtschaft von damals nicht. Besonders wichtig und eindrucksvoll ist der Ausstellungsbereich zum Thema „Strahler und Mineralien“. Das Museum wurde 1986 gegründet. Es wird von der Gemeinde Tujetsch getragen und von einer Museumskommission geleitet.

Betrachten wir den Ausstellungsbereich der Keramik, so stellt das Geschirr aus der Hafnerei Deragisch in Bugnei sicher den wichtigsten Sammlungsteil dar.

Besonders schön ist eine Gruppe von Weihwasserbecken aus der Produktion von Bugnei.

Zum Rückseitenmodel aus dem Kloster Disentis (KMDis 1999-345) fand sich nun auch ein ausgeführtes Objekt.

Bei den Tee- und Kaffeekannen bestätigen zwei Exemplare erneut den Zusammenhang zwischen den Formen aus Bugnei und bestimmten Reliefauflagen.

Zwei typische Töpfe mit weit ausgezogenen, breiten Ausgüssen lassen sich funktional entweder als Aufrahmtöpfe oder als Honigtöpfe interpretieren. Sollte letzteres zutreffen, würde man eigentlich auch keramische Siebe erwarten, doch fehlen diese im Formenspektrum von Bugnei.

Im Objektbestand sind auch Gerätschaften der Werkstatt vorhanden, ein Malhörnchen und diverse ungebrannte Tonmodel, u.a. zur Herstellung von Dreifüssen (Brennhilfen).

Für eines der Tonmodel lässt sich zeigen, dass es zur Herstellung der Figuren des gekreuzigten Jesus diente, die für die drei bekannten kleinen Bugnei-Kruzifixe verwendet wurden.

Die übrigen Irdenwaren, Steingut oder Porzellan sind weniger relevant. Wie in Ilanz und Disentis finden sich auch in Sedrun Keramiken aus dem weiteren Raum Graubünden, aus Berneck SG, Kilchberg-Schooren und Süddeutschland sowie unbekannter Hersteller des 20. Jahrhunderts.

Bei den Stücken aus Graubünden lässt sich der Verdacht, sie könnten in Bugnei hergestellt worden sein, leider bisher nicht erhärten, doch ist ihre Konzentration in der Gemeinde Tujetsch auffällig.

Kleine Auswahl aus dem Museumsgut:

Die Firma Landert aus Embrach im Kanton Zürich ist mit einigen charakteristischen, auch gemarkten Stücken der 1930er-Jahre vertreten. Der Dekor wurde aufgestempelt oder mittels Schablone aufgetragen.

Charakteristisch für das späte 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Vorkommen von Waschgeschirr und Nachttöpfen aus Steingut, die meist in den grossen französischen oder deutschen Keramikfabriken gefertigt und in die Schweiz importiert wurden.

Auch Kirschschnaps aus der bekannten Likörfabrik Senglet in Muttenz erreichte die Welt hinter dem Oberalppass. War das vielleicht ein Mitbringsel aus dem Militärdienst?

Zur katholisch geprägten Welt im Umfeld des Benediktinerklosters Disentis passen die zahlreichen Religiosa, Figuren aus bunt bemaltem und vergoldetem Biscuit-Porzellan, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in keiner Bauernstube im Herrgottswinkel fehlen durften. Sie tragen durchweg keine Firmenmarken, weshalb es schwer ist, ihren Herstellungsort, der überwiegend in Deutschland liegen dürfte, herauszufinden.

Anlässlich der Inventarisationsarbeiten erhielt das Museum freundlicherweise eine Reihe von Keramiken geschenkt, unter denen sich auch diese Fruchtschale mit dem hübschen Blumenmädchen des Historismus befand. Es mag deshalb an dieser Stelle den Bilderreigen aus dem Museum beschliessen.

Das Museum besitzt auch mehrere Jelmoli-Versandhauskataloge (ältestes Versandhaus der Schweiz in Zürich, Kataloge ab 1897), die belegen, welche grosse Konkurrenz der neu aufkommende Versandhandel für die lokalen Keramikproduzenten in Bugnei darstellte.

Dank

Die CERAMICA-Stiftung dankt Tarcisi Hendry herzlich für die gute Betreuung der Inventarisationsarbeiten und die Übersetzung des Bugnei-Artikels in die romanische Sprache.

Bibliographie:

Berther 1990
Norbert Berther, Museum La Truaisch, Führer, Sedrun 1990.

 

Sedrun, Museum La Truaisch (MTS), versiun romontscha

Museum «La Truaisch» (Der Speicher)
Via dil Bogn 11
7188 Sedrun
Tel.: 081 9491343
E-Mail: museum@tujetsch.ch

Andreas Heege, 2021

La collecziun dil MTS en CERAMICA CH

Il museum muossa igl anteriur viver e luvrar ella Val Tujetsch, ella vischnaunca sisum la Surselva situada alla tgina dil Rein Anteriur. Il museum ei in tipic museum dalla natira e patria, da historia e cultura (N. Berther 1990). Ina stiva, ina combra da durmir ed ina cuschina dattan investa ella casa da pli baul. Il menaschi dil calger e dil scrinari ein exponi detagliadamein. La vischlaria da Bugnei dat in accent special. Naturalmein maunca buca l’egliada silla agricultura ed alpicultura d’antruras. Fetg impurtonta ed impressiunonta ei la partiziun da mineralias e dils cavacristallas. Il museum ei vegnius aviarts igl onn 1986. El vegn purtaus dalla vischnaunca Tujetsch e menaus dad ina cumissiun.

El sectur dalla cheramica fuorma la vischala dalla vischlaria Deragisch la part essenziala.

Ina gruppa, particularmein biala, fuorman ils parlets d’aua benedida ord la producziun da Bugnei.

Tiel model per in parlet ord la collecziun dalla claustra da Mustér (KMDis 1999-345) che muossa la vart davos, secatta ussa era in object finiu.

Tiels ruogs da te e caffè confirman danovamein dus exemplars il connex denter fuormas da Bugnei e fuormas das relief definadas.

Dus tipics vischals cun in biutsch liung e lad han giu la funcziun da vischala da sgarmar ni per metter en salv mèl d’aviuls. Tucca quei pil davos numnau, fuss ei era da spitgar leutier tgiraders cheramics, denton maunca quei spectrum da fuormas a Bugnei.

Ella collecziun d’objects sesanflan era utensils dil luvratori, in guoter da malegiar e differents models d’arschella, aschia per la fabricaziun da supports da treis peis (sustegns da barschar).

In model d’arschella muossa ch’el vegneva duvraus per figuras digl Jesus crucifigau che vegneva duvraus per la fabricaziun dils treis enconuschents, mo pigns crucifixs da Bugnei.

L’ulteriura rauba da tiaracotga, da terraglia (Steingut) e da porcellana ei buca relevanta. Sco a Glion e Mustér ein era d’anflar a Sedrun cheramica ord igl ulteriur Grischun, da Berneck, S. Gagl, Kilchberg-Schooren e dil sid dalla Tiaratudestga, sco era d’enconuschents producents dil 20avel tschentaner.

Tiella rauba dil Grischun ei il suspect, ch’ella seigi vegnida producida a Bugnei, buca vegnius confirmaus tochen al di dad oz. Denton ei la concentraziun da quella rauba en la vischnaunca da Tujetsch fetg marcanta.

Pintga collecziun dalla rauba dil museum:

La firma Landert dad Embrach el Cantun Turitg ei representada cun entgins tocs fetg caracteristics sco era representada cun tocca da fiera dils onns 1930. Il décor ei vegnius bullaus ni fixaus cun agid da schablonas.

Caracteristic pil 19avel tschentaner tardiv e l’emprema mesadad dil 20avel tschentaner ei la preschientscha da vischala da selavar e naschors da terraglia (Steingut), il pli savens fabricadas en grondas fabricas. Ei setracta da cheramica franzosa e tudestga importada en Svizra.

Era il vinars da tschereschas dall’enconuschenta fabrica da liquor Senglet a Muttenz ha contonschiu il mund davos il Pass Alpsu. Forsa in regalin dil survetsch militar?

Tiegl ambient catolic ella vischinonza dalla claustra benedictina a Mustér, stattan las numerusas devoziunalias bein, figuras ord porcellana colurada e sulerada, ch’astgavan buca muncar alla fin dil 19avel tschentaner, entschatta vegnavel, en mintga stiva purila el cantun-stiva religius. Ella porta negina marca da firma, aschia ch’igl ei grev d’anflar il liug da producziun, che vegn ad esser per gronda part en Tiaratudestga.

A caschun dallas lavurs d’inventarisaziun ha il museum retschiert sco schenghetg ina retscha da cheramicas, denter auter era ina scadiala da fretgs cun bialas buobas da flurs dil historissem. Ella siara en quest liug la retscha da maletgs dil museum.

Il museum posseda era plirs catalogs digl Jelmoli (pli veglia interpresa da vendita sin distanza dalla Svizra a Turitg cun catalogs a partir digl onn 1897). Quels muossan la gronda concurrenza pil hanletg e la fabricaziun da vischala a Bugnei.

Engraziament

La Fundaziun CERAMICA engrazia cordialmein a Tarcisi Hendry pil bien accumpignament dallas lavurs d’inventarisaziun e la translaziun digl artechel davart Bugnei en versiun romontscha.

Translaziun Tarcisi Hendry

Bibliografia:

Berther 1990
Norbert Berther, Museum La Truaisch, Führer, Sedrun 1990.

Splügen, Heimatmuseum Rheinwald (HMRW)

Heimatmuseum Rheinwald
Von Schorsch-Haus (heutiges Gemeindehaus), Oberdorf Hausnummer 40
7435 Splügen
Kontakt:
Heimatmuseum Rheinwald
Isla
7437 Nufenen
Tel. : 081 650 90 30
E-Mail: reto-attenhofer@bluewin.ch

Keramik des Heimatmuseums Rheinwald in CERAMICA CH

Andreas Heege, 2021

Das Museum befindet sich im Palazzo des Johann Paul von Schorsch im alten Dorfteil von Splügen. Dieses ist eines der prächtigsten Splügner Schorsch-Häuser und verfügt über wunderschöne Innendekorationen in Form von Fresken mit mythologischen Darstellungen. Der Transitverkehr über die Alpenpässe Splügen und San Bernardino steht im Zentrum der Ausstellung. Zu bewundern sind u.a. die Ikonographie des Splügen- und Bernardinopasses, Truhen, Fässer, Körbe und Briefe der Säumer, Schlitten, Ausrüstung von Postillon und Kondukteur, landwirtschaftliche Geräte wie auch Filme über aussterbende bäuerliche Arbeiten. Das Museum wurde im Jahr 1977 eröffnet.

Insgesamt konnten 20 Keramiken dokumentiert werden (16 Irdenware, 3 Steingut, 1 Steinzeug). Selbst diese kleine Museumssammlung spiegelt die üblichen Trends der Versorgung Graubündens mit keramischen Produkten, in der Regel Irdenwaren.

Aus der Region Berneck SG stammen eine Röstiplatte mit scharfkantigem Kragenrand sowie ein Henkeltopf (Milchtopf) mit Vertikalstreifendekor.

Manganglasiertes Geschirr der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der Deutschschweiz, ist mit drei verschiedenen, typischen Formen vertreten. Die grosse flache Schüssel (auch Backform) hat bislang aus keinem anderen Museum vorgelegen.

Hellscherbiges, glasiertes Kochgeschirr, oft mit gelblicher Glasur und grünem Spritzdekor wurde aus dem süddeutsch-bayerischen Raum (Region Augsburg?) im 19. Jahrhundert nach Graubünden importiert.

Typisch für die 1920er-1950er-Jahre ist das rosafarbige mit dem Pinsel oder der Spritzpistole und Schablonen dekorierte Geschirr, bei dem es sich sehr oft um Henkeltöpfe (Milchtöpfe) handelt. Leider sind die Stücke nie gemarkt, der Hersteller in Deutschland oder der Schweiz ist unbekannt.

Das Waschgeschirr mit dem Formnamen „Dresden“ entstand wahrscheinlich um 1900-1920 in der Steingutfabrik Colditz AG in Sachsen.

Eine Steingut-Schüssel (Salatschüssel), die mit Drahtklammern geflickt wurde, stammt aus Norditalien und wurde von der „COOPERATIVA BEZZOLA CAMPIONE“ gefertigt. Dieser Hersteller ist auch mit einem weiteren Stück in Graubünden vertreten (RMC H1979.50.933). Es handelt sich um die Fabrik von Beniamino Bezzola in Campione d’Italia, einer italienischen Exklave im Tessin am Luganersee (Gilardi 2018). Die Schnecke der Fabrikmarke findet sich auch im Gemeindewappen von Campione. Die Marke orientiert sich formal sehr eng an der älteren Marke der bedeutenden französischen Firma Utzschneider und Cie. in Sarreguemines, die dort ab etwa 1856 verwendet wurde (Gauvin 2005, 122-123).

Typisch für alle Talschaften Graubündens sind die grossen doppelhenkeligen Vorratstöpfe aus grauem Steinzeug „Westerwälder Art“. Auf der Aussenseite tragen sie ab etwa 1914 meist eine Volumenangabe in Liter. In Ihnen konnte man perfekt saures Gemüse oder Soleier einlegen, aber auch Butterschmalz lagern. In Zeiten vor dem elektrischen Kühlschrank waren sie für die Vorratshaltung von grosser Bedeutung.

Dank

Die CERAMICA-Stiftung Basel dankt Reto Attenhofer, Nufenen, sehr herzlich für die freundliche Unterstützung der Inventarisationsarbeiten.

Bibliographie:

Gauvin 2005
Henri Gauvin, Sarreguemines. Les marques de fabriques, Sarreguemines 2005.

Gilardi 2018
Sabato Gilardi, Christian, La manifattura ceramic „Ghirla“, in: Enrico Brugnoni/Christian Gilardi Sabato, La ceramica di Girla. Artigianato e preziosità delle terre dell’Abbazia di san Gemolo in Valganna, San Gemolo in Valganna 2018.

St. Antönien, Museum im Postkeller (MPK-STA)

Museum im Postchäller, St. Antönien
Ortsmuseum St. Antönien-Platz
CH-7246 St. Antönien
Tel. +41 (0)81 332 32 33

Keramik aus dem Museum im Postchäller, St. Antönien in CERAMICA CH

Andreas Heege, 2019

Das Museum wurde 1993 von der Kulturgruppe St. Antönien gegründet. Die Kulturgruppe St. Antönien fördert den kulturellen Bereich in der Talschaft St. Antönien. Sie unterhält das Ortsmuseum und veranstaltet Ausstellungen und andere kulturelle Aktivitäten. In die Museumssammlung, die ehrenamtlich gepflegt wird, wurden fast ausschliesslich Objekte der Alltagskultur übernommen, die von Bauernhöfen des Tales stammen und einen Teil der lokalen Kulturgeschichte spiegeln. Hierzu gehören auch zahlreiche Keramiken. Hervorzuheben sind dabei Geschirrkeramik, Ofenkacheln und Wasserleitungsröhren, die in der Töpferei der Familie Lötscher in St. Antönien-Ascharina zwischen 1804 und 1898 entstanden sind. Die Hafner Lötscher bilden mit vier Generationen und fünf Hafnern die wichtigste Hafner-Dynastie Graubündens im 19. Jahrhundert. Sie ist mittlerweile monograpisch aufgearbeitet (Heege 2019). Die Keramiken der verschiedenen Hafner können zum grossen Teil stilistisch unterschieden werden:

Keramik von Peter (1750-1818) oder Andreas Lötscher (1787-1852)

Keramik von Andreas Lötscher (1787-1852)

Keramik von Christian Lötscher (1821-1880)

Keramik von Peter Lötscher d.J. (1845-1894)

Keramik von Andreas Lötscher d.J. (1857-1933)

Neben Lötscher-Keramik finden sich im Tal in grosser Zahl aber auch Keramiken „Heimberger Art“, die wohl aus den Töpfereien der Region Berneck SG stammen.

Wenige Fayenceimporte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Norditalien oder der Produktion von Kilchberg-Schooren runden das Bild ab.

Nach etwa 1900 gelangen zahlreiche einfach gestaltete Irdenware-Geschirre ins Tal, die eine charakteristische, hellgelbe Glasur tragen. Der genaue Herstellungsort dieser Ware, die stilistisch Keramiken aus der Region des Genfer Sees gleicht, ist zur Zeit unbekannt. Vergleichbare Keramik ist in ganz Graubünden weit verbreitet.

Dank
Die CERAMICA-Stiftung dankt Monika und Jann Flütsch sehr herzlich für die überaus freundliche Unterstützung der Inventarisationsarbeiten.

Bibliographie:

Heege 2019
Andreas Heege, Keramik aus St. Antönien. Die Geschichte der Hafnerei Lötscher und ihrer Produkte (1804-1898) (Archäologie Graubünden – Sonderheft 7), Glarus/Chur 2019.